«Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr» ist wissenschaftlich schlicht falsch. Unser Gehirn bleibt ein Leben lang formbar.
Forschende des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen und der Universität Tübingen haben mithilfe hochauflösender Hirnscans etwas Bemerkenswertes entdeckt: Bestimmte Bereiche der Hirnrinde bleiben auch im Alter erstaunlich stabil, manche werden sogar dicker. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass diese Regionen besonders häufig beansprucht und dadurch funktionell aktiv gehalten werden.
Wie unser Gehirn sich anpasst
Was wir also regelmässig nutzen, bleibt länger leistungsfähig. Was wir kaum noch fordern, baut eher ab.Das Gehirn passt sich ein Leben lang daran an, wie wir es nutzen.
Auch überraschend und ermutigend ist ein Befund einer Studie der Duke University, der aufzeigt, dass viele älteren Menschen bei Gedächtnisaufgaben beide Gehirnhälften gleichzeitig aktivieren, während jüngere Menschen und leistungsschwächere Senioren nur eine Seite nutzen. Das Gehirn verändert sich und kann im Alter lernen, Verluste durch alternative Netzwerke auszugleichen.
Die Macht der Gewohnheiten
Unser Gehirn liebt Routinen, denn: Automatisierte Abläufe sparen Energie. Wenn wir eine Tätigkeit oft genug wiederholen, übernimmt ein effizienteres, unbewusstes System die Steuerung, und wir müssen nicht mehr bei jedem Schritt neu nachdenken. Das ist praktisch für den Alltag, kann aber zum Problem werden, wenn sich ungünstige Muster festsetzen. Wie etwa zu wenig Bewegung, zu viel Sitzen, zu wenig soziale Kontakte. Doch die Formbarkeit, die schlechte Gewohnheiten festigt, lässt sich auch nutzen, um neue, gute Gewohnheiten aufzubauen.
Sechs Impulse für den Alltag
Neuroplastizität entsteht nicht durch den einen grossen Kraftakt, sondern durch kleine, wiederholte Reize und neue Gewohnheiten über die Zeit.
1. Tägliche Bewegung
Körperliche Aktivität fördert nachweislich das Wachstum neuer Nervenzellen. Täglich 20–30 Minuten zügig spazieren und ein paar Kraftübungen reichen bereits, um spürbare Effekte zu erzielen.
2. Regelmässig Neues lernen
Täglich drei Fremdwörter lernen, ein neues Rezept kochen, eine unbekannte Kartenspielregel anwenden, ein Musikinstrument testen: jede neue Fertigkeit fordert das Gehirn und regt Wachstumsprozesse an.
3. Die «falsche» Hand nutzen
Zähneputzen, Kaffee rühren oder die Fernbedienung mit der ungewohnten Hand bedienen. Kleine, ungewohnte Bewegungen aktivieren zusätzliche Hirnareale.
4. Täglich soziale Kontakte pflegen
Gespräche, gemeinsames Lachen und echte Begegnung sind Hirntraining. Studien zeigen, dass soziale Isolation eng mit geistigem Abbau verbunden ist, während sozialer Austausch schützend wirkt.
5. Musik und Kreativität ausleben
Ob Singen, Malen, Schreiben oder Handwerken: kreative Tätigkeiten fordern das Gehirn multisensorisch und wirken nachweislich stimmungsaufhellend.
6. Bewusste Pausen und Dankbarkeit
Passives Konsumieren fordert das Gehirn kaum. Bewusste Ruhepausen und Momente der Dankbarkeit aktivieren dagegen das sogenannte Ruhezustandsnetzwerk, das für Zufriedenheit, Reflexion und Kreativität zentral ist.![]()