Gefährdeter Glögglifrosch

Nur noch selten sind die glockenhellen Rufe der Geburtshelferkröten zu hören, denn die Amphibien mit dem aussergewöhnlichen Fortpflanzungsverhalten sind stark gefährdet. Sie sind auf strukturreiche Lebensräume und passende Laichgewässer angewiesen.

Frösche knarren, quaken oder keckern, Unken rufen dumpf, und die Geburtshelferkröten, auch als Glögglifrösche bekannt, lassen ein helles Glockengeläut erklingen. Wo diese noch vorkommen, ertönen also ganz besondere Klänge, die viele Menschen gar nicht mehr zu kennen scheinen. So sollen rufende Exemplare dieser seltenen Amphibien, die sich in einem Garten mit Teich eingefunden hatten, auch schon einen Polizeieinsatz ausgelöst haben. Anwohnende hatten sich beschwert, die das seltsam hohe Geräusch nicht zuordnen konnten.

Die Geburtshelferkröten werden nur dreieinhalb bis fünf Zentimeter lang und sind damit ähnlich klein wie die bekanntere Gelbbauchunke, die relativ nahe mit ihnen verwandt ist. Beide dieser Froschlurche wirken von oben unscheinbar, ihre bräunlichgraue oder (bei den Unken) schlammfarbene Haut tarnt sie im Gelände hervorragend. Ausnehmend schön sind indes die goldfarbenen Augen der Geburtshelferkröten. Sie zeigen eine senkrechte Pupille, die bei gutem Lichteinfall zu einem schmalen Schlitz wird, während die kleinen Augen der Gelbbauchunken herzförmige Pupillen aufweisen.

Auch der Name Geburtshelferkröte geht auf eine biologische Eigenheit dieser Tiere zurück. Ihr Fortpflanzungsverhalten ist überaus kompliziert und unter Amphibien einzigartig, denn die Glögglifrösche paaren sich an Land. Das Weibchen kann also seinen Laich nicht einfach in einem Gewässer sich selbst überlassen, wie dies Frösche und Kröten normalerweise tun.

Während es vom Männchen umklammert ist, gibt das Geburtshelfer Weibchen zwei Laichschnüre ab, die im Ganzen gegen 100 auffallend grosse Eier enthalten. Diese fallen zwischen die Hinterbeine des Paares, wo sie vom Männchen besamt werden. Etwa eine Viertelstunde später beginnt das Männchen mit einer raschen Folge von spreizenden, akrobatisch anmutenden Beinbewegungen, wickelt sich so den Laich um die Hinterbeine und schiebt ihn vorzu auf den Hinterleib hoch. Dadurch hat es die Beine wieder frei, um sich mit dem Laich im Huckepack ungehindert fortzubewegen. Frühe Beobachter glaubten offenbar, dass Geburtshelfer-Männchen die Laichschnüre aktiv aus dem Weibchen herausziehen würden und so eine Art Geburtshilfe leisteten.

Das Männchen trägt die Eier etwa drei bis sechs Wochen mit sich umher, ohne seine Lebensweise wesentlich zu ändern. Tagsüber versteckt es sich in Nischen wie Erdlöchern, Gesteinsspalten oder unter Baumwurzeln, um nachts auf Insektenpirsch zu gehen. Erst wenn die Larvenentwicklung genügend weit fortgeschritten ist, findet sich das Männchen in einem geeigneten Gewässer ein, streift den Laich ab und gibt die Kaulquappen frei.

Von da an sind die Quappen auf sich allein gestellt. Bis zur Umwandlung im Herbst oder im folgenden Jahr wachsen sie in ihrem Gewässer heran. Dieses kann ein Tümpel oder ein grösserer Teich oder gar eine ruhige Stelle in einem Fliessgewässer sein. Es muss aber auch im Winter Wasser führen und frei von Beutegreifern wie Fischen bleiben, damit die Kaulquappen darin überleben können. Geburtshelferkröten haben relativ kleine Gelege, doch die anfängliche «Betreuung» verleiht den Nachkommen vergleichsweise gute Überlebenschancen. Zudem dauert die Fortpflanzungszeit sehr lange, ab April mehrere Monate, sodass sich die Individuen mehrmals fortpflanzen können.

Männlicher Glögglifrosch mit Laich
© Frank Deschandol & Philippe Sabine/Biosphoto

Die Geburtshelferkröte braucht gut besonnte, strukturreiche Lebensräume wie Steinbruch- oder Flussuferlandschaften, Böschungen oder Industriebrachen. Ihre Zahl ist massiv zurückgegangen, und heute sind die Glögglifrösche in der Schweiz stark gefährdet. Der Verlust von nischenreichen Lebensräumen und fischfreien Kleingewässern setzt den Beständen offenbar zu, ebenso wie eine todbringende Amphibienkrankheit durch den weithin verschleppten Chytridpilz. Südlich der Alpen kommen diese aussergewöhnlichen Tiere nicht vor.

Glögglifrösche sind weder Frösche noch Kröten. Sie gehören zu den so genannten Scheibenzünglern, einem Verwandtschaftszweig von urtümlichen Froschlurchen, die eine eigenartig scheibenförmige Zunge aufweisen. Diese ist mit Ausnahme des hinteren Bereichs fast völlig angewachsen. Sie kann also nicht wie bei Fröschen und Kröten als «Schleuderzunge» hervorgeschnellt werden, um Beutetiere wie Insekten zu ergreifen. Eine Schallblase zur Verstärkung ihrer Rufe haben die Geburtshelferkröten ebenfalls nicht.

Weitere Infos: www.karch.ch

Seltene Verwandte auf Mallorca

Keine andere Geburtshelferkröte ist so klein und vor allem so klettergewandt wie die Mallorca-Geburtshelferkröten. Diese winzigen Amphibien hielt man lange für ausgestorben, bis sie um 1980 in entlegenen Felsschluchten der Serra de Tramuntana im Nordwesten der Insel gefunden wurden. Dort sind sie offenbar sicherer vor den Vipernattern, die einst die Römer eingeführt hatten. Weitere Gefahr droht durch den ebenfalls auf Mallorca eingeschleppten Chytridpilz. Dank intensiver Schutzmassnahmen nimmt der Bestand der Mallorca-Geburtshelferkröten, die einzig auf der Insel vorkommen, allmählich wieder zu.

Esther Wullschleger Schättin