© Joost Evers. Dutch National Archives, The Hague, Fotocollectie Algemeen Nederlands Persbureau

«Tous les garçons et les filles» von Françoise Hardy Songs und ihre Geschichten

Ihre Chansons sind traurig und melancholisch, ihre Stimme ist zart und fragil. Ein Markenzeichen, das Françoise Hardy zu einer der bekanntesten Sängerinnen Frankreichs gemacht hat.

Von Urs Musfeld

Am 17. Januar 1944 kommt Françoise Hardy in Paris zur Welt. Die Mutter ist Buchhalterin und zieht ihre beiden Töchter alleine gross. Der Vater ist im Leben seiner unehelichen Kinder wenig präsent.

Musik fasziniert sie schon als Jugendliche. «Ich habe mich immer für das interessiert, was ich im Radio gehört habe», erklärt sie in einem Interview. «Per Zufall bin ich auf den Sender Radio Luxembourg in englischer Sprache gestossen. Über ihn lernte man den Rock`n`Roll und den Pop kennen. Elvis Presley, Brenda, Lee, The Everly Brothers, Cliff Richard, The Shadows etc. Ich war ganz verrückt nach dieser neuen Musik.»

Neben der Schallplatte ist das Radio der wichtigste Vermittler des Rock’n’Roll. Die Sendung Salut Les Copains, die Europe 1 von 1959 bis 1968 ausstrahlt und die Frank Ténot und Daniel Filipacchi moderieren, wird zum bestimmenden Leitmedium für Rockmusik in Frankreich. An fünf Abenden in der Woche versammeln sich rund 1,6 Millionen Jugendliche vor den Lautsprechern. 

Die jungen Franzosen geniessen die Songs weniger im Original, sondern in ihrer Sprache, gesungen von ihren eigenen Idolen. Hier läuft die Musik von Claude François, Richard Anthony, Hugues Aufray, Dick Rivers, Sheila, Sylvie Vartan, Jacques Dutronc, Françoise Hardy, Johnny Hallyday usw. Hier reden die Stars mit ihren Fans, hier werden die Hitparaden rauf und runter gespielt. Die Sendung ist über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt, auch in der Schweiz. Der Jingle «SLC, sa-lut – les co-pains» wird zum Erkennungszeichen. 

Nach einem Jahr Germanistikstudium an der Pariser Sorbonne und gleichzeitigem Gesangsunterricht unterschreibt Françoise Hardy 1961 ihren ersten Plattenvertrag. 

Vom Pausenfüller zur Hymne einer Generation

Während Frankreich auf die Ergebnisse des Referendums zur französischen Präsidentschaftswahl wartet, wird Françoise Hardy am 28. Oktober 1962 vom Fernsehen als Pausenfüller eingespielt. 

Die 18-Jährige singt ihr selbstgeschriebenes «Tous les garçons et les filles», die B-Seite ihrer Debut-Single.

Tous les garçons et les filles de mon âge
Se promènent dans la rue deux par deux
Tous les garçons et les filles de mon âge
Savent bien ce que c’est d’être heureux
Et les yeux dans les yeux et la main dans la main

Alle Jungen und Mädchen meines Alters
Gehen zu zweit durch die Strassen
Alle Jungen und Mädchen meines Alters
Wissen genau, was es bedeutet, glücklich zu sein
Sich tief in die Augen zu schau’n und Hand in Hand zu gehen

Die einfache Walzermelodie transportiert den sehnsuchtsvollen Text eines Teenagers, der schwer Anschluss findet:

Ils s’en vont amoureux sans peur du lendemain
Oui mais moi, je vais seule par les rues, l’âme en peine
Oui mais moi, je vais seule, car personne ne m’aime

Sie gehen verliebt, ohne Angst vor morgen
Jedoch ich, ich gehe allein durch die Strassen, mit leidender Seele
Jedoch ich, ich gehe allein, denn niemand liebt mich

Und noch immer ist die Protagonistin auf der Suche nach der grossen Liebe:

Je me demande quand viendra le jour
Où les yeux dans ses yeux et la main dans sa main
J’aurai le cœur heureux sans peur du lendemain
Le jour où je n’aurai plus du tout l’âme en peine
Le jour où moi aussi j’aurai quelqu’un qui m’aime

Ich frage mich, wann der Tag kommt
An dem ich ihm tief in die Augen schau› und meine Hand in die seine lege
An dem mein Herz glücklich sein wird und ohne Angst vor dem Morgen
An dem Tag, an dem ich nicht mehr die leidende Seele sein werde
An dem Tag, an dem auch ich jemanden haben werde, der mich liebt

«Tous les garçons et les filles» wird nicht nur zum Hit, es wird die Hymne einer ganzen Generation. Das Lied verkauft sich innerhalb von fünf Monaten zwei Millionen Mal. Über Nacht wird Françoise Hardy zur Stilikone des YéYé, ein Genre aus verschieden Musikstilen, das die französische Popmusik von 1961 bis 1966 prägt. 

Zwischen Chanson und Pop

In einem speziellen Balanceakt verändern «Les années YéYé» das Chanson und die Mentalitäten. Françoise Hardy wählt einen Mittelweg zwischen Chanson und Pop. Dass ihre Stimme eine im Umfang und Volumen eher schmale bleibt, stört niemanden zu jener Zeit; für die deftigeren Sounds sind ohnehin andere zuständig.

Die sprachgewandte Sängerin nimmt aber auch Platten auf Englisch, Deutsch und Italienisch auf. Es folgt eine internationale Karriere. Bald zählen Bob Dylan und Mick Jagger zu ihren Bewunderern. Dabei bewahrt sie stets ihre aparte Unnahbarkeit.

Bei Hardys zweitem grossen Hit «Comment te dire adieu», dem Titelstück ihres 1968er-Albums, handelt es sich um eine französische Adaption der Ballade «It hurts to say goodbye (1966)». Serge Gainsbourg arrangiert den Song um und versieht ihn mit einem neuen Text mit lauter Reimen auf «ex». (Mon cœur de silex / Vite prend feu / Ton cœur de pyrex / Résiste au feu / Je suis bien perplexe)

Geplagt von dauerndem Lampenfieber verabschiedet sich Françoise Hardy im gleichen Jahr für immer zum grossen Leidwesen ihrer Fans von den Konzertbühnen, veröffentlicht aber weiterhin erfolgreiche Platten. Immer häufiger schreibt sie die Musik zu ihren Texten selber. 

«Wenn ich ein Lied schreibe, steht zu Beginn immer die Melodie. Sie verführt mich oft zu Gedanken, die ich privat nicht hegen würde. Ich versetzte mich in erdachte Charaktere. Da lösen sich dann Dinge aus meinem Unbewussten.»

Die meisten ihrer Lieder sind von einer melancholischen Grundstimmung geprägt. Dazu meint Françoise Hardy: «Melancholisch war ich nie, eher schüchtern und gelangweilt. Ich habe Melancholie immer als etwas Funktionelles empfunden: Die allerschönsten Melodien sind stets die traurigen. Die treffen da, wo es wehtut. Der bewegendste Teil eines Klavierkonzertes ist schliesslich das Adagio. Schon als Kind fühlte ich mich von dieser Adagio-Stimmung angezogen, aber schwermütig war ich deshalb noch lange nicht. Das ist ein Missverständnis, das mich seit Langem begleitet.»

1981 heiratet Françoise Hardy ihre grosse Liebe, den französischen Sänger Jacques Dutronc, mit dem sie seit 1967 liiert ist. Nach der Trennung 1990 leben sie zwar nicht mehr zusammen, haben aber immer noch eine enge Beziehung. Ihr gemeinsamer Sohn Thomas Dutronc ist ebenfalls Musiker.

Mit 74 Jahren veröffentlicht die Künstlerin 2018 das 24. und letzte Album in ihrer langen Karriere. 2019 wird bei ihr zum zweiten Mal Krebs festgestellt, ein Tumor im Nasenrachenraum. Hardy zieht sich definitiv aus der Öffentlichkeit zurück.


Urs Musfeld alias Musi

Portrait von Urs Musfeld

© Claudia Herzog

Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.

Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/

Beitrag vom 26.10.2021

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Das könnte sie auch interessieren

Musik

«Where the wild roses grow» von Nick Cave & Kylie Minogue

Musik ist seine Passion. Der charismatische Sänger, Poet und Autor Nick Cave schafft es solo oder mit seiner Band Bad Seeds, über Jahrzehnte weder an Relevanz noch an Intensität zu verlieren.

Musik

«Slave to the rhythm» von Grace Jones

Sie war ein Star der New Yorker Disco-Ära Ende der 1970er-Jahre und erfand sich in den 1980ern neu: Grace Jones – Sängerin, Schauspielerin, Model, alterslose Stil-Ikone, die mühelos Gendergrenzen hinter sich lässt und bis heute zahlreiche Künstlerinnen inspiriert.

Musik

«The girl from Ipanema» von Astrud Gilberto

«Tall and tan and young and lovely» sang Astrud Gilberto 1964 in der englischsprachigen Aufnahme von «The girl from Ipanema» («Garota de Ipanema») Das Lied wurde ein Welthit und zur Erkennungsmelodie Rio de Janeiros.

Musik

«Turn, turn, turn» von The Byrds

Im Frühling 1965 starteten The Byrds durch und landeten mit der Coverversion von Bob Dylans «Mr. Tambourine man» sowohl in den USA als auch in Grossbritannien auf Platz eins der Charts, gefeiert als Offenbarung des Folk-Rock.