© shutterstock

Es dörf es bitzeli meh sii

In der Schweiz lebt über eine Million Menschen mit ernährungsbedingten Mangelerscheinungen. Zur Risikogruppe gehören vor allem Ältere. 

Mit zunehmendem Alter nimmt das Hungergefühl oftmals ab. Weshalb?
Dafür gibt es verschiedene Gründe: Organfunktionen, Zellerneuerung und Stoffwechsel lassen mit zunehmendem Alter naturgegeben nach. Ein gesunder Körper reagiert darauf mit kleiner werdendem Appetit. Was wir aber zunehmend beobachten, ist die Einsamkeitsinappetenz. Sie ist in zweierlei Hinsicht fatal: Betroffene essen nicht nur zu wenig, sondern oft auch sehr einseitig. Und auch Krankheiten (z. B. Gastritis) oder die regelmässige Einnahme von Medikamenten (z. B. Schmerzmittel) können zu Appetitlosigkeit führen. Dasselbe gilt für chronischen Flüssigkeitsmangel.

Weshalb sollte man Appetitlosigkeit ernst nehmen?
Weil sie fast immer mit einseitiger Ernährung einhergeht. Ein Beispiel: Die dauerhafte Einnahme von Schmerzmitteln kann auf den Magen schlagen. Damit sich die Unverträglichkeit in Grenzen hält, schränken Betroffene ihre Nahrungsmittelauswahl zusehends ein. Nicht selten werden Weissbrot, süsses Gebäck, Aufschnitt, milde Käsesorten, Reis, Teigwaren und Kartoffelstock bevorzugt. Gemüse, Salat, Obst, Nüsse, Vollkornprodukte, Eier oder Hülsenfrüchte fehlen hingegen komplett auf dem Speiseplan. Punkto Kalorien droht hier nicht zwingend eine Unterversorgung, bei Proteinen, wertvollen Fettsäuren, Vitaminen und Mineralstoffen aber schon. Dies kann in der Folge die Appetitlosigkeit verstärken – ein Teufelskreis.

Woran erkennt man, dass man unter Mangelernährung leidet?
Das wichtigste Signal ist paradoxerweise die Appetitlosigkeit. Sie muss sehr ernst genommen werden. Weitere Anzeichen sind Gewichtsverlust, Müdigkeit, rasche Erschöpfung, Stürze (durch Muskelverlust), häufiger Schwindel und trockene, gereizte Schleimhäute. Mangelernährung macht Seniorinnen und Senioren auch anfällig für Infektionskrankheiten. Wunden heilen schlecht oder gar nicht. Leider kommt es oft auch zu Konzentrationsstörungen, Depressionen und Verwirrtheit.

Womit lässt sich regeln, dass man wieder genügend isst?
Indem man möglichst oft gemeinsam mit anderen isst. Das ist das wirkungsvollste Mittel gegen Appetitlosigkeit. Auch der Spruch «Mit dem Essen kommt der Appetit» trifft zu. Um das Spektrum an Nahrungsmitteln auszuweiten, sollte man alte Vorlieben erforschen. Wieder einmal Rotkraut mit Spätzli, ein Ofenguck, Tomatensalat mit Käsewürfeln, Fotzelschnitten mit Zwetschgenkompott usw. Wir empfehlen gelegentlich in unserer Praxis ergänzende Trinknahrung. Sobald der Grundbedarf (besonders bei Proteinen und Vitaminen) wieder abgedeckt ist, kehrt meist auch der Appetit zurück.

Petersilie, bittere Gemüse: Machen solche Lebensmittel tatsächlich Appetit auf mehr?
Diese Hausmittel zeigen beispielsweise nach einer grippebedingten Esspause gute Wirkung. Ob sie auch bei Inappetenz mit Mangelernährung helfen, ist fraglich. Was bestimmt hilft: der Geruch von feinem Essen. Es reicht bereits, wenn man zum Beispiel Brot oder eine Wähe im Ofen aufbäckt oder eine fein riechende Suppe aufkocht. Über den Geruchssinn wird die Sekretion verschiedener Verdauungssäfte angeregt.

Beitrag vom 04.10.2021
Ruth Ellenberger (55)

ist dipl. Ernährungsberaterin HF SVDE und Mitinhaberin des Ernährungszentrums Zürich. Mehr Infos: www.ernaehrungszentrum.ch

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.