Blühen die Forsythien, ist es Zeit für den Rosenschnitt. © shutterstock

Die zehn Jahreszeiten

Der phänologische Kalender kennt statt vier, zehn Jahreszeiten. Er gibt Hobbygärtnerinnen und -gärtnern verlässlich vor, wann sie zur Schere greifen oder Gemüse ansäen sollen – zur grossen Freude unseres Gartenautors. 

Letzthin hat mich der 5-jährige Noah gefragt, an welchem Geburtstag ich alt geworden sei. Erst verstand ich nicht, was genau der Bube von mir wissen wollte. Also führte er seine Überlegungen aus: «Ich, Mama und Papa sind jung – du aber bist alt. Zwar nicht ganz so alt wie meine Omi, aber halt auch alt. Ihr habt beide graue Haare, Runzeln im Gesicht, müsst einen Mittagsschlaf halten und werdet früher sterben als wir. Also: Wann genau wird man so alt wie ihr beide?» 

Eine spannende Frage. Um sie zu beantworten, musste ich mich aber erst fassen. Denn Noahs Omi feiert demnächst ihren 100. Geburtstag, ich aber bin erst 61. Zwischen uns klafft folglich noch etwas Spielraum, wie ich meine – aber erklären Sie das mal einem Fünfjährigen. 

Womit der Kleine jedoch Recht hatte: Mein Gesicht ist von Runzeln durchzogen, und ich halte gerne einen Mittagsschlaf. Aber macht mich das tatsächlich so alt, wie mich Noah sieht? Sehen mich andere wohl gleich? Ich jedenfalls fühle mich anders. Ich bin lebenshungrig und neugierig, hege viele Pläne für die Zukunft. Für dieses Selbstverständnis, das wahrscheinlich typisch ist für meine Generation, fehlen jedoch passende Bezeichnungen. Linguisten sollten sich darüber dringend Gedanken machen. Golden Ager, Generation Silver, Nestor, Patriarch, Urgestein, Grufti? Zu gesucht, zu unpräzise, zu grob. Dann doch lieber alt.

Den Zeitfluss richtig zu benennen, ist schwierig. Auch Biologen und Meteorologen machen sich darüber Gedanken. Sie überlegen, wie sich das Jahr präziser stückeln lässt. Denn Frühling, Sommer, Herbst und Winter taugen nur noch bedingt dafür. Die astronomischen Jahreszeiten werden, bedingt durch den Klimawandel, zusehends verwischt. Je nach Höhenlage und Mikroklima starten und enden sie sowieso unterschiedlich – und das Wetter-Wirrwar der Gegenwart dürfte die Abfolge zusätzlich durcheinanderbringen. Anfang und Ende lassen sich dadurch kaum mehr an bestimmte Kalendertage binden, auch wenn wir es uns seit Jahrhunderten gewohnt sind: Der Frühling macht sich bereits jetzt bemerkbar und nicht erst am 20. März.  

Neue Stückelung des Gartenjahres

Deshalb finden Wissenschaftler und Naturfreunde zum phänologischen Kalender zurück. Dieser kennt nicht vier, sondern zehn Jahreszeiten. Die Phänologie unterteilt das Jahr nicht etwa nach fixen Daten, sondern nach Beobachtungen in der Natur. Will heissen: Die verschiedenen Jahreszeiten starten erst, wenn bestimmte Zeigerpflanzen gewisse Vegetationspunkte erreichen, etwa Knospen, Blüten, Blätter oder Früchte tragen. Blühende Schneeglöckchen, wie sie aktuell zu beobachten sind, markieren beispielsweise den Anfang des Vorfrühlings. Die Blust der Forsythien wiederum leitet diesen in den Erstfrühling über. Und blühende Apfelbäume markieren den Vollfrühling. Und so weiter und so fort.

Der phänologische Kalender schiebt sozusagen Biologie und Klimato­logie ineinander. Denn eine Hasel, wie sie typisch für den Vorfrühling ist, trägt erst dann Kätzchen, wenn Temperatur, Sonnenscheindauer und andere Voraussetzungen ineinander spielen, egal welcher Kalendertag gerade ist. Ist ein Winter lang und kalt, blüht die Hasel spät, ist er aber kurz und warm dann entsprechend früher. Damit lanciert er zugleich den Vorfrühling.

Menschen, die in und mit der Natur arbeiten, sind gut beraten, sich an die Beobachtungen der Phänologie zu halten. Denn die zehn Jahreszeiten geben ihnen exakt und verlässlich vor, was sie in ihrem Reich zu tun respektive zu lassen haben. Blühen die Forsythien, ist die Zeit für den Rosenschnitt gekommen. Tragen Apfelbäume ihre weisse Pracht, ist die Bodentemperatur ideal für eine neue Rasensaat. Die Natur wird damit zum Taktgeber der Hobbygärtnerinnen und -gärtner, der kalendarische Gartenkalender bleibt unbeachtet. 

In aller Kürze: Was ist ein Phänologischer Kalender?

Der phänologische Kalender beruht auf der Beobachtung jährlich wiederkehrender Naturphänomene wie dem Blühbeginn und dem Laubfall von Pflanzen, aber auch dem Verhalten von Tieren. Der Kalender hat zehn Jahreszeiten, deren Beginn durch konkrete Zeigerpflanzen definiert ist. Wer nach dem phänologischen Kalender gärtnert, orientiert sich demnach an der Entwicklung der Natur, um Gartenarbeiten wie Aussaat und Rückschnitt verschiedener Pflanzen durchzuführen, statt auf ein fixes Datum zu vertrauen.

Nach diesem Verfahren hantierten bereits unsere Urahnen. Die ältesten phänologischen Beobachtungen reichen bis ins Jahr 705 zu­rück. In Japan wurde damals erstmals der Auftakt der Kirschblüte festgehalten. Deshalb weiss man rückblickend, dass heute die Blütezeit durchschnittlich rund zwei bis drei Wochen früher startet als in alten Zeiten. Der phänologische Kalender passt sich solchen Veränderungen stetig an. 

Mitten im Frühherbst

Was mich zu Noah zurückbringt. Wir bräuchten ebenfalls eine neue Skala, an dem sich das moderne Leben vermessen lässt. Aus der Sicht der Phänologie stehe ich mit meinen 61 Jahren im Frühherbst. In dieser Zeit reifen schwarze Holunderbeeren und die Kornelkirschen. Vor mir liegen noch Vollherbst, Spätherbst und Winter. Davon muss ich dem Knirps beim nächsten Treffen unbedingt erzählen. Oder doch nicht? «Älter werden, heisst auch besser werden», sagte einst Schauspieler Jack Nicholson in einem Interview. Also besser schweigen.

Wer mehr über den phänoglogischen Kalender erfahren will: Im Buch «Erfolgreich Gärtnern im Rhythmus der Natur» sind alle wichtigen Fakten detailliert nachzulesen. Von Stephan Waska, erschienen bei Quelle & Meyer, CHF 31.90.

Der Gartenpöstler

Roland Grüter, Gartenkolumnist der Zeitlupe

© Jessica Prinz

Roland Grüter (60) ist leidenschaftlicher Hobbygärtner und folgt strikt den Regeln des Bio-Gärtnerns. Heute lebt er in der Nähe von Zürich und hegt und pflegt einen kunterbunten, wilden Blumengarten. Roland Grüter schreibt an dieser Stelle regelmässig über seinen Spass und seine Spleens im grünen Bereich.

Beitrag vom 09.03.2022

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