Swiss Train Challenge: Ein Rennen gegen sich selbst
Einmal den Fuss in jeden Kanton setzen, nur mit ÖV und das unter 24 Stunden. Was für Zugfans reiner Zeitvertreib, ist für Christoph Brändle so viel mehr.
Text: Maximilian Jacobi, Fotos: Nik Hunger
Christoph Brändle springt durch die Zugtüren, während sie noch aufgleiten: Raus aus der S-Bahn, links das Perron runter am Bahnhof Alpnachstad OW. In zehn Sekunden ist es 12:59 Uhr. Der 64-Jährige rennt, so schnell ihn seine Wanderschuhe tragen, seine Funktionsjacke flattert. Er rennt in Richtung Unterführung, reckt den Kopf, sieht, dass der Zug auf dem anderen Gleis noch steht. Noch 80 Meter liegen zwischen ihm und der S5. Erwischt er sie, sieht es nach Rekord aus. Verpasst er sie, war alles für nichts.
Für nichts die Anreise am Vorabend, fast drei Stunden, vom Aargau ins Wallis. Für nichts zu wenig geschlafen auf einer zu weichen Matratze, fünf Stunden, um genau die richtige Verbindung nach Genf zu kriegen. Für nichts heute acht Stunden lang in Zügen durchs Land gerumpelt. Christoph Brändle biegt in die Unterführung – noch 50 Meter bis zum Zug. Wenn er die S5 auf Gleis 1 um 12:59 Uhr verpasst, wird es nichts mehr mit der «Swiss Train Challenge».

Zwei Studenten von der ETH hatten die schnellste Verbindung durch alle 26 Kantone errechnet: 16 Stunden 54 Minuten. Christoph Brändle dachte: «Das geht schneller.»
Die Challenge sieht vor, einmal den Fuss in alle 26 Kantone zu setzen, nur mit Hilfe öffentlicher Verkehrsmittel, und das in weniger als 24 Stunden. Doch Brändle will mehr, während er durch die Unterführung sprintet und die Echos seiner Schritte zwischen den Betonwänden hin und her hallen. Er will alle Kantone in 16 Stunden und 18 Minuten schaffen. Zwei Monate studierte er dafür Bahnstrecken, Fahrpläne, Abfahrts- und Ankunftszeiten. Zwei Monate tüftelte er an seiner Rekordstrecke. Er nimmt mehrere Stufen auf einmal auf der Treppe rauf zum Gleis 1 – noch 20 Meter bis zum Zug. Brändle mag Herausforderungen. Und Brändle mag Züge.
Rückblende: Der Rekordversuch beginnt um 5:20 Uhr am Bahnhof St-Maurice VS. Neben Brändle stehen fünf Menschen am Gleis 2, beleuchtet von Neonlicht. Alle warten sie. Auf den Zug zur Arbeit. Auf Wärme. Auf ein weiches Sitzpolster. Auf die erste von 21 eng getakteten Verbindungen. Auf den IR1804 um 5:24 Uhr.
Der verflixte ETH-Algorithmus
Bereits der erste Zug bei Brändles Rekordversuch fährt zu spät ab. Trotzdem sitzt er entspannt in seinem Viererabteil, das gelbe Licht schimmert auf seiner Glatze. Selbst der strengen Brille gelingt es nicht, seinem Blick das Sympathische zu nehmen. Brändle sieht aus wie ein Mensch, der das Wort «Rage» höchstens vom Hörensagen kennt. Was sind schon ein paar Minuten Verspätung? Den Bauarbeiter, der im Nebenabteil döst, freuen sie. Zurücklehnen, aus dem Fenster schauen.
Der Himmel über dem Genfersee hellt auf. Bis Genf fährt der Zug die zwei Minuten wieder ein, um so etwas kümmert sich der Lokführer. Überhaupt kümmern sich andere um alles hier. Brändle muss nur einsteigen und aussteigen. Zugfahren eben.
Zum ersten Mal hat Brändle von der «Swiss Train Challenge» vor zwei Jahren gelesen. Er fischte mal wieder in öffentlichen Datenpools nach Fakten, die er nicht schon aus der «Schweizer Eisenbahn-Revue» kannte. Er stiess dabei auf eine ETH-Studie. Zwei Studenten hatten einen Algorithmus entwickelt, der die schnellste Verbindung durch alle Kantone errechnete: 16 Stunden und 54 Minuten. Brändle hatte sich gerade frühpensionieren lassen und dachte: «Das geht schneller.»
5:55 Uhr, der IR1804 hält in Vevey: Frauen mit Koffern steigen zu, Alufolie knistert, Zwiebelgeruch breitet sich aus. Brändle hat lange überlegt, ob er hier nicht aussteigen soll, um den Bus nach Attalens FR zu nehmen. So könnte er den Kanton Freiburg abhaken, zurück nach Vevey VD und dann weiter nach Genf fahren. Er verwarf die Idee. Es hätte ihn mehr Zeit gekostet als der Schlenker über Kerzers FR auf dem Weg von Neuenburg nach Biel. Solche Gedanken wälzte er, als er seine Rekordstrecke konstruierte. Brändle mag Herausforderungen.
Alles läuft nach Plan
Und Brändle mag Züge. Er träumte immer davon, Lokführer zu werden. Er fuhr fast jede der 248 Bahnstrecken in der Schweiz. Er weiss immer, was für eine Lok gerade zieht oder schiebt: aktuell eine Re 460. Er kennt praktisch alle Bahnhöfe und weiss auswendig, auf welchem Gleis die Züge planmässig ankommen. Welcher Mensch, wenn nicht er, sollte den ETH-Algorithmus in die Schranken weisen? Nach zwei Monaten Tüfteln hatte Brändle seine Route: Sie dauert exakt 16 Stunden und 18 Minuten. Doch erfolgreich abfahren konnte er sie bisher nie.
6:12 Uhr, Lausanne. Halbschuhe trippeln über den Teppich, auf jedes freie Polster drückt sich ein Po, Anzughosen spannen über Knien. Je mehr sich der Zug füllt, umso stiller wird es. Der Wagen rollt an, es riecht nach Parfüm, so süss wie Gummibärchen. Zugfahren eben.
Christoph Brändle pendelte nie zur Arbeit. Dem Traumberuf als Lokführer kam seine «Intelligenz in die Quere», sagt er. Seine Matura disqualifizierte ihn für eine Lokführer-Lehre. Er studierte an der ETH, digitalisierte danach Lager- und Verteilzentren im In- und Ausland. Ein Arbeitsleben lang Lagerlogistik, 38 Jahre für dieselbe Firma in Buchs AG, wo er noch heute lebt.
Er zieht hin und wieder das Handy aus dem Holster am Gürtel über seiner Wanderhose und checkt, ob alles nach Plan läuft.
Alles läuft nach Plan.
Als Erstes durch die Romandie

Damit auch wirklich alles nach Plan läuft, hat Brändle die SBB-App mit seiner Armbanduhr verknüpft. Immer kurz bevor er umsteigen muss, piepst die Tissot wie ein Pager aus den Neunzigerjahren.
«Bibiep» – 6:55 Uhr, Brändle steigt in Genf aus, nach dem Wallis der zweite Kanton. Er lässt sich Kaffee aus einem Automaten, geht auf Gleis 4, steigt in den IR90 um 7:05 Uhr.
«Bibiep» – 7:37 Uhr, Brändle steigt in Renens VD aus, nimmt den IC5 um 7:41 Uhr. Kanton Waadt: check.
Gymnasiastinnen auf Exkursion steigen zu. Im Nebenabteil sprechen sie über die Pille und ihre Nebenwirkungen, und darüber, wie ungerecht es doch sei, dass es für Männer keine gebe, während der Zug den Neuenburgersee entlanggleitet.
«Bibiep» – 8:21 Uhr, am Bahnhof Neuenburg holt Brändle sich Kaffee und Gipfeli, geht auf Gleis 2, steigt mit vier Kontrolleuren in den IR66.
«Bibiep» – 8:49 Uhr, in Kerzers FR wechselt Brändle auf Gleis 3, wartet dort mit den vier Kontrolleuren von eben, eisiger Wind weht übers Seeland, die vier ziehen die Schultern hoch und fluchen, bis die S35 kommt. 5 von 26 Kantonen erledigt.
Unterwegs steigt eine Mittvierzigerin zu, setzt sich ins Nebenabteil. Am Telefon teilt sie jemandem mit, was sie sich aus Versehen gekauft hat: «Zwei linke Schuhe!» Das Mitteilungsbedürfnis von Christoph Brändle hingegen schwindet, wenn es nicht um Züge oder seine neun Monate alte Enkelin geht. Auf Fragen reagiert er dann meist mit:
«Jooo. Mhm.»
Ist es nicht verrückt, dass gerade die Sonne scheint und es gleichzeitig schneit?
«Jooo. Mhm»
Seine Frau fährt also nur mit ihm Zug, wenn sie eine Stadt besuchen, die ihr gefällt, wie etwa Solothurn?
«Jooo. Mhm.»
Witzig, dass sogar seine älteste Erinnerung, in der er mit seinem Bruder eine Lok aus Blech aufzieht und fahren lässt, etwas mit Zügen zu tun hat, nicht?
«Jooo. Mhm»
Wie beeinflusste es sein Leben, dass die Nieren seiner Mutter versagten und sie starb, als er elf Jahre alt war?
Brändle zieht die Brauen zusammen, wirkt irritiert: «Jooo. So wie eben vieles in dem Alter das Leben beeinflusst.»
«Bibiep» – 9:26 Uhr, in Lyss BE umsteigen in den IR65.
«Bibiep» – 9:39 Uhr, Biel. Ab hier im IR56 weiter.
Durch Jura und Mittelland
Der Zug ist voll, im Nebenabteil zeichnet eine junge Frau mit gepiercter Oberlippe auf ihrem Tablet. Am Bahnhof Grenchen Nord steigt Christoph Brändle kurz aus und wieder ein. Solothurn: check. Der IR56 rollt in Richtung Jura, ab Moutier schlängelt er sich durch eine Schlucht zwischen weissen Klippen. Immer wieder führen die Schienen durch Felswände, die ins Tal ragen. «Der kürzeste Eisenbahntunnel der Schweiz», sagt Brändle, laut genug, dass man es auch im Nebenabteil hört. Ständig haut er solche Fakten raus. Er tut das so regelmässig, dass Brändle mit der Zeit so berechenbar wirkt wie ein Fahrplan. Manchmal gehen Mitfahrende darauf ein, fragen nach. Dann führt Brändle gerne aus. Die junge Frau aber blickt nicht von ihrem Tablet auf.


In Delémont JU und in Laufen BL steigt Brändle wieder kurz aus und ein. 9 von 26 Kantonen erledigt.
«Bibiep» – 10:56 Uhr, am Bahnhof Basel SBB holt sich Brändle eine Empanada. Dann steigt er in den IR27 auf Gleis 3.
Er setzt sich in Fahrtrichtung links, um später auf den Sempachersee blicken zu können. Im Abteil neben ihm sitzt ein Mann mit wulstigen Lippen, der Thunfisch aus einer Dose schmatzt. In Zofingen AG steigt Brändle aus und wieder ein. 11 Kantone.
«Bibiep» – 12:30 Uhr, in Luzern holt sich Brändle einen Kaffee und steigt in die S5 Richtung Giswil OW.
12:53 Uhr – In Hergiswil NW steigt er aus und wieder ein. 13 Kantone.
Die Achillesferse von Brändles Rekordstrecke rückt näher: Alpnachstad, in Obwalden. An der Station teilen sich die Schienen der S5, werden kurz zweispurig. Hier kreuzt die S5 in Richtung Giswil die S5 nach Luzern. Die S5, die zuerst da ist, wartet. Sobald die andere ankommt, fährt die Wartende los.
Knackpunkt Alpnachstad
Damit Brändle es sofort zurück nach Luzern schafft, muss seine S5 die erste sein. Und Brändle muss es sofort zurückschaffen. Sonst verpasst er später den IC2 der ihn von Arth-Goldau SZ nach Bellinzona bringt und der nur alle zwei Stunden in Altdorf hält, im Kanton Uri. Aber welche S5 zuerst hier in Alpnachstad ankommt, weiss man nie. Es ist eine Lotterie. Jedes Mal.
«Bibiep» – 12:58 Uhr, Alpnachstad, die andere S5 ist schon da. Brändle sprintet los.
Bei seinem letzten Rekordversuch vor einem Jahr, wartete hier ein Helfer. Er hielt die S5 auf, damit Brändle sie erwischte. Dadurch verklemmte sich die Tür, der Lokführer musste sie lösen, während er dem Helfer mit einer Anzeige drohte. Der Zug kam zu spät nach Luzern, Brändle verpasste seinen Anschluss. Damals plante er die Route um, schaffte die 26 Kantone noch in 16 Stunden und 39 Minuten, immerhin. Doch es geht schneller.
Brändle rennt die Treppe aus der Unterführung hoch. Es ist auch ein Rennen gegen ihn selbst: Niemand hat die 26 Kantone bislang so schnell geschafft wie er. Als er die letzte Stufe nimmt, surrt die S5 davon.
War also alles für nichts?
«Jooo. Mhm.»
Er steht regungslos vor dem leeren Gleis, nur der Wind zerrt an seiner Jacke. Er wird es wieder versuchen, wird in den Ankunfts- und Abfahrtsstatistiken von Alpnachstad nach Mustern suchen, nach dem besten Tag für den nächsten Rekordversuch: 16 Stunden und 18 Minuten. Brändle mag Züge. Und Brändle mag Herausforderungen.
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