Sein Tod haut mich nicht um

Die Erkenntnisse der aktuellen Trauerforschung machen Mut: Die meisten Menschen kommen mit dem Tod eines nahen Angehörigen wesentlich besser klar, als sie denken. So ist es auch Zeit­lupe-Redaktorin Claudia Senn ergangen.

Text: Claudia Senn, Illustrationen: Olaf Hajek

Illustration Trauerarbeit: Frau mit Blumen
© Olaf Hajek

An einem grauen Vormittag im Dezember kam der Anruf, vor dem ich all die Jahre so furchtbare Angst gehabt hatte. «Ihr Mann atmet nicht mehr», sagte die Heimleiterin am Telefon. Einen Augenblick klammerte ich mich noch an die Hoffnung, dass dieser Zustand vorübergehen könnte, so wie all die anderen medizinischen Krisen, die wir gemeinsam durchgestanden hatten. Dann begriff ich: Mein Liebster war tot. Diesmal war es definitiv.

Unzählige Male war er in den Jahren zuvor schon beinahe gestorben. Mein Mann hatte eine Hirnblutung überlebt, einen Herzstillstand, mehrere schwere Operationen und drei lebensbedrohliche Blutvergiftungen. So oft hatte ich auf der Intensivstation um sein Leben gebangt, dass sich die Angst tief in mich hineingefressen hatte wie eine ätzende Säure. Ich pflegte ihn, bis meine Kraft zu Ende war, dann zog er für seine letzten Lebensmonate in ein Altersheim. Dass er sterben würde – eines Tages, bald – hatte ich akzeptiert, doch meine Angst wurde dadurch nicht kleiner. Stets malte ich mir diesen Tag als den schlimmsten meines Lebens aus, auf den ein nicht minder schreckliches Jammertal der Trauer folgen würde. Doch als es so weit war, wurde ich von der Wirklichkeit überrascht.

Das Thema interessiert Sie?

Werden Sie Abonnent/in der Zeitlupe.

Neben den Print-Ausgaben der Zeitlupe erhalten Sie Zugang zu sämtlichen Online-Inhalten von zeitlupe.ch, können sich alle Magazin-Artikel mit Hördateien vorlesen lassen und erhalten Zugang zur Online-Community «Treffpunkt».

Zeitlupe abonnieren oder