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Jacqueline Badran: «Mein Pflichtgefühl übersteigt meine Faulheit»

Keine Nationalrätin ist so laut wie sie. Aber auch ­keine ist so bekannt und so beliebt wie sie. Jacqueline Badran erzählt, was die Aufmerksamkeit mit ihr macht, wie sie ihr Ego ­bändigt und wann sie sich zur Ruhe setzen will.

Interview: Maximilian Jacobi, Fotos: Christian Senti

Frau Badran, wie geht es Ihnen?
Persönlich gut, bis auf zunehmende Alterserscheinungen. Politisch ­weniger gut, unter anderem wegen der ­katastrophalen Weltlage.

In unserem Gespräch soll es mehr um Sie persönlich gehen, weniger um Politik.
Und was wollen Sie jetzt von mir? So unbedeutendes Zeug?

Wollen Sie über Ihre Alters­erscheinungen reden?
Vielleicht später.

Wie fühlt es sich an, eine öffentliche Figur zu sein?
Seit ich eine öffentliche Figur bin, gehe ich noch viel lieber nach Hause. Mein Zuhause wurde noch mehr zu einem Safe Space.

Sonnen Sie sich nicht gern im Licht der ­Öffentlichkeit?
Es ist eine ambivalente Sache. Einerseits brauche ich die Öffentlichkeit, die Auftritte, die Aufmerksamkeit, um meine Ziele zu erreichen. Und klar schmeichelt es mir, wenn ich ­Panaschierkönigin und bestgewähl­te Nationalrätin bin. Andererseits ist es auch etwas lästig, wenn man auf den Bus wartet und ständig angequatscht wird.

Sie sind in der Tat sehr beliebt, ­bekommen Fanpost, werden auf der Strasse gelobt. Einmal verteilten ­Unbekannte sogar Plakate von Ihrem Gesicht und der Aufschrift «Jacky 4 President» in Zürich. Was macht das mit Ihnen?
Es schmeichelt mir schon. Gleichzeitig ist mir jeder Personenkult suspekt. Ich denke deshalb jedenfalls nicht, dass ich ein «Sibesiech» bin. Es entlastet mich gewissermassen – von der Frage, ob meine Anliegen ­gehört werden. Dass ich zu Menschen durchdringe, ist mir wichtiger, als dass man mich toll findet. Denn wenn dir niemand zuhört, musst du aufhören, Politik zu machen. Aber so viel Lob kann einen durchaus ­korrumpieren.

Jacqueline Badran
© Christian Senti

Wie halten Sie Ihr Ego in Zaum?
Ich bin grundsätzlich nicht sehr eitel. Aber in meinem Kopf gibt es mehrere Stimmen. Die beobachte ich. Damit ich merke, wenn meine Eitelkeit wächst.

Woran merken Sie das?
Wenn ich bei Leuten aus meiner Partei beispielsweise denke: «Ich hätte das viel besser gesagt.» Dabei reden ein Jon Pult oder ein Fabian Molina viel besser als ich. Jedes Wort stimmt, wie aus dem Truckli.

Macht es Sie müde, in der Öffentlichkeit zu stehen?
Manchmal.

Wie viel haben Sie letzte Nacht geschlafen?
Viel.

Was heisst viel? In Ihrer Biografie steht, Sie brauchen vier Stunden Schlaf pro Nacht.
In den letzten zwei Wochen war ich krank. Einmal schlief ich 18 Stunden durch. Seit ich ein Baby war, habe ich das nicht mehr geschafft.

Und wieso schlafen Sie sonst so ­wenig?
Weil ich nicht länger schlafen kann. Schon als kleines Kind habe ich ­im­mer bis drei Uhr nachts gelesen: «Fünf Freunde», «Dolly», «Hanni und Nanni». Meine Schwester ist vier Jahre älter als ich. Sie spielte Lehrerin und brachte mir bei, was sie in der Schule lernte. Deswegen konnte ich mit fünf schon lesen.

Und was machen Sie heute die ganze Nacht lang?
Ich arbeite. Zum Beispiel korrigiere und präzisiere ich Schreiben der Par­tei oder des Mieterverbands, bereite Präsentationen vor, beantworte ­E-Mails – ich bekomme täglich über 180. Ich lese nach, was an den nächsten Kommissionssitzungen verhandelt wird und recherchiere, schreibe Faktenblätter oder Kolumnen.

«Ich gehöre zu den wenigen Politikerinnen, die ein Ziel haben.»

Seit 2002 sind Sie Politikerin und ­haben zahlreiche Siege errungen. Noch als Sie im Zürcher Stadtparlament sassen, verhinderten Sie die Abschaffung der Lex Koller durch den Bundesrat. Wie erreichen Sie ­politische Ziele?
Zunächst brauchen Sie überhaupt ein Ziel. Ich gehöre zu den wenigen Politikerinnen, die ein Ziel haben. Ziele werden ja von niemandem verlangt. Die werden von den Medien auch nicht eingefordert.

Na, dann: Was sind denn Ihre politischen Ziele, Ihre Visionen?
Bitte vermischen Sie Ziele nicht mit Visionen. Bei Visionen halte ich es wie Helmut Schmidt: «Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.»

Wie nennen Sie Visionen dann?
Ich nenne das Träume von einer besseren Welt. Und die sind dann die Grundlage, um konkrete politische Ziele zu formulieren.

Wie sieht so ein politischer Traum von Ihnen aus?
Dass die Häuser wieder den Leuten gehören, die darin wohnen. Die ­hohen Mieten und Immobilienpreise sind ein Jahrhundertproblem. Überall auf der Welt gehen die Leute ­deshalb auf die Strasse: In Holland, Deutschland, Kanada, Amerika, …

In Ihrer Biografie sagen Sie, Träume und die «Sehnsucht nach einer ­besseren Welt» würden heute als ­realitätsfern verschrien. Warum?
Das ist vermutlich nicht erst heute so. Träume wirken aus unserer Per­spektive oft unrealistisch. Aber ­«unrealistisch» ist kein Argument ­gegen Träume. Die Abschaffung der Leib­eigenschaft wirkte wohl auch einmal unrealistisch. Ohne Träume würden wir heute noch in Höhlen hausen. Trotzdem höre ich in der ­Politik ­immer wieder, meine Ideen seien «sozialistische Träume», oder dass ich «halluziniere». Das ist auch ein Befreiungsargument. Wer Träume verspottet, befreit sich von der Aufgabe, sie zu erfüllen.

Sind Sie eine Weltverbesserin?
Ja, klar. Wofür soll man sonst in die Politik gehen? Um sie zu verschlechtern?

Wieso haben Sie und Ihre Generation dann nichts gegen den Klimawandel unternommen? Der «Club of Rome» veröffentlichte immerhin schon 1972 den Bericht «Die Grenzen des Wachstums».
Wir haben etwas unternommen. Ich organisierte in der Schule 1980 eine Ausstellung zum Klimawandel, machte ab 1982 die Radiosendung «Ökollaps», studierte Biologie und danach Umweltökonomie. Das Parteiprogramm der SP verlangt seit 1982 den Ausstieg aus Atom, Kohle und Gas. Und seit dem Weltgipfel 1992 in Rio de Janeiro gilt der Klimawandel als menschengemacht.

Nichts als Lippenbekenntnisse …
Natürlich sind es Lippenbekenntnisse. Aber es ist ein Anfang und Sie können nicht sagen, wir hätten nichts gemacht.

Neben der Lösung der Immobilienkrise und dem Stopp des Klimawandels: Wovon träumen Sie sonst noch?
Davon, dass wir die Schere zwischen Arm und Reich verkleinern. Und zwar global, zwischen Individuen und Ländern. Wenn wir das nicht austarieren, werden wir noch viel, viel, viel mehr unfreiwillige Migration haben. Und wir müssen Des­informationskriege entlarven. Also die absichtliche propagandistische Beeinflussung der Massen. Das wird jetzt durch KI in neue Dimen­sionen katapultiert. Dass wir jetzt ­darüber abstimmen, ob wir die SRG halbieren, ist anachronistisch. Das mündet in eine Katastrophe.

Haben Sie das Gefühl, wir steuern auf eine Katastrophe zu, gar einen Krieg?
Würde ich sagen, ja.

Ich hoffe, Sie täuschen sich. Aber wie kommen Sie als Weltverbesserin damit klar, dass alles in eine falsche Richtung steuert?
Alles, was die Sozialdemokraten gefordert haben, galt zuerst als illusorisch und Träumerei: Arbeitslosen-, Alters- und Mutterschaftsversicherung, Acht-Stunden-Tage, Frauenstimmrecht, Mindestlöhne. Ich weiss, was wir heute fordern, wird in 40 bis 50 Jahren Realität sein. Das hilft. Und ich freue mich über die kleinen Erfolge. Dass die 13. AHV-Rente angenommen wurde beispielsweise. Da denke ich: «Hey, wir haben das Leben von so vielen Rentnern ein bisschen besser gemacht.» Das ist schön. An solchen Dingen halte ich mich fest.

Auch wenn noch unklar ist, wie die 13. AHV bezahlt werden soll?
Kommen Sie nicht mit dieser Floskel: «Die 13. AHV belastet die ­Jungen.» Die AHV ist das grösste Ent­lastungsprojekt aller Zeiten. Dank ihr sind die Jungen von der Angst vor dem Alter und von der Pflicht befreit, für ihre Eltern zu ­sorgen. Neun von zehn Personen er­halten mehr Rente, als sie je eingezahlt haben. Nur Einkommens­millionäre zahlen mehr ein, als sie wieder ausbezahlt erhalten. Denn die AHV kennt keinen Lohndeckel, alle zahlen 8,7 Prozent ihres Gehalts. Also selbst wenn wir die Lohnbeiträge für die 13. AHV erhöhen, entlastet es die meisten Menschen. Weil sie für jeden Franken, den sie in die AHV einzahlen, später mehr als einen Franken erhalten.

Sie haben die Frage noch nicht ­beantwortet: Wie erreichen Sie ­politische Ziele?
Das kommt immer auf den Gegenstand an. Aber bei jeder Materie gilt: drauskommen, drauskommen, drauskommen. Besser drauskommen als jeder andere.

Also Sie recherchieren. Wie? Rufen Sie Experten an?
Nein, so würden es Journalisten machen. Das gibt diesen «He-said-she-said-Journalismus». Ich lese Bücher, wissenschaftliche Studien, suche ­Daten des Bundesamts für Statistik, Daten der Kantone. Ich mache, was Journalisten nicht mehr machen.

Ich habe zur Vorbereitung auf unser Gespräch immerhin Ihre Biografie gelesen. Sagen Sie mal, stand Ihnen Ihre aufbrausende, direkte Art auch schon im Weg, um politische Ziele zu erreichen?
Nein. Ich glaube, Frauen wird das eher verziehen. Da heisst es: «Die ist aber temperamentvoll». Es gibt auch Vorteile, eine Frau zu sein.

«Eigentlich kann ich mir gut vorstellen, später einfach rumzuhängen – Krimis zu lesen, Bridge zu spielen, Filme zu schauen.»

Sie eignen sich also Wissen zu ­einem Thema an. Und wie über­zeugen Sie politische Gegner von ­Ihren Argumenten, beispielsweise Parlamen­tarier von der SVP?
Gar nicht. Die benutze ich nur hin und wieder, wenn ich weiss, dass ich sie vorführen könnte, wenn sie nicht mitmachen. Bei der Lex Koller beispielsweise: Das Gesetz verbot ursprünglich, dass Menschen und ­Konzerne aus dem Ausland Immobilien in der Schweiz kaufen können. Nachdem das Gesetz aufgeweicht worden war, sollte es endgültig ab­geschafft werden. Ich wollte das verhindern. Hier war es einfach, die SVP auf meine Seite zu holen: Wer immer vor Überfremdung warnt, kann schlecht für einen Ausverkauf der Heimat sein.

Und wie überzeugen Sie andere ­Unentschlossene im Rat?
Bevor du Vorstösse im Parlament machst, musst du Mehrheiten anbahnen, also auch andere Parteien auf deine Themen sensibilisieren. Als ich noch im Stadtparlament sass, ging ich beispielsweise mit Artikeln über die Wohnungskrise zur CVP-Fraktion und sprach darüber: «Hast du das gesehen? Besorgniserregend, oder?» Als dann Mieter wegen Leerkündigungen eine Veranstaltung abhielten, sagte ich einem von der CVP: «Geh du doch dorthin, das ist ja dein Quartier.» Dort waren Heerscharen von Leuten mit bürgerlichem Habitus, alle wütend auf die Immobilieneigentümer. So wurde er mit deren Sorgen konfrontiert.

Was für Sorgen haben ältere ­Menschen beim Wohnen?
Ein Pfarrer aus dem Zürcher Quartier Enge erzählte mir, bei ihm seien Leerkündigungen Seelsorgeproblem Nummer eins. Also dass Senioren die günstigen, alten Mietverträge gekündigt werden, sie keine bezahl­baren Wohnungen mehr finden und gezwungen sind, raus nach Dietikon zu ziehen – obwohl sie dort noch nie waren. Die hohen Mieten treffen auch ältere Menschen mit Eigenheim: Es ist günstiger für sie, weiter die Hypothekarzinsen zu zahlen, statt in eine kleine, altersgerechte Wohnung zu ziehen. Wenn eine Gesellschaft Angst einziehen lässt, macht sie etwas falsch.

Apropos altersgerecht: Sie sind ­mittlerweile 64 Jahre alt. Können Sie sich einen Ruhestand vorstellen?
Erst wenn die Mietpreis-Initiative durch ist, die ich mit dem Mieterverband lanciert habe. Die Mission muss ich noch zu Ende bringen. Das geht aber noch drei bis vier Jahre. Ich stelle mich also sicher noch einmal zur Wahl.

Sie sagen, dass niemand in Sachen Bodenpolitik so sattelfest sei wie Sie: Können Sie da einen Rückzug aus der Politik vor sich selbst rechtfertigen?
Ich versuche seit Jahren, mein Wissen weiterzugeben und Leute nachzuziehen. Aber das ist hart. Ich werde irgendwann ein Buch schreiben müssen, um mein Wissen dingfest zu machen. Aber Lust dazu habe ich keine.

Jacqueline Badran
© Christian Senti

Dafür gibt es doch Ghostwriter?
Nein, das müssen meine Worte sein. Ich habe auch eine eigene Sprache. Das muss ich selbst machen.

Sie wirken umtriebig. Haben Sie keine Angst, im Ruhestand zu ­verlottern?
Eigentlich kann ich mir gut vor­stellen, nach der Pensionierung einfach rumzuhängen – Krimis zu lesen, Bridge zu spielen, Filme zu schauen. Ich bin gar nicht so fleissig von Natur aus. Ich bin eher faul. Mein Pflicht­gefühl übersteigt einfach meine ­Faulheit.

Was ist Ihr politisches Vermächtnis?
Die Rettung der Lex Koller. Und ich will, dass sie wieder verschärft wird. Per Parlamentsentscheid oder als Volksinitiative. Ich lasse das globale Kapital nicht an unserer wichtigstes Gut. Für Vermögensverwalter ist es nur eine Anlage, um Geld zu parken. Für uns ist es das Zuhause.

Wollen Sie jetzt noch über Ihre ­Alterserscheinungen reden?
Vielleicht beim nächsten Mal.

Zur Person

  • Jacqueline Badran kam 1961 als Tochter einer Schweizerin und eines libanesischen Unternehmers in Australien zur Welt. Mit sechs Jahren zog sie mit Schwester und Eltern nach Zürich. Dort besuchte sie die Primar- und Kantonsschule. Sie studierte Biologie an der Universität Zürich und Ökonomie an der Universität St. Gallen.
  • Mit zwei Partnern gründete Badran 2000 die IT-Firma Zeix AG.
  • 2001 überlebte sie den Absturz des Crossair-Flugs 3597 bei Bassersdorf – 24 von 33 Insassen starben.
  • 2002 wurde sie für die SP ins Zürcher Stadt­parlament gewählt, seit 2011 sitzt sie im Nationalrat. Ihre Politik dreht sich um Immobilienpreise und bezahlbare Mieten. Seit 2020 amtet sie als Vizepräsidentin der SP Schweiz. Mit ihrem «Lieblingsmenschen» Victor lebt Badran in Zürich-Wipkingen.
Beitrag vom 08.01.2026