Das Basler Stadtoriginal -minu war für seine exzentrischen Kolumnen und flamboyanten Soiréen bekannt. Nun pflegt der 78-Jährige seinen krebs- und demenzkranken Partner «Hölzli». Wie geht es ihm dabei?
Text: Claudia Senn, Fotos: Raphaela Graf
Von aussen sieht das Stadthaus beim Spalentor so unauffällig aus wie jedes andere. Doch wer an der Tür klingelt, betritt ein Wunderland, das er so schnell nicht wieder vergessen wird. Linkerhand geht es ins Weihnachtszimmer, in dem ganzjährig ein geschmückter Baum steht. Dazu Christbaumschmuck, Engel und Krippenfiguren in so absurder Zahl, dass man inmitten dieser Kitschorgie glatt den Hausherrn übersehen könnte: -minu, 78, mit Seehundschnauz und der Aura eines exzentrischen Lords, gewandet in Samt und schillernde Seide. Eigentlich heisst er Hanspeter Hammel. Doch so nennt ihn nur das Steueramt.
Im Hof liegt neben allerlei Kunstobjekten ein XXL-Bildband mit Aktfotos von Helmut Newton. Was einigermassen erstaunlich ist, denn der schwule -minu interessiert sich nun wirklich nicht für nackte Frauen. Doch der Fotograf liess das Buch einst als Geschenk da, «und die Pöstler freuen sich immer sehr darüber, wenn sie ein Paket ausliefern», sagt -minu.
Auf der anderen Seite des Hofes liegen die Küche und das Esszimmer, Schauplatz unzähliger mondäner Abendgesellschaften. Den riesigen Tisch hat -minu vom verstorbenen Modeschöpfer Fred Spillmann geerbt. Spillmann kleidete nicht nur die Damen des Basler Daig ein, sondern auch Grace Kelly und Marlene Dietrich. Selbst konservative Basler luden den schillernden Designer gern zu ihren Empfängen ein, weil er – ebenso wie -minu – einen unterhaltsamen Abend garantierte. «Uns beide kannst du an jeden Tisch setzen, zu den Huren oder zu den Königinnen», sagte Spillmann einmal zu -minu. Um dann mit einem ernüchternden Fazit zu enden: «Doch wirklich dazugehören werden wir nie.»
Am Tisch mit Bundesräten und CEOs
Keinem Basler und keiner Baslerin muss man erklären, wer -minu ist. Viele Jahre schrieb er eine Klatschkolumne in der «Basler Zeitung», die von allen gelesen wurde, auch von jenen, die behaupteten, das sei unter ihrer Würde. Zudem war er berühmt für seine glamourösen Soiréen, die er per Auktion verschacherte. Der Meistbietende durfte zwölf Gäste einladen. Es kamen Bundesräte, CEOs, die Haute volée der Kunstszene. Manche Gäste waren so prominent, dass für sie extra die Strasse abgesperrt werden musste.
Das Geld ging an eine wohltätige Organisation, und -minu kochte oder besser: liess kochen. Denn obwohl er auch unzählige Kochbücher und -kolumnen verfasste, ist sein Talent am Herd bis heute mässig. Viel wichtiger war sowieso die Dekoration. «Schau», sagt er und zeigt auf ein Bild voller Federn und bunter Fetzchen, «hier hat Jean Tinguely aus den Überresten des Tisches eine Collage gebastelt.» Für Gigi Oeri, damals Präsidentin des FC Basel und Besitzerin des Teddybärenmuseums, liess er kleine Teddys aus Schokolade giessen – samt FCB-Fan-Schal. «Geschmeckt hat es grauenhaft», sagte die Spitzenköchin Tanja Grandits, nachdem sie als Gast an einer Soirée teilgenommen hatte, «aber es war das schönste Essen, das ich je erlebt habe.»
Spross einer unkonventionellen Familie
Zugang zum Basler Daig eröffnete -minu sein Partner Christoph Holzach, genannt Hölzli, ein Rechtsanwalt und Spross der zweitältesten Familie der Stadt. Als -minu seinen späteren Mann zum ersten Mal in der Kunsthalle-Bar erspähte, war es um ihn geschehen. «Hölzli war keine Schönheit. Brandmager und grauenhaft angezogen. Trotzdem wusste ich: der oder keiner.»
Die Gegensätze waren es, die -minu faszinierten. Denn er selbst kam aus einer Familie, die sich wenig um Konventionen scherte. Sein Vater, ein Tramchauffeur, der sich später zum Gewerkschaftsfunktionär und SP-Grossrat hocharbeitete, hielt sich ein ganzes Rudel Mätressen. Die Mutter, dominant und aus gutem Stall, verwaltete die Agenda der Geliebten. «Sie sagte zu ihm: Du kannst doch nicht das Wochenende mit dem Trudi verbringen und das Vreni einfach zwei Wochen sitzen lassen. So geht das nicht!» Mit allen Nebenfrauen war sie aufs herzlichste befreundet. Der Sohn betrachtete das turbulente Eheleben wie ein gelungenes Theaterstück. Als er mit neun Jahren verkündete, schwul zu sein, stiess das auf keinerlei Widerstand.
HIV-Infektion mit 69 Jahren
Nun also verliebte sich das Kind dieser Anarchosippe in den letzten Nachkommen einer seit dem 12. Jahrhundert existierenden Dynastie. 57 Jahre leben die beiden jetzt schon Seite an Seite. Die Liebe trotzte dem Widerstand von Hölzlis Eltern, die ihren Filius jedes Jahr von Neuem dazu nötigten, endlich «ein nettes Fraueli» zu suchen, um die Familie vor dem Aussterben zu bewahren. Sie überstand es auch, dass -minu sich im biblischen Alter von 69 Jahren noch mit HIV ansteckte. -minu, kein Freund von Geheimnissen, machte die Infektion öffentlich, was für ordentliches Geraune sorgte. «Doch eigentlich beschäftigte die Leute vor allem, dass ich in meinem Alter noch Sex habe.»
«Hölzli war brandmager und grauenhaft angezogen. Trotzdem wusste ich der oder keiner.»
Jetzt macht Hölzli zwei Stockwerke höher gerade ein Nickerchen, auf dem Gesicht eine Maske gegen Schlafapnoe, an der Wand die Filetstücke seiner exquisiten Kunstsammlung. Er ist 91, leidet an Krebs und Demenz. Morgen steht ihm wieder ein Termin im Spital bevor. -minu stellt sich auf schlechte Nachrichten ein. «Wir sind auf der Zielgeraden», sagt er ruhig und ganz ohne ein Zittern in der Stimme. «Ich hoffe, dass ich ihn in die Arme nehmen kann, wenn er stirbt.» Der Gedanke, seinen Liebsten bald zu verlieren, ist schlimm. «Aber ich habe bisher ein so tolles Leben geschenkt bekommen, dass ich auch das meistern werde.»
Viel stiller sind die Tage jetzt geworden. Alles dreht sich um Hölzlis Pflege. Den grössten Teil des Jahres verbringt das Paar auf einer Insel im Süden der Toskana, wo Hölzli aufs Meer schauen und einfach glücklich sein kann. Auf der Reise dorthin steigen die beiden in immer denselben Hotels ab. «Denn alles, was neu ist und Hölzli aus dem wohligen Alltagsgefühl herausholt, macht ihm zu schaffen.» Dann wird auch der Krebs schlimmer.
Die Demenz hat auch gute Seiten
Manchmal ist -minu von der Dauerbelastung der Pflege so erschöpft, dass er Schlafstörungen bekommt, Schweissausbrüche und Panikattacken. «Doch dann lege ich mich zu Hölzli ins Bett, um mit ihm zu schmusen, und alles ist wieder gut.» Niemals habe er sich seinem Mann so nah gefühlt wie jetzt. Ihn in ein Pflegeheim zu geben, nein, das würde er nicht übers Herz bringen. Wenn gar nichts mehr geht, kommt ein Freund aus Rom und löst ihn ab. Auch auf der Insel in Italien gibt es zwei Frauen, die ihm unter die Arme greifen.
Zudem habe die Demenz überraschenderweise auch gute Seiten. Hölzli, der stets unter seinen homophoben Eltern litt, kann nun endlich zu seinem Schwulsein stehen. «Auch in der Öffentlichkeit nimmt er jetzt ganz selbstverständlich meine Hand», sagt -minu glücklich. Manchmal sind es eben auch die richtigen Dinge, die bei einer Demenz vergessen gehen. Scham, Schuldgefühle, Selbstverleugnung – Hölzli hat sie einfach losgelassen.
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