Die jahrhundertealten Bewegungs-, Meditations- und Atemtechniken aus dem fernen Osten verbessern die Körperwahrnehmung und stärken die Lebensenergie. Ob in China oder in Chur – die sanften und kräftigenden Übungen sind eine Wohltat für Körper, Geist und Seele.
Text: Annegret Honegger
Ein Zug rattert vorbei, die Sirene einer Ambulanz heult, eine Baustelle lärmt, jemand entsorgt Altglas in der Nähe. Trotzdem liegt über der Turnerwiese in Chur eine Art fernöstliche Ruhe. Pia Graf übt wie jeden Dienstag mit ihrer Gruppe «Qi Gong im Freien». Noch liegt morgendliche Kühle in der Luft, das Gras ist feucht. Wie Blumen leuchten die Jacken der Teilnehmerinnen auf der grünen Wiese.
Mitten in der Stadt und doch in der Natur: Viele geniessen das Outdoor-Training im Sommerhalbjahr besonders. Mal neben dem blühenden Holunderbaum, mal in der warmen Sommersonne, mal bei herbstlichen Winden, die den baldigen Umzug in den Gymnastikraum fürs Winterhalbjahr ankünden.
«Kommt zuerst auf der Wiese an – und bei euch selbst», begrüsst Pia Graf alle im Kreis. Mit den Fingerspitzen klopfend wird der Körper geweckt, vom Scheitel bis hinunter zu den Füssen. Schultern, Becken, Knie und Handgelenke kreisen, die Hände werden geschüttelt, die Arme geschwungen. Ein sanftes Aufwärmen und Mobilisieren.
Die Energie soll frei fliessen
Qi Gong aktiviert das Qi, die Lebensenergie, die gemäss traditioneller chinesischer Medizin über Leitbahnen durch den ganzen Körper fliesst. Bewegt sich diese frei und ungehindert entlang dieser Meridiane, fühlen wir uns wohl und gesund. Bestehen Blockaden, können diese zu Beschwerden und Krankheiten führen.
Pia Grafs Lektion folgt den Jahreszeiten, die in der östlichen Medizin bestimmten Organen und Meridianen zugeordnet sind. So unterstützen etwa Frühlingsübungen Leber und Gallenblase, Sommerübungen Herz und Dünndarm. Sie tragen poetische Namen wie «Den Regenbogen schwenken», «Himmel und Erde verbinden», «Rudern im See» oder «Wolkentore öffnen».
Die Kursleiterin zeigt alle Übungen vor, erklärt und begleitet sie sorgfältig, sodass auch Neulinge leicht folgen können. Die Bewegungen sind langsam, fliessend, ruhig und kraftvoll zugleich. Unterstützt durch bewusstes Atmen können sich Verspannungen lösen. Gleichgewicht und Koordination verbessern sich ebenso wie Haltung und Körperwahrnehmung. Viele Übungen kann man auch im Sitzen ausführen, weshalb einige Teilnehmerinnen ein Klappstühlchen dabeihaben.
Im Fernen Osten gehört Qi Gong, die «Arbeit mit der Lebensenergie», seit Jahrhunderten zur Gesundheitsvorsorge. Zentral ist das Zusammenwirken von Bewegung, Atem und Vorstellung. «Die Energie folgt unserer Aufmerksamkeit und fliesst, wohin wir sie lenken», sagt Pia Graf: «Vielleicht könnt ihr sie als Wärme oder als leichtes Kribbeln wahrnehmen.»
Den Alltag hinter sich lassen
Je länger man trainiere, desto besser gelinge es, dass der Alltag in den Hintergrund rücke und man ganz bei sich selbst sei. «Dass die Gedanken abschweifen, ist vor allem am Anfang aber ganz normal», sagt sie. Die Teilnehmerinnen jedenfalls sind bis zum Schluss so konzentriert dabei, dass sie kaum die Regentropfen zu spüren scheinen, die zu fallen beginnen.
«Im Qi Gong komme ich wunderbar zur Ruhe», bestätig Else am Ende der Stunde. Andere Teilnehmerinnen berichten von verbesserter Balance und Konzentration in ihrem Alltag. «Und ich bin eindeutig gelassener geworden», ergänzt Agnes, während sich Qi Gong für Christina «wie eine angenehme Massage» anfühlt, die Körper und Geist in Einklang bringe.
Pia Graf empfiehlt, einfache Übungen zur Körperwahrnehmung in den Alltag einzubauen. Gut auf beiden Füssen stehen und bewusst atmen könne man auch, während man an der Kasse ansteht oder wartet, bis das Wasser kocht. Gute Nachrichten hat sie für Sportmuffel. Für Qi Gong müsse man keineswegs eine Sportskanone sein: «Es geht nicht um Leistung, sondern um das, was in diesem Moment für jede und jeden Einzelnen möglich ist.» ![]()
© Annegret Honegger
«Qi Gong im Freien» mit Pro Senectute Graubünden
«Qi Gong im Freien» richtet sich an alle, die sich mit Achtsamkeit an der frischen Luft bewegen möchten. Die Bewegungs-, Atem- und Meditationstechniken, die sich in China über Jahrhunderte entwickelten, fördern Gesundheit und Wohlbefinden. Die Übungen werden draussen im Stehen ausgeführt, drinnen sind viele auch im Sitzen möglich.
Informationen zu Kursen und Angeboten bei Pro Senectute Graubünden: Telefon 081 300 35 35 oder Mail kurse@gr.prosenectute.ch, www.gr.prosenectute.ch
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