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Der wachsame Osterbote

Der Feldhase steht wie kein anderes Tier für Fruchtbarkeit und den Wiederbeginn des Lebens im Frühling. Doch das Langohr ist gefährdet, denn die intensive Landnutzung beeinträchtigt seine Lebensräume.

Text: Esther Wullschleger Schättin

Wie kein anderes Tier verkörpert der Feldhase den Frühling, Osterfreuden und die Fruchtbarkeit der Natur. Das Frühjahr ist Rammelzeit für die Hasen, und ihre wilden Verfolgungsjagden und Boxkämpfe waren zu der Jahreszeit gewiss schon immer augenfällig. Nicht immer sind es dabei zwei Rivalen, die sich jagen und in Boxkämpfe verstricken. Auch Häsinnen setzen sich auf der Flucht vor allzu aufdringlichen «Verehrern» heftig mit den Vorderpfoten schlagend und kämpfend zur Wehr.

Im Gegensatz zu den Kaninchen, die geschützt in ihrem unterirdischen Bau noch völlig hilflose, nackte und blinde Junge gebären, legen Feldhäsinnen ihr Nest auf dem blossen Boden an. Es ist lediglich eine Mulde, von Jägern als Sasse bezeichnet, welche die Hasen für ihre Jungen an einer gut versteckten Stelle freischarren. Weitere Sassen nutzen die ausgewachsenen Tiere als Tagesrückzugsplätze für sich selbst. Die kleinen Hasen sind bereits von Geburt an behaart, haben offene Augen und ducken sich bei Gefahr reglos in ihre Nische. Einen Grossteil der Zeit bleiben sie auf sich allein gestellt – sind aber keinesfalls, wie man meinen könnte, «verlassen» und sollten auch nicht angefasst werden.

Höchste Geheimhaltung

Die Mutterhäsin zeigt sich möglichst wenig in Nestnähe (sie kommt nur etwa ein- bis zweimal im Tag zum Säugen vorbei), denn ähnlich wie das Reh ist sie darauf bedacht, den Neststandort tunlichst nicht zu verraten. Mehr noch als ausgewachsene Tiere haben die jungen Häschen zahlreiche Feinde zu fürchten, Füchse, Marder, Krähen, Greifvögel, sogar verwilderte Hauskatzen können ihnen nachstellen. Ihre Überlebenschancen sind allgemein gering, auch nasskaltes Wetter gefährdet die kleinen Hasen. Feldhäsinnen sind jedoch sehr fruchtbar und können solche Verluste normalerweise recht bald wieder ausgleichen. Sie werden bis drei- oder viermal im Sommerhalbjahr trächtig.

Bedrohter Steppenbewohner

Ursprünglich war der Feldhase ein Bewohner von offenen Steppenlandschaften, die der heutigen Agrarlandschaft in einigem ähneln. Er war aller Wahrscheinlichkeit vor Jahrtausenden aus den Steppen Osteuropas und Vorderasiens nach Mitteleuropa gelangt, als Menschen den hierzulande ursprünglichen Wald für die Bewirtschaftung zu roden begannen.

Als ein eher kleines Tier, das verschiedene Beutegreifer zu fürchten hat, ist der Hase ausserordentlich wachsam und schnell. Kräftige, lange Hintergliedmassen ermöglichen einen rasanten Spurt, wobei er auf der Flucht Geschwindigkeiten bis 70 Stundenkilometer erreichen kann. Bemerkt er einen Angreifer rechtzeitig, kann sich der Feldhase mit einem hakenschlagenden Sprint meist gut in Sicherheit bringen. Grosse Löffelohren und seitlich am Kopf liegende Augen, die praktisch eine Rundumsicht erlauben, helfen ihm, im weithin offenen Land den Überblick zu wahren.

So fanden sich Feldhasen in der reich strukturierten Agrar- und Ackerlandschaft gut zurecht, bevor die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft diese Flächen zu ihren Ungunsten veränderte. Seit etwa den 1950er-Jahren haben die Feldhasenbestände dadurch in vielen Gebieten der Schweiz und auch anderer Länder Europas massiv abgenommen.

Die Gründe für den teils erschreckenden Rückgang scheinen vielfältig. Einerseits wurden Anbauflächen zunehmend intensiver bewirtschaftet, sodass sie Hasen kaum mehr Deckung oder ganzjährig genügend Nahrung bieten. Zudem liess die Expansion der Siedlungsflächen vor allem im Mittelland Feldlebensräume schwinden. Strassen zerschneiden die Wies und Ackerflächen und fordern immer wieder Verkehrsopfer unter den vorwiegend nacht- und dämmerungsaktiven Hasen. Aber auch die Zahl der Beutegreifer, die vor allem Junghasen nachstellen, könnte für den Rückgang mitverantwortlich sein. Wichtig für die Feldhasen wären strukturreiche Landschaften mit Hecken und Krautsäumen, gestuften, Deckung bietenden Waldrändern, Buntbrachen und einem artenreichen Pflanzenangebot auf dem Wiesland.

Der Feldhase gehört wie das Europäische Wildkaninchen zu den hasenartigen Tieren, ist aber zu fern verwandt mit dem Kaninchen, als dass er sich mit ihm kreuzen könnte. Offenbar haben Hase und Kaninchen schon früh im Verlauf der Erdgeschichte getrennte Wege eingeschlagen. Die Wildkaninchen haben dabei eine andere «Strategie» entwickelt, dem Druck durch Raubtiere zu entgehen: Sie legen unterirdische Baue an, in die sie sich bei Gefahr schnell zurückziehen und worin sie ihre Jungen geschützt aufziehen können.

Kaninchen sind entsprechend ihrer Lebensweise ein wenig kompakter gebaut als die Hasen, ihre Ohren und Beine sind etwas kürzer. Zwar haben Kaninchenzüchter ein besonders schlankes und langbeiniges Hauskaninchen geschaffen, das als Hasenkaninchen bezeichnet wird. Auch es ist jedoch ein reines Kaninchen. Nur schon aus biologischen Gründen kann es keine Hasenvorfahren haben

Die geheimnisvollsten Kaninchen

Auch unter den hasenartigen Tieren gibt es extrem seltene Arten. Das Sumatrakaninchen lebt nachtaktiv in abgelegenen Bergwäldern auf der indonesischen Insel Sumatra. Es wurde erst wenige Male gesehen und zufällig von einer selbstauslösenden Wildkamera abgebildet, die für die Erfassung anderer Waldtiere aufgestellt worden war. Ansonsten sind einige alte Museumspräparate dieses Kaninchens bekannt, das mit seinem breiten Streifenmuster im Unterholz bestens getarnt ist. Eine zweite, ganz ähnliche Streifenkaninchen-Art wurde erst 1996 entdeckt, als ein britischer Biologe drei tote Exemplare dieses Tieres auf einem Markt im südostasiatischen Laos angeboten sah.