Wenn gegen bakterielle Infektionen herkömmliche Medikamente nicht oder nicht mehr helfen, könnten sogenannte Phagen eine wirksame Therapiealternative darstellen. Diese «bakterienfressenden» Viren sind altbekannt, aber aufwendig im Einsatz.
Text: Martina Novak
«Immer mehr Antibiotikaresistenzen», «Wachsende Bedrohung durch resistente Keime», «Wenn Medikamente ihre Wirkung verlieren»: Die erschreckenden Meldungen in den Medien häufen sich, Gesundheitsexpertinnen und -experten weltweit schlagen Alarm. Denn die noch vor wenigen Jahren als Wundermittel gegen Infektionserreger gepriesenen Antibiotika zeigen in gewissen Fällen keine Wirkung. Dafür verantwortlich sind Bakterien, Keime oder andere Erreger, die Resistenzen entwickelt haben: Die Medikamente können ihnen nichts mehr anhaben und sind wirkungslos.
Bei akuten, schweren Infektionen oder auch bei chronischen, nicht heilenden Infektionen ist das für die Betroffenen lebensbedrohlich: Jährlich sterben in der Schweiz 300 Menschen an Infektionen, die sich mit Antibiotika nicht behandeln lassen.
Alte neue Phagentherapie
Während Regierungen Massnahmen zur Vorbeugung vorantreiben und Fachleute fieberhaft neue Antibiotika zu entwickeln versuchen, arbeitet ein weltweites Netzwerk von hochspezialisierten Infektiologen und anderen Medizinerinnen an einer alternativen Therapieform. Sie setzen für die Behandlung von Infektionen, bei denen herkömmliche Antibiotika keine Besserung bringen, Bakteriophagen, kurz Phagen genannt, ein. Phagen sind Viren, die gezielt Bakterien bekämpfen (siehe Box).
Obwohl die Behandlung mit Phagen über hundert Jahre alt ist, in Teilen Osteuropas praktiziert wird und in einzelnen Fällen ihre Wirksamkeit bewiesen hat, ist sie in vielen Ländern offiziell nicht zugelassen. Es fehlen umfangreiche klinische Studien zum Beweis der Wirksamkeit.
Phagen greifen jeweils nur eine einzige Bakterienart an. Ein Vorteil, weil auf diese Weise nicht andere, nützliche Bakterien eliminiert werden. Der Vorteil ist aber gleichzeitig ein Nachteil: In aufwendiger Forschungsarbeit muss identifiziert werden, welche Bakterien bei einer Patientin oder einem Patienten resistent gegen Antibiotika sind und welche Phagenart Abhilfe schaffen könnte. Die Forschung verschlingt Mittel und braucht viel Zeit. Zeit, die die schwerkranken Menschen oft nicht haben. Und: Die Phagentherapie kann zwar eine deutliche Entlastung bringen, aber keine vollständige Heilung. Wenn diese «bakterienfressenden» Viren zum Zug kommen, dann meistens als ergänzende Behandlung zur konventionellen Antibiotikatherapie. Auch in der Schweiz wurden Phagen bisher nur im äussersten Notfall eingesetzt. Dabei hat die Westschweiz die Nase vorn: In Lausanne und Genf wird seit Jahren Phagenforschung betrieben.
Hoffnung in Genf
Der Fall eines Patienten, der am Unispital Genf erfolgreich mit Phagen behandelt werden konnte, sorgte im vergangenen Frühjahr für Schlagzeilen. Seit 2019 musste der 41-Jährige wiederholt das Spital aufsuchen und blieb zuletzt während sieben Monaten dauerhaft hospitalisiert. Er litt an einer angeborenen chronischen Lungeninfektion, hatte sehr hohes Fieber und Atemnot wegen der Sekretproduktion. Rund um die Uhr war er auf Antibiotikainfusionen angewiesen; doch ohne Besserung. Denn die Verursacher seiner Infektion waren gegen verschiedene Antibiotika re sistent. «Die herkömmlichen therapeutischen Massnahmen sind ausgeschöpft», hiess es.
Der Patient verlor zunehmend Kraft und Lebenswille, dachte sogar daran, mit Exit seinem Leben ein Ende zu setzen. In dieser ausweglosen Situation entschied sich das Team des Genfer Unispitals unter der Leitung von Christian Van Delden für eine experimentelle Therapie mit Phagen. Man isolierte zunächst das Bakterium vom Patienten und testete, ob Phagen aus der eigenen Phagen-Bank dieses angreifen. Ohne Erfolg, weswegen andere Phagen-Labore in Lausanne und in Europa angefragt wurden. Die positive Antwort beziehungsweise ein Phage, der das Bakterium des Genfer Patienten zumindest im Labor abtötete, kam schliesslich aus den USA. Um seine Wirkung in der Lunge des Patienten zu beweisen, wurde er als Spray zum Einatmen verabreicht. Mit Erfolg: Innerhalb weniger Tage verbesserte sich der Zustand des Betroffenen. Das Fieber ging zurück und er konnte wieder freier atmen.
Hochindividualisierte Behandlung
Das Beispiel zeigt, wie herausfordernd der therapeutische Einsatz von Phagen ist: als hochindividualisierte Behandlung in Einzelfällen mit grosser Krankheitslast, wo sämtliche Möglichkeiten ausgereizt wurden. «Es ist so etwas wie ‹le dernier recours› – das letzte zur Verfügung stehende Mittel», nennt es der Genfer Arzt Christian Van Delden.
Das grösste Problem für die Behandelnden: Es gibt nicht zwei gleiche Infektionspatienten. Sie suchen für jede Patientin und jeden Patienten sowie jeden Keim den passenden Phagen. Dank der Zusammenarbeit des europa- und weltweiten Netzwerks besteht immerhin die Möglichkeit des Austauschs von «bakterienfressenden» Viren. Die Schweizer Forschenden wollen aber die Phagentherapie in der Schweiz stärken: Die Unispitäler Genf und Lausanne planen die Einrichtung eines gemeinsamen «Centre Romand de Phagothérapie», das durch Swissmedic berechtigt wäre, nach bestimmten Standards Phagen herzustellen und zu verteilen. Phagen für Patientinnen und Patienten mit schwer behandelbaren Infektionen in der ganzen Schweiz. ![]()
© Image Professionals / Tumeggy
So geht Phagentherapie
Phagen sind Viren, die gezielt Bakterien angreifen, aber für menschliche Zellen unschädlich sind. Korrekt heissen sie Bakteriophagen («Bakterienfresser», vom griechischen «phagein» für «fressen»). Wie alle Viren können sich Phagen nicht eigenständig vermehren. Sie brauchen ein Bakterium als Wirt, in welchen sie eindringen und sich dort vermehren. Wenn eine Infektion beseitigt ist, können sich die Phagen im Körper nicht mehr vermehren. Sie werden dann nach und nach abgebaut und im Urin ausgeschieden.
Die allermeisten Phagen sind sehr spezifisch, das heisst, sie greifen nur eine Bakterienart an oder sogar nur eine Untergruppe davon. Um eine Patientin oder einen Patienten behandeln zu können, muss man das Bakterium, das die Infektion verursacht, isolieren und im Labor testen, ob der Phage, den man einsetzen will, das Bakterium auch tatsächlich bekämpfen kann. In aufwendiger Forschungsarbeit muss für jede Bakterienart aus unzähligen Phagenarten der richtige Phage definiert werden. Für akute Infektionen ist die Phagentherapie wegen des benötigten Zeitaufwands von Tagen oder gar Wochen daher weniger geeignet.
Am häufigsten mit Phagen behandelt werden:
- Infektionen im Zusammenhang mit Gelenkprothesen oder nach Knochenbrüchen
- Chronische Wunden und Ent- zündungen, diabetischer Fuss
- Lungenentzündungen, Atemwegsinfekte
- Infektionen am Herzen
- Schwere Infektionen und Abszesse in anderen Geweben, Blutvergiftungen
- Infekte der Harnwege und der Prostata
Mit dem Aufkommen des Penicillins und weiterer Antibiotika in den 1940er-Jahren gerieten Phagen zur Behandlung von Infektionen zunehmend in den Hintergrund. In einigen Ländern Osteuropas und der ehemaligen Sowjetunion werden sie noch heute angewandt. In der Schweiz ist die Phagentherapie nicht offiziell zugelassen. Sie darf zwar in Notfällen unter strengen Regeln sowie mit schriftlicher Zustimmung der Patienten oder Patientinnen eingesetzt werden.
Das Forum Phagentherapie vereint Forschende und Dozierende der ETH, der Uni Zürich und der Fachhochschule Nordwestschweiz. Es bringt Expertinnen und Experten aus Gesundheit und Politik mit Betroffenen und der interessierten Bevölkerung zusammen, um über Lösungen zu diskutieren, wie Menschen mit unbehandelbaren bakteriellen Infektionen geholfen werden kann. Im Frühjahr 2026 finden vier öffentliche Foren zur Phagentherapie in Lenzburg, Zürich, Basel und Lausanne statt.
Infos: phagenforum.ch
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Bei jedem Einsatz von Antibiotika können resistente Bakterien überleben und sich ausbreiten.»
Catherine Plüss-Suard, Pharmazeutin am Institut für Infektionskrankheiten der Uni Bern, Mitglied des Exekutivausschusses beim Schweiz. Zentrum für Antibiotikaresistenzen (ANRESIS)
Was bedeutet «Antibiotikaresistenz»?
Es bedeutet die Fähigkeit von Bakterien, sich an die Wirkung von Antibiotika anzupassen und dieser zu widerstehen. Dadurch wird die Behandlung einer Infektion erschwert, verlängert oder im schlimmsten Fall verunmöglicht.
Warum nehmen solche Resistenzen zu?
Antibiotikaresistenz hängt mit der Infektionsprävention und dem Verbrauch von Antibiotika zusammen: Jedes Mal, wenn solche Mittel eingesetzt werden, können resistente Bakterien überleben und sich weiter ausbreiten. In der Human- und Tiermedizin sowie in der Landwirtschaft kommen weltweit sehr viele Antibiotika zum Einsatz. Zudem begünstigt die Reisetätigkeit der Menschen die Entwicklung von Resistenzen.
Man spricht von einer «stillen Pandemie».
Den Begriff «stille Pandemie» braucht man vor allem beim Vergleich mit der Covid-Pandemie, denn es handelt sich ebenfalls um eine globale Gesundheitskrise. Ein bedeutender Unterschied besteht darin, dass die Covid-Pandemie zeitlich begrenzt war. Antibiotikaresistenzen hingegen beschäftigen uns schon länger. In der Schweiz sterben jährlich etwa 300 Menschen an den Folgen einer Infektion mit resistenten Keimen, weltweit sind es Schätzungen zufolge über fünf Millionen Menschen. Fachleute warnen, dass sich diese Mortalitätszahlen bis 2050 verdoppeln könnten.
Und was wird dagegen getan?
Die Schweiz verfügt seit 2015 über eine nationale Strategie Antibiotikaresistenzen (StAR). Eines der Ziele dieser Strategie in der Humanmedizin ist die Sensibilisierung der Bevölkerung und des medizinischen Personals sowie der Mitarbeitenden in Alters- und Pflegeheimen. In Gesundheitseinrichtungen bestehen Programme und Massnahmen zur frühzeitigen Entdeckung und Behandlung von Infektionen mit resistenten Keimen. Dank dieser Bemühungen ist die Zahl der Infektionen mit resistenten Bakterien der Art Staphylococcus aureus seit 2004 stark gesunken.
Wie können Patientinnen und Patienten zur Eindämmung von Antibiotikaresistenzen beitragen?
Antibiotika nur in Absprache mit Ärztin oder Arzt und genau nach Verschreibung einnehmen, und auch nur dann, wenn eine bakterielle Infektion vorliegt und keine andere Behandlung empfohlen wird. Mit vielen Blasen- und Ohrenentzündungen werden die natürlichen Abwehrkräfte des Körpers beispielsweise von alleine fertig. Bei von Viren verursachten Erkältungen und bei Grippe sind Antibiotika wirkungslos.