
In Englands Sonnenstube
Das Städtchen Totnes ist der ideale Ausgangspunkt, um den Südwesten Englands – das Land Rosamunde Pilchers – zu erkunden. Und daneben gleich noch sein Englisch aufzufrischen.
Text: Franz Ermel
«Quirky», antwortet Jez auf die Frage, wie denn Totnes sei. Quirky – auf liebenswerte Art schrullig also. Jez hat mich mit seinem Taxi am Flughafen abgeholt und fährt mich nach Totnes. Draussen fliegen saftig grüne Wiesen vorbei, unterteilt von Buschwerk und Hecken, und ab und zu ein Dorf mit kleinen Cottages. Das ländliche England, wie es leibt und lebt.
Sprachschule an bester Lage
Totnes ist ein mittelalterliches Städtchen im Süden der Grafschaft Devon und liegt eingebettet zwischen sanften Hügeln am River Dart, der wenige Kilometer weiter, bei Dartmouth, ins Meer mündet.
Die Altstadt schmiegt sich an einen kleinen Hügel, auf dem eine normannische Burgruine thront. Die High Street im Zentrum säumen Lebensmittelläden, Biobäckereien, Vintageshops und kleine Cafés. Es herrscht ein alternativer Geist, Supermärkte und Fastfoodketten sucht man hier vergebens. Wahrscheinlich ist es das, was Jez mit «quirky» gemeint hat.
Paul Hawthorne bestätigt den Eindruck. Er ist Lokalhistoriker und Co-Leiter der Sprachschule «English in Totnes», die sich an bester Lage im Ort befindet: im «Gate House», das mit seinem mittelalterlichem Torbogen die High Street überspannt. Paul organisiert regelmässig Stadtführungen für Sprachschüler und weiss: «Nach dem Niedergang der Stadt in der Ära Thatcher kamen viele New Ager und Hippies auch wegen des günstigen Wohnraums nach Totnes. Sie prägen den Charakter des Orts bis heute.»

Längst ist Totnes wieder ein blühender Flecken, wo seit der Pandemie auch Leute von weither zugezogen sind, um von hier aus im Homeoffice zu arbeiten. Sie verleihen Totnes ein kosmopolitisches Flair.
Der Südwesten Englands zieht nicht nur Menschen auf der Suche nach alternativen Arbeits- und Lebensformen an, sondern war schon immer ein Sehnsuchtsort auch für Schriftstellerinnen und Schriftsteller: für die Krimiautorin Agatha Christie (1890–1976), den Sherlock-Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle (1859–1930) und vor allem für die «Romantik-Königin» Rosamunde Pilcher (1924–2019).
Nach Dartmoor und St. Ives
Ihnen allen wird auf den Zeitlupe-Leserreisen im Frühling und Sommer die Reverenz erwiesen (siehe Programm): Zum weitläufigen Landsitz von Agatha Christie sind es von Totnes nur ein paar Kilometer flussabwärts. Und die überwältigenden Moore und Heidelandschaften des Dartmoor National Parks, wo Conan Doyle seinen Sherlock Holmes den «Hund von Baskerville» jagen liess, befinden sich weiter oben, dort wo der Dart entspringt; man erreicht den Park in einer gut halbstündigen Fahrt von Totnes aus.

Die Landschaften der Rosamunde Pilcher und die Schauplätze, wo die meisten ihrer Bücher verfilmt wurden, liegen dagegen etwas weiter weg in Cornwall – einige davon werden in zwei ganztägigen Wochenendausflügen erkundet: so das opulente gregorianische Anwesen Pencarrow House, das Hafenstädtchen Padstow und das mondäne St. Ives.
Vor allem Letzteres sollte man sich keinesfalls entgehen lassen. Malerisch an der Nordküste von Cornwall gelegen, gilt St. Ives als einer der beliebtesten Küstenorte Englands. Berühmt ist die Stadt für ihr klares Licht, ihre weiten Sandstrände und ihre grosse Künstlerkolonie – haufenweise Galerien, kleine Ateliers und sogar ein Ableger der Tate Gallery in London zeugen davon. Gleichzeitig ist St. Ives ein lebendiger Fischerort: Am Hafen liegen bunte Boote und in den schmalen Gassen reiht sich Café an Fish-and-Chips-Bude. Auch wer den TV-Rührstücken von Rosamunde Pilcher wenig abgewinnen kann, wird sich den Reizen von St. Ives und Cornwall kaum entziehen können.

Die halb- und ganztägigen Ausflüge und Aktivitäten ergänzen den eigentlichen Sprachaufenthalt, denn von Montag bis Freitag belegen die Zeitlupe-Leserinnen und -Leser vormittags Englischlektionen auf passendem Niveau – im besagten Gate House mitten in Totnes.
Die Schule ist auf ältere Sprachreisende eingestellt; Co-Leiterin Margie Barker spricht liebevoll von ihren «Fiftyplussers», also Leuten über 50. Aber auch neben dem Unterricht kümmert sich Margie zusammen mit ihrem Team um die Sprachreisenden. Sie kennt alle Gastfamilien persönlich und besucht sie regelmässig. «Community ist alles», sagt sie.
Margie selbst kam kurz vor der Jahrtausendwende nach Totnes und ist hier längst heimisch geworden. «Ich möchte nirgendwo sonst in England leben», sagt sie, «hier ist es bunt, alle lassen sich treiben, es wird niemals langweilig.» Quirky also? «Genau», lacht sie.