Felix Schaad hat mit seinen Comics und Karikaturen jahrelang die Leserschaft von Zeitungen und Magazinen erheitert. Ob US-Präsident Trump oder Abwart Zwicky, sein Strich war stets gleich liebevoll, sein Ton gleich frech. Nun geht er in Pension.
«Je verreckter die Welt, desto mehr Stoff haben die Karikaturisten». So bringt Felix Schaad die Lage der Welt und seine Rolle darin auf den Punkt. Und genau das hat ihn ein Berufsleben lang an seinem Job fasziniert: die Essenz einer News, eines Konflikts zu erfassen. Und mit seiner Feder das auszudrücken, was die Redaktion nicht schreiben darf. Auch wenn die politische Ausgangslage für ihn als Karikaturisten nicht besser sein könnte, ist er nicht unglücklich darüber, dass er nun als Zeichner beim «Tages-Anzeiger» pensioniert wird.
Vermissen wird er den Austausch mit der Redaktion. Und die schönen Beziehungen, die er über die vergangenen 27 Jahre mit der Leserschaft aufgebaut hat. Schreibt ihm ein Leser: «Ich habe die Zeitung fallenlassen, weil ich so lachen musste», ist dies für ihn das schönste Kompliment. Nicht fehlen wird ihm der ständige Abbau, der die Belegschaft unter Druck setzt. Und im Zuge dessen sein Pensum für sein letztes Jahr auf 50 Prozent gekürzt wurde. Dieses «Fade-out» aus seinem intensiven Berufsleben habe ihm aber gutgetan. Er hatte mehr Zeit zum Kochen nach Ottolenghi, Handorgelspielen, Singen im Balkanchor, Velofahren.
In einem gemütlichen Café in Winterthur spricht Felix Schaad lieber über Comics und Karikaturen als über sich selbst. Hie und da blitzen persönliche Aussagen auf, diese tut er schnell mit den Worten ab: «Ui, das war jetzt schon fast eine Familientherapie».
Bereits als Kind zeichnete er – zum Leidwesen seiner Eltern – Comics. Comics mit Sprechblasen galten damals als schädlich. Felix aber liebte Micky Maus’ Detektivfälle, Lucky Lukes Wildwest-Abenteuer, Asterix’ und Obelix’ Schlägereien. Bei seinem Freund zu Hause konnte er sie verschlingen. Die beiden Primarschüler teilten die Leidenschaft für Comics und begannen bald, ihren eigenen zu produzieren: «August Zahn», Reporter bei der «Times» in London. Felix zeichnete, sein Freund textete. Sie druckten seine Abenteuer, banden sie und verkauften – oder verschenkten – sie.
«Als Comiczeichner bist du Autor, Regisseur, Filmer und Cutter in einer Person.»
Weil es damals keine Ausbildung zum Zeichner gab, absolvierte Felix Schaad eine Lehre als Grafiker, wie sein Vater vor ihm. Der anschliessende Job als Werbegrafiker gefiel ihm sehr, auch weil er in der kleinen Agentur «Themen runterkochte» und «alles machte». Einige Jahre freelancte er als Grafiker in der Werbebranche. Schliesslich wurde der Wunsch drängender, wieder zu zeichnen.
Igor, Jimmy Cash und Herr Zwicky
Zusammen mit dem Texter Claude Jaermann erfand er die Comic-Figur «Igor die Ratte». Sie schickten Comicstreifen in diverse Redaktionen. Die Reaktionen waren durchwegs positiv, aber es fehlte an Geld und Platz. Ein Jahr später fand Igor, der bereits bei der Geburt seinen Schwanz verloren hatte, doch noch ein Plätzchen im Satiremagazin «Nebelspalter».
Bald darauf folgte die Anfrage vom «Cash», ob Felix Schaad einen grösseren Comic zeichnen würde, ein Redaktor würde texten. Eine grosse Seite pro Woche schien ihm damals neben der Werbearbeit zu viel und er sagte ab. «Spinnst du?», quittierte eine Kollegin – und er wagte es doch. So war «Jimmy Cash» geboren. Ein- bis eineinhalb Tage pro Woche zeichnete er jeweils, «prügelte die Comics hin». «Mörderisch war das – und irrsinnig!», erinnert sich Schaad. In dieser Zeit wurde im klar: «Das ist, was ich machen will.»
Nach einem Jahr verliess Jimmy Cash die Bühne und Felix Schaad und Claude Jaermann erfanden zusammen die Familie Zwicky für den «Nebelspalter», jede Woche bespielten sie mit ihnen eine Doppelseite. Nebst Zwickys Familie gründete er auch eine eigene, heiratete und wurde Vater zweier Töchter. Weil er ein regelmässiges Einkommen brauchte und Zeit für seine Liebsten wollte, musste er sich entscheiden: Werbung oder Zeichnen. Die Wahl fiel auf Letzteres, wobei die Disziplinen viel gemeinsam haben.
Als Hauszeichner beim «Tagi»
«Es geht darum, eine Geschichte zu erzählen. Die Dramaturgie muss stimmen. Als Comiczeichner bist du Autor, Regisseur, Filmer und Cutter.» Mit Claude Jaermann spielte sich bald ein routiniertes Teamwork ein. In einer ersten Sitzung heckten sie «eine Story von Null auf irgendwohin» aus. War der Gag gefunden, dachten sie die Skizzen von hinten her. Dann skizzierte Felix Schaad. In einer zweiten Sitzung präzisierten sie Mimik und Worte. Dann zeichnete Felix Schaad das Ganze auf Karton und brachte es auf die Post.
1999 folgte ein grosser Karriereschritt: Der «Tages-Anzeiger» engagierte ihn. Die Zeitung umfasste damals sechs Bünde, der Bildbedarf war enorm. Die Frontseite gehörte dem altgedienten Karikaturisten Nico. «So schnell und gut wie Nico karikieren, das kann ich nicht», dachte Felix Schaad. Doch er wollte dazulernen. «Der grosse Nico» habe ihn nicht gekannt und freundlich empfangen. Wahrscheinlich habe ihn die Konkurrenz aber doch «angegurkt». Sechs Monate später prangte Felix Schaads erste Karikatur auf der Front. «Für Nico wohl ein Schlag, für mich ein Stress.»
Zu den Karikaturen kam bald schon eine weitere Herausforderung hinzu: Der Chefredaktor wünschte sich von Felix Schaad einen täglichen Comicstreifen nach US-Vorbild. «Mörderisch!», dachte Felix Schaad – liess sich dennoch überreden. Unter der Bedingung, dass Claude Jaermann textet. Abgemacht war ein Jahr Laufzeit – schliesslich vergnügten sich die beiden 17 Jahre mit Eva Grdjic. «Wir entschieden uns mit Eva bewusst für eine Figur, die man erst lieb gewinnen muss.» Die resolute Kassiererin mit den vier abstehenden Haaren erlebte in den über 5000 Comics allerhand irre Sachen.
So liessen sie ihre Erschaffer in Somalia über den Waffenmarkt schlendern oder in einer wenig erfolgreichen Mission auf dem Mond landen. Ebenfalls gern erinnert sich Felix Schaad an Zwickys Teilnahme an der Laubbläser-WM (er tauchte bei Eva als Hauswart wieder auf).
Lieber Gummi- als Stahlhammer
Nach 17 Jahren konnten Zeichner und Texter bei aller Liebe zu Eva nicht mehr. Ob er sie manchmal vermisst? Felix Schaad lächelt. Klar fehle Eva ihm hie und da, auch Zwicky. «Aber Evas Welt auf lustig drehen ist komplex. Zwicky ist einfacher gewickelt.» Felix Schaad würde Zwicky gern im Altersheim mit Rollator rumdüsen lassen.
Der Zwicky hatte offenbar auch seinen Vater überzeugt. Denn er befand, in diesem Comic sei «zu viel Text». Ein für Felix Schaad überraschend schönes Feedback. Hatte sein Vater doch immer geklagt, Comics machten lesefaul. Rückblickend ist Felix Schaad sicher, dass sein Entscheid für Comics und Karikaturen ihn gerettet habe. Denn sowohl der Vater als auch der Grossvater hatten sich als illustrierende Zeichner einen Namen gemacht. Dank der Comics konnte er ohne Druck zeichnen.
«Je verreckter die Welt, desto mehr Stoff haben die Karikaturisten.»
Freiheit ist auch das, was er am Zeichnen so liebt. «Es ist eines der freisten Medien, ohne Syntax und Orthografie, man kann einfach machen, was man will.» Und es sei auch eines der letzten Medien, wo man nicht korrekt sein müsse. Dennoch war ihm der Gummihammer immer lieber als der Stahlhammer. Bei Frauen hatte er mehr Hemmungen, diesen auszupacken: «Mit Männern kannst du alles machen, Frauen haust du keinen Hammer auf den Kopf. Ausser vielleicht Kristi Noem, Trumps Ministerin für Heimatschutz.»
Felix Schaad befürchtet, dass die Ära der Karikaturen sich dem Ende zuneigt, auch weil Redaktionen aufs Digitale umsatteln. Ende 2025 trennte sich das Magazin «Stern» nach 30 Jahren von seinem Karikaturisten, viele Zeitungen und Zeitschriften leisten sich keinen fest angestellten Zeichner mehr. Felix Schaad hofft auf einen Nachfolger beim «Tages-Anzeiger». Er jedenfalls wird weiterzeichnen.
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