© Jessica Prinz

Der Musikmagier

Wieslaw Pipczynski ist Organist, Musiklehrer und Komponist, spielt Akkordeon und elektronische Tasteninstrumente und scheut keine Stilrichtung. Sein besonderes Instrument ist das Theremin.

Text: Usch Vollenwyder

Konzentriert steht Wieslaw Pipczynski vor dem unscheinbaren Holzkasten mit den beiden Metallstäben und dreht an einem Knopf. Zwischen den Stäben entsteht ein elektromagnetisches Feld. Mit den Händen greift der Musiker in dieses Feld, ein langgezogener, seufzender Laut erklingt. Er sucht den Anfangston, dann beginnt er zu spielen. «O mein Papa», der unvergessliche Hit von Lys Assia, erfüllt das Arbeitszimmer. Mit der rechten Hand reguliert Wieslaw Pipczynski die Tonhöhe, mit der linken die Lautstärke. Keine Tasten, keine Saiten, keine Klappen geben die Töne vor.

Das Theremin ist das einzige Instrument, das berührungslos gespielt wird. Das Theremin wurde 1919 vom russischen Physiker Lev Termen erfunden und gilt als erstes elektronisches Instrument überhaupt. «Ein schwieriges Instrument», sagt Wieslaw Pipczynski, der von den meisten der Einfachheit halber Pip genannt wird. Gleichzeitig sei es das direkteste und ein sehr emotionales Instrument: «Man kann den Ton mit den eigenen Händen formen.» Sobald er einen Finger bewegt, verändert sich dieser. Je näher er dabei den Metallstäben kommt, desto lauter und desto höher wird er. Dazu brauche es viel Körperspannung und Konzentration. Pip greift erneut ins Magnetfeld und spielt Brahms’ Wiegenlied: «Guten Abend, gut Nacht …»

Wieslaw Pipczynski ist Organist, Musiklehrer und Komponist. Neben dem Theremin stehen in seinem Arbeitszimmer in Kaufdorf im bernischen Gürbetal auch ein Flügel und ein Cembalo. In einer Ecke sind Synthesizer und E-Pianos aufgebaut, virtuos wechselt er von einer Klaviatur auf die andere. Die Regale an den Wänden sind gefüllt mit Fachliteratur und Musiknoten, mit eigenen DVD- und CD-Aufnahmen. Pip nimmt das Akkordeon hervor, spielt auch da ein paar Takte.

Unterwegs mit dem Zirkus

In der Schweiz erwarb er das Lehrdiplom für Orgel und elektronische Tasteninstrumente sowie den Ausweis als Chorleiter. Akkordeon und Klavier hatte der gebürtige Pole bereits in seiner Heimat studiert. Ende der Siebzigerjahre sei es in Polen schwierig gewesen, seinen Lebensunterhalt mit Musik zu verdienen. So nutzte Pip die Möglichkeit, als Zirkusmusiker jeweils für einige Monate im Westen auf Tournee zu gehen. Er erinnert sich an seine ersten Auftritte in Zollikerberg im März 1978: Grau und nass sei es gewesen, die Schweiz entsprach so gar nicht seinen Vorstellungen, die Sprache war unverständlich, das Zirkusleben hart.

Trotzdem engagierte er sich in den nächsten beiden Jahren wieder beim Zirkus Aladin und tingelte danach mit dem Travestiekünstler Conny Nelson durch Kleintheater in Deutschland und in der Schweiz. Als er seine Frau Kathrin kennenlernte, liess er sich in der Schweiz nieder.

Als Musiklehrer und als Organist ist der 67-Jährige inzwischen pensioniert. Doch nach wie vor steht er auf der Bühne: Er gestaltet musikalische Abende mit Heidi Maria Glössner, inszeniert mit Uwe Schönbeck Lieder und Lyrik von Wilhelm Busch bis Christian Morgenstern und unternimmt mit der Flötistin Regula Küffer musikalische Streifzüge in alle Stilrichtungen. Seit Jahrzehnten gehört er zum festen Orchester beim jährlichen Zirkusfestival von Monte Carlo und macht Salonmusik mit dem Trio Prima Carezza. Er komponierte die Popmesse «Oremus» und begleitet Stummfilme, oft auf einer Kinoorgel wie anno dazumal.

Absolutes Musikgehör

Wieslaw Pipczynski mag diese Vielseitigkeit. Er wechselt spielend von einem Instrument und einer Musikrichtung zur anderen. Auf der Kirchenorgel spielte er nicht nur Bach, sondern auch Pink Floyd. Er bewegt sich zwischen Klassik und Jazz, Pop und Evergreens, Blues und Gassenhauer. Er liebt Improvisation und Spontaneität: Seine musikalische Stummfilm-Begleitung umschmeichelt mit Laurel und Hardy die Angebetete oder perlt fragend die Tonreihe hinauf, wenn das Komiker-Duo vor einem Problem steht. Natürlich gäbe es ohne Noten kein Bach- oder Beethoven-Werk, sagt der polnisch-schweizerische Doppelbürger und fügt an: «Man muss Noten so brauchen, dass man spielen kann, was dazwischen liegt.»

Pip hat das absolute Musikgehör – das sei nicht einfach, weil er jeden Misston höre –, aber fürs Theremin ist es unerlässlich. Letzten Sommer stand ein Konzert mit dem Genfer Symphonieorchester auf dem Programm, in dem er den Theremin-Part gespielt hätte – aber die Aufführung musste abgesagt werden. Konzert-Livestreams im Internet, wie sie zurzeit vielfach angeboten werden, sind für Pip kein Ersatz. Vor Publikum schwinge eine andere Energie: «Musik lebt von Menschen. Sie treiben mich an.» ❋

Eine Hörprobe finden Sie auf zeitlupe.ch/panorama und weitere  Informationen auf pipczynski.ch