Damals auf dem Hönggerberg

Esther Trautmann-Troller wuchs in Zürich-Oerlikon auf und lebt heute in Kreuzlingen am Bodensee. Das Foto aus dem Kriegsjahr 1941 oder 1942 zeigt die Familie beim Sonntagsausflug auf den Hönggerberg.

Eine Familie mit Ziegen und in Sonntagskluft um ca. 1941 beim Sonntagsausflug auf den Hoenggerberg.
© zVg

Grosse Ausflüge lagen während des Krieges nicht drin. Deshalb boten unsere Treffen mit der Familie meiner Tante auf dem Hönggerberg für mich als kleines Mädchen Anfang der 1940er-Jahre eine schöne Abwechslung.

Für uns Stadtkinder waren die unverbauten Wiesen schon beinahe Alpweiden und die Begegnung mit der Bäuerin (links) und ihren Geissen ein Erlebnis. Heute ist der leere Horizont aus der Zeit vor den grossen ETH-Bauten Hönggerberg fast unvorstellbar.

Weil Sonntag war, trugen wir unsere besten Kleider und ich weisse Maschen im Haar. Hosen für Mädchen waren damals weit weg, nur beim Schlitteln trug ich die alten Knickerbocker meiner Brüder nach. Meine Mutter war eine geschickte Näherin und schneiderte mir etwa einen Jupe aus ihrem alten Mantel. Früher wurde alles verwertet, die Mode war noch nicht so schnelllebig und die Stoffe hielten ewig.

Einmal, so erinnere ich mich, bekamen wir vornehme Kleider geschenkt. Meine Tante arbeitete im Nobelhotel Dolder, wo sie den reichen Gästen beim Kofferpacken half. Darunter waren viele jüdische Familien auf der Flucht, die nicht alles mitnehmen konnten. Ich war noch zu klein, aber die Erwachsenen wussten wohl, warum diese Menschen ihre Heimat in Berlin oder Prag verlassen mussten.

Später konnte ich meine Leidenschaft fürs Schwimmen zum Beruf machen und war lange Jahre Schwimmlehrerin in der Stadt Zürich. Heute geniesse ich die Nähe des Bodensees und die schöne Gegend, wo andere Ferien machen. Mein Mann und ich haben kürzlich mit der ganzen Familie unsere Hochzeit vor sechzig Jahren gefeiert. Wir haben tolle Enkel und verfolgen interessiert, wie sie die Welt bereisen. ❋

Aufgezeichnet von Annegret Honegger

Beitrag vom 14.01.2020