Und plötzlich gibt das Herz Vollgas – ohne Grund. Eine Sinustachykardie kann einem einen gehörigen Schrecken einjagen, verschwindet aber in der Regel wieder, so wie sie gekommen ist.
Text: Marc Bodmer
Zwei Mal in der Woche führt mich mein Arbeitsweg zum Hauptbahnhof Zürich. Es ist ein entspannter Spaziergang von einer knappen halben Stunde, wenn ich all die Pipi-Stops und Schnüffelpausen meines Hundes einrechne.
Wie immer geniesse ich das Panorama der Bergketten in der Ferne und anschliessende das Stöckchenwerfen im Platzspitzpark. Ohne Gehetze treffen wir auf dem Perron ein. Ich beende die Aufzeichnung meines Spaziergangs auf der Apple Watch. Doch obschon ich keineswegs ausser Atem bin, kommt mein Herz nicht zur Ruhe.
Im Zug nach Winterthur atme ich tief durch. Das Herz hämmert weiter. Da kommt mir die EKG-Funktion der Apple Watch in den Sinn. Ich rufe sie auf und lege meinen Finger, wie geheissen, während 30 Sekunden auf die Krone. Eigentlich möchte ich nur wissen, wie schnell mein Herz schlägt (129 Schläge/Minute), doch dann erscheint die Meldung auf dem kleinen Bildschirm: «Dieses EKG deutet auf Vorhofflimmern und eine hohe Herzfrequenz hin. Wenn du dieses Ergebnis nicht erwartet hast oder deine Herzfrequenz hoch bleibt, solltest du bald ärztlichen Rat einholen.»
Die Neugier weicht leiser Panik. Was zum Teufel ist jetzt wieder los? Vorhofflimmern?! Ich hatte nie vergleichbare Anzeichen oder Beschwerden. Für meine 62 Lenze fühle ich mich fit. Ich trainiere fast täglich, gehe jeden Tag mit dem Hund spazieren, bin – wenn etwas – untergewichtig. Mein Blutdruck ist sehr tief. Doch nun empfiehlt mir die Apple Watch, einen Arzt aufzusuchen.
Lebensretter Smartwatch
Ich nehme den Hinweis ernst, denn die kardiologische Überwachungsfunktion der meistverkauften Uhr der Welt wurde in diversen Studien untersucht und bestätigt. Ich kenne auch persönlich Menschen, die dank der Warnung der Apple Watch dem Tod von der Schippe gesprungen sind. Also aussteigen beim Bahnhof Stadelhofen und «Grüezi, Herr Doktor» – samt Hund.
Auch hier werden der Hinweis und die Messung ernst genommen. Puls wird abgehört, Blutdruck gemessen – unterirdisch tief. Wenige Minuten später pflanzt eine Praxisassistentin die Saugnäpfe, die von der EKG-Maschine wie ein bizarres Lianengewächs hängen, auf meine Brust und Arme. Die Ausschläge der Messung haben den gleichen, auffällig regelmässigen und dicht gestaffelten Verlauf wie die Grafik der Apple Watch.
«Sie haben eine Sinus-Tachykardie», sagt mein Hausarzt. – «Sinus … was?», frage ich. – «Das muss nicht beunruhigend sein», meint er. «Das kommt häufig in den Ferien vor, wenn man zum Beispiel etwas viel Alkohol intus hat … Holiday-Heart-Syndrome nennt sich das. Haben Sie übers Wochenende getrunken?», ergänzt er mit einem Lächeln.
Was tun? Betablocker einnehmen für die nächsten zwei Wochen, damit das Herz zur Ruhe kommt. Tatsächlich geht der Spuk, so wie er gekommen ist, wieder vorbei. Eine befriedigende Erklärung gibt es keine, aber das ist eigentlich wurst.![]()
Herzrhythmusstörungen: Ordnung und Chaos
Während bei der Sinus-Tachykardie der Herzschlag schnell, aber geordnet ist, liegt beim Vorhofflimmern eine Herzrhythmusstörung vor, bei der die Vorhöfe elektrisch chaotisch und oft zu schnell schlagen.
Sinus-Tachykardie
Bei der Sinus-Tachykardie legt der Taktgeber, der Sinusknoten, mehr als 100 Schläge pro Minute in regelmässiger Folge vor. Sie zählt zu den supraventrikulären Tachykardien, die als weniger bedenklich eingestuft werden. Sie entstehen ausserhalb der Kammern und verschwinden meist so plötzlich, wie sie gekommen sind. Abklären sollte man deren Auftreten auf alle Fälle, denn zahlreiche internistische Grunderkrankungen können zu einer Beschleunigung der Herzfrequenz führen:
- Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose)
- Blutarmut (Anämie)
- Hypotonie (niedriger Blutdruck, z. B. bei Flüssigkeitsmangel)
- Sauerstoffmangel (Hypoxie)
- Reaktion auf verschiedenste Arzneimittel oder Genussmittel (Koffein, Alkohol)
Vorhofflimmern
«Vorhofflimmern zählt zu den Herzrhythmusstörungen – es ist die häufigste Form. Dabei schlägt das Herz unregelmässig und in der Regel zu schnell. Der Grund ist, dass die Signale gestört sind, die normalerweise den Takt des Herzens bestimmen. Es entsteht eine Art ‹elektrisches Gewitter› im Reizleitungssystem des Herzens. Die Vorhöfe und die Herzkammern pumpen dann nicht mehr aufeinander abgestimmt. Die Leistung des Herzens nimmt ab und es kann nicht mehr so viel Blut wie sonst durch den Körper pumpen», schreibt das Universitätsspital Zürich auf seiner Website. Bleibt eine Behandlung aus, kann ein Schlaganfall die Folge sein.
- Verengte Herzkranzgefässe (koronare Herzkrankheit)
- Bluthochdruck