Pünktliche Züge gehören zum Schweizer Selbstverständnis wie Fondue und Volksinitiativen. Hier einige Ideen, um jene Welt neu zu entdecken, die uns das Schienennetz zu Füssen legt.
Text: Maximilian Jacobi
Sitzplatz garantiert
Wer von leeren Zügen träumt, fährt am besten mit der S30 von Cadenazzo TI nach San Nazzaro TI. Kaum ein Bahnhof der SBB wird so selten frequentiert wie San Nazzaro TI. Hier könnten Sie etwa den Botanischen Garten besuchen. Oder wie wäre es mit einem Picknick am einsamsten Bahnhof der Schweiz, mit Blick auf den Lago Maggiore? Oder mit einer Wanderung auf den Monte Gambarogno? Wen die 1500 Höhenmeter abschrecken, der kann mit dem Schiff nach Locarno übersetzen und dort in den Direktzug nach Domodossola (IT) steigen. Die Centovalli-Bahn führt durchs gleichnamige Tal, durch 31 Tunnels, über 83 Brücken, vorbei an palmenbepflanzten Bahnhöfen, einem Stausee und dem Fluss Melezza. Wer Einsamkeit sucht, findet sie auch hier, an fast jeder Haltestelle.
Die Centovalli-Bahn ist die einzige Bahn auf Schweizer Boden, die einer ausländischen Privatfirma gehört.
Auch wer Nervenkitzel sucht, wird auf Schweizer Schienen fündig. Ursprünglich angelegt wurde die Gelmerbahn, um sieben Tonnen schwere Panzerstahlrohre für den Bau der Staumauer des Gelmersees zu transportieren. Und seit 2001 befördert sie auch Touristen die teilweise über 45 Grad steile Neigung hinauf. Lange galt sie wegen ihrer 106-Prozent-Steigung als steilste Standseilbahn der Welt – ein Umstand, den lokale Tourismusverbände gern betonten. 2017 wurde sie jedoch von der Stoosbahn im Kanton Schwyz abgelöst, mit einer maximalen Steigung von 110 Prozent. In der Stoosbahn reisen Passagiere jedoch in Kabinen, während sie in der Gelmerbahn weder Dach noch Wände vom Alpenpanorama trennen. Somit ist die Gelmerbahn, die dieses Jahr 100 Jahre alt wird, noch die steilste offene Standseilbahn der Welt.
Standseilbahnen mit eidgenössischer Konzession für den öffentlichen Personenverkehr gibt es schweizweit 79.
Als wäre man zu Gast in einem romantischen Gemälde. So fühlt sich ein Ausflug zu den Giessbachfällen an. Das Gefühl stellt sich ein, sobald der Raddampfer von Brienz BE aus das Grandhotel Giessbach ansteuert. Während die Klippe wächst und wächst, auf der das Schloss den See überragt. Wenn man in der Standseilbahn den Wald hinaufrollt und die beiden Wagen sich kreuzen, auf der Brücke über zwei Wasserfällen. Wenn das Hotel zwischen den Wipfeln auftaucht, die roten Fensterläden, Balkone und Giebel plötzlich ganz nah. Egal ob Sie hier übernachten, essen, Kaffee trinken, durch den Garten spazieren oder um die Wasserfälle wandern. Ob Sie sich im Wald verlieren oder dem Seeufer entlanggehen wollen. Dieses eigenartige Gefühl bleibt.
Die Giessbachbahn wurde 1879 eröffnet und ist die älteste noch betriebene Standseilbahn der Schweiz.
Der weiche Fels des Juras bildet Formationen, die einem den Atem rauben. Und wie es der Zufall will, liegt ein Bahnhof zwischen zwei besonders atemberaubenden Formationen. Von der Station Travers NE aus können Sie hinauf zum Creux du Van wandern – oder hinab durch die Areuse-Schlucht. Die Zugstrecke führt weiter durch das Val-de-Travers. Das Tal ist berühmt für das Brennen von Absinth. Wen es in eine Stadt zieht, fährt von Travers mit der RE9 einfach weiter nach Pontarlier im französischen Jura, wo Henri-Louis Pernod 1805 die erste Absinth-Destillerie eröffnete.
Die Strecke zwischen Neuchâtel und Frasne (FR) ist die am seltensten befahrene der SBB. Die RE9 fährt täglich nur drei Mal aus Frankreich in die Schweiz und drei Mal aus der Schweiz nach Frankreich.
Sie säumen die Schienen wie Mahnmale: Häuschen mit staubigen Fenstern, auf deren Vorplätzen Kraut aus dem Pflaster wuchert. An alten Strecken liegen immer wieder Stationen, wo kein Zug mehr hält. Hier lebten einst Stationsvorsteher mit ihren Familien, verkauften Billetts und regelten den Transport von Post und Milch, als Schienen noch die wichtigsten Lebensadern waren. Was es heisst, am Gleis zu leben, kann man am stillgelegten Bahnhof Alvaneu GR herausfinden. Die Stiftung «Ferien im Baudenkmal» hat die Bahnhofshütte zum Ferienhaus umgebaut. Perfekt für eine Auszeit in den Bergen. Und wen es wieder auf Schienen zieht, muss nicht lange suchen. Das Haus liegt direkt an der Albulalinie zwischen Thusis und St. Moritz. 2008 wurde sie mit der Berninabahn, die ab St. Moritz verkehrt, zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt.
Allerhöchste Eisenbahn: Die Berninabahn ist auf ihren 2253 Metern über Meer die wohl höchstgelegene Adhäsionsbahn der Welt. So hoch im Gebirge verfügen Züge sonst über Zahnräder.
Schienen führen nicht nur in die Städte. Sie ermöglichen uns auch Trips durch Schweizer Städte. In Lausanne verbindet die einzige Schweizer Metro das Seeufer mit dem Stadtkern. Einzigartig ist auch Basel: Nur dort fahren Trams über die Grenze nach Deutschland und Frankreich – zum Beispiel in das elsässische Dorf Leymen. Von der Haltestelle aus gelangen Sie schnell zur beeindruckenden Burgruine Landskron, mit Blick auf das Kloster Mariastein. Stärken können Sie sich nach der kurzen Wanderung in der Couronne d’or im Dorfkern von Leymen.
Mit ihren 105 Metern Länge ist die Marzilibahn beim Bundeshaus in Bern eine der kürzesten Bahnstrecken Europas.
Stehen Sie an einem Provinzbahnhof, sind drei Würfel vielleicht zu viel, weil Sie sonst drei Stunden auf die zwölfte Verbindung warten müssten. Oder zählen Sie nur die Haltestellen Ihres Zuges, von denen auch viele andere Züge fahren. Je grösser ein Bahnhof, desto mehr Macht hat der Würfel, Sie auf eine weite Reise zu schicken. Was Sie neben Würfeln brauchen: Tageskarte/GA, Proviant, gute Kleidung, Lesestoff.
Wollen Sie etwas unternehmen, wissen aber nicht, was? Sie brauchen keine Inspiration. Sie brauchen nur Würfel. Empfohlen werden drei Stück. Mit denen stellen Sie sich an einem Bahnhof Ihrer Wahl vor den Bildschirm mit den Abfahrtszeiten und werfen. Addieren Sie die Augenzahl. Sagen wir, Sie haben zwölf Punkte gewürfelt. Dann nehmen Sie den zwölften Zug auf der Anzeige. Im Zug würfeln Sie nochmals. So viele Stationen bleiben Sie im Zug. Wo auch immer Sie aussteigen, dort würfeln Sie erneut. Oder Sie sehen sich erst einmal um. Doch vergessen Sie dabei nie die wichtigste Regel: zu schummeln!
Das Schienennetz der Schweiz ist das dichteste Europas. Durchschnittlich fahren 8000 Züge pro Tag durchs Land und transportieren 1,43 Millionen Passagiere.
Zug-Wandern
Die Wengernalpbahn fährt nicht nur auf verschiedenen Strecken entlang des bekanntesten Alpenpanoramas des Landes. Innerhalb ihres Schienennetzes verlaufen auch so viele Wanderwege, dass Sie an jeder Station entscheiden können, ob Sie bis zum nächsten Halt lieber wandern oder fahren. Auf der Kleinen Scheidegg können Sie ausserdem umsteigen: Von dort führt die Jungfraubahn durch Eiger und Mönch aufs Jungfraujoch. Oder Sie steigen davor schon bei der Station Eigergletscher aus und wandern im Schatten der Eigernordwand abwärts zur Station Alpiglen – und damit zurück zur Wengernalpbahn.
Mit ihren 19 Kilometern ist die Wengernalpbahn zwischen Lauterbrunnen BE und Grindelwald BE die längste Zahnradbahn der Welt.
Einmal den Fuss in jeden Kanton setzen, nur mit ÖV und das unter 24 Stunden. Was für Zugfans reiner Zeitvertreib, ist für Christoph Brändle so viel mehr. Lesen Sie hier die Reportage.
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