Dreissig Jahre unter Strom
Philippe Kohlbrenner erfand das Schweizer E-Bike «Flyer» – das grosse Geld verdienten damit andere. Doch geschadet hat ihm das nicht. Eine Velotour zum Geburtsort der Erfindung.
Text: Maximilian Jacobi, Fotos: Raphaela Graf
Philippe Kohlbrenner surrt mit seinem E-Bike die Strasse hoch, während mein Velo über den Asphalt kriecht, Zentimeter für Zentimeter, durch Wiesen, Wäldchen und den Güllegeruch des Emmentals. Ich strample und keuche. Der 62-Jährige neben mir plaudert, als würde er über eine Strandpromenade flanieren, statt bei Schneefall auf die Lueg zu radeln: «Das da vorne, das ist die Kurve.»
Als wir um sie biegen, weitet sich der Blick: noch mehr Hänge, noch mehr Wiesen, noch mehr Bauernhöfe und noch mehr Wald. Doch all das sehe ich nicht mehr. Ich sehe nur noch das Grau der Strasse, wie es sich dazwischen emporwindet. Ich sehe nur noch Höhenmeter.
Kohlbrenners Grinsen teilt seinen grauen Vollbart. «Genau hier kam mir damals die Idee. Verstehst du jetzt?»
Die Idee, die Philippe Kohlbrenner 1993 in dieser Kurve hatte, begründete einen Millionenmarkt. Er war damals 31 Jahre alt, gerade Vater geworden und im Frühling in ein Haus auf der Lueg gezogen. Und ihm fehlte Zeit für sein Karatetraining. Um fit zu bleiben, pendelte er mit dem Velo zu seinem Job im Tal und zurück. Tage, Wochen, Monate. Auf einem Heimweg im Herbst, er bog mal wieder um diese Kurve, die Höhenmeter türmten sich mal wieder vor ihm auf, «da haute es mir den Nuggi raus». Er begann zu tüfteln, schraubte eine Autobatterie und einen Scheibenwischermotor an sein rotes Velo. Er nannte es den «Roten Büffel»: den Prototyp des E-Bikes «Flyer».


Von der Idee zu den Prototypen
Das Erstaunliche an seiner Idee ist weniger ihr Erfolg. Sondern dass Kohlbrenner überhaupt an sie glaubte. Das älteste Patent für ein Velo mit Elektromotor wurde schon 1895 in den USA eingereicht. Darum fahren Philippe Kohlbrenner und ich auf die Lueg. Ich möchte verstehen: Wie kommt jemand in meinem Alter, mit 31 Jahren, auf die Idee, den Flyer, ein Velo für Senioren zu entwickeln? Und was benötigt er, um zu schaffen, was hundert Jahre lang niemandem gelang?
Die Bauernhöfe liegen jetzt unter uns. Schmelzwasser tränkt meine Handschuhe und Socken. Philippe Kohlbrenner trägt Regenjacke und -hose, Gamaschen, wasserdichte Handschuhe. Ich möchte ihm Fragen zu seiner Geschichte stellen. Doch mein Atem geht zu schnell.
In einer Garage tüftelte Kohlbrenner mit zwei Freunden an weiteren Prototypen. Sie träumten davon, ein serientaugliches E-Bike zu bauen. Doch keine Bank gab ihnen Kredit. Also überzeugten sie Bekannte und Verwandte, fuhren mit ihren selbst gebastelten E-Bikes nach Zürich, liessen Menschen Probe fahren. Bis sich 50 Leute bereit erklärt hatten, etwas vorzubestellen, das nur als Idee existierte.
Von den Prototypen zur Pleite
Es folgte eine Zeit, aus der Philippe Kohlbrenner gerne Anekdoten erzählt. Von den 50 vormontierten Velos, die sie bei einem Hersteller in Frankreich bestellten. Um sie abzuholen, baten sie einen Gemüsebauern um seinen Lieferwagen. Sie fuhren mitten in der Nacht nach Frankreich, da der Bauer den Anhänger um 15 Uhr zur Ernte brauchte. Auf dem Rückweg in die Schweiz fragte sie ein Zöllner nach ihrer Mehrwertsteuernummer zur Einfuhr der Velos. Sie fragten zurück, was das sei, eine Mehrwertsteuernummer. Nur dank der Nummer des Büros eines befreundeten Ingenieurs erhielt der Bauer seinen Wagen noch rechtzeitig. «Zum Glück waren wir so naiv. Hätten wir gewusst, was alles auf uns zukommt, hätten wir gar nicht erst angefangen», sagt Kohlbrenner.
Eine Anekdote zeigt eine weitere Seite des Flyer-Erfinders. Um die ersten E-Bikes in den Verkehr zu bringen, musste das Strassenverkehrsamt die 50 Velos abnehmen. Als der Prüfer die E-Bikes in der Garage der Tüftler inspizierte, verweigerte er ihnen die Zulassung. Laut Kohlbrenner, weil das Typenschild des Motors ein paar Zentimeter zu weit rechts montiert war. Kohlbrenner verschloss das Garagentor. Der Beamte machte einen Notruf an seinen Vorgesetzten. Der bekam ihn frei, indem er Kohlbrenner versicherte, dass sein E-Bike eine Zulassung erhalte.
Ich strample in Richtung irgendeines Wäldchens, gekrümmt wie ein Wurm. Philippe Kohlbrenner rollt neben mir her, aufrecht und überlegen wie ein Feldherr. «Ich bin ein Krampfer», sagt Kohlbrenner über sich. Wenn er von einer Idee überzeugt sei, arbeite er daran, bis er umfalle.
Zu spüren bekamen das Studenten von der ETH. Nachdem die ersten Flyer verkauft worden waren, hatten Kohlbrenner und seine Partner einen Preis für Jungunternehmen gewonnen. Investoren stiegen ein, die Firma wuchs. Und der Druck stieg. Philippe Kohlbrenner leitete das Entwicklungs-Team aus ETH-Studenten. Er selbst hatte zwei Lehren als Werkzeugmacher und Maurer gemacht. «Hier entdeckte ich meine Kameltreiber-Qualitäten.
Ich glaube, ich war gar nicht beliebt.»
Zuletzt schlängelt sich die Strasse durch ein Wäldchen. «Ruhig, nur atmen», sagt Philippe Kohlbrenner, als ich doch mal versuche, etwas zu fragen und mir die zweite Satzhälfte im Hals stecken bleibt.
Die Naivität und das Krampfen, es half nichts. Der Flyer verkaufte sich kaum. Der Verkauf startete 2001, in einem verregneten Frühling. Und: «Die Leute konnten sich damals nichts unter einem E-Bike vorstellen», sagt Kohlbrenner. Die Investoren zogen ihr Geld ab, das Unternehmen ging pleite, die Konkursmasse wurde versteigert. Philippe Kohlbrenner hatte genug von Akkus und Velos. Er suchte sich einen Job in der Medizinaltechnik.
Von der Pleite zur Idee
Der CEO des bankrotten Unternehmens aber blieb. Er kaufte die Lagerbestände und gründete eine neue Firma. «Wir hatten das E-Bike gebaut, das wir fahren wollten. Wir hatten uns nie gefragt, wer es kaufen sollte», sagt Kohlbrenner. Der CEO aber modelte den Flyer um, machte das hippe Sportgerät zum Alltagsvelo für Seniorinnen und Senioren. Im folgenden Jahrzehnt wurde das Wort «Flyer» in der Schweiz zum Synonym für E-Bikes. Menschen kauften keine Elektro-Velos oder Pedelecs, sie kauften Flyer. Ihr Erfinder verdiente daran nichts. Kohlbrenner hatte Pech. Der CEO hatte Glück.
Oben auf der Hügelkuppe wartet Philippe Kohlbrenner unter einem Baum, in der Nähe seines Hauses. Ein riesiger Akku füllt den Rahmen seines Velos. Er fährt ein selbst gebautes E-Bike.
Seit 2011 entwickelt er wieder eigene Elektro-Velos unter dem Namen «Speedped», baut und verkauft sie bis heute in Häusernmoos BE. Die Produktion der Flyer hingegen hat der neue Mutterkonzern 2025 nach Deutschland verlegt, weil die Verkaufszahlen nach der Pandemie einbrachen.
«Was am Ende rauskommt, weiss ich nie», sagt Kohlbrenner. «Es spielt keine Rolle. Ideen entwickeln sich. Wichtig ist nur, dass ich sie verfolge.» Seine neue Idee heisst Kontrolle. Über die Firma: Statt auf Fremdkapital setzt er auf vorsichtiges Wachstum. Über die Produktion: Er und seine Mitarbeiter bauen Akkus und Motoren selbst. Über die Lebensdauer: Jedes Teil wird repariert, viele Speedpeds haben mehr als 100 000 Kilometer auf dem Buckel.
Unter dem Baum zieht Philippe Kohlbrenner die Finger aus dem Handschuh, gratuliert mir zum Aufstieg. Er muss die Frage nicht mehr stellen. Meine Beine zittern. Ich habe Hunger. Mir tut der Hintern weh. Ihm ging es nie nur um Senioren. Ich verstehe jetzt.
In fünf Schritten zu Ihrem ersten E-Bike
- Wie viel Schub ist sinnvoll?
Herzstück des E-Bikes ist der Motor. Bietet er Unterstützung bis 25 km/h, gilt das E-Bike als normales Velo. Bei Motoren mit Schub bis 45 km/h gelten strengere Regeln, etwa die Helmpflicht. Entscheidend ist weniger die Maximalleistung als der Charakter des Motors: Setzt die Unterstützung harmonisch ein? Stoppt sie weich, wenn man aufhört zu treten? Kräftige Unterstützung hilft am Berg – kann beim Anfahren aber stören. Der Motor sollte nicht dominieren. - Wie weit will ich fahren?
Ein grösserer Akku bringt mehr Reichweite, erhöht aber auch das Gewicht – und damit den Kraftaufwand beim Rangieren oder Tragen des Velos. Deshalb ist es wichtig, sich vor dem Kauf zu überlegen, wofür das E-Bike eingesetzt wird: tägliche Kurzstrecke? Wochenendausflüge? In welchem Gelände? Möchten Sie Gepäck oder Anhänger transportieren? Reichweite und Gewicht sollten zu Bewegungsradius und Bedürfnissen passen. - Wie bremse ich?
Mehr Gewicht und mehr Geschwindigkeit verlangen mehr K
ontrolle. Hydraulische Scheibenbremsen sind deshalb Standard. Grundsätzlich sollten Sie nur mit den Zeigefingern bremsen können. Moderne ABS-Systeme verhindern ein Blockieren des Vorderrads. Das Verhältnis von Schubkraft, Gewicht und Bremsleistung spürt man nicht im Online-Shop, sondern nur bei einer Probefahrt. - Wie sitze ich?
Eine aufrechte Sitzhaltung verbessert die Übersicht im Verkehr, ein tiefer Durchstieg erleichtert Auf- und Absteigen – gerade bei schwereren Modellen. Doch wichtig ist vor allem die Passform: Rahmengrösse, Sattelhöhe, Lenkerposition und Bremshebel müssen auf die Körpergrösse abgestimmt sein. Damit alles schon bei der Probefahrt richtig eingestellt ist, empfiehlt sich ein Kauf im Fachgeschäft. So merken Sie, ob sich das E-Bike auch nach 20 Minuten noch angenehm fährt. - Ein E-Bike aus zweiter Hand?
Beim Kauf eines Occasion-E-Bikes ist nicht der Preis das Entscheidende, sondern der Zustand von Akku, Antrieb und deren Pflege. Der Akku ist teuer und altert mit jedem Ladezyklus – Ersatz kann schnell mehrere hundert Franken kosten. Achten Sie auf das Alter des Akkus, ob Ersatzteile noch erhältlich sind und der Motor sauber läuft. Mit einer Probefahrt und einem Check durch einen Fachhändler lassen sich Überraschungen vermeiden.
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