
Wenn Traurigkeit das Leben bestimmt
Etwa jede vierte Person leidet im Alter an Depressionen. Doch diese werden nur selten erkannt. Worauf Betroffene und Angehörige achten können, wo sie Unterstützung finden und wie der Ausweg aus dem stillen Leiden gelingt.
Text: Deborah Bischof, Illustrationen: Matthew Richardson
Psychische Probleme gibt es nicht. Man muss sich nur zusammenreissen. Davon war Lotti Höhener einen Grossteil ihres Lebens überzeugt. Psychiatrien kannte sie früher nur von der Schwester ihres Vaters. Als geschlossene Anstalten, wo Menschen sediert sind und auf den Gängen herumschreien. So zumindest das Bild aus der Erinnerung.
Heute, im Alter von 72 Jahren, weiss Lotti Höhener, dass Depressionen sehr wohl existieren. Und sie weiss auch, wie sie sich anfühlen. «Man lebt zwar, aber ist trotzdem nicht da», sagt sie. Auch gegen eine psychiatrische Klinik würde sie sich nicht mehr wehren. Im Gegenteil, sie würde sofort wieder gehen, wenn es ihr schlechter geht.
Lotti Höhener: «Man lebt zwar, aber ist trotzdem nicht da.»

Höhener gehört zu den fünf bis zehn Prozent der Menschen über 65 Jahren, die laut Studien Depressionen haben. Die Zahlen sind damit etwas tiefer als bei jüngeren Menschen. «Viele Depressionen im Alter verlaufen jedoch unterschwellig und werden nicht rechtzeitig erkannt», sagt Egemen Savaskan. Er ist Direktor der Alterspsychiatrie und Psychotherapie an der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich.
Symptome sind im Alter anders
Nimmt man die unerkannten und leichteren Verläufe mit dazu, ist Schätzungen zufolge etwa jede vierte bis dritte Person im Alter betroffen, Männer und Frauen gleichermassen. Dass viele dieser Erkrankungen nicht festgestellt werden, erklärt Facharzt Savaskan auch mit den Symptomen.
«Das klinische Bild ist im Vergleich zu jüngeren Menschen eher körperlich», sagt er. So würden ältere Personen weniger über Niedergeschlagenheit klagen, sondern eher von körperlichen Schmerzen, Müdigkeit, Schwindel oder Wahnvorstellungen berichten.

Egemen Savaskan: «Das Gute an Depressionen ist: Sie lassen sich sehr gut behandeln.»
Es ist zudem eine Krankheit, die man Betroffenen wie Lotti Höhener nicht ansieht. Vielleicht könnte man sie bei ihr nicht einmal erkennen, wenn man sie kennenlernt. Sie wohnt am Rand von Aarberg, einem ländlichen Städtchen im Berner Seeland. Im Gespräch wirkt sie offen und fröhlich, erzählt von langen Veloausfahrten bis nach Solothurn und von interessanten Begegnungen im örtlichen Pflegeheim, wo sie freiwillig aushilft.
Doch es gibt auch andere Tage. Jene, an denen die Albträume der letzten Nacht auf ihr lasten. Oder der Rücken mehr schmerzt als sonst. Dann kommt sie morgens schwer aus dem Bett, ist kaum belastbar und die Gedanken kreisen um die Vergangenheit. An solchen Tagen ist sie froh, dass sie Medikamente hat und alle zwei Wochen zur Psychotherapie geht.
«Das Beste, was ich tun konnte»
Höhener ist damals 45 Jahre alt, als ihre Eltern schwer erkranken, die Mutter hat Knochenkrebs, der Vater Demenz. Höhener pendelt zwischen Job und Krankenhaus. Irgendwann funktioniert sie nur noch, abends ist sie müde, kann aber nicht schlafen. Eine Freundin rät ihr, eine Psychiaterin aufzusuchen. Höhener wehrt sich zuerst, geht dann aber trotzdem hin. Heute sagt sie: «Es ist das Beste, was ich tun konnte.»
Als ihre Eltern kurz darauf beide innerhalb von sechs Wochen sterben, weint Höhener keine Träne. «Ich war wie ausgetrocknet», erzählt sie. Es folgt ein langer Weg, mit mehreren Klinikaufenthalten – und einer Krankheit, die sie bis heute begleitet.
«Wir sehen oft Depressionen, die bereits früh im Leben auftreten und sich im Alter chronifizieren», sagt Facharzt Savaskan. Damit werden Depressionen resistenter gegen Therapien. Viele Behandlungen können zudem nicht oder nur in reduzierter Form angewandt werden, da Interaktionen oder Nebenwirkungen mit anderen Erkrankungen und Medikamenten bestehen.
Viele Menschen entwickeln jedoch auch erst im Pensionsalter eine Depression. «Neben Risikofaktoren, die bereits in jungen Jahren bestehen, kommen im Alter weitere dazu.» Darunter Einsamkeit, Abhängigkeit von Alkohol und Medikamenten oder einschneidende Lebensereignisse, beispielsweise der Verlust des Partners oder Betreuungsaufgaben.
Oft sind auch andere Krankheiten der Auslöser, etwa körperliche Beschwerden, chronische Schmerzen oder kognitive Störungen wie Demenz-Erkrankungen. So zeigen Studien, dass die Hälfte aller Menschen mit Demenz auch Depressionen hat.
Das soziale Netz ist zentral
«Unabhängig von Demenz können auch Depressionen im Alter zu Gedächtnisstörungen führen», sagt der Facharzt. Das Gute daran: Diese seien reversibel, wenn die Depression behandelt werde.
Ein weiteres grosses Problem im Alter ist Suizidalität. «Die meisten Suizide im Rahmen einer Depression finden bei älteren Menschen statt.» Am stärksten betroffen seien sozial isolierte Männer, aber auch bei Frauen steige das Risiko im Alter.

Universitätsklinik Zürich. © Matthew Richardson
Bei Lotti Höhener gehen die Depressionen Hand in Hand mit Schmerzen. «Ich bin seit vielen Jahren Schmerzpatientin», sagt sie. Bereits mit 50 muss sie eine Hüfte operieren, nach fünf Jahren folgt die zweite. 2013 hatte sie zudem eine Rückenoperation. Seither begleiten sie die Schmerzen jeden Tag. Je stärker sie sind, desto schlechter geht es ihr psychisch.
Auch für ihren Mann sei ihre Erkrankung sehr belastend gewesen, erzählt sie. «Er hat sich die Schuld gegeben, dass ich Depressionen habe.» Als er vor fünf Jahren an Krebs stirbt, ist dies für Höhener ein tiefer Einschnitt. Da sie jedoch bereits in Behandlung ist, bleibt sie weitgehend stabil. Dennoch verliert sie ihre wichtigste Stütze.
Gerade im Alter sei das soziale Netzwerk entscheidend, sagt Savaskan. «Gleichzeitig kann die Situation für Angehörige sehr belastend sein.» Oft entwickeln betreuende Angehörige selbst Depressionen, die in der Therapie berücksichtigt werden sollten.
Wie schwierig es für Angehörige sein kann, weiss Silvia Andres. Sie ist im Vorstand von «Stand by You Schweiz», einem Verein von Angehörigen und Vertrauten von Menschen mit psychischen Erkrankungen, die andere Angehörige unterstützen. Andres begleitete ihre Mutter über zehn Jahre durch eine schwere Depression, bis diese vor sechs Jahren starb.
Hausärzte als erste Anlaufstelle
«Wenn ich heute darüber nachdenke, war meine Mutter nie ein besonders fröhlicher Mensch», erzählt Andres. Sichtbar wurde die Depression bei ihrer Mutter jedoch erst nach deren Pensionierung. Es kam öfter zu Streit in der Familie, wohl aus Überforderung mit der Situation, sagt Andres. Der Hausarzt verwies ihre Mutter schliesslich an eine Psychiaterin.
Hausärzte seien oft die erste Anlaufstelle, sagt Facharzt Savaskan. «Es ist wichtig, dass sie für Depressionen im Alter sensibilisiert sind und Symptome früh erkennen.» In der Behandlung stehe eine Psychotherapie an erster Stelle. «Die meisten Menschen lassen sich jedoch erst behandeln, wenn die Depression bereits chronisch ist.» Weil die psychiatrische Behandlung dann weniger gut anschlage, brauche es meist zusätzlich Medikamente.
Auch Andres Mutter wurde medikamentös behandelt. Als sie zusätzlich in eine psychiatrische Klinik ging, starb ihr Mann unerwartet. 52 Jahre war sie mit ihm verheiratet. Für Andres und ihre Geschwister wurde die Situation zur Belastungsprobe. Sie begleiteten ihre Mutter durch Behandlungen, organisierten den Mahlzeitendienst und stellten mit Nachbarn und Freunden einen Besuchsplan auf, damit ihre Mutter eine Tagesstruktur hatte.
Früh Hilfsangebote annehmen
«Anfangs habe ich mich oft gefragt, weshalb sich meine Mutter nicht helfen lässt oder warum sie so abweisend reagiert», sagt Andres. Anderen Angehörigen empfiehlt sie, sich gut über die Krankheit zu informieren und auch bei Fachpersonen nachzufragen. Man dürfe zudem nicht alles persönlich nehmen, was einem die betroffene Person sage.
Silvia Andres: «Nur wenn es einem selbst gut geht, kann man zuhören und Mitgefühl aufbringen.»

Das Wichtigste sei jedoch, dass man sich selbst nicht vergesse. «Nur wenn es einem gut geht, kann man zuhören und Mitgefühl aufbringen», sagt Andres. Ihr dringendster Rat: Sich früh Unterstützung zu suchen, vor allem professionelle Hilfe für die betroffene Person. Die Realität zeige jedoch, dass man auf Termine bei Psychiaterinnen oder Psychotherapeuten oft monatelang warten müsse. Angebote wie Selbsthilfegruppen oder Informationsstellen könnten deshalb ebenfalls sehr wichtige Anlaufstellen sein. Auch Freunde, Bekannte oder Nachbarn seien eine wertvolle Stütze.
«Das Gute an Depressionen ist: Sie lassen sich sehr gut behandeln», sagt Facharzt Savaskan. Psychotherapie ist in der Regel die erste Wahl und kann selbst bei Betroffenen mit einer Demenz-Erkrankung gut eingesetzt werden. Mittlerweile gebe es zudem auch viele Möglichkeiten abseits oder ergänzend zu Medikamenten. Dazu gehören ambulante Angebote von psychiatrischen Einrichtungen oder die psychiatrische Spitex, die Betroffene auch zu Hause aufsucht. Es gibt aber auch Lichttherapien, psychosoziale Entlastungsangebote bis hin zu Gedächtnis-, Bewegungs- oder tiergeschützten Therapien.
Savaskan empfiehlt, dass man sich professionelle Unterstützung suche und mit der zuständigen Fachperson schaue, welche Therapie sich am besten eigne. Wenn eine Depression sehr ausgeprägt ist, eine Selbst- oder Fremdgefährdung besteht oder die Betreuung zu Hause nicht sichergestellt ist, kann auch eine psychiatrische Klinik notwendig sein.
Lotti Höhener hilft vor allem das Velofahren. Fast täglich fährt sie mit dem E-Bike, manchmal sind es bis zu 90 Kilometer am Stück. «Sobald ich auf dem Velo sitze, vergesse ich alles», sagt sie.
Zudem hilft sie regelmässig im Pflegeheim in Aarberg aus, ist gut vernetzt und pflegt viele Freundschaften. «Ich bin zwar allein, aber nicht einsam.» Vor 25 Jahren gründet sie zudem mit dem Verein Equilibrium eine lokale Selbsthilfegruppe. «Wir sprechen über alles, was uns beschäftigt, geben uns Ratschläge und stützen uns durch schwierige Zeiten.»
Lotti Höhener ist heute weitgehend stabil. Ganz weg sind die Depressionen aber nicht. Doch sie hat einen Weg gefunden, die kleinen Dinge zu schätzen und wieder Freude im Leben zu finden.
Warnsignale einer Depression im Alter
- Körperliche Beschwerden: Schmerzen, Herz-Kreislauf-Probleme, Schwindel oder Magen-Darm-Beschwerden ohne klare organische Ursache
- Psychische Anzeichen: Gedrückte Stimmung, Hoffnungslosigkeit, Ängste, Interessenverlust, häufiges Grübeln oder Gedankenkreisen
- Antriebslosigkeit und Schlafstörungen: Grosse Erschöpfung, Energielosigkeit, innere Unruhe, Verlust von Appetit, morgendliches Tief, Probleme beim Ein- und Durchschlafen.
- Kognitive Veränderungen: Vergesslichkeit und Konzentrationsstörungen, die oft fälschlicherweise als Demenz interpretiert werden.
- Sozialer Rückzug: Vernachlässigung von Hobbys, Hygiene oder sozialen Kontakten
- Suizidgedanken
Anlaufstellen für Betroffene und Angehörige
- Die Dargebotene Hand: Das Sorgentelefon unter der Nummer 147 steht rund um die Uhr zur Verfügung und bietet eine kostenlose und anonyme Unterstützung in Krisen- und Notsituationen. 147.ch
- Pro Mente Sana. Die Stiftung für psychische Gesundheit in der Schweiz bietet Informationen sowie kostenlose Beratungsgespräche für Betroffene und Angehörige. promentesana.ch
- Psychiatrische Spitex: Die Spitex bietet neben Pflege auch spezielle Betreuungsdienste für Menschen mit psychischen Erkrankungen. spitex.ch
- Schweizerische Gesellschaft für Angst und Depressionen: Die SGAD liefert Ratgeber und Broschüren zu Depressionen und Angststörungen, Kontakte zu Soforthilfen sowie eine Liste mit psychiatrischen Kliniken in der Schweiz. sgad.ch
- Pro Senectute: Bei der Fachstelle für Fragen zum Alter finden sich zahlreiche Informationen zu psychischen Erkrankungen sowie Kontakte für Hilfsangebote. prosenectute.ch
- Equilibrium: Der Verein zur Bewältigung von Depressionen wird von Betroffenen und Angehörigen geführt und organisiert zahlreiche Selbsthilfegruppen in der Schweiz. depressionen.ch
- Stand by You Schweiz: Der Verein für Angehörige bietet Unterstützungsangebote, Selbsthilfegruppen sowie eine Helpline für nahestehende Personen psychisch erkrankter Menschen. stand-by-you.ch
Das Thema interessiert Sie?
Werden Sie Abonnent/in der Zeitlupe.
Neben den Print-Ausgaben der Zeitlupe erhalten Sie Zugang zu sämtlichen Online-Inhalten von zeitlupe.ch, können sich alle Magazin-Artikel mit Hördateien vorlesen lassen und erhalten Zugang zur Online-Community «Treffpunkt».