Training zu Hause statt im Fitnesscenter, ganz auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten: Dies ermöglicht das Angebot «DomiGym» von Pro Senectute Kanton Zürich. Ein persönlicher Coach unterstützt einen dabei, die Muskulatur zu erhalten und den Alltag zu meistern.
Text: Annegret Honegger
Achtundvierzig. Gret Leutwyler hat die Zahl exakt im Kopf. Sechs Mal acht Stufen führen zu ihrer Dachwohnung in Winterthur: «Nur wenn ich diese allein bewältigen kann, kann ich auch weiter in meiner Wohnung leben.»
Die Osteoporose macht der 83-Jährigen zu schaffen. Mehrfach brachen Rückenwirbel und kürzlich musste sie sich eine neue Hüfte einsetzen lassen. Das bedeutet jeweils: Operation, Spital, Reha – und nach Wochen erst wieder zurück nach Hause.
Dort warten besagte achtundvierzig Stufen – und zum Glück auch Marie-Thérèse Bouvard. Mit der Fachfrau des Bewegungsangebots «DomiGym» von Pro Senectute Kanton Zürich trainiert Gret Leutwyler einmal pro Woche. Und sagt: «Ohne Marie-Thérèse würde ich nicht mehr hier wohnen.»
DomiGym verbessert Kraft, Beweglichkeit und Stabilität – und schafft damit wichtige Voraussetzungen für ein selbständiges Leben. Bei Gret Leutwyler gehören sogar Streicheleinheiten zum Training. Denn Marie-Thérèse Bouvard bringt oft ihre vierjährige Hündin mit. Nala weiss genau, dass Gret Leutwyler sie bereits mit einem Guetzli und einem Strahlen im Gesicht erwartet: «Nala tut mir unglaublich gut. Ihre Energie spornt mich an.»
Training im Treppenhaus
Ganz so ungestüm wie auf vier Pfoten geht es bei DomiGym natürlich nicht zu. Während Nala mehrere Stufen aufs Mal nimmt, übt Gret Leutwyler, sich konzentriert und bewusst zu bewegen. Fuss für Fuss überwindet sie Treppenstufe um Treppenstufe, die linke Hand am Geländer, die rechte am Gehstock, so, wie sie es in der Reha gelernt hat. Für Pausen steht ein Stuhl auf dem Zwischenboden.
Auch kleine Hanteln und Übungen mit einem Gymnastikball gehören zum Programm. An den Gehstöcken lässt Marie-Thérèse Bouvard Gret Leutwyler eine grosse Acht gehen. Am Rollator wie auf einer Linie Fuss vor Fuss setzen und dabei gleichzeitig die 9er-Reihe rückwärts aufsagen. Da gerät selbst eine ehemalige Lehrerin leicht ins Schleudern. «Auch im Alltag sind Kopf und Körper oft gleichzeitig gefordert», erklärt die Sportleiterin. Nala ist längst auf dem Teppich eingeschlafen.
Gret Leutwyler schätzt, dass ihr Coach auf ihre Bedürfnisse eingeht und dort mit ihr trainiert, wo sie im Alltag auf Schwierigkeiten stösst. So übt sie auch, wie sie sich mit dem Wäschekorb in der Waschküche bewegen oder trotz der schweren Haustür ihren Briefkasten leeren kann.
Hindernisse überwinden lernen
Oft liege es an kleinen Hindernissen, ob jemand noch allein leben könne oder nicht, sagt Marie-Thérèse Bouvard. Oder an der geschwächten Muskulatur. Diese nach einem gesundheitlichen Rückschlag rasch wieder aufzubauen, sei zentral. Denn im Alter bilden sich die Muskeln rasch zurück, wenn man sie nicht braucht – worunter wiederum die Selbständigkeit leidet.
Bei DomiGym geht es aber nicht nur um die Muskeln, sondern auch ums Mentale. Darum, Sicherheit zu gewinnen und dem eigenen Körper wieder zu vertrauen. Schrittchen für Schrittchen habe sie vieles wieder lernen müssen, erzählt Gret Leutwyler: «Zu wissen, dass mich Marie-Thérèse auf diesem Weg unterstützt, gab mir Zuversicht.» Deren Tipps, erzählt die Winterthurerin, habe sie zu Hause und unterwegs oft im Ohr: «Und wenn ich etwas schliesslich wieder kann, dann ist das Lebensqualität.»
Am Stubentisch besprechen die Frauen nach dem Training die nächsten Termine. Und nennen eine weitere Zutat zum Erfolgsrezept von DomiGym: die Chemie. «Wir sind ein tolles Team», finden beide. Selbst ihre Ärzte würden staunen, wie gut sie sich bereits wieder bewege, sagt Gret Leutwyler. Stolz berichtet sie, dass sie am Vortag erstmals wieder die ganze Treppe ohne Pause gemeistert habe. Alle achtundvierzig Stufen.
© Annegret Honegger
DomiGym bei Pro Senectute Kanton Zürich
Bei «DomiGym», dem Bewegungsangebot für zu Hause, verbessert man mit einem persönlichen Coach Kraft, Mobilität und Stabilität. So fallen Aufstehen, Absitzen, Gehen, Treppensteigen oder der Haushalt wieder leichter.
Beim Erstgespräch mit einer Expertin werden gemeinsam Ziele und Bedürfnisse geklärt und man lernt seinen Coach kennen. Die Lektionen werden von Erwachsenensportleitenden mit Zusatzausbildung erteilt. Regelmässige Tests messen die Fortschritte.
Eine Trainingsserie umfasst 12 Lektionen à 60 Minuten. Eine Lektion kostet 40.50 Franken, ab der vierten Serie 81 Franken. Teilweise beteiligt sich die Krankenkasse an den Kosten. EL-Beziehende erhalten Rabatt. Infos: pszh.ch/domigym, Telefon 058 451 51 41, Mail claudia.boeni@pszh.ch
Nur ja nicht hinfallen: Sturzfolgen sind häufige Ursache für langwierige gesundheitliche Probleme und den Verlust von Lebensqualität. Daher gilt: Gefahren vorhersehen und sich möglichst gut aufs Stürzen vorbereiten.
Auch im Alter kann man noch fitter werden: Neue Studien zeigen, dass viele über 65-Jährige gesundheitliche Fortschritte machen. Zudem ist das Risiko, an Demenz zu erkranken, in den letzten vierzig Jahren um zwei Drittel gesunken.