© Pedro Rodrigues

Der Eisgärtner

Die Eispaläste von Schwarzsee FR sind landesweit bekannt. Karl Neuhaus hat sie seit 1986 im schattigen Waldstück an der Sense aufgebaut. Seither ist viel Eis geschmolzen – die Kunstwerke des 85-Jährigen sind geblieben.

Text: Fabian Rottmeier

Wasser gefriert. Eis schmilzt. Eiszapfen brechen. Paläste bleiben. So einfach könnte man Karl Neuhaus’ Werk zusammenfassen. Der 85-Jährige hat etwas Vergängliches erschaffen, das überlebt hat: die Eispaläste Schwarzsee. Dank viel Ausdauer, Freude und Talent am Tüfteln.

Der Moment, als ihn das Eis zum ersten Mal verzauberte, sei ihm noch heute sehr präsent, sagt Karl Neuhaus. Er spielte als Kind im freiburgischen Oberschrot oft an Bächen – und entdeckte eines Tages zugefrorene, wunderschön geformte Stellen. Diese frühe Faszination mag erklären, wieso er später zum Gründer der künstlich angelegten Eiswelt wurde. Sie ist mit fast 3000 Tageseintritten längst zur Touristenattraktion geworden.

Die Verantwortung für sein Lebenswerk hat er vor vier Jahren altersbedingt abgegeben. «Es ist schön zu sehen, dass es weitergeht», sagt er beim Besuch vor Ort. Mittlerweile betreibt Schwarzsee Tourismus die Anlage, die in einem Waldstück an der Sense zwischen Schwarzsee und Plaffeien liegt. Die Szenerie wirkt wie aus einem Märchen – samt Schneekönigin, Gespensterwald und Drachenhöhle. Mit Witz kombinierte Neuhaus das Element Eis mit unzähligen Figuren, etwa Plüschpinguinen auf einem Eisberg. Unübersehbar auch ein mehrere Meter langes Seeräuberschiff aus Holz.

Alles begann mit einer Giesskanne

Jahrzehntelang führte er in Oberschrot, heute Teil der Gemeinde Plaffeien, eine Schuhmacherei. Als junger Mann wagte er in seinem Garten die ersten Eisversuche und begoss seine Miniaturlandschaften wiederholt mit der Giesskanne, bis Eis entstand. Er tüftelte weiter. Mit einem gelöchterten Gartenschlauch, der über Nacht minimal lief. Dann mit zwei Schläuchen, deren Spritzer er aufeinanderprallen liess. 1980 gelang sein erster grösserer, beleuchteter Eispalast, 1986 nahm er die Idee am heutigen Standort wieder auf. Das grosse Waldstück hatte er von einem Onkel erworben.

Heute umfasst sein Winterzauber 4000 Quadratmeter – mit Brücken, Bögen, Grotten und Palästen, die bis zu 12 Meter hoch sind (einmal warens gar 18 Meter). Letztere sind über Eistreppen begehbar und bilden sich über Nacht dank Sprinklern an den Palastspitzen sowie drei Grad kaltem, vom Gegenhang abgeleitetem Quellwasser (Saisonverbrauch: rund sieben Millionen Liter). Als Fundament für die Eisstufen verlegte Karl Neuhaus früher Bananenschachteln. Für die Paläste dienten erst Holzgerüste als Verstrebung, ferner Vorhanglamellen und später alte Baugerüste aus Metall, die ihm den Übernamen «Tinguely des Glaces» einbrachten.

Er selbst sah sich immer als Eisgärtner. «Eiszapfen wachsen ja schliesslich auch», sagt der mehrfache Vater und Grossvater, der zeitweise von seiner ganzen Familie in den Eispalästen unterstützt wurde. Heute schaut er nur noch gelegentlich vorbei. «Ich sehe jeweils gleich, wo noch etwas fehlt», sagt der Perfektionist. In der Abenddämmerung sehen die Installationen etwas in die Jahre gekommen aus – was auch einen gewissen Charme hat. Abends ist die Eiswelt bunt und raffiniert beleuchtet.

Selbst beim Rutschstopp war er einfallsreich

Eis ist glitschig. Alle Wege sind deshalb mit Sand bestreut. Karl Neuhaus hat sich jeweils einen zusätzlichen Rutschstopp gebastelt: An den Schuhsohlen befestigte er grünen Kunstrasenteppich, wie man ihn von Schweizer Balkonen kennt. Heute bewegt er sich vorsichtig in kleinen Schritten von einem Werk zum nächsten. Er – und nicht zuletzt seine Ehefrau Barbara Cannatella Neuhaus, die ihn herzlich umsorgt und begleitet – weiss, wie fatal ein dritter Beinbruch sein könnte. Das erste Mal, 1989, wollte er spätabends noch kurz eine defekte Wegbeleuchtung reparieren, damit kein Besucher stürzen möge. Das zweite Mal traf sein Bein eine von ihm fallengelassene Eisenstange.

Er habe eigentlich alles bei der Natur abgeschaut, sagte Karl Neuhaus stets. Interessiert verfolgt er heute bei MeteoSchweiz die Entwicklung der Jetstreams, die entscheidend dafür seien, wie kalt unser Winter ausfalle – oder eben, wie immer häufiger, zu mild. Wäre er noch etwas jünger, Karl Neuhaus würde bestimmt auch etwas gegen den Klimawandel austüfteln. Und so nebenbei seine Eispaläste retten. ❋

Eispaläste Schwarzsee, Schwarzseestrasse, Bus bis «Schwarzsee, Lichtena». 17. Dezember 2021 bis 6. März 2022 (ohne Gewähr, je nach Wettersituation), Infos: schwarzsee.ch, Telefon 026 412 13 13. 


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