Versorgt, verdingt – aber nicht vergessen!

Fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen fügten im 20. Jahrhundert in der Schweiz Hunderttausenden grosses Leid und Unrecht zu – mit Folgen bis heute. Das Projekt «erinnern für morgen» des Bundesamtes für Justiz informiert, arbeitet auf und vermittelt.

Bis Ende des 20. Jahrhunderts griffen Behörden in der Schweiz mit sogenannten «fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen» tief in das Leben von hunderttausenden von Menschen ein. Die Massnahmen wurden im Namen der Fürsorge angeordnet. Ziel war es, Armut zu bekämpfen und soziale Ordnung herzustellen. Zwar gab es auch gute Pflegeplätze, aber viel zu wenige. Studien und Lebensberichte verdichten das Bild, dass Missstände in Heimen und an Pflegeplätzen nicht die Ausnahme waren, sondern eher die Regel darstellten.

Für die Aufarbeitung der Geschehnisse ist die Forschung zentral. Die Ergebnisse können verstehen helfen, weshalb und wie fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen angeordnet und vollzogen wurden. Es muss untersucht werden, welche Auswirkungen sie auf die Betroffenen und ihr Umfeld hatten und bis heute haben.

Wichtig ist auch, diese Erkenntnisse zugänglich zu machen, damit Wissen zu Allgemeinwissen werden kann. Dazu gehört, sich an das begangene Unrecht und Leid zu erinnern und aus den Einsichten Lehren für heute und die Zukunft zu ziehen. Das Bundesamt für Justiz hat deshalb das Programm «erinnern für morgen» ins Leben gerufen. Dieses macht die Ergebnisse der Aufarbeitung sichtbar und vermittelt sie in Form unterschiedlicher Projekte.

Dazu gehört die neue Plattform erinnern-fuer-morgen.ch, welche einen Überblick über Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 in der Schweiz und ihre Aufarbeitung bietet. Betroffene, Lernende, Fachpersonen und Forschende finden Informationen für den Einstieg, die Wissensvertiefung sowie die Vernetzung.

  • Im Bereich GESTERN geht es um Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen sowie ihre Ursachen. Wo befanden sich Institutionen, Heime und Anstalten? Welche Formen von Kritik und Widerstand gab es?
  • Im Bereich HEUTE steht die wissenschaftliche und politische Aufarbeitung im Zentrum. Welche Folgen hatten die Massnahmen für die Betroffenen? Wie machen sich die Auswirkungen über mehrere Generationen hinweg bemerkbar? Was gibt es für Aktivitäten zur Erinnerung?
  • Der Bereich UND MORGEN? informiert über Angebote und Unterstützung für Betroffene und Fachpersonen. Habe ich Anrecht auf einen Solidaritätsbeitrag? Gibt es Unterrichtsmaterialien zum Thema? Was kann ich zur Erinnerung und Aufarbeitung beitragen? Wo kann ich mich austauschen?
© Bundesamt für Justiz, Foto: gabriel design

Weitere Projekte im Programm «erinnern für morgen»

Wanderausstellung

Die Ausstellung «VERSORGT, VERDINGT, VERGESSEN?» beleuchtet die Geschichte der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen und ihrer Aufarbeitung und trägt sie in alle Landesregionen. Die Ausstellung wird an folgenden Standorten gezeigt: • Oktober 2025 bis März 2026 im Musée Historique Lausanne • Mai 2026 bis Oktober 2026 im Museum Luzern • Dezember 2026 bis Mai 2027 im Museum zu Allerheiligen Schaffhausen • Mai 2027 bis Oktober 2027 im Castelgrande Bellinzona • November 2027 bis Februar 2028 im Kornhausforum Bern

Film «Spurensuche»

Lea möchte verstehen, was ihr Vater als Verdingkind und Heimkind durchlebt hat – doch er schweigt. Auf ihrer persönlichen Spurensuche trifft sie eine Historikerin, eine Archivarin und ein ehemaliges Heimkind. Sie alle helfen ihr, Fragmente einer verdrängten Geschichte zu sammeln. Mit jedem Schritt kommt sie nicht nur diesem verdrängten Kapitel Schweizer Geschichte weiter auf die Spur, sondern nähert sich auch ihrem Vater.

Beitrag vom 27.11.2025

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