Raus aus dem Alltag, um Neues zu erleben: Die Yoga-Ausbildung seiner Schwester entlarvt eine Lebenslüge von Zeitlupe-Redaktor Maximilian Jacobi.
Text: Maximilian Jacobi
Vielleicht lag es an den Worten meiner Mutter, die mir nie mehr aus dem Kopf gingen: «Yoga ist bewusstes Sein.» Jedenfalls lebte ich Jahre im Glauben, auch ich hätte schon mal Yoga gemacht. Wie sollte ich denn auch sein, ohne es zu wissen?!
Ich irrte. Was ich merkte, als auch meine Schwester mit Yoga anfing. Um ihre Ausbildung als Lehrerin im Yin Yoga abzuschliessen, musste sie eine Lektion geben. Dafür brauchte sie fünf Leute, hatte aber nur vier und fragte mich. Ich konnte also nicht ablehnen.
Wochen später, als meine brüderliche Pflicht anstand, schrie meine Tochter gerade vor Müdigkeit, meine Frau schrie aus Verzweiflung, weil unsere Tochter nicht schlafen wollte, und ich schrie, weil ich zu spät war, raste mit dem Velo los, huschte Punkt 15 Uhr in den Yogakeller, setzte mich auf die Matte neben meiner Mutter, die mich dann fragte, ob es mein erstes Mal Yoga sei. Ich sagte nein.
«Wann hast du denn Yoga gemacht?», fragte sie.
Ich kramte in meinem Kopf, durch den noch immer meine Schreie und die meiner Familie hallten. Da merkte ich, dass ich nicht eine einzige Erinnerung finden konnte, in der ich Yoga mache.
Erinnert hätte ich mich, albern wie ich mir dabei vorkam. Zu Beginn sollten wir sitzen, gerader Rücken, aber entspannt, Augen zu, und ganz bestimmte Laute ausstossen. Das öffne die «Chakren». Leider konnte ich mir die Laute nicht merken, so ahmte ich die Uhs, Ahs und Ohs nach, die aus den Kehlen um mich drangen. «Ooommmm irgendwas, irgendwas, irgendwas». Und das 21 Mal.
75 Minuten bis zum neuen Ich
Dann kamen die Übungen. Der «Liegende Schmetterling»: Im Schneidersitz, die Arme ausgestreckt, legte ich mich auf ein Bolster, das sich in mein Kreuz bohrte. Ich fühlte mich tatsächlich wie ein Schmetterling – aufgespiesst unter einer Lupe. Einatmen, ausatmen. Etwas löste sich. Einatmen, ausatmen. Dann schlief ich fast ein. So ging das bei jeder Übung.
Das Ich, das nach 75 Minuten dem Keller entstieg, war ein anderes als jenes davor. Es war ruhig und klar wie Wasser in einem Glas. Grillen zirpten im Gebüsch – waren die eben schon da? Auf dem Velo hörte ich den Wind in den Blättern, ja, ich hörte sogar den Gummi der Reifen auf dem Asphalt. Das war es jetzt also: das bewusste Sein.
Als ich zu Hause ankam, schlief meine Tochter.![]()
Etwa eine Million Schweizerinnen und Schweizer haben schon Yoga gemacht. Kurse werden überall angeboten, im Raum Langenthal BE nun auch von meiner Schwester. Wenn Sie einen Kurs bei ihr belegen möchten, wenden Sie sich an: maximilian.jacobi@zeitlupe.ch