Das allererste Tor ihres Sohnes für die nordamerikanische Profiliga NHL sah Jacqueline Andrighetto am Fernsehen, in einer namenlosen Bar in Montreal. Sven hätte eigentlich an dem Tag fürs Farmteam in Hamilton bei Toronto gespielt, wurde dann aber kurzfristig in die erste Mannschaft umgeteilt. Als Jacqueline Andrighetto dies erfuhr, war sie in New York und konnte gerade noch ihren Flug nach Montreal umbuchen. In die Eishalle schaffte sie es aber nicht mehr rechtzeitig. So sass sie da in einer Bar, ihr Blick auf den Fernseher gebannt, am Telefon mit ihrem Mann. Als Sven ein Tor schoss, jubelte sie. «Nein, ich sehe nichts», meinte ihr Mann Remo von Zürich aus. Doch dann, leicht zeitverzögert, jubelte auch er. «Ich fühlte mich in dem Moment so verbunden mit meiner Familie, diese ganze geografische Distanz – sie war weg.»
Die Liebe und das Eis – damit begann alles. Als Teenager lernte Jacqueline Remo kennen, als er verletzt auf der Tribüne sass, während sein Eishockeyteam im Einsatz war. Wenig später, bei der Eisdisco auf demselben Eisfeld, funkte es. Fortan schaute sich Jacqueline alle Spiele von Remo an. Als ihre Söhne Tobi und Sven knapp über die Bande schauen konnten, durften sie bei den Matchs der Männer die Bandentüre für die fliegenden Wechsel öffnen und schliessen. Mit fünf Jahren besuchte Tobi die Hockeyschule; Sven, erst drei, war schon bald mit dabei.
Jeden Tag bringen und holen
Aktive Jungs seien sie gewesen, erzählt Jacqueline Andrighetto bei einem schwarzen Kaffee in ihrem Pilates-Studio und erinnert sich lächelnd zurück. Sven spielte schon bald Eishockey, Fussball und Schlagzeug, mit unbändiger Energie. «Er war immer ein Gumpiball.»
Unter der Woche verbrachte sie viel Zeit hinter dem Steuer, brachte die Söhne zu den täglichen Trainings und holte sie wieder ab. Am Wochenende übernahm der Vater die Fahrdienste zu den Spielen und Turnieren. Als Sven sieben Jahre alt war, kam Schwesterchen Vanessa zur Welt. Als Vollzeitmutter war Jacqueline Andrighetto mit drei Kindern und Hund ausgelastet. «Die Eisfelder – das war unser Ausgang.»
Und sie sind es bis heute geblieben. Seit Sven Andrighetto beim ZSC in Zürich unter Vertrag ist und wieder in der Schweiz lebt, besuchen die Eltern alle Heimspiele. Über den Daumen gepeilt hat Jacqueline Andrighetto bei um die 550 Matchs live mitgefiebert. In der Swiss Life Arena (SLA) sitzt sie immer in der Loge auf Platz Nummer 10, Svens Nummer auf dem Trikot, und drückt jeweils den rechten Daumen – durchgehend. Nervös sei sie nicht, aber sie folge dem Spiel konzentriert. Deshalb hat sie nicht gerne Leute um sich, die während eines Matchs schwatzen. «Heute geniesse ich die Matchs», sagt sie.
Sie war immer da, stets gelassen
«Sie ist dann ganz bei sich, wie in einer Blase», sagt ihr Mann Remo. Je wichtiger das Spiel, desto ruhiger sei Jacqueline. Früher, als Sven sich seine Karriere noch erkämpfen musste, da seien beide Eltern nervös gewesen, erzählt Remo Andrighetto. «Seit er allen bewiesen hat, dass er es kann, sind wir viel ruhiger.» Und ergänzt: ausser vielleicht in einem Finalspiel.
Misserfolge, Verletzungen, Frustmomente: Jacqueline Andrighetto war immer da, blieb stets gelassen. Als hart erlebte sie eigentlich nur eines: als Sven mit 17 Jahren nach Kanada zog, um bei den Rouyn-Noranda Huskies zu spielen, einem der besten Nachwuchsteams der Welt. Sie war froh, als der Vater mit ihm ins Flugzeug stieg und ihn zur Gastfamilie begleitete. So konnte sie den Abschied aus der Distanz verdauen. «Ich hätte es nicht geschafft, ihn dort zu lassen und wieder abzureisen.»
«Ich geniesse die Matchs. Ich habe nicht gerne Leute um mich, die schwatzen.»
«Es kam aber alles gut», erzählt sie. Sven landete bei einer tollen Familie und hatte einen Trainier, der an ihn glaubte. In den Ferien besuchte die ganze Familie ihn jeweils. «Wir sind immer mit ihm mitgewachsen», beschreibt sie seine Karriere. 2013 wurde Sven von den Montreal Canadiens gedraftet. In der NHL spielte er sowohl für Montreal als auch für die Colorado Avalanche. Anschliessend verbrachte er eine Saison beim russischen Klub Avangard Omsk, bevor er 2020 zu seinem Ausbildungsverein, den ZSC Lions, zurückkehrte.
«Besser kann man es nicht machen»
Jacqueline Andrighetto macht kein grosses Aufheben um ihren Anteil an dieser steilen Karriere. «Ich war einfach da.» Ihr Mann sieht das anders: «Sie ist ein Paradebeispiel, wie man als Mutter sein muss, damit der Sohn Erfolg haben kann.» Besser könne man es nicht machen. «Ich sehe nicht viele Mamis, die immer dabei sind an den Heimspielen und ihre Buben – jetzt Männer – immer unterstützen.»
Und wie sieht das der Bub, auch er längst ein Mann? «’s Mami hat gesagt, ich solle Sie anrufen», meldet sich Sven Andrighetto charmant. Seine Mutter habe eine entscheidende Rolle gespielt bei seiner Laufbahn, erzählt er. «Egal, wie ich spielte, sie war immer positiv, unterstützend, fand die richtigen Worte.» Sie habe stets gesehen, was er bereits erreicht habe und nach vorne geschaut. Je älter er werde, desto mehr bewundere er sie für ihre liebevolle, optimistische Art. «Gerade im Spitzensport, wo man sich immer verbessern und mehr will, tut das enorm gut.»
Mutter und Sohn hören sich täglich
Jetzt, als 33-Jähriger, sei ihm die Unterstützung seiner ganzen Familie bewusster denn je. «Dieser Zusammenhalt gibt mir Kraft.» Mutter und Sohn hören sich täglich, jeden Sonntag trifft sich die ganze Familie zum gemeinsamen Znacht. Dann sei Eishockey Nebensache. Bei den Heimspielen sind sie dann aber alle wenn möglich vor Ort. Während eines Matches ist Sven Andrighetto ganz auf das Spiel fokussiert. Aber nach dem Schlusspfiff gleitet sein Blick jeweils zur Tribüne, wo seine Familie sitzt. Und er winkt ihnen zu.
Nati-Star Sven Andrighetto über seine Mutter:
«Sie ist einfach zu jedem Mitmenschen nett. So will ich auch sein.»
Seine Mutter inspiriert ihn auch jenseits des Eisfelds. «Sie ist einfach zu jedem Mitmenschen nett. So will ich auch sein», sagt er. Und diszipliniert sei sie auch. Verbringe die Familie gemeinsame Ferien, stehe seine Mutter jeden Morgen auf und mache als erstes ihr Workout. «Sven kommt nach ihr. Sie haben beide Disziplin und Durchhaltewillen. Arbeiteten sie auf ein Ziel hin, ziehen sie es durch», sagt Vater Remo.
Und so hat Jacqueline Andrighetto kürzlich, mit 57 Jahren, die Ausbildung zur zertifizierten Pilates-Coachin abgeschlossen, gemeinsam mit ihrer Tochter Vanessa. Zu zweit führen sie nun ein Studio für Reformer Pilates in Wallisellen ZH. Hier wird auch Sven in der Sommerpause trainieren. Aber zuerst geht es nach einer intensiven Playoff-Phase mit dem ZSC hoffentlich an die Hockey-WM. Denn Sven Andrighetto hat mit den Folgen einer Hirnerschütterung zu kämpfen. Drei Mal hat die Schweiz mit Sven Andrighetto im Team die Silbermedaille geholt. Jetzt ist die Vorfreude auf die WM, die tolle Atmosphäre, das schnelle, impulsive Spiel ohne Gejammer überschattet von der Sorge um den Sohn. Aber Jacqueline Andrighetto bleibt positiv, schaut nach vorn. Und hofft, dass es diesmal mit dem Gold gelingt.
Pro Jahr besuchen über 6000 Vier- bis Achtjährige die Hockeyschule. Rund 2000 entscheiden sich für den Beitritt. in einen Klub. Von den gut 300 Spielern, die bei der U16 und U18 in der obersten Leistungsklasse spielen, schafft es etwa jeder Zehnte in die jeweilige Nationalmannschaft. Später erhalten etwa 30 Spieler einen Vertrag für die höchste oder zweithöchste Liga.
Eishockey-WM in der Schweiz
Vom 15. bis 31. Mai 2026 kämpfen die 16 besten Nationalteams der Welt in 64 Spielen um den Weltmeistertitel. Am Eröffnungstag treffen in der Swiss Life Arena in Zürich Finnland und Deutschland sowie die USA und die Schweiz aufeinander. Auch in der Arena in Fribourg stehen dann mit Kanada gegen Schweden sowie Tschechien gegen Dänemark zwei hochkarätige Begegnungen auf dem Programm. Unter Ex-Eishockey-Nationaltrainer Patrick Fischer gewann die Schweizer Nationalmannschaft 2018 in Kopenhagen, 2024 in Prag und im vergangenen Frühjahr in Stockholm jeweils WM-Silber. Alle Spiele der Schweizer Nati werden auf SRF übertragen, ebenso ausgewählte Partien aus beiden Gruppen, die beiden Halbfinale und der Final.
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