
Interview mit Dr. Slongo – ein Hausarzt erzählt
Rodolfo Slongo betreut als Hausarzt in Niederurnen Patienten vom frühen Kindesalter bis ans Sterbebett. Im Gespräch erklärt er, wie sich die Rolle des Hausarztes gewandelt hat und warum die Beziehung zu den Patienten so wichtig ist.
Interview: Susanne Wagner, Fotos: Mirjam Kluka
Sie führen seit 30 Jahren eine Hausarztpraxis in Niederurnen, wo Sie auch leben. Was war früher anders?
Als ich die Praxis 1995 übernahm, bestanden die Krankengeschichten aus Papier, wir hatten einen einzigen PC für die Abrechnungen, zwei Ärzte und eine Apotheke. Seit wir vor Kurzem die Gemeinschaftspraxis umgebaut und vergrössert haben, sind es 20 PCs, sieben Ärzte, zwei Psychotherapeutinnen und in der Apotheke gibt es einen Medikamentenroboter. Früher deckte der Hausarzt ein viel breiteres medizinisches Spektrum ab. Gleich im ersten Jahr konnte ich eine Hausgeburt begleiten.
Ist sie gelungen?
Ja, sie ist gelungen! Es war gleichzeitig die erste und die letzte Hausgeburt.
Welche Aspekte Ihrer Arbeit haben sich im Lauf Ihrer Berufslaufbahn besonders gewandelt?
Wir Ärzte sind nicht mehr die Götter in Weiss, die alles wissen. Gleichzeitig ist heute die Medizin viel komplexer, das Wissen viel grösser und die Spezialisierungen werden immer genauer. Heute gibt es 40 verschiedene Facharzttitel; als ich das Staatsexamen gemacht habe, waren es noch rund 25. Mit den Subspezialisierungen kamen neue Diagnosen. Früher hatten wir bei einem komplexen Patienten drei, vier Diagnosen. Heute sind es 20 bis 30.
Worin unterscheiden sich die Patienten am meisten im Gegensatz zu früher?
Heute haben die Patienten eher die Erwartung, in ein grosses Spital zu einem Spezialisten überwiesen zu werden. Auch für Operationen, die wir früher in der Praxis selbst durchführten. So zum Beispiel Sterilisationen beim Mann oder Handoperationen wie Karpaltunnelspaltungen. Den kleinen Operationsraum können wir heute nur noch für Wundversorgungen nutzen, auch wegen der Auflagen.
Haben jüngere und ältere Patienten heute unterschiedliche Ansprüche?
Man kann nicht verallgemeinern, aber grundsätzlich sind junge Patienten eher vorinformiert, haben durch ihre Internetrecherche ein Basiswissen und verlangen Abklärungen, wenn sie eine bestimmte Diagnose befürchten.

Ob das nötig ist, entscheiden aber Sie als Arzt?
Ja, doch das gelingt nur, wenn eine Beziehung mit dem Patienten da ist. In der Hausarztmedizin müssen Sie die zuerst aufbauen, sonst haben Sie bei den Jungen Null Autorität. Es muss Vertrauen da sein, nicht Autoritätsglauben.
Ist der Beziehungsaufbau bei den älteren Patientinnen und Patienten einfacher?
Ja. Gleichzeitig sagen sie oft: Entscheiden Sie – selbst wenn es um Leben und Tod geht, etwa ob Chemotherapie ja oder nein bei einer Krebserkrankung. Jüngere Patienten hingegen wollen jegliche Abklärungen, wenn sie Angst haben. Früher haben wir 100 Mal überlegt, ob wir ein CT oder MRI machen, heute machen wir diese Untersuchungen am Laufmeter.
Es verteuert auch die Medizin, wenn viel abgeklärt wird.
Junge Ärzte mit weniger Erfahrung sind manchmal zu lange damit beschäftigt, Informationen zu sammeln. Gleichzeitig steigt die Anspruchshaltung der Patienten. Das Problem der Kosten ist ein strukturelles: Die Medizin ist in den letzten Jahrzehnten extrem ökonomisiert worden. Es geht nicht mehr vor allem darum, was medizinisch notwendig oder für Patienten sinnvoll ist, sondern auch, welche Kosten daraus entstehen. Eine optimale Abklärung kann aber auch Kosten sparen. Die Gesundheits- und die Pharmaindus-trie bewerben heute die Patienten, das war früher nicht so.
Was schlagen Sie als Lösung vor?
Man müsste das System reformieren und festlegen, welche medizinischen Leistungen in der Grundversicherung angeboten werden sollen. Diese Leistungen sollten sich an den Empfehlungen medizinisch-wissenschaftlicher Erkenntnisse orientieren. Nicht empfohlene Untersuchungen und Therapien gehören in den privaten Versicherungsbereich.
Deckt die Grundversicherung der Krankenkasse Ihrer Ansicht nach zu viele Leistungen ab?
Nein, ich finde es gut, wenn alle von einer teuren Immuntherapie profitieren können, die von der Grundversicherung gedeckt ist. Man müsste andere Finanzierungsformen finden. Wie beispielsweise eine separate Versicherung für Hochrisikopatienten, welche von allen Kostenträgern mitfinanziert wird. Zehn Prozent der Hochrisikopatienten verursachen in den USA 68 Prozent der Gesundheitsausgaben. Wenn die Krankenkassenprämien aber so hoch sind, dass sie die Existenz von Working Poor bedrohen, produzieren sie psychosozialen und ökonomischen Stress. Das macht die Leute noch kränker.
Wie haben das Internet, Social Media und KI die Arbeit von Hausärzten verändert?
Das Internet hat zur Demokratisierung der Informationen geführt. Aber nach Gesundheitssendungen im Fernsehen steigen die Anfragen bei uns. Das Internet und die Social Media sind Suchtmedien und verstärken die Krankheiten, nach denen Sie suchen, weil der Algorithmus Ihnen das zuspielt, was Sie lesen möchten: So können Depressive noch depressiver werden. Die KI ist mächtig, und wir älteren Ärzte sind uns nicht gewohnt, damit umzugehen. Eine junge Assistenzärztin bei uns arbeitet jedoch mit einem guten medizinischen KI-Tool, das die Arbeit sehr erleichtert. Es ist auch hilfreich, dass sie diese Affinität zur Technik hat.

Wie unterscheidet sich Ihr Arbeitsalltag von dem von Hausarztpraxen in der Stadt?
Bei uns auf dem Land geht die Mehrheit wie auch früher schon zuerst zum Hausarzt. In der Stadt ist es anders, weil dort mehr Spezialisten arbeiten. Darum ist das Hausarztmodell eingeführt worden, bei dem der Hausarzt vorgeschaltet wird. In den Städten gab es schon früh Notfalldienste, zum Beispiel von speziellen Call Centern. In unserer Region teilen wir uns den Notfalldienst heute auf: Ich bekomme maximal einen Dienst pro zwei Wochen unter der Woche.
Können Sie und Ihre Kolleginnen den Hausarztbedarf vor Ort abdecken?
Ja, wir übernehmen die Versorgung von Ober- und Niederurnen. Weil wir nah an Zürich sind, haben wir hier weniger Mühe als die Region Glarus Süd. Der Hausarzt im nächsten Dorf hat glücklicherweise soeben einen Nachfolger gefunden.
Welche Krankheiten begleiten Sie schon Ihr ganzes Berufsleben lang?
Die psychosomatischen Krankheiten im weitesten Sinn. Ich meine damit nicht eingebildete Kranke. Aber wenn psychosoziale Problemen wie Arbeitsplatzverlust, Schulden, Probleme mit Partnern und Kindern dazukommen, können körperliche Funktionsstörungen zu Krankheiten werden.
Warum?
Weil es Stress auslöst, weil man Störungen wie Rückenschmerzen nicht brauchen kann, wenn man arbeiten gehen muss. Statistisch gesehen verschwinden Rückenschmerzen in sechs Wochen zu 80 Prozent von alleine, mit oder ohne medizinische Hilfe.
Welche Krankheiten hat man aus heutiger Sicht früher falsch eingeschätzt und werden heute anders therapiert?
Der jährliche Wissenszuwachs in der Medizin ist enorm und wir sind nicht geschützt vor Fehlinformationen. Es gibt immer wieder Richtungswechsel. Zwei Beispiele: Bei Herzinsuffizienz gab man früher keine Betablocker, heute: ja, unbedingt. Heute wissen wir auch, dass Cholesterinsenker wirklich helfen. Morgen kommt vielleicht wieder eine Gegenbewegung.
Welches Wissen gilt als sicher?
Wenn Sie sich gesund ernähren, viel bewegen, unverpackt essen, keinen Stress haben, nicht rauchen und keinen Alkohol konsumieren, haben Sie am meisten gemacht für Ihre Gesundheit.
Sie scheinen ein Hausarzt mit Leib und Seele zu sein. Hat man da je frei?
Heute arbeite ich noch 50 Prozent, weil ich seit letztem Jahr pensioniert bin. Am Anfang meiner Karriere habe ich zehn Jahre zu allen Anfragen für nebenberufliche Ämter nein gesagt, bis ich die Praxis aufgebaut hatte. Ich wählte eine Gemeinschaftspraxis, weil ich meine Freizeit organisieren wollte, die Arbeit kommt ja von allein. Ich habe eine Familie mit drei Kindern, zwei Hunden, habe intensiv Sport getrieben. Meine Tochter sagte mir mal, ich sei immer für sie dagewesen.
Haben Sie überhaupt noch geschlafen?
Ja, sonst wäre es nicht gegangen. Die Arbeiten sind ineinandergeflossen. Die Stundenzahl pro Woche spielt keine Rolle, sondern die Befriedigung, die Sie im Job haben. Wenn Sie als Arzt von der Arbeit weisse Haare, Haarausfall und Magengeschwüre bekommen, dann nichts wie weg. Die Arbeit ist schon stressig, aber auch sehr erfüllend. Ich brauche keine Yacht, und ich fahre seit 20 Jahren denselben Fiat Punto. Dafür gebe ich gerne Geld für Velos aus.
Können Sie den professionellen Blick in der Freizeit auch mal ablegen? Etwa wenn Freunde schon ein Schnäpsli zum Zmittag trinken?
Ein Schnäpsli tut doch nicht weh, im Gegenteil: Ich sage immer, man muss den Körper ab und zu stressen. Auch Intervallfasten ist Stress für den Körper. Resilienz kommt von Verlust aushalten und lernen.
Wie ist es, wenn man im Dorfladen den eigenen Patienten begegnet?
Natürlich werde ich angesprochen im Dorf. Ich empfinde das auch als Wertschätzung meiner Arbeit. Fragt einer im Laden, was soll ich gegen mein Rückenweh tun, sage ich: Zieh dein Hemd aus. Wenn er sagt, das geht hier doch nicht, sage ich: Eben, du musst in die Praxis kommen. Diagnosen über den Gartenzaun mache ich nicht mehr.
Viele von uns gehen zu schnell zum Arzt oder ins Spital, statt Hausmittel anzuwenden. Ist Wissen verloren gegangen?
Viele haben es gar nie gelernt. Den Patienten zu erklären, dass sie zu 90 Prozent kein Antibiotikum benötigen, braucht jedoch viel mehr Zeit, als ein Medikament zu verschreiben. Zeit wäre aber nötig, um eine Beziehung aufzubauen. Hausarztmedizin ist Beziehungsmedizin.
Was müsste geändert werden, damit Medizinstudierende häufiger den Hausarztberuf wählen?
Wir Hausärzte sollten den Beruf nicht immer negativ konnotieren. Hausarztmedizin ist sehr komplex, darum auch so befriedigend.
Was würden Sie heute einer jungen Ärztin, einem jungen Arzt raten, die oder der in den Hausarztberuf einsteigen will?
Sie sollten beziehungsfähig sein und Freude an Menschen haben. Zudem sollten sie sowohl mit dem Patienten mitfühlen als auch seine Situation nachvollziehen können. Während der Ausbildung zum Hausarzt sollten sie für sich klären, was sie wollen, wie lange sie arbeiten möchten und in welchem Pensum. Die jungen Kolleginnen und Kollegen suchen Work-Life-Balance und wollen finanzielle Sicherheit statt Risiko, insbesondere wenn sie eine Familie gründen. 75 Prozent der Abschlüsse in Medizin an der Uni Zürich werden von Frauen gemacht. Drei Viertel von ihnen wollen Teilzeit arbeiten, bei den Männern sind es ein Viertel.
Wie sorgen Sie persönlich für einen Ausgleich in Ihrer Freizeit?
Auch wenn ich keine Triathlons mehr machen kann, ist Sport meine persönliche Retraite. Wenn ich meine Ruhe brauche, gehe ich mit dem Hund spazieren, im Wald joggen oder Velo fahren.
Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie einmal im Ruhestand sind?
Noch habe ich keine genaue Vorstellung davon. Aber ich wollte schon lange eine Velotour nach Spanien machen. Als Beziehungsmensch brauche ich auch schnell wieder den Kontakt zur Familie: Ich liebe es, mit den Kindern, Enkeln und Freunden zu essen und zu diskutieren.
Zur Person
Rodolfo Slongo, 66, schloss sein Medizinstudium 1985 an der Universität Zürich ab und eröffnete 1995 mit einem Kollegen seine Gemeinschaftspraxis in Niederurnen im Kanton Glarus. Heute betreibt er mit sechs jüngeren Kolleginnen und Kollegen am gleichen Ort das Hausarzthaus in Niederurnen. Rodolfo Slongo war Mannschaftsarzt der Rapperswil-Jona Lakers und des Volleyballteams Seat Volley Näfels, beide in der Nationalliga A, sowie Vereinsarzt des Glarner Turnvereins. Er ist Verwaltungsrat der Kantonsspital Glarus AG, verheiratet, Vater von drei Kindern und Grossvater.
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