Jeder zehnte Erwachsene ist von einer chronischen Nierenkrankheit betroffen. Das Tückische daran: Viele ahnen nichts davon.
Text: Martina Novak
Rahel Pfammatter, Leitende Ärztin Nephrologie und Innere Medizin sowie Leiterin der Dialysestation im Spital Muri AG
Ab dem 40. Lebensjahr geht es mit den Nieren bergab. Das ist an sich kein Grund zur Sorge. «Mit zunehmendem Alter ist es normal, dass die Nierenfunktion auch bei gesunden Menschen leicht abnimmt. Ihre Struktur verändert sich und sie werden weniger leistungsfähig», sagt Rahel Pfammatter, Leitende Ärztin Nephrologie und Innere Medizin sowie Leiterin der Dialysestation im Spital Muri AG.
Nach 40 wird eine jährliche Abnahme der Filterfunktion um etwa 0,2–1 Prozent als normal angesehen. Eine sechzigjährige Person hat somit eine theoretische Nierenfunktion von noch 80 Prozent. Sofern diese Person über zwei Nieren verfügt und keine anderen Erkrankungen vorliegen, die die Nierenleistung beeinträchtigen können, sollte das Organ seine wichtigen Aufgaben erfüllen können: Urin produzieren, das Blut von Abfallprodukten und Giftstoffen reinigen, den Blutdruck sowie wichtige Stoffwechselprozesse (Säure-Basen-Haushalt, Wasser- und Salzhaushalt) regulieren und durch die Produktion von Erythropoetin die Blutbildung sowie über die Aktivierung von Vitamin D den Knochenstoffwechsel unterstützen.
Da die Nierenfunktion altersbedingt allmählich abnimmt, steigt die Wahrscheinlichkeit für eine Funktionseinschränkung im späteren Leben stark an. Kommen Risikofaktoren wie Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht oder Rauchen dazu, verschlechtert sich die Funktion der Nieren um mehr als ein Prozent pro Jahr. Tatsache ist: «Rund zehn Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind weltweit und in der Schweiz von einer chronischen Nierenkrankheit betroffen, wobei über zwei Drittel undiagnostiziert bleiben», erklärt die Spezialistin für Nierenheilkunde.
Oft hat man lange keine Schmerzen
Aber längst nicht alle sind nierenkrank. Für die Betroffenen ist vermeintlich positiv, dass sie häufig nichts merken. Eine eingeschränkte Nierenfunktion verursacht keine Schmerzen und ist für den Laien auch nicht als solche erkennbar.
Genau das ist aber tückisch: Ohne präventive Massnahmen und aktives Vermeiden von Risiken kann sich eine chronische Nierenkrankheit entwickeln, die fatale Auswirkungen auf die Gesundheit des gesamten Körpers hat und meistens nicht mehr heilbar ist.
Treten spürbare Beschwerden auf, ist die chronische Nierenerkrankung oft schon fortgeschritten. Umso wichtiger ist es, von sich aus an die Nieren zu denken und ihnen Gutes zu tun. Mit einem gesünderen Lebensstil lassen sich schliesslich andere Organe wie Herz oder Lungen positiv beeinflussen. Warum also nicht auch an die Nieren denken?
Symptome sollten nicht verharmlos werden
Das Bewusstsein für die Nierengesundheit setzt eine verfeinerte Wahrnehmung voraus – der Betroffenen oder auch ihres Umfelds. Zum Beispiel gehört dazu, dass man den eigenen Blutdruck regelmässig misst oder messen lässt. Denn genauso, wie eine eingeschränkte Nierenfunktion einen hohen Blutdruck bewirken kann, ist umgekehrt Bluthochdruck riskant für die Nieren.
«Erste Warnsignale wie Müdigkeit und Leistungsabfall sind oft unspezifisch. Kommen Ödeme, also Schwellungen an Beinen oder um die Augen hinzu und wird plötzlich weniger Urin ausgeschieden, sollte man zum Arzt gehen», sagt Rahel Pfammatter.
Die Wasseransammlung im Körper kann eine Folge davon sein, dass der Salz- und Wasserhaushalt aus der Balance geraten ist. Ein weiteres Merkmal sei schäumender Urin, der auf einen Eiweissverlust durch Nierenschäden hinweist. «Dieses Symptom wird mir von gewissen Patientinnen und Patienten häufig genannt», bestätigt die Ärztin.
Wer solche Symptome bemerkt oder zu einer Risikogruppe gehört, sollte mit Hausärztin oder Hausarzt darüber sprechen. Ob die Nierenfunktion beeinträchtigt ist und eventuell bereits eine chronische Nierenkrankheit vorliegt, lässt sich mittels zweier Labortests überprüfen: Der Urintest misst das Verhältnis von Albumin (Eiweiss) und Kreatinin. Weist der Urin eine erhöhte Menge an Eiweiss auf, kann das ein Hinweis auf eine Nierenerkrankung sein. Der Bluttest gibt Aufschluss über die Filtrationsleistung der Nieren, das heisst, wie gut die Nieren das Blut reinigen.
Bei auffälligen Resultaten können weitere Abklärungen notwendig sein – etwa eine Nierengewebeprobe oder eine Ultraschalluntersuchung der Nieren und ableitenden Harnwege. Die bildgebende Untersuchung zeigt, ob der Urin abfliesst oder eine Stauung der Nieren entsteht, und auch, ob die Nieren normal gross sind und es zwei davon gibt.
Die chronische Nierenkrankheit wird in fünf Filtrations-Kategorien und drei Stadien der Eiweissausscheidung im Urin eingeteilt, von normal bis Nierenversagen. Dazwischen ist die Funktion geringfügig bis stark vermindert. Schlecht funktionierende Nieren wirken sich negativ auf das Herz-Kreislauf-System, die Infektanfälligkeit, die Knochengesundheit oder die Gehirnfunktion aus. Sie beeinflussen auch das Wohlbefinden, die Leistungsfähigkeit und die Geschwindigkeit des Alterns. Der Schweregrad und der persönliche Anspruch an die Lebensqualität sind massgebend für die Therapie. Diese sollte individuell angeschaut und entschieden werden. Bereits Veränderungen des Lebensstils können viel bewirken.
Die medikamentöse Therapie der Ursachen stellt die nächste Stufe dar. In manchen Fällen helfe bereits ein Medikament gegen Bluthochdruck, um die Nierenfunktion zu stabilisieren, sagt Rahel Pfammatter. «Man kann es sich so vorstellen: Sinkt der Blutdruck, vermindert sich der Druck in den Nierenkörperchen und es wird auch weniger Eiweiss in den Urin ausgeschieden.» Auch der erhöhte Blutzucker bei Diabetikerinnen und Diabetikern führt zum Ausscheiden von Eiweiss in den Urin, weswegen der Blutzucker gut eingestellt und regelmässig kontrolliert werden muss.
Medikamente zur Behandlung der chronischen Nierenerkrankung können viel bewirken – aber nicht alles heilen. Im fortgeschrittenen Stadium ist oft ein ganzer «Cocktail» nötig – gegen Bluthochdruck, gegen Blutzucker, für den Säure-Basen-Haushalt, für die Knochengesundheit. Vielversprechend seien die SGLT2-Hemmer. Sie fördern die Zuckerausscheidung im Urin und haben einen guten Einfluss auf die Nierengesundheit, das Herz und die Zuckerkrankheit. Auch die Abnehmspritze bei Adipositas habe einen günstigen Effekt auf die Erhaltung der Nierenfunktion.
Verschiedene Wege für die Lebensqualität
Durch eine intensive Betreuung kann das Fortschreiten der chronischen Nierenkrankheit verlangsamt werden. Im Gegensatz zum akuten Nierenversagen, das zum Beispiel durch einen starken Flüssigkeitsverlust innerhalb von Stunden oder Tagen aufritt und ohne rechtzeitige Behandlung lebensbedrohlich wird, entwickelt sich das chronische Nierenversagen schleichend über Jahre. Die Nieren verlieren dauerhaft an Leistungsfähigkeit.
In fortgeschrittenen Stadien, wenn die Nierenfunktion weniger als zehn Prozent beträgt, wird eine Dialyse zur Blutreinigung oder eine Nierentransplantation erforderlich. Für betagte Patienten könne aber auch der Weg ohne Dialyse stimmig sein, um die Lebensqualität zu erhalten, sagt Pfammatter. Ältere Menschen mit einer deutlich eingeschränkten Nierenfunktion sollten deshalb durch spezialisierte Arztpersonen mitbetreut werden.
Infos
Die Schweizerische Nierenstiftung «Swiss Kidney Foundation» vertreibt eine ausführliche
Infobroschüre: «Nierenfunktion bewahren – auch bei Nierenkrankheit». Sie kann über Telefon
031 711 24 61 oder per Mail an sekretariat@nierenstiftung.ch bestellt werden.
So tragen Sie der Gesundheit Ihrer Nieren Sorge
Bewegen Sie sich ausreichend.
Essen Sie ausgewogen und gesund – mediterrane Ernährung, nicht zu salz- und eiweissreich, aber doch genügend Eiweiss für den Erhalt der Muskulatur.
Vermeiden Sie Risikofaktoren wie Rauchen und Übergewicht: Rauchen beschleunigt die Verkalkung der Blutgefässe, Übergewicht erhöht das Risiko für Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) und Bluthochdruck.
Grundkrankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus oder Herz-Kreislauf-Krankheiten sollten Sie kontrollieren und behandeln.
Messen Sie regelmässig Ihren Blutdruck – ein ungewohnter Anstieg kann auf Nierenprobleme hinweisen.
Schmerzmittel – auch frei verkäufliche Rheumamittel wie Ibuprofen oder Diclofenac – sollten so selten wie möglich eingenommen werden, denn diese führen zu einer Minderdurchblutung der Nieren. Gewisse Antibiotika und Pilzmittel sind ebenfalls schädlich für die Nieren.
Trinken Sie ausreichend – ein bis zwei Liter pro Tag je nach Temperatur und Aktivität.
Meiden Sie Hitze, weil der Flüssigkeitsverlust durchs Schwitzen riskant ist.
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