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Crowdinvesting: Attraktiv, aber nicht ohne Risiko

Im aktuellen Umfeld mit Null- oder Negativzinsen nehmen sich hohe Renditen für die Anlegerinnen und Anleger verlockend aus. Mit der Corona-Krise sind diese Kredite per Internet-Plattform aber einem Stresstest ausgesetzt.

Angefangen hat alles mit wohltätigen Projekten. Über Crowdfunding liessen sich auf neuen Internet-Plattformen kulturelle Aktivitäten oder Jungfirmen unterstützen. Eine mehr oder minder grosse Zahl an Einzelpersonen strebte mit ihren Investments nicht eine Gewinnmaximierung an. Stattdessen gaben sie sich mit einer moralischen oder symbolischen Rendite zufrieden. Etwa ein Gratisticket zum Konzert, vielleicht auch Vorzugskonditionen beim innovativen Produkt eines Start-ups.

Mit dem technologischen Fortschritt hat sich diese anfänglich noch etwas handgestrickte Geldbeschaffung in den letzten fünf Jahren zu einer rasch wachsenden Finanzierungsart entwickelt. Rund vierzig Crowdfunding-Plattformen wickeln heute in der Schweiz jährlich Kredite von fast einer Milliarde Franken ab.

Crowdfunding als Renditeprojekt

Zu den vielen Leuten, die mit kleinen Beträgen eine Idee unterstützen, sind mittlerweile kapitalkräftige Grossinvestoren wie Pensionskassen, Versicherungen und Family Offices dazugekommen. Das ursprüngliche Crowdfunding, zu gut Deutsch auch Schwarmfinanzierung, hat sich in Richtung Renditeprojekte weiterentwickelt. Gewichtige Portale wie Cashare, Lend, Creditgate24, Crowdhouse, Swisspeers oder Creditworld buhlen mit attraktiven Renditeversprechen um Investoren.

Während die Zinsen auf dem Bankkonto gegen null tendieren oder gar schon negativ sind, wecken Erträge von 4 Prozent bis 6 Prozent für solche alternativen Darlehen, Kredite und Hypotheken die Fantasie. Bereits ab 500 Franken sind Kleinanlegerinnen und Kleinanleger im Geschäft mit Crowdinvesting dabei. Ganz ohne Risiko ist das aber nicht. Ambitiöse Projekte können scheitern, kann ein Jungunternehmen in Schieflage geraten oder pleitegehen.

Der wirtschaftliche Einbruch, ausgelöst durch die Corona-Pandemie, ist derzeit ein harter Testlauf speziell für Start-ups. Auch die Kreditplattformen sind gefordert. Dank dem Notprogramm des Bundes können die kleinen und mittleren Unternehmen einen staatlich abgesicherten Covid-19-Kredit mit Nullverzinsung abholen. Das bremst die Crowdinvesting-Portale bei der Vergabe von neuen Krediten. Man hofft aber bei einer länger andauernden Krise bald wieder ins Geschäft zu kommen. Die Plattformen sehen sich als Alternative zu den Banken, die bei kleinen Krediten oft zögern.

Solange die Zinsen im Keller bleiben, lohnt sich die Suche nach Anlagen mit einer ansprechenden Rendite, wie sie das Crowdinvesting bieten. Klar ist aber auch: Die Höhe der Zinszahlung hängt von der Laufzeit und dem Ausfallrisiko des Kreditnehmers ab. Je nach der finanziellen Einstufung können zwischen 1 Prozent und 5 Prozent der Unternehmen das geliehene Geld nicht mehr zurückzahlen. Deshalb lohnt es sich, die höheren Beträge innerhalb einer Crowdinvesting-Plattform zu diversifizieren.

Bei einer Investition von 20 000 Franken macht es Sinn, das Geld auf mehrere Finanzierungprojekte mit unterschiedlichen Risikobewertungen zu verteilen. So lässt sich die Verlustgefahr minimieren. Mit hohen Zinsen verbinden sich entsprechende Absturzrisiken. Man darf sich auch in diesen schwierigen Corona-Zeiten nicht von verlockenden Ertragsaussichten blenden lassen. ❋

Beitrag vom 15.06.2020
Kurt Speck

ist Wirtschaftswissenschaftler, Ex-Verleger und -Chefredaktor der «Handelszeitung». Er publiziert zu Finanz- und Vorsorgethemen.