Raus aus dem Alltag, um Neues zu erleben: Annegret Honegger besucht erstmals ihren Aargauer Heimatort.
Text: Annegret Honegger
Ich gebe zu: Freiwillig bin ich nicht Aargauerin geworden. Als ich heiratete, konnte frau zwar bereits das eigene Bürgerrecht behalten, erhielt aber ungefragt dasjenige des Ehemannes dazu. In meinem Fall: Seon AG. Nach 25 Jahren ist es Zeit für einen Augenschein vor Ort.
Wahrscheinlich hatte ich eine Art Instant-Heimatgefühl erwartet. Mitbürgerinnen und Mitbürger, die mir zuwinken, weil sie mich sofort als eine der ihren erkennen. Doch natürlich geschieht nichts dergleichen, als ich an einem sonnigen Novembertag der Hauptstrasse entlangspaziere, die mitten durchs Dorf führt und ziemlich befahren ist. Über 5600 Menschen leben hier. Es gibt sogar zwei Bahnstationen: Seon und Seon Nord.
«Tolles Dorf!»
Dazu alles, was man zum Leben braucht. Chäs-Paradies und Döner-Imbiss. Ortsmuseum und Modelleisenbahngeschäft. Blueme Kari und Ali T’s Barbershop. Sonnenstudio und Ayurveda-Center. Samariter- und Armbrustschützenverein. Hallenbad und Tierkrematorium. Eine Einheimische, die mit ihrer Freundin im «Sternen» vor einem Coupe Nesselrode sitzt, findet: «Hier ist alles zu Fuss erreichbar. Im Alter ist das ideal.» Zwei aus Deutschland zugezogene Mütter auf dem Spielplatz schwärmen: «Tolles Dorf!»
Ich spaziere weiter. Staune, wie viele alte Brunnen hier plätschern, wie viele Baugespanne und Baugruben es gibt, in wie vielen Gärten Palmen wachsen und Mähroboter herumkurven. Wundere mich über die Fantasie von Architektinnen und Bauherren und dass mich die kleinen Kinder grüssen, wenn sie mit ihren Leuchtbändeln nach der Schule heimtrödeln.
Auf dem Schulhausplatz knallt ein Bub mit seiner Geissel. Ich erfahre: Im November und Dezember wird es in Seon richtig laut. Dann ist Saison bei den «Chlaus-Chlöpfern». Der Verein bietet Geissel-Check, Einführungskurse, Trainingsabende und Wettchlöpfen. Damit der Samichlaus, der hier erst am zweiten Donnerstag im Dezember vorbeikommt, auch wirklich erwacht. Der Junge mit der Geissel meint: «Schwierig ist es nur am Anfang.»
Gegen Abend taucht die Sonne das Tal in warmes Spätherbstlicht und lässt die Wälder in voller Farbenpracht leuchten. Und ich gebe zu: Nach 21 524 Schritten und über 15 Kilometern in Seon sind mir die vier Buchstaben in meinem Pass fast schon etwas ans Herz gewachsen.
Seit 2013 behalten Schweizer Ehepartner bei der Heirat beide den eigenen Heimatort. Kinder erhalten denjenigen der Person, deren Nachnamen sie tragen. Früher musste einen der Heimatort unterstützen, wenn man «armengenössig» wurde. Heute übernimmt dies der Wohnort.