Raus aus dem Alltag, um Neues zu erleben: Ein Gala-Dinner im Vereinigten Königreich fordert Zeitlupe-Redaktorin Annegret Honegger ganz schön heraus.
Text: Annegret Honegger
Dresscode «Black Tie»: Schon bei der Lektüre der Einladung schwant mir, dass dies mehr bedeutet als die wörtliche Übersetzung «schwarze Krawatte». Google bestätigte meine Vorahnung: Da ist von Seide, Samt und Satin für die Dame die Rede, von Accessoires wie einem «dezenten Collier» oder «edlen Statement-Ohrringen». Von Manschettenknöpfen für den Herrn, «die dem Gesamtbild jene formale Schärfe verleihen, die einen Smoking erst vollständig machen».
«Wer hier underdressed erscheint, fällt auf, und zwar sofort», lese ich bei «Annabelle». Gefühlt tausend Möglichkeiten für Fehler gebe es, heisst es weiter – ich fühle mit. Ein Artikel in der «Vogue» ist mit Sean Connery als James Bond in «Goldfinger» illustriert. Mit dieser Flughöhe kann unser Kleiderschrank definitiv nicht mithalten.
In den folgenden Wochen komme ich mir vor wie eine Entdeckerin, die es in ein unbekanntes Land mit einer völlig fremden Sprache verschlägt. Dank YouTube, wo es zu jedem noch so speziellen Thema ein Filmchen gibt, kann ich jedoch bald mitreden. Ich lerne, dass ich eine bodenlange Abendrobe, ein elegantes Cocktailkleid oder zumindest das klassische kleine Schwarze zu tragen habe, aber niemals eine grosse Handtasche oder eine Uhr. Erfahre, was ein Kläppchenkragen ist und dass die Smokinghose einen seitlichen Zierstreifen, aber keine Gurtschlaufen hat. Übe, eine Fliege zu binden und ein Einstecktuch zu falten. In der Tagesschau sehe ich nun mit einem Blick, ob Monsieur und Madame Parmelin beim Staatsempfang garderobemässig alles richtig machen.
Die Schotten sind los!
Am grossen Tag sind wir so bereit, als ob es in den Buckingham Palace ginge. Unsere Nervosität ist sogar noch grösser als der Koffer für unsere Kleider. Doch dann: Es wird ein wunderschöner Abend. Die Briten tragen die hochformelle Garderobe mit der entspannten Selbstverständlichkeit derjenigen, die schon als kleine Kinder mit Blazer und Krawatte zur Schule gehen. Mein Outfit fühlt sich schlagartig nicht mehr wie eine Verkleidung an, sondern passt perfekt zum feierlichen und fröhlichen Anlass. Selbst auf meinen hohen Schuhen kann ich plötzlich fast übers Tanzparkett schweben. Dort stehlen sowieso sie allen die Show: die Männer im Kilt samt Kniesocken und Zierdolch. Ein Königreich für eine Kamera! ![]()
«Black Tie» entstand als eine bequemere Alternative zum formellsten Dresscode «White Tie», der einen Frack verlangt. Engländer trugen im 19. Jahrhundert in Rauchsalons ein kurzes Jackett. Dieser «Smoking» wurde später zum Symbol für eine kultivierte Abendgarderobe.