Andere Länder beneiden uns um unsere vielen Frei-, See- und Flussbäder. Früher sorgten diese auch für kritische Stimmen: Von Schaumbergen dem Schandbad und dem wilden See.
Text: Monica Müller
Einst Badezimmer
Ende des 19. Jahrhunderts verfügten nur die wenigsten Häuser in den wachsenden Städten über ein Badezimmer. So waren die Badeanstalten vor allem Orte für die Körperhygiene. Ein in den Fluss oder See gelassenes Becken schirmte die Badenden in den Einzelkabinen ab.
Das älteste Bad
Das ältestes noch erhaltene Flussbad der Schweiz ist das Rheinbad in Schaffhausen unter dem Munot. Gebaut im Jahr 1870, ist die Rhybadi Schaffhausen gar das älteste noch existierende Kastenbad in Europa. Bald nach dessen Bau folgte ein regelrechter Bäderboom: Zwischen 1883 und 1896 wurden allein in der Stadt Zürich acht Kastenbäder gebaut.
Wilder See
Bevor 1890 das Seebad Utoquai in Zürich eröffnete, sorgten sich die Kritiker offenbar um die Frauen. In der NZZ vom 8. Oktober 1887 schrieb ein Journalist, dass «unsere Frauen und Mädchen nie und nimmer das freie Leben des Meeresstrandes sich angewöhnen» und sich in die «frische Flut des wilden Sees» trauen würden. Sie trauten sich doch.
Sauberes Wasser
Früher belasteten Ölschlieren von Schiffswerften den Rhein, Algenmatten, Schaumberge und tote Fische trübten die Gewässer. Kläranlagen und phosphathaltige Waschmittel verdreckten sie. Mit dem Gewässerschutzartikel von 1953, dem ersten Bundesgesetz zum Schutz der Gewässer von 1957, einer besseren Abwasserreinigung und Waschmitteln ohne Phosphat verbesserte sich die Wasserqualität massiv.
1000 Bäder
946 Badeanstalten zählte die letzte gesamtschweizerische Statistik. 496 Hallenbäder und 450 Frei- und Naturbäder. Aktuelle Verzeichnisse gehen heute von rund 1000 Anlagen aus.
Das Schandbad
Die Gäste fanden die hölzernen Badehäuschen der Hotels in Weggis LU veraltet und muffig. Und weil nach dem Ersten Weltkrieg ein Neustart des darbenden Tourismus existenziell war, wagte man Neues: 1919 eröffnet Weggis das erste Freibad der Schweiz ohne Geschlechtertrennung. Für die einen war das Lido Weggis ein «Schandbad», für die anderen eine Attraktion. Auf jeden Fall war es ein Erfolg.
Wie aus 1001 Nacht
Historische Badeanlagen in der Schweiz schmücken oft Türmchen und Fenster mit Spitzbogen. Badehäuser in Triest und Venedig dienten den hiesigen Architekten als Inspiration. Deren orientalische Elemente wiederum stammten von den türkischen Thermalbädern Ungarns.
In der Badehose ins Büro
Unser Flussbaden hat über die Landesgrenzen hinweg Kultstatus: Schweizer Flüsse seien so sauber, dass manche sogar zur Arbeit schwimmen würden, berichtete CNN Travel vergangenen Sommer. «Im Sommer tauschen einige Einheimische das Auto gegen den Badeanzug», schwärmte die Moderatorin. Auch der britische «Guardian» äusserte sich sehr angetan.
Bädermetropole
Zürich bietet die vielleicht höchste Bäderdichte im nationalen wie internationalen Vergleich. Auf Stadtgebiet gibt es sechs Freibäder, sechs Strand- und Seebäder, fünf Flussbäder, ein Thermalbad und sieben Hallenbäder.