Raus aus dem Alltag, um Neues zu erleben: Monica Müller besucht den berühmtesten Londoner Friedhof.
Text: Monica Müller
Eigentlich kenne ich nur einen Friedhof gut: den Cimitero di Pregassona in Lugano, wo meine Nonni begraben sind. Seit ich ein kleines Mädchen war, besuchen wir sie immer wieder und hegen ihre Pflänzchen. Jedes Grab steht hier stramm in Reih und Glied.
In den Ferien in London stellen wir unser Programm um, weil die U-Bahn streikt. Statt Big Ben im Zentrum besuchen wir den Highgate Cemetery im Norden der Stadt, in Fussdistanz zu unserer Unterkunft. «Einer der wohl schönsten Friedhöfe Europas», wie der Reiseführer meint.
Verwinkelte Pfade führen vorbei an schiefen, mit Efeu überwucherten Grabsteinen. Auf ihnen thronen moosbewachsene Engel, Kreuze oder Tiere. So wacht die steinerne Figur seinen Lieblingslöwen Nero auf dem Grab des Schaustellers und Dompteurs George Wombwell (1777–1850).
Ins Auge sticht auch das Grab des Autors Douglas Adams (1952–2001), bei dem zahllose farbige Kugelschreiber in der Erde stecken. Daneben hat jemand ein Frotteetuch drapiert. Laut seinem berühmten Werk «Per Anhalter durch die Galaxie» der nützlichste Gegenstand für einen interstellaren Tramper. Vielleicht ist Adams das ja jetzt?
Auch Mary Anne Cross (1819–1880) liegt hier bescheiden begraben. Sie publizierte unter dem Pseudonym George Elliot Romane wie «Middlemarch», die zu den berühmtesten ihrer Zeit zählen. Ihre Grabinschrift lautet: «Of those immortal dead who live again in minds made better by their presence». Wie schön, wenn man in anderen weiterlebt, weil man sie mit seinem Schaffen inspiriert und zu besseren Menschen macht!
Hier herrscht das pralle Leben
Karl Marx (1818–1883) hätte sich ebenfalls ein schlichtes Grab gewünscht. Das hatte er auch, bis die Kommunistische Partei Grossbritanniens ihm ein neues mit imposanter Büste schuf. Die Ironie der Geschichte: Am neuen Standort ruht er ausgerechnet gegenüber von Herbert Spencer, einem liberalen Denker, der den Kapitalismus feierte.
Der Tod bringt hier ideologische Widersacher zusammen, bewahrt Liebe und Loyalität über das Ende hinaus, erinnert an das Leben, das war, und feiert es. All diese Geschichten und Gefühle sind auf Moos gebettet und von der Natur umarmt. Auf diesem Friedhof herrscht das pralle Leben. Beglückt verlasse ich den wunderbaren Ort.![]()
Bis ins 19. Jahrhundert wurden die meisten Londoner auf Kirchfriedhöfen bestattet. Doch um 1820 gab es kaum noch Platz und es fehlten Friedhöfe für Menschen aller Glaubensrichtungen. Private Firmen legten deshalb Bestattungsorte im Stil von Landschaftsgärten am Stadtrand an, darunter den 1839 eröffneten Highgate Cemetery.