Sonntagsausflug um 1930

Das Foto zeigt Familie Amacher im Sonntagstenue am Brienzersee. Trudy Graber-Amacher aus Unterbach BE, damals noch nicht auf der Welt, blieb der Gegend ihr Leben lang treu.

Dieses Bild meiner Eltern und Geschwister hat Seltenheitswert – einen eigenen Fotoapparat besassen wir erst Jahre später. Mein «Möti» und meine Schwestern tragen Hüte, der «Ätti» eine Krawatte. Diese Eleganz ist sicher die Ausnahme: Meine Eltern betrieben in Unterheid zwischen Brienz und Meiringen einen mittelgrossen Bauernhof. Dass alle mit anpackten, war selbstverständlich. Die Kleider trug ich als Nachzüglerin von den älteren Geschwistern nach. Mein erstes neues Paar Halbschuhe erhielt ich erst in der Oberstufe.

Da ich 1935 zur Welt kam, fehle ich auf dem Foto ebenso wie unser Auto. Als Bauernfamilie ein solches zu besitzen, war aussergewöhnlich. Mein Vater war ein Pioniergeist und sehr zukunftsorientiert. Wir gehörten auch zu den Ersten mit einem Radio und einem Telefon. Als Kind musste ich den Nachbarn jeweils Nachrichten ausrichten oder sie an den Apparat rufen.

Als ich Kindergärtnerin werden wollte, reagierte mein Vater weniger fortschrittlich: «Eine Ausbildung brauchst du nicht», hiess es. So fuhr ich als AuPair ins Welschland und mit 18 mit meiner Schwester nach England. Das Jahr in der Familie eines Landarztes und «the English Lifestyle» gefielen mir ausgezeichnet. Hätte ich in der Schweiz nicht meinen Mann kennengelernt, wäre ich vielleicht in England geblieben.

Englisch ist für mich bis heute eine Herzensangelegenheit. Die Sprache hat mir die Welt eröffnet. Ich schrieb und schreibe Briefe an meine Bekannten rund um den Globus. Oft hatten wir auch Gäste aus dem Ausland. Wenn ich die alten Fotos anschaue, fühle ich mich sofort in jene Zeit zurückversetzt.

Beitrag vom 21.05.2019
Annegret Honegger