Als Asylbewerber gründete er eine Hilfsorganisation, die Tausende Armutsbetroffene mit Gratis-Lebensmitteln versorgt. Nun hat Amine Diare Conde noch grössere Pläne: Er möchte der erste schwarze Bundesrat werden.
Wäre der 29-jährige Amine Diare Conde in der Schweiz geboren, hätte er jetzt wohl sein Jura-Studium abgeschlossen und das Anwaltspatent im Sack. Er würde die Nächte in Clubs durchfeiern, mit seiner Freundin nach Thailand fliegen und sich erste Gedanken über eine Familiengründung machen.
Doch Amine ist nicht in der Schweiz geboren, sondern in Guinea. Als schmächtiger 16-Jähriger, fast noch ein Kind, ging er allein auf eine monatelange, traumatische Reise durch die Sahara und übers Mittelmeer. Der Horror ist ihm anzusehen, wenn er davon erzählt. «Viele, die ich kannte, sind dabei gestorben.» Was ihn nach Europa trieb, war eine tiefe Sehnsucht nach Bildung. Bis er hierzulande eine Schule von innen sehen durfte, sollte es allerdings Jahre dauern. Obwohl er sieben Tage pro Woche arbeitet, reicht sein Lohn nur knapp zum Überleben. Eine Freundin zu haben, wäre schön, «doch Frauen brauchen Zeit». Auch ein Trip nach Thailand liegt bei seinem Budget nicht drin. Trotzdem könnten seine Ziele nicht ambitionierter sein: Amine Diare Conde will der erste schwarze Bundesrat werden.
Im Alleingang zu einer NGO
Durchhaltewillen hat er. Energie für drei auch. Das bewies Amine zu Beginn der Pandemie, als plötzlich alle sozialen Einrichtungen geschlossen waren, in denen Armutsbetroffene sonst eine Mahlzeit bekommen konnten. Laut Bundesamt für Statistik gelten fast 750 000 Menschen hierzulande als arm, das entspricht 8,4 Prozent der Bevölkerung. Darunter sind viele Alleinerziehende, Migranten, aber auch Rentnerinnen und Rentner. Sie alle sassen nun plötzlich auf dem Trockenen.
Praktisch im Alleingang gründete Amine eine eigene NGO. Erst spendete ein Kita-Caterer Tausende von abgepackten Menüs. Später kamen abgelaufene Lebensmittel von Grossverteilern dazu sowie Grundnahrungsmittel wie Reis oder Öl, die Amine mit Spendengeldern finanziert. Heute versorgt «Essen für alle» rund 2000 Familien und Einzelpersonen in Zürich, Schwyz, Glarus, Chur und Biel. Etwa 1000 freiwillige Helferinnen und Helfer verteilen jeden Samstag 30 Tonnen Lebensmittel. Und das alles, weil ein junger Asylbewerber nicht mitansehen wollte, wie in der reichen Schweiz gehungert wird.
Keine Arbeit, keine Ausbildung
in diesen Tagen erscheint ein Buch über Amine Diare Conde.* Es zeigt exemplarisch, wie schrecklich sich das Leben für Asylbewerber in der Schweiz anfühlt, solange ihr Aufenthaltsstatus nicht geklärt ist. Arbeitsverbot. Ausbildungsverbot. Jahrelang lebte Amine von 8 Franken 50 Nothilfe am Tag. In Unkenntnis der hiesigen Gesetzeslage killte er aus Hunger einmal eine der Enten, die so verführerisch auf der Limmat schwammen. Dazu die ständige Panik vor Polizeikontrollen, nachdem sein Asylgesuch abgelehnt worden war. «Ich wusste, jetzt können sie mich jederzeit verhaften.» Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, kleidete er sich so bieder wie ein Banker und ging nur ausserhalb der üblichen Arbeitszeiten auf die Strasse, die Angst im Nacken wie ein Joch.
Heute hat Amine Diare Conde eine Aufenthaltsbewilligung. Ohne die Hilfe einer Schweizer Familie, die ihn wie einen Sohn aufnahm, hätte das nicht geklappt. Sie nehmen ihn zum Wümmet mit und in ihr Ferienhaus im Tessin, «ich gehöre ganz und gar dazu», sagt Amine glücklich. Er hat erfolgreich eine Lehre als Hochbauzeichner abgeschlossen, leitet neben seinem 80-Prozent-Job weiterhin «Essen für alle» und macht als Mitglied des neu gegründeten «Rats für Armutsfragen» erste Erfahrungen in der Politik. Die Berufsmittelschule musste er unterbrechen, als ihm Geld und Zeit ausgingen.
Katharina Morello: «Amine – Einer für alle – Essen für alle» Limmat Verlag, ca. Fr. 29.-
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