Bibliotheken, Gedenkstätten, Buchhandlungen, Museen, Themenwege und Cafés: Unser Land ist voller literarischer Orte. Regula Tanner, die selbst Buchhändlerin ist, hat ein Buch darüber verfasst – und stellt hier ihre sieben literarischen Lieblingsplätze vor.
Wenn sich die Bücherregale bis zur Diele erstrecken, bin ich hoffnungslos verloren. Zum Beispiel in der Library des B2 Hotels in Zürich. Die zwei B im Namen des Hotels stehen für Bookmark und Boutique, das unsichtbare dritte für Bier. Denn in diesem Gebäude braute die Familie Hürlimann während 130 Jahren das bekannte Hürlimann-Bier. Heute ist die Brauerei zu einem Hotel mit Wellnessbereich und einer Bibliothek mit Restaurant geworden. Umgeben von 33 000 antiquarischen Büchern und unter drei riesigen Kronleuchtern aus Bierflaschen kann man hier essen, trinken, lesen und plaudern. Ein Traum für bibliophile Menschen!
Zugegeben, ich bin kein Fantasyfan. Viel mehr als «Harry Potter» habe ich bis jetzt nicht geschafft. Deshalb beschloss ich, vor meinem Besuch in diesem Museum, in dem sich alles um Tolkiens Werke dreht, einen Hobbit-Film anzuschauen. Als ich vor der grünen Eingangstür stand, staunte ich nicht schlecht. Genau wie im Film! Der Gründer des Museums, Bernd Greisinger, war einst Fondsmanager, setzte sich mit 45 Jahren zur Ruhe und erfüllte sich einen Traum: die umfangreichste Sammlung über Tolkien zu erstellen. Diese präsentiert er auf Führungen mit grosser Begeisterung. Viel Zeit – und auch Verpflegung – mitbringen.
Greisinger Museum, Verduonig 2b, 7307 Jenins, www.greisinger.museum, Nur mit Führung!
Man muss sie einfach einmal im Leben gesehen haben: die Stiftsbibliothek St. Gallen. Sie ist nicht nur eine der schönsten, sondern gehört auch zu den historisch bedeutendsten und ältesten Bibliotheken, die heute noch bestehen. Ihre Anfänge führen zurück zum heiligen Gallus, dem irischen Wandermönch, der 612 die ersten Bücher hierher brachte und später das Kloster gründete. Ganz ehrfürchtig wird einem zumute, wenn man durch den prunkvollen Raum wandelt. Die hohen Regale sind von Säulen gerahmt, den Wänden entlang zieht sich eine Empore und an der Decke prangen barocke Malereien. Sehr eindrücklich!
Stiftsbibliothek St. Gallen, Klosterhof 6d, 9000 St. Gallen, Tel. 071 227 34 16, www.stiftsbibliothek.ch
Eine beeindruckende Frau, die ich in dieser Ausstellung kennenlernen durfte! Lina Bögli (1858–1941), die erste Reiseschriftstellerin der Schweiz, wuchs in der Nähe von Herzogenbuchsee BE auf, verlor früh die Mutter, arbeitete als Kindsmagd, Zimmermädchen und schliesslich als Erzieherin bei einer polnischen Adelsfamilie. Dort wurde sie ermutigt, Lehrerin zu werden, erlernte Sprachen und beschloss, die Welt kennenzulernen. Die gerade mal 148 cm grosse Frau brach allein zu einer Weltreise auf und schrieb ihre Erlebnisse nieder. Hier bekommt man einen Einblick in das Leben dieser aussergewöhnlichen Schriftstellerin.
Zentrum Lina Bögli, im Kornhaus Herzogenbuchsee, Wangenstrasse 1, 3360 Herzogenbuchsee, Tel. 079 228 02 63, www.lina-boegli.ch
Was hat ein Geld-Museum mit Literatur zu tun?, fragte ich mich, als ich vom Money Museum hörte. Dann sah ich ein Bild der dazugehörigen Bibliothek – und um mich war es geschehen. Dieses Museum wollte ich besuchen! Ich traf auf einen Raum in warmen Holztönen, auf Bände mit Goldschnitt, auf Sachbücher, die sich den kulturellen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ursprüngen des Geldes widmen sowie auf eine Diogenes- und Manesse-Sammlung. Alle Romane, die man hier findet, haben mit Geld zu tun. Daneben erfährt man viel über die Geschichte und die Psychologie des Geldes.
Money Museum, Hadlaubstr. 106, 8006 Zürich, Tel. 044 242 76 80, www.moneymuseum.com, nur mit Führung!
Auf einer Wanderung kam ich einst in Sils vorbei und beschloss spontan, die Bibliothek im Hotel Waldhaus zu besichtigen. Als ich den eleganten Portier erblickte, sank mein Mut. Im Wander-Tenue und mit Hund in ein Grandhotel? Doch der Portier ermunterte uns, einzutreten. Im Waldhaus, wo Dichtende wie Hermann Hesse, Thomas Mann und Donna Leon ein und aus gingen, wird Gastfreundschaft grossgeschrieben. Die Bibliothek wurde 1929 errichtet und später in den Westflügel verlegt. An der Wand erstrecken sich Bücherschränke, es gibt Sessel und Schreibplätze. Man kann Hesse verstehen: Er bezeichnete das Waldhaus einst als das vorgeträumte Paradies.
Hotel Waldhaus Sils, Via da Fex 3, 7514 Sils Maria, Tel. 081 838 51 00, www.waldhaus-sils.ch
Schon von Weitem fällt das Gebäude auf, das oberhalb des Waadtländer Dorfes Montricher thront: ein flacher Betonbau mit Säulen, die von einem wolkenartig durchbrochenen Dach überspannt sind. Es handelt sich um die die Fondation Jan Michalski, die grösste Literaturstiftung der Schweiz. Hier wird literarisches Schaffen gefördert und eine eindrückliche Bibliothek betrieben. Diese befindet sich in einem schiffähnlichen Bau mit fünf Stockwerken. Sie umfasst rund 80 000 zeitgenössische Werke in fünfzehn Sprachen. Zusätzliche Highlights sind die Kabäuschen für Literaturschaffende, die wunderbare Aussicht und das Café.
Fondation Jan Michalski, En Bois Désert 10, Route de Chardève 2, 1147 Montricher, Tel. 021 864 01 01, www.fondation-janmichalski.com
«Schweiz erlesen!» – unter diesem Titel hat die Berner Buchhändlerin und Journalistin Regula Tanner ein Buch geschrieben, das zu Ausflügen sowohl in Lesewelten als auch in reale Welten inspiriert. Sie stellt 55 über das ganze Land verteilte literarische Orte vor, die man besuchen und begehen kann, die aber auch als Anregung dienen, Altbekanntes wiederzulesen und in neue Bücher einzutauchen. (erf.)
Regula Tanner: Schweiz erlesen! 55 literarische Lieblingsplätze, Gmeiner Studio Verlag 2026, ca. Fr. 37.–
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