Als Junge träumte Jakob Steinmann davon, Hirt zu sein. Erst nach dem Tod seines Vaters verbrachte er seinen ersten Sommer auf der Alp. Und alle 50 Sommer danach ebenfalls. Heute ist er 82 Jahre alt und hat einen Wunsch: Immer noch einen Sommer mehr.
Text: Maximilian Jacobi, Fotos: Christian Senti
Anders kann Jakob Steinmann es sich nicht vorstellen. Auch wenn der Gang des 82-Jährigen steif ist, während er über die Weide geht, die sich um seine Hütte in alle Richtungen streckt, Hunderte Meter, bis zum Wald. Auch wenn das Tosen der A13 hinter dem Wald fast alle anderen Geräusche hier im Rheintal schluckt: Kuhglocken, Vogelzwitschern, das Rauschen des Rheins selbst. Auch wenn er ab und zu verschnaufen muss, während er die Sägesse mit tauben Fingern über den Boden führt und die Halme mäht, die den Draht des Elektrozauns berühren und den Strom ableiten. Denn später, nachts, da schweigt die A13, und auf den Hängen über seiner Weide leuchtet das Dorf Triesenberg wie eine gelbe Milchstrasse. Dann sind Zweifel, Zank und Zivilisation, die ganze Menschheit, so weit weg wie die Sterne. Dann ist alles so wie früher.
Nur, dass er vor einem halben Jahrhundert noch oben stand, auf den Hängen, und die Lichter im Tal leuchteten. Aber schon damals, als Steinmann für seinen ersten Sommer als Hirt auf eine Alpweide zog, stellte sich genau dieses Gefühl ein, das ihn nie mehr losliess. «Es ist wie eine Sucht», sagt er. Ein Gefühl, über das er ein Gedicht verfasste. Einen Paarreim mit dem Titel «Meine kleine Welt», den er mit rotem Filzstift auf Karton schrieb. Und dann auf Pappe mit rostigem Nagel an den Türrahmen seiner Hütte hämmerte.
Hier darf ich ganz ich selber sein – Und keiner redet mir darein …
«Ich bin wie meine Mutter», sagt Steinmann. Seine Mutter, die Katholikin, die die Kühe von Hand molk und deren Familie schon Älpler waren, denen Steinmann und seine Geschwister im Frühling manchmal halfen, neue Zäune auf den Weiden zu ziehen, bis die nackten Füsse brannten auf dem Schnee des vergangenen Winters. Er ist nicht wie sein Vater, der Reformierte und Autoritäre, der nicht mit Vieh konnte, der nicht viel sprach und den man im Dorf «den Schweigsamen» nannte. Als Steinmann den Hof von ihm übernahm, war die Mutter schon an Leukämie gestorben. Der Vater blieb dort wohnen. Erst nach dessen Tod konnte Steinmann Senntenbauer werden, wie seine Vorfahren, die Katholiken. Er pachtete eine Hochalp und zog fortan jeden Sommer mit seinen Milchkühen auf die Weide über der Baumgrenze.
Es folgten fast fünfzig Alpsommer. Dieser Erfahrung verdankt es Steinmann, dass er vor drei Sommern mit seinen 79 Jahren noch eingestellt wurde, von der Ortsgemeinde Wartau SG, der die Weide und Hütte hier gehören. Gleichzeitig machen heute nur wenig junge Hirten den alten die Jobs streitig. Laut einer Studie der Berner Fachhochschule meiden Junge das Hirtenleben wegen der saisonalen Anstellung, schlechter Vereinbarkeit von Beruf und Familie und tiefer Löhne. Leben könnte der pensionierte Steinmann auch ohne die rund 12 000 Franken, die er hier von Ende April bis Oktober verdient, indem er sich um rund 140 Rinder und 30 Pferde kümmert. Aber eben nicht ohne dieses Gefühl.
… Hier nasch ich von der Muse Frucht – Bin nicht ständig auf der Flucht …
Steinmann steht auf, wann er will. Er wacht zwischen sechs und sieben Uhr auf, in seiner Kammer unter dem Dach der Hütte. Dann steigt er die steile Holztreppe hinab, nimmt aus dem Kühlschrank unter den Stufen Konfi und Butter und bringt sie in die Stube. Dort macht er Feuer im Ofen, falls er Wasser kochen muss. Die Bäume dafür fällt er selber, im Wald, mittlerweile mit einer Elektrosäge, weil er die Motorsäge nicht mehr «angezupft» bekommt. Ist noch warmes Wasser vom Vortag im Thermoskrug, giesst er damit Kaffee auf. An der Wand hängen Fotos. Auf einem steht Steinmann als junger Mann vor seiner alten Alphütte neben einem bepackten Maultier. Er lieh es sich manchmal von einem Freund. Selber kaufte er nie ein Lastentier, obwohl er es seinen drei Söhnen einmal versprochen hatte, was ihm sein Ältester noch heute vorhält.
Nach dem Frühstück sieht Steinmann nach dem Vieh. Der Eimer in seiner Hand ist so schwer, dass er wankt, als er auf den Zaun zugeht. Die Kühe zockeln heran, ihre Glocken übertönen die A13. Steinmann greift in den Eimer und streut Salz hinter den Zaun, Rinderzungen schlängeln sich im Gras, schlecken es auf. Einem schwarzen Kalb, das die anderen Tiere verdrängt haben, wirft er eine Handvoll zu. Hier im Tal prüft er nur noch, ob die Rinder gesund sind oder besamt werden können.
Auf seiner Alp damals musste er um fünf Uhr auf, die Kühe melken, die Milch zentrifugieren, zu Butter schlagen, 50 Kilo Butter zwei Stunden den Berg runterschleppen, bis zur Strasse, wo sie jemand abholte, dann zwei Stunden wieder bergauf, mit Holz zum Kochen auf dem Rücken. Weil Steinmann eben kein Pferd kaufte, stieg er Jahrzehnte lang selbst wie ein Packesel über holprige Bergwiesen, auf und ab, auf und ab, bis seine Gelenke abgenutzt waren und er vor Schmerzen kaum mehr gehen konnte. Mit 57 Jahren liess er sein rechtes Sprunggelenk versteifen, mit 60 das linke. Heute kann er nur noch im Flachen gehen.
… Hier hat nur Zutritt, wems gefällt – Und seinen Frust für sich behält …
Umso glücklicher war er, als er die Stelle hier bekam. Von 17 000 Älplern, die jährlich in der Schweiz mit Vieh auf Weiden übersommern, tun das kaum welche im Flachen. Doch hier, auf der «Tratt» in Wartau, fand Steinmann das Unmögliche, eine Sommerweide im Flachland, seine Alp im Tal.
Neben seiner Hütte plätschert Wasser in einen Trog, aus dem manchmal Kühe trinken. Hier badet Steinmann und lässt sich anschliessend von der Sonne trocknen. Seine Hütte verfügt nur über ein Waschbecken mit Kaltwasser. «Köbi, hier nicht», habe seine Partnerin gesagt, als sie die Hütte zum ersten Mal sah. Er nahm die Stelle trotzdem an, die Sucht, dieses Gefühl eben. In zwei Sommern schlief sie weniger als fünf Mal bei ihm. «Für einen Kauz wie mich ist es gerade recht», sagt Steinmann. Im hintersten Winkel der Hütte, neben dem Wasserhahn, wo er sein Geschirr wäscht, gibt es sogar ein Klo.
Oben auf seiner Alp damals gab es weder Klo noch Dusche. Sein Geschäft verrichtete er in der Natur, wusch sich ganze Sommer lang nur hin und wieder im Trog. «Abfaulen tut dir deshalb nichts», sagt Steinmann.
Nachdem er die langen Halme entlang des Zauns gemäht hat, bleibt er im Schatten am Waldrand stehen, stützt sein Kinn auf den Knauf der Sägesse und blickt über die Weide. Auch hier im Tal dörrt der Sommer das Gras bereits früh aus. Der Klimawandel. Dazu trinken Kühe täglich etwa hundert Liter Wasser. Oben, auf seiner alten Alp, fällt im Winter immer weniger Schnee, wird das Wasser knapper. Sein jüngster Sohn Werner, der den Hof übernommen hat, müsste viel Geld investieren, ein Wasserreservoir errichten, um die Alp wie sein Vater zu nutzen. Doch sein Sohn fand einen Weg, die alte Alp zu erhalten, zu verhindern, dass auch auf ihr irgendwann Büsche wuchern, wie auf so vielen anderen. Jährlich verliert die Schweiz eine Alpfläche so gross wie der Walensee.
… Hier ist, warum ich solches pries – Nichts minder als im Paradies!
Doch statt wie sein Vater damals im Frühsommer sieben Stunden hinaufzuziehen, fährt heute der Sohn die Tiere mit dem Wagen rauf. Und statt Monate bei den Tieren zu leben, sieht er alle paar Tage nach ihnen, denn sie müssen nicht gemolken werden. Nur noch Kälber und trächtige Tiere verbringen ihre Sommer dort oben, zur Erholung. Die Alp des Vaters ist heute eine Sommerferienwiese für Rinder.
Jakob Steinmann will sich deshalb nicht beklagen. Hier im Tal schultert er die Sägesse und geht zurück zu seiner Hütte. Er ist nicht wie sein Vater, der Schweigsame, Steinmann will nicht autoritär sein. Er will den Geruch einatmen, den die Kühe verströmen, der an Fenchel erinnert, vermutlich verursacht durch die Kräuter, die sie am Waldrand fressen. Er will mähen, Salz verteilen, im Trog baden. Und ab und zu einen Baum fällen. Wenn auch keinen grossen mehr.
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