Die Generation Protest
Sie kleben sich auf Strassen, besprühen Fassaden und treten in den Hungerstreik: Aktivisten. Doch welche Rolle spielt eigentlich die Grosseltern-Generation beim Kampf für eine andere Gesellschaft? Unterwegs mit drei Aktivisten über 60.
Text: Maximilian Jacobi
Teil 1: Die Aktivistin
Silvia Horrer riskiert viel, vielleicht alles.
Ihren Ruf: Seit die 62-Jährige jeden Tag hier an der Dorfstrasse in Niederbipp BE im Liegestuhl liegt, reglos wie eine Puppe, unter Transparenten, die an Zaun und Baugerüst hängen, lästern Leute im Dorf über «die Verrückte».

Ihr Geld: Sie streitet vor Gerichten gegen einen der grössten Gemüseproduzenten der Schweiz und gegen die Gemeinde Niederbipp, und sagt, sie sei bereit, bis vor Bundesgericht zu ziehen.
Ihre Gesundheit: Es ist der 8. März 2026, sie hungert schon seit 15 Tagen, trinkt nur noch Wasser, Tee, Bouillon, Elektrolyte und Vitamine, um Organschäden vorzubeugen.
Es begann mit ihrer Pensionierung. Sie hatte Zeit, verbrachte sie in ihrem Garten. Da sei ihr aufgefallen, dass weder Schnecken, Fliegen oder Mäuse in Erde, Büschen und Rasen lebten. «Als wir letzten Sommer die Fenster offenliessen, flog nicht eine Mücke rein.» Sie begann, das Feld neben ihrem Garten zu beobachten. Sie filmte die Traktoren des Gemüseproduzenten beim Spritzen von Dünger und Pestiziden, führte Protokoll über die Bewässerung. Laut Horrer missachtet der Betrieb Gesetze und Grenzwerte.
Aktivismus braucht viel Zeit
Weder Gemeinde noch Firma gingen auf ihre Beschwerden ein, Vermittlungsversuche eines Anwalts scheiterten. Da trat sie in den Hungerstreik. Sie, die nie Kontakt zu Umweltorganisationen gehabt, nie eine Initiative unterzeichnet, nie gewählt habe, weil «die eh machen, was sie wollen».
«Ich hoffe, dass ich etwas bewirke», sagt sie im Liegestuhl. Es riecht nach den Abgasen der Autos, Lastwagen und Motorräder, die auf der Strasse vorbeirollen. Auf einem ihrer Transparente steht: «Lieber verhungere ich, als weiter vergiftet zu werden!» «Wenn ich Unrecht sehe, muss ich handeln», sagt sie, so sei sie eben. «Gstuelet» habe sie schon lang nicht mehr.
Silvia Horrer, eine Aktivistin wie sie im Buche steht. Genauer, wie sie der Philosoph Karl Popper in einem Buch einst etwas verschwurbelt definierte: «Die Neigung zur Aktivität und die Abneigung gegen jede Haltung des passiven Hinnehmens kann man Aktivismus nennen.» Anders gesagt: Silvia Horrer kann nicht nichts tun. Doch trotz ihrer «Neigung zur Aktivität» wurde sie erst mit 62 Jahren aktiv – als die Kinder aus dem Haus waren und sie aus der Firma ihres Mannes ausgetreten war. Wer etwas verändern möchte, braucht dafür zunächst einmal Zeit.
Was die Frage aufwirft: Welche Rolle spielen eigentlich Pensionierte beim Kampf für eine andere Gesellschaft?
Teil 2: Die Aktion

Daniel Widler bindet roten Faden um einen Baum, rollt das Wollknäuel ab und zieht den Faden die Strasse entlang. Mit dem Schnauz und seiner quirligen Art erinnert der 71-Jährige an Asterix, nur in grau statt blond. Und statt Römern bekämpft er Klimawandel und Umweltverschmutzung. Widler trat Greenpeace schon vor Jahrzehnten bei, als er noch als Softwareingenieur arbeitete. Doch damals war die Zeit knapp. Aktivist wurde er erst als Pensionär, vor vier Jahren.
Alle hundert Meter wickelt Widler an diesem Samstag im März 2026 den Faden um ein Strassenschild oder eine Laterne, gemeinsam mit drei jungen Frauen, einem Mann und einem Dalmatiner. Alle standen sie heute früh auf, um hier dabei zu sein.
Die «Gruppe 10» rollt Knäuel um Knäuel ab, knotet deren Enden aneinander, über eine Strecke von drei Kilometern, von Oberentfelden AG nach Kölliken AG, entlang an Bauernhöfen, Gartenzäunen, Feldern und einem Bach. 14 weitere Gruppen entrollen woanders gerade ebenfalls Wolle, bis alle Fäden miteinander verbunden sind. Am Ende soll so ein Kreis entstehen, mit einem Radius von fünf Kilometern rund um das Atomkraftwerk Gösgen, weil dessen Strahlung die Bevölkerung bedrohe und dessen radioaktiver Abfall die Umwelt belaste.

Über der Aktion schwebt ein Hauch Ironie. Weil Gösgen gerade stillsteht. Weil der rote Faden das Gebiet markieren soll, das bei einer Kernschmelze verseucht würde, dieses Gebiet aber viel grösser wäre, zu gross, um es an einem Tag mit 50 Aktivisten zu umspannen. Und weil ausgerechnet Daniel Widlers Vater einst als Ingenieur den Bau des ersten Schweizer Atomkraftwerks mitplante. Selbst Widler arbeitete mit 28 in Beznau, wo er in den Semesterferien im Büro aushalf. Doch das war vor 1986, vor Tschernobyl. «Das änderte damals meine Meinung», sagt Widler, mittlerweile Leiter der Greenpeace-Gruppe Zentralschweiz.
Was bringt Aktivismus?
Heute stecken in seinem Rucksack Flyer, auf denen «Atomkraft? Nie wieder!» steht und die vor den «katastrophalen Folgen» warnen, die ein Reaktorunfall in der Schweiz hätte. Die «Gruppe 10» soll sie an interessierte Passanten verteilen. Aber auf den Feldwegen sind nur wenige Spaziergänger unterwegs. Die meisten beäugen die Gruppe kurz, erwidern das «Grüezi» und gehen rasch an ihr vorbei. Und der rote Faden ist so dünn, dass man ihn kaum sieht im Gras am Wegrand.

Publikum gibt es erst später, in Olten. Auf dem Munzingerplatz spielt der finale Akt der Anti-AKW-Aktion. Zwischen Stadtkirche und McDonald’s werden die letzten beiden Enden des roten Fadens verknotet. Die Aktivistinnen und Aktivisten der verschiedenen Gruppen sammeln sich um einen Tisch mit veganen Sandwiches. Widler schüttelt Hände, Leute drücken seine Schulter, es geht zu wie bei einem Klassentreffen.
«Kennen wir uns nicht aus Interlaken?», fragt ein Aktivist.
«Nein, aus Chur, von der Aktion mit dem Atomfass», sagt Widler.
Widler bezeichnet Greenpeace als «kleines Zuhause». Der Kontakt mit Menschen tue ihm sehr gut. Doch Aktivismus mache er vor allem wegen der Umwelt. Das Soziale sei ein angenehmer Nebeneffekt.
Auf vielen Köpfen, die sich hier auf dem Munzingerplatz zunicken, wachsen graue Haare. Greenpeace schreibt später, dass überdurchschnittlich viele Menschen über 60 an der Aktion teilnehmen: «Ältere Menschen lassen sich stark durch das Atom-Thema engagieren.» Insgesamt seien rund ein Drittel der aktiven Greenpeace-Mitglieder 60 Jahre alt oder älter. Genaue Zahlen zum Alter ihrer Aktivisten fehlen der Umweltorganisation jedoch.
Es ist schwierig, Handfestes über die Rolle der Grosseltern-Generation in Protestbewegungen zu erfahren. Laut Freiwilligen-Monitor Schweiz engagierten sich 2025 71 Prozent aller Menschen über 65 freiwillig – mehr als in jeder anderen Altersgruppe. Drei Viertel der Ü65er taten das in wohltätigen Organisationen, Vereinen oder Kirchen. In Umwelt-, Tierschutz- und Menschenrechtsorganisationen waren es sechs Prozent.

Widler und die Leute um den Tisch mit den Sandwiches verstummen, als eine Rednerin ans Pult tritt. Sie spricht von einer fiktiven Kernschmelze, die das Mittelland verseuchte. Neben ihr ziehen drei Aktivisten die Plane von einer roten Skulptur, einem Eisvogel; er steht für die verstrahlten und ausgerotteten Tiere. Dazu spielt ein bärtiger Mann Dudelsack. Die Aktivistinnen und Aktivisten wiegen sich in den Klängen, entzünden Grabkerzen, stellen sie vor den Sockel des Eisvogels. Passanten sehen zu, bekommen Flyer in die Hand gedrückt.
Als die letzte Luft aus dem Dudelsack entweicht, gehen die Zuschauenden weiter, strömen zum Dönerladen, in den McDonald’s oder die Shoppingstrasse entlang. «Das war ein Riesenerfolg», ruft ein Aktivist den anderen zu. Im Bahnhof Olten liegen später Anti-AKW-Flyer auf den Perrons.
«Ich frage mich oft, was wir mit solchen Aktionen erreichen», sagt Widler. Es sei schon viel, wenn Menschen sich fragen: «Was tun die da? Und warum?» Er ist überzeugt: Aktionen wie die mit dem roten Faden bewirken mehr in den Köpfen, als man denkt.
Teil 3: Auswirkungen
Dass Renate Muntwyler vorbestraft ist, fällt schwer zu glauben. Sie ist eins sechzig gross, trägt einen braunen Bob, hat braune Augen, dunklen Teint, und alles an ihr wirkt so weich und rund wie die veganen Schoko-Muffins, die sie für heute gebacken hat. Die 66-Jährige steht in einer Gasse im Zürcher Niederdorf hinter einem Klapptisch, reicht Gebäck und Kombucha an Aktivistinnen und Aktivisten. Heute, an diesem Montag im Juli 2026, ist Muntwyler eine Ameise. So nennt sie es, wenn sie die Protestierenden an Aktionen verpflegt. Früher war sie meist noch Käfer, blockierte Strassen, besprühte Bank-Fassaden, drang in Hauptsitze vom Ölmultis ein. Doch damit ist vorerst Schluss. Muntwyler hält still.

Lebendiger als Kaffeefahrten
Weshalb, erklärt sie, nachdem sie die Muffins verteilt hat, auf einem Spaziergang entlang dem Zürichsee, zum General-Guisan-Quai 40, dem Hauptsitz des Versicherungskonzerns Swiss Life. «100 Jahre» schrieb sie auf dessen Fassade im Dezember 2023, in orangen Riesenlettern, weil der Konzern beim aktuellen Tempo so lange brauche, um seine Immobilien klimafreundlich zu isolieren. Die Polizei verhaftete Muntwyler und ihren Kollegen.
«Grobi Sieche» seien darunter gewesen, sie hätten der damals 63-Jährigen die Arme auf den Rücken gefesselt, sie befragt und einen Tag in Untersuchungshaft gesteckt. Die Zürcher Staatsanwaltschaft verurteilte sie 2024 wegen Sachbeschädigung zu einer Geldstrafe von 3250 Franken, die sie zahlen muss, sofern sie wieder eine Straftat begeht.
Als sie jetzt auf der anderen Strassenseite steht und zur blitzblanken Fassade der Swiss Life blickt, lächelt sie zufrieden. Wie immer bei Aktionen habe sie damals die zwei Nächte davor wach gelegen, mehr aus Aufregung als Angst. Auch wenn es nur das Besprühen von Beton ist – es gibt Muntwyler das Gefühl, ihr Möglichstes gegen den Klimawandel zu tun. Was habe sie in ihrem Alter noch zu verlieren? «Das hält mich lebendiger als Kaffeefahrten.»
Schon als junge Frau in den Achtzigern war sie aktiv, demonstrierte für Frauenrechte, gegen Atomkraft und Kalten Krieg. Ohne genug Wirkung, wie sie fand. «Gut, Menschheit, selber schuld», dachte sie, zog ins Appenzell, wo ihr die Welt noch in Ordnung schien und sie ihre drei Kinder grosszog. Dann kamen Greta Thunberg und «Fridays for Future». «Das entfachte mein Feuer wieder», kurz vor der Pension. Doch sie hatte schnell genug davon, jungen Demonstrierenden zu erklären, dass auch «die Alten» schon gegen die Zerstörung der Umwelt gekämpft hätten. Überhaupt hatte sie genug von Demonstrationen. «Die Klimakatastrophe lässt sich – wenn überhaupt – nur noch durch Konfrontation verhindern», sagt Muntwyler. «Gewaltlose», schiebt sie nach.

Der Sohn wollte sie stoppen
Also trat sie «Act now!» bei. Damals hiess die Organisation noch «Renovate Switzerland». Deren Medienstelle schätzt, dass rund ein Fünftel der Mitglieder 60 Jahre oder älter ist. Kaum ein anderer Verbund von Klima-Aktivistinnen und -Aktivisten sorgte in der Schweiz für so viel Aufmerksamkeit wie sie. Im Mai 2023 blockierten sie an Pfingsten und Auffahrt den Gotthardtunnel. «Die Gesellschaft wach rütteln», nennt Muntwyler das. Sie war bei der Blockade an Auffahrt Marienkäfer, verteilte Flyer und sprach mit den Wartenden in den Autos. Ihr ältester Sohn hatte sie noch davon abbringen wollen. Er fürchtete, jemand könnte sie aus Wut überfahren. Wer wird schon gerne wach gerüttelt?
Mittlerweile wird Renate Muntwyler selbst etwas müde. An ihrer Zuversicht nagen die Vorstrafen, die Weltlage, am meisten jedoch der fehlende Nachwuchs bei «Act Now!». Sie will weiter spenden, künftig aber an weniger Aktionen teilnehmen. Es ist wie damals in den Achtzigern: Muntwyler gibt zu viel, die Welt ändert sich zu wenig.
Spätfolgen von 1968
Dass alte Menschen die Welt durchaus verändern können, dafür sind die Klimaseniorinnen aktuell das beste Beispiel. Frauen über 64 gründeten den Verein 2016, mit dem Ziel, den Bundesrat zu verklagen, weil seine Klimapolitik so nachlässig sei, dass er damit Menschenrecht verletze: Artikel 3, Recht auf Leben.
Die Bewegung setzte auf eine Gruppe, welcher der Klimawandel besonders zusetzt: In keiner Bevölkerungsgruppe fordern Hitzewellen so viele Tote wie unter alten Frauen. Doch Schweizer Gerichte wiesen die Klage ab. Die Klimaseniorinnen zogen bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg. 2024 gab er ihnen recht: Klimaschutz ist Menschenrecht.
«Aktionen und Demos gehören heute zum Stil sozialer Bewegungen», sagt Elisabeth Joris, Mitgründerin der Klimaseniorinnen. Sie befasste sich insbesondere mit der Frauenrechtsbewegung, als Aktivistin sowie als Historikerin. Die 68er-Bewegung prägte die Zwanziger der heute 80-Jährigen. Laut Joris entstand damals eine neue Protestkultur, die bis heute fortlebt. «Dadurch sind in meiner Generation vielleicht die ersten Alten, die auf allen Ebenen aktiv sind.» In Institutionen und auf der Strasse.
An die Wirkung von Aktivismus glaubt die Frauenrechtlerin und Klimaseniorin nach wie vor, obwohl laut Studien 2025 mehr Kohlenstoffdioxid ausgestossen wurde als je zuvor. Ihre Lebensgeschichte zeige, dass gesellschaftlicher Wandel möglich sei. Joris wurde 1946 im Wallis geboren und konnte als Mädchen noch keine Matur machen. Was damals unmöglich war, ist heute selbstverständlich.
Der Kampf geht weiter
Auch Daniel Widler glaubt an Wandel, wenn auch nicht allein durch Aktionen bei Greenpeace. Vor vier Jahren kaufte er eine Aktie der Zurich Insurance Group, einer der weltweit grössten Versicherungen. Er ging an Aktionärsversammlungen und fragte immer wieder, warum der Konzern noch immer Pipelines und Ölplattformen versichere. Aufgrund öffentlichen Drucks verkündete die Zurich 2024, keine neuen Öl- und Gasprojekte mehr zu versichern.
53 Tage hungerte Silvia Horrer an der Hauptstrasse in Niederbipp. Kraft dazu gaben ihr Begegnungen, wie die mit dem Mädchen, das sich bei Horrer für den Einsatz bedankte und ihr ein Armband aus Glasperlen schenkte. Die 62-Jährige verlor fast 20 Kilo, bis es sie ständig schwindelte, Arme und Beine schmerzten, sie sich kaum mehr bewegen mochte und eine Freundin sie bat, endlich zu essen. Horrer lenkte ein. Die Freundin kochte ihr Haferschleimsuppe, die erste in Horrers Leben. Drei Tage lang ass sie nur die Suppe, obwohl sie «nach nichts schmeckte». Der Magen musste sich erst wieder an feste Nahrung gewöhnen.
Der Prozess gegen die Gemüsefirma läuft noch. Beim Berner Regierungsstatthalteramt hat Horrer Beschwerde gegen die Gemeinde Niederbipp eingereicht, weil die Behörden ihr verboten, vor dem Gemeindehaus zu protestieren. Auch diese Entscheidung steht noch aus. Silvia Horrer gibt sich gewiss, dass ihr dieses Recht gewährt werden muss.
Wenn es so weit ist, will sie vor das Gemeindehaus ziehen, auf öffentlichen Boden, und erneut in den Hungerstreik treten. Gegen den Einsatz von Pestiziden. Für die Zukunft ihrer drei Enkel. Für das Mädchen, das ihr das Armband schenkte. Silvia Horrer kann nicht nichts tun.
Das Thema interessiert Sie?
Werden Sie Abonnent/in der Zeitlupe.
Neben den Print-Ausgaben der Zeitlupe erhalten Sie Zugang zu sämtlichen Online-Inhalten von zeitlupe.ch, können sich alle Magazin-Artikel mit Hördateien vorlesen lassen und erhalten Zugang zur Online-Community «Treffpunkt».