
Monika Bütler: «Es gab für mich überhaupt keine weiblichen Vorbilder»
Wie wurde aus der Tochter eines Verdingkindes eine der renommiertesten Wirtschaftsprofessorinnen des Landes? Monika Bütler über das Gefühl, die erste Frau in Männerbastionen zu sein, Sturheit als Lebenstaktik – und ihre Beziehung zu Geld.
Text: Claudia Senn Fotos: Mirjam Kluka
Monika Bütler, als Professorin haben Sie gut verdient. Wenn ich mich in Ihrer Wohnung so umschaue, bekomme ich aber den Eindruck, dass Sie nicht an Statussymbolen interessiert sind. Stimmt das?
Ja, das ist wahr. Ich besitze weder ein Auto noch teuren Schmuck oder Möbel bekannter Designer. Vor vier Jahren wurde bei uns eingebrochen. Die Diebe durchwühlten die ganze Wohnung, fanden jedoch wenig, das ihnen wertvoll genug erschien, um es mitzunehmen.
2023 gewannen Sie den mit 100 000 Franken dotierten Bonny-Preis für die Freiheit. Was haben Sie mit dem unerwarteten Geldsegen gemacht?
Zwanzig Prozent gingen für die Steuern drauf. Zwanzig Prozent habe ich meinen Söhnen geschenkt. Einen Drittel spendete ich. Ich unterstütze Projekte, die mir am Herzen liegen, wie etwa ein Musikfestival oder eine Handweberei im Münstertal. Mit dem Rest kaufte ich mir eine japanische Badewanne und eine Feuerschale aus massivem Eisen.
Die hätten Sie sich doch auch von Ihrem Einkommen leisten können.
Stimmt. Aber ich mache im Alltag tatsächlich kaum teure Anschaffungen. Nur die Ferien dürfen mehr kosten. Ich habe eine Schwäche für «Barefoot Luxury», also gehobene Unterkünfte in der Natur. Das kann zum Beispiel ein Zelt im Regenwald sein – aber mit erstklassigem Service.
Welche Rolle spielte Geld in Ihrem Elternhaus?
Meine Eltern kamen beide aus prekären Verhältnissen. Mein Vater war ein Verdingkind. Er hatte Glück im Unglück, wenn man so will, weil er nicht bei fremden Leuten platziert wurde, sondern auf dem Bauernhof von Verwandten. Hart arbeiten musste er dort trotzdem. Meine Mutter verlor ihren Vater schon sehr früh und musste Verantwortung für ihre kleinen Geschwister übernehmen. Für beide ging Sicherheit über alles. Bloss kein Risiko eingehen! Deshalb wurde immer gespart. Dennoch hatte ich nie das Gefühl, dass es uns an etwas fehlt. Unser Luxus waren die Skiferien.
Sie sind auf dem Areal einer psychiatrischen Klinik aufgewachsen, wo Ihr Vater in der Verwaltung arbeitete. Wie haben Sie diese Umgebung erlebt?
Für mich war sie Alltag, ich kannte es ja nicht anders. Doch manches war durchaus gewöhnungsbedürftig. Es gab zum Beispiel einen Patienten, der uns andauernd umarmte. Mich selbst störte das nicht, doch meine jüngere Schwester empfand es als bedrohlich. Bis heute habe ich wenig Berührungsängste mit Menschen, deren Verhalten nicht der Norm entspricht. Damals lebten ja nicht nur psychisch Kranke in der Psychiatrie, sondern auch geistig Behinderte. In mancherlei Hinsicht war es viel bunter als heute. Viele Patientinnen und Patienten empfanden die Klinik als ihr Daheim. Einer von ihnen, er hiess Max, half uns manchmal im Garten. Als ich ihn als längst erwachsene Frau wiedersah, begrüsste er mich mit einem begeisterten «Ach, das Fräulein Verwalter!».
Waren Sie die Erste in der Familie, die studierte?
Nicht ganz. Hans, ein Cousin meiner Mutter, studierte Geschichte und wurde Jesuitenpater. Er war mein grosses Vorbild. Er war gescheit, witzig und lebte erst noch in einem für mich damals exotischen Land, Japan. Es lag auch an ihm, dass ich begann, in der Schule aufzupassen. Denn als ich in der ersten Klasse war, schlug er mir bei einem Besuch in der Schweiz einen Briefwechsel vor. Zwei Wochen später konnte ich schreiben – weil ich nun wusste, warum ich es lernen wollte. Die Monate zuvor war ich mehr oder weniger uninteressiert durch die Schule gestolpert.

« Meine Eltern hatten Angst, ich könnte als Studierte ‹komisch› werden.»
Wie nahmen es Ihre Eltern auf, dass Sie studieren wollten? Mit Stolz oder mit Skepsis?
Schon eher mit Skepsis. Sie wollten lieber, dass ich «etwas Rechtes» mache, am besten eine Lehre. Das höchste der Gefühle wäre wohl Lehrerin gewesen. Akademiker waren ihnen suspekt. Sie hatten Angst, ich könnte als Studierte «komisch» werden oder eine unsichere Zukunft vor mir haben.
Trotzdem konnten Sie sich durchsetzen. Mit welchen Mitteln?
Meine Taktik war, das Problem auszusitzen. Da konnte ich stur sein bis zum Geht-nicht-mehr. Als es nach der Bezirksschule darum ging, eine Lehrstelle zu suchen, tat ich einfach nichts und ging trotz grosser Bedenken der Eltern ins Gymi. Mein jüngerer Sohn hat diesen starken Willen von mir geerbt. Als er ein Kind war, biss ich mir manchmal die Zähne an ihm aus. Bis ich realisierte, dass mir dieses Verhalten doch irgendwie bekannt vorkommt.
In Zürich und Bern begannen Sie ein Studium der Mathematik und Physik – eine Wahl, die für Frauen Anfang der 80er-Jahre noch sehr exotisch war. Wie viele Mitstudentinnen hatten Sie?
In Mathe gar keine, in Physik eine einzige. Oft war ich furchtbar einsam. Die Professoren taten wirklich alles dafür, dass ich mich wohl fühlte. Die Mitstudenten jedoch nahmen mich als Frau nicht ernst. Sie warteten nur darauf, dass ich mit einem Apparat nicht zurechtkam – um dann sagen zu können: Siehst du, Frauen können es einfach nicht! Als ich trotzdem gute Noten bekam, hiess es: Sie hat dem Professor bestimmt schöne Augen gemacht. Das setzte mir fast noch mehr zu.
Unterbrachen Sie deshalb das Studium nach zweieinhalb Jahren?
Ja, ich war so frustriert, dass ich mir sagte, ich gehe nie wieder an eine Uni. Stattdessen fing ich an, beim Schweizerischen Lawineninstitut in Davos zu arbeiten. Dort war ich ebenfalls die einzige Frau, aber das Klima war ein völlig anderes.
Was haben Sie dort genau gemacht?
Ich brachte mir selbst das Programmieren bei und arbeitete dann mit zwei etablierten Forschern an einem damals völlig neuen Ansatz zur numerischen Lawinenprognose. Anhand von Daten aus der Vergangenheit versuchte ich zu bestimmen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Lawine an bestimmten Hängen ist. Bis heute bin ich stolz darauf, dass das Modell Jahrzehnte lang auch international eingesetzt wurde. Später ging ich zur Swissair, wo ich die erste Phase der Digitalisierung begleitete. Die Arbeitsplätze wurden mit Computern ausgestattet und Arbeitsabläufe digitalisiert. Parallel dazu nahm ich mein Studium wieder auf.
Was hat Sie dazu bewogen, doch weiterzustudieren?
Ich war intellektuell nicht ausgelastet und wollte das abgebrochene Studium auch nicht so stehen lassen. Bei der Swissair bekam ich zudem eine Leitungsfunktion – und merkte, dass ich keinen blassen Schimmer von Betriebswirtschaftslehre oder Buchhaltung hatte.
Legten Sie deshalb noch ein Wirtschaftsstudium in St. Gallen obendrauf?
Ja, ursprünglich wollte ich Management studieren, wechselte dann aber nach drei Wochen zur Volkswirtschaftslehre. Die wirtschaftlichen Zusammenhänge in Politik und Gesellschaft fand ich viel interessanter. In St. Gallen hatte ich Glück und bekam gleich eine Stelle als Mathematikerin. So konnte ich diesen Teil meiner Ausbildung selbst bezahlen.
Haben Ihre Eltern Sie während des Studiums denn gar nicht unterstützt?
Nur im ersten Jahr, danach finanzierte ich mich weitgehend selbst. Fast jeden Abend arbeitete ich als Englischlehrerin in der Migros-Klubschule, später kamen Ferienablösungen von Gymilehrern hinzu. Das war manchmal sehr anstrengend. Doch ich wollte unbedingt finanziell unabhängig sein.
Wer eine akademische Karriere anpeilt, muss über lange Zeit mit viel Unsicherheit klarkommen, weil Dozierende oft nur befristete Verträge erhalten. War das bei Ihnen auch so?
Ja. Zehn Jahre lang war es zudem finanziell sehr knapp. In Holland etwa verdiente ich als Assistenzprofessorin umgerechnet weniger als 3000 Franken. Erst als ich in Lausanne eine ordentliche Professur bekam, waren die Geldsorgen vorbei.
Eine Professorenstelle zu ergattern, war für Frauen lange Zeit nur schwer erreichbar. Sind Sie an die berühmte gläserne Decke gestossen?
Anfangs schon. Doch zum Glück hatte ich gute männliche Fürsprecher, die mich unterstützten. Zudem arbeitete ich lange im Ausland. Im angelsächsischen Raum ist man mit der Gleichstellung deutlich weiter als in der Schweiz. Schwierig für mich war, dass es damals kaum weibliche Rollenvorbilder gab, erst recht keine, die neben der Karriere auch noch eine Familie hatten.
Ihr Mann ist ebenfalls Professor. Wie haben Sie es geschafft, beide in einem so kompetitiven Umfeld zu arbeiten und trotzdem Kinder grosszuziehen?
Als die Kinder klein waren, schaltete mein Mann einen Gang zurück und reduzierte auf 80 Prozent. Das war riskant. Seine Karriere bekam durch die Familie den grösseren «Hick» als meine. Wir taten uns zusammen mit meiner alleinerziehenden, ebenfalls Vollzeit arbeitenden Schwester. Es war zwar sehr anstrengend, aber meist funktionierten wir in unseren eingespielten Routinen ziemlich gut. Doch es gab auch Zeiten, in denen wir an unsere Grenzen stiessen. Der Jüngere hatte als Baby Meningitis. Wir wussten nicht, ob er überlebt, oder ob sein Gehirn Schaden nimmt. Das war richtig schlimm. Zum Glück ist es gut herausgekommen.
Welchen Preis haben Sie für Ihre Karriere bezahlt? Gibt es Dinge, die zu kurz gekommen sind?
Zehn Jahre lang konnte ich absolut nichts für mich selbst tun. Da gab es nur die Familie und den Beruf. Manchmal ging ich rudern, damit mein Rücken nicht ganz kaputt geht, doch das tat ich eigentlich auch nur, um besser zu funktionieren. Meine Hobbys wie Musik oder Nähen lagen lange auf Eis. Trotzdem würde ich alles wieder genauso machen.
Heute sind Ihre Söhne 21 und 23 Jahre alt. Wohnen sie noch zu Hause?
Ja, solange sie noch studieren, ist das eine gute Lösung. Mit Hotel Mama hat es allerdings nichts zu tun. Seit vier Jahren waschen sie selbst und kochen für die Familie. Als ich gestern nach Hause kam, war alles picobello aufgeräumt. Oft ist auch die Freundin des Jüngeren hier. Wir sind wie eine gut funktionierende WG.

«Wer studiert, zahlt erst sehr spät in die AHV ein. Das ist doch nicht gerecht!»
Eines Ihrer Fachgebiete ist die Finanzierung der Sozialversicherungen. Machen Sie sich manchmal Sorgen, dass Ihre Söhne keine anständige Rente mehr bekommen werden?
Es führt kein Weg daran vorbei, dass wir über Änderungen bei der AHV nachdenken. Sonst bezahlen in unserer immer älter werdenden Gesellschaft tatsächlich die Jungen die Rechnung.
Früher waren es vier Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die die AHV eines Rentners finanzierten. Heute sind es drei, und bald werden es nur noch zwei sein.
Wenn man es richtig durchrechnet, sind es schon heute nur noch zwei. Das liegt auch daran, dass die Ausbildungen immer länger dauern und die Leute später in den Arbeitsmarkt eintreten. Dass man hierzulande erst mit 27, 28 Jahren das Studium beendet, ist im internationalen Vergleich sehr spät – vermutlich ein Wohlstandseffekt. Man lässt sich mehr Zeit, weil man es sich leisten kann.
Was schlagen Sie vor? Das Rentenalter erhöhen?
Das wäre eine Möglichkeit. Eine andere wäre, eine Mindestbeitragsdauer zu definieren. Wer eine Lehre macht, zahlt schon als Teenager in die AHV ein, wer studiert, erst zehn Jahre später. Das ist doch nicht gerecht! Wenn alle 44 Jahre lang einzahlen müssten und die Studienjahre nicht mehr als Beitragsjahre angerechnet würden, dann dürfte der Bauarbeiter mit dem kaputten Rücken oder die erschöpfte Verkäuferin weiterhin mit Anfang oder Mitte 60 in Rente gehen. Die Akademiker, die meist die körperlich weniger herausfordernden Jobs haben, könnten erst mit Anfang 70 AHV beziehen.
Wer mit 60 seine Stelle verliert, findet doch heute schon kaum eine neue.
Das ist in der Tat ein Problem. Ältere Arbeitnehmer sind für den Arbeitgeber oft zu teuer. Das betrifft nicht nur die PK-Beiträge, sondern auch die Prämien der Krankentaggeldversicherung, die mit dem Alter stark ansteigen. Wenn wir diese Kosten nicht senken können, werden die Betriebe kaum ältere Menschen einstellen, selbst, wenn sie top sind. Eigentlich bin ich sehr liberal eingestellt und finde, der Staat sollte sich möglichst raushalten. Doch hier braucht es meiner Meinung nach staatliche Unterstützung. Ohne diesen Support können wir ältere Menschen kaum im Arbeitsmarkt halten.
Zur Person
- Monika Bütler (64) war bis 2020 Professorin für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen.
- Seit ihrem Rücktritt ist sie selbständig tätig und engagiert sich für das Unternehmertum in der Schweiz. Sie ist Verwaltungsrätin bei Huber + Suhner, der Schindler Holding und Swiss Life sowie Vizepräsidentin der Gebert-Rüf-Innovationsstiftung.
- Während der Pandemie war sie Vizepräsidentin der Schweizerischen Covid-Taskforce.
- Sie lebt mit ihrem Mann, dem Bankenprofessor Urs Birchler, und den beiden Söhnen in Zürich.