Sex ist mehr als Geschlechtsverkehr. Und wie Sexualität gelebt wird, hat nicht nur mit dem Alter zu tun. Auch andere Faktoren spielen eine Rolle.
Eliane Sarasin ist Sexualmedizinerin und Gynäkologin im «Swiss Breast Care»-Zentrum der Zürcher Klinik Bethanien. Sie beantwortet Ihre Fragen zu Liebe, Partnerschaft und Sexualität.
«Mein Mann und ich haben schon seit vielen Jahren keinen Sex mehr, und er fehlt uns beiden auch nicht. Als wir älter wurden, haben wir einfach damit aufgehört. Trotzdem lese ich immer mit Interesse Ihre Rubrik – und denke dann manchmal: Ist es normal, dass das Thema Sexualität für mich so gar keine Rolle mehr spielt?» Johanna, 79
Die kurze Antwort lautet: Ja, das ist normal. Und wenn es für Sie beide stimmig ist, und keiner den Sex vermisst, dann ist das auch kein Problem. Die meisten Paare erleben über die Jahre eine Abnahme des sexuellen Interesses. Dies hat nicht nur mit dem Alter der Partner zu tun, sondern auch mit dem Alter der Beziehung.
Und nun die etwas ausführlichere Antwort: Zahlreiche Untersuchungen auf allen Kontinenten haben sich der Frage gewidmet, wie aktiv die Sexualität in den verschiedenen Altersgruppen gelebt wird. Dabei finden sich drei Kernaussagen:
- Die sexuelle Aktivität korreliert umgekehrt proportional mit dem Alter und der Gesundheit. Das heisst, je älter und je kränker jemand ist, desto weniger ist diese Person sexuell aktiv. Da mit steigendem Alter auch immer mehr Gesundheitsprobleme dazukommen, potenzieren sich diese beiden Faktoren.
- Die sexuelle Aktivität ist in allen Altersgruppen abhängig vom Beziehungsstatus. Das bedeutet: Ein junger Single hat meistens weniger Sex als ein älterer Mensch, der in einer Beziehung lebt. Frauen sind im Alter deutlich weniger sexuell aktiv als Männer. Dies aber nicht unbedingt freiwillig, sondern weil sie häufiger verwitwet, getrennt oder geschieden sind als gleichaltrige Männer.
- Ganz wichtig: Sexuelle Aktivität ist nicht gleichzusetzen mit sexueller Zufriedenheit. Die sexuelle Zufriedenheit ist in allen Altersgruppen etwa gleich hoch. Sie hängt eher davon ab, ob man in einer festen Beziehung lebt als vom Gesundheitszustand.
Nun erlaube ich mir, Ihnen eine Frage zu stellen: Was genau verstehen Sie darunter, keinen Sex mehr zu haben? Oft wird dies damit gleichgesetzt, keinen Geschlechtsverkehr mehr auszuüben, so auch in den oben genannten Untersuchungen. Ist es das, was Sie meinen? Finden Sie, dass wir nur dann sexuell aktiv sind, wenn wir regelmässigen Beischlaf praktizieren? Ich sehe das anders.
Sexualität ist viel mehr als der reine Geschlechtsakt. Man kann sie für sich alleine geniessen oder mit einem Partner. Auch der Austausch von Zärtlichkeiten oder Küssen gehört dazu, ein liebevoller Blick auf den anderen sowie sanfte Berührungen bis hin zur wohltuenden Massage eines schmerzenden Gelenks. All diese Zeichen und Gesten der Verbundenheit sind nicht weniger wertvoll als Geschlechtsverkehr.
Finden solche Begegnungen in einer Beziehung statt, werden sie gepflegt und als wertvoll empfunden, so kann man diesem Paar die Sexualität nicht absprechen. Auch wenn die beiden Partner keinen Geschlechtsverkehr mehr praktizieren wollen oder können, haben sie einen für sie passenden Umgang gefunden, körperliche Nähe und Intimität zu leben.
Nun ist es an Ihnen und Ihrem Mann zu entscheiden, ob das Thema Sexualität noch eine Rolle spielt. Alles ist möglich, Hauptsache, es stimmt für Sie beide!![]()
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