An den Fraumünsterkonzerten im November dirigiert Jonas Ehrler das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester. Der 33-Jährige über Nervosität, Fehler und seine Macht am Pult.
Interview: Maximilian Jacobi
Herr Ehrler, mir als Laie kommt Dirigieren immer ein bisschen vor wie Ausdruckstanz. Liege ich da falsch?
Bei Ausdruckstanz denke ich an jemanden, der Musik hört und darauf mit Bewegung reagiert. Meine Bewegungen gehen dem Klang voraus. Wenn ich einen Einsatz gebe, dauert es nur einen Moment, bis das ganze Orchester reagiert. Da wird mir immer bewusst, wie sehr ich den Klang vorbereite. Natürlich muss ich auch hinhören, voll im Klang sein, voll verbunden mit den Musizierenden. Im Kopf bin ich jedoch immer einen Schritt voraus.
Klingt herausfordernd, so zwischen zwei Zuständen hin und her zu springen.
Ist es, aber ich springe nicht bewusst hin und her, das passiert beim Dirigieren automatisch.
Sie sind heute 33 Jahre alt. Bereits mit 22 dirigierten Sie Musikerinnen und Musiker, die schon in Orchestern spielten, als Sie noch nicht einmal auf der Welt waren. Machte Sie das nervös?
Sehr, ich hatte hohe Ansprüche an mich. Ich wollte mir unbedingt Respekt verschaffen. Es braucht so wenig, um als Dirigent von einem Orchester nicht ernst genommen zu werden. Dann kann nichts Neues mehr entstehen.
Verlosung Fraumünsterkonzerte
Einmal im Jahr lädt Hatt-Bucher-Stiftung Seniorinnen und Senioren zu einem Konzertbesuch ins Zürcher Fraumünster ein. Am 18. November 2026 spielt das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester unter Jonas Ehrler Werke von Ludwig van Beethoven, Tomaso Albinoni und Johann Nepomuk Hummel. Die Eintrittskarten werden von der Zeitlupe verlost.
Wie sorgen Sie dafür, dass Sie respektiert werden?
Wenn ich zum ersten Mal vor einem Orchester stehe, ist es ein bisschen wie bei einem Date. Wir kennen uns nicht, müssen herausfinden, wie wir ticken. Wie überall gilt auch hier: Wenn ich Menschen mit Respekt behandle, tun sie es ebenso mit mir. Zum Respekt gehört auch, musikalisch vorbereitet sein, das Werk und dessen Geschichte zu kennen. Doch so oder so passieren manchmal Fehler, wie bei einem Date auch. Sie bringen zum Beispiel Erdbeeren mit und erfahren erst hinterher, dass Ihr Gegenüber allergisch darauf reagiert.
Fällt es Ihnen schwer, Fehler einzugestehen, wenn Sie vor hundert Menschen stehen, die Sie als Chef akzeptieren sollen?
Ich musste das lernen. Am Anfang meiner Laufbahn spürte ich grossen Druck, weil ich dachte, Musikerinnen und Musiker würden mich nur respektieren, wenn ich nie Fehler mache. Aber das ist natürlich illusorisch. Jeder macht mal Fehler. Wenn ich dann so tue, als wäre nichts, merken das alle im Raum, und ich verliere sämtliche Autorität. Das Beste ist, zu einem Fehler zu stehen und einfach weiterzumachen. Natürlich werde ich bewertet. Aber bei einem Orchester mit hundert Musikerinnen und Musikern gibt es immer Leute, die mich nicht mögen.
Sie nicht mögen? Sind Sie denn so ein Tyrann?
Natürlich nicht, das würde die Arbeit vergiften. Musizieren ist ein sensibler Prozess, man öffnet sich sehr. Wenn es zu persönlichen Angriffen kommt, hat man verloren.
Wo entstehen die Konflikte dann?
Die meisten Meinungsverschiedenheiten gibt es bei der Musik selbst. Ob eine Note nun lang oder kurz gespielt werden soll, ist eine Frage der Interpretation. Über solche Dinge diskutieren Dirigent und Orchester immer wieder.
Das klingt ja fast nach einem demokratischen Prozess.
Demokratie ist ein gefährliches Wort in einem Orchester. Als Dirigent treffe ich Entscheidungen, die über das Demokratische hinausgehen. Es gibt zwar Orchester, die ohne Dirigenten spielen. Da kann es vorkommen, dass sie an Proben fünf Minuten über eine einzige Note diskutieren. Als Dirigent verschaffe ich mir in der Vorbereitung einen Überblick über das Werk und treffe solche Entscheidungen allein. Manchmal erkläre ich sie. Und dann denken eben einige Leute im Orchester: «Der hat ja keine Ahnung.» Ich verstehe das.
Worauf achten Sie beim Konzert im Zürcher Fraumünster?
Die Kirche ist mit ihrem Hall super für Chormusik. Mit dem Orchester hingegen muss ich darauf schauen, dass der Klang nicht verwischt, damit verständlich bleibt, was wir spielen.
Freuen Sie sich auf die Konzerte?
Sehr, ich bin hier im Jahr 2022 schon mit dem Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester aufgetreten. Allein der Raum ist speziell. Ich kann mich noch gut an die Stimmung erinnern, die Menschen, die Freude. Ein schöner Anlass.
Im Publikum sitzen dann vor allem ältere Menschen. Welche Beziehung haben Sie zur Grosseltern-Generation?
Grossmutter und -vater besuchten fast alle meine Konzerte. Meine verstorbene Grossmutter berührten sie immer so sehr, dass sie danach mit mir darüber sprechen wollte. Seit ihrem Tod vor vier Jahren kommt mein Grossvater allein. Auch wir beide reden danach noch. Dann spüre ich immer eine Verbindung zu meiner Grossmutter. Irgendwie ist sie dann wieder da. Weil sie zu diesen Momenten dazugehört.![]()
Jonas Ehrler in Aktion: Orchesterkonzert mit der Kammerphilharmonie Graubünden 2023 in Chur
Zur Person
Jonas Ehrler (33) studierte Dirigieren an der Zürcher Hochschule der Künste. 2018 dirigierte er eine Saison lang das Orchestre National de Lille, das Orchestre de Picardie und das Orchestre National d’Île de France. Während Corona gründete er die Neue Kurkapelle Baden. Ehrler zog 2021 international Aufmerksamkeit auf sich, als er es ins Finale des Herbert von Karajan Young Conductors Award schaffte. Derzeit arbeitet Ehrler als freier Dirigent und lebt in Lausanne.