© Dutch National Archives/ Ron Kroon / Anefo. 1966

«The girl from Ipanema» von Astrud Gilberto Songs und ihre Geschichten

«Tall and tan and young and lovely» sang Astrud Gilberto 1964 in der englischsprachigen Aufnahme von «The girl from Ipanema» («Garota de Ipanema») und machte das Lied zu einem der bekanntesten Songs der Bossa Nova und zur Erkennungsmelodie Rio de Janeiros. Es wurde ein Welthit.

Von Urs Musfeld

Anders als in den meisten Ländern des Westens ist die Dichtung in Brasilien nicht von der Musik zu trennen. Das ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch anders. Selbst im Samba ist die Musik vorherrschend, während die Texte oft stereotyp daherkommen und eher banal sind. 

Das ändert sich jedoch, als der Dichter Vinicius de Moraes den Musiker Antônio Carlos Jobim kennenlernt. Die beiden schreiben Lieder, die den langsamen Samba (Samba Cançâo) mit dem nordamerikanischen Cool-Jazz vermischen. De Moraes fügt der Larmoyanz des Liebesschmerzes das Augenzwinkern der lyrischen Originalität hinzu. Als dann der Gitarrist und Sänger Joâo Gilberto beginnt, ihre Kompositionen kongenial zu interpretieren, entsteht der Bossa Nova. Der Song «Chega de Saudade» (1959) gilt als (dessen) Geburtsstunde des Bossa Nova. 

Der Komponist Antônio Carlos Jobim steht für harmonische und melodische Neuerungen, João Gilberto für den Groove, den Gitarren-Stil und den ungewohnt leisen Gesang. Die beiden liefern den Soundtrack zu den «Goldenen Jahren» Brasiliens. Sie besingen das Meer, den Strand und die Liebe.

Siegeszug im Jahr 1964

1962 vertont Jobim de Moreas Text «Garota de Ipanema», das portugiesische Original von «The girl from Ipanema». Eine erste Einspielung 1963 bleibt weitgehend unbeachtet.

Der internationale Siegeszug des Songs beginnt erst mit der Veröffentlichung des in New York aufgenommenen Albums «Getz/Gilberto» im Jahr 1964, ein Höhepunkt dieser Bossa Nova Zeit und zugleich eine der kommerziell erfolgreichsten Jazzproduktionen. Es vereint den Sänger und Gitarristen Joâo Gilberto, die Sängerin Astrud Gilberto, den Pianisten Antonio Carlos Jobim und den amerikanischen Saxofonisten Stan Getz.

Sind auf der LP-Version von «The girl from Ipanema» die Stimmen sowohl von Joâo (auf portugiesisch) als auch von seiner damaligen Ehefrau Astrud zu hören, entscheidet man sich für die Single-Auskopplung lediglich für Astrud Gilbertos rein englische Darbietung.

Die Plattenfirma erhofft sich dadurch mehr Chancen, vor allem auf dem nordamerikanischen Markt. Joâo allerdings reagiert gekränkt auf die Tatsache, dass der Produzent seinen Gesang komplett geschnitten hat, um die 5:20 Minuten lange Aufnahme auf das Drei-Minuten-Format einer herkömmlichen Single zu kürzen.

Die Übertragung von «Garota de Ipanema» ins Englische übernimmt der Liedtexter Norman Gimbel (verantwortlich auch für den Hit «Killing me softly»). Allerdings ist die Übersetzung nicht ganz mit dem Original zu vergleichen, wie schon der Anfang des Liedes zeigt.

Olha que coisa mais linda
Mais cheia de graça
É ela menina
Que vem e que passa
Num doce balanço, a caminho do mar

Schau nur, was für ein entzückendes Ding
So voller Grazie
Sie ist das Mädchen,
Das kommt und vorbeigeht
Mit solch einem bezaubernden Hüftschwung, auf dem Weg zum Meer

In der englischen Fassung sind es die berühmten Zeilen:

Tall and tan and young and lovely
the girl from Ipanema goes walking
and when she passes
each one she passes
goes «Ahhh!»

Hochgewachsen und sonnengebräunt und jung und entzückend
Geht das Mädchen von Ipanema spazieren
Und wenn sie vorbeigeht
Macht jeder, an dem sie vorbeigeht
«Ahhh!»

Zurück zum portugiesischen Text:

Moça do corpo dourado
Do sol de Ipanema
O seu balançado é mais que um poema
É a coisa mais linda que eu já vi passer

Das Mädchen mit dem goldgebräunten Körper
Von der Sonne Ipanemas
Ihr Hüftschwung ist schöner als ein Gedicht
Sie ist das schönste, was ich je vorbeigehen sah

Zum Vergleich der englische Text:

When she walks, she’s like a samba
that swings so cool and sways so gently
that when she passes
each one she passes
goes «Ahhh!»

Wenn sie geht, ist sie wie ein Samba,
Der so gelassen swingt und sich so sanft wiegt,
Dass, wenn sie vorbeikommt
Jeder, an dem sie vorüber geht»
«Ahhh!» macht

Viele Brasilianer*innen betrachten diese englische Übersetzung als Verflachung, weil der Song zuvor einen poetischen und lebensphilosophischen Text gehabt habe und einem «schalen Gemisch aus Erotik und Exotik» habe weichen müssen.

Ungewollt zur Muse von «The Girl from Ipanema» wird die 17-jährige Helô Pinheiro aus dem Stadtviertel Ipanema im Süden von Rio de Janeiro. Sie kommt von der Bushaltestelle, ist auf dem Weg zum Strand oder holt Zigaretten für ihre Mutter. Sie trägt Schuluniform oder Bikini. Dabei läuft sie immer wieder am Komponisten/Dichter-Duo Jobim und de Moraes vorbei, das am Tisch einer Bar sitzt.

Oh, but he watches so sadly 
How can he tell her he loves her?
Yes, he would give his heart gladly,
But each day when she walks to the sea,
She looks straight ahead – not at he…

Oh, doch er betrachtet sie so traurig
Wie kann er ihr sagen, dass er sie liebt?
Ja, so gern würde er ihr sein Herz schenken
Doch jeden Tag, wenn sie ans Meer geht,
Schaut sie geradeaus – nicht zu ihm…

Heute lebt «Das Mädchen von Ipanema» als Geschäftsfrau in São Paulo und kommt nur noch sporadisch nach Rio.

Erkennungsmelodie von Rio de Janeiro

Astrud Gilbertos Interpretation von «The girl from Ipanema» verhilft dem Song zum weltweiten Hit (und zu einem Grammy in der Kategorie beste Single gemeinsam mit Stan Getz). Ihr verhaltener, oft wie gehaucht wirkender Gesang passt perfekt zur schwerelosen Anmut der Bossa Nova.

Neben «Yesterday» von den Beatles ist «The girl from Ipanema» das meist gecoverte Lied des 20. Jahrhunderts. Es wird zur Erkennungsmelodie Rio de Janeiros und macht Brasilien zu einem Sehnsuchtsort und beliebten Reiseziel.

Astrud Gilberto startet 1965 eine Solo-Karriere, veröffentlicht zahlreiche Platten und steht auf internationalen Bühnen. In Brasilien dagegen tritt sie nur einmal auf, 1965 in São Paulo. Im 2001 zieht sich die heute 82-jährige Sängerin aus dem Musikgeschäft zurück und widmet sich seitdem der Malerei.

Offenkundig birgt «The girl from Ipanema» auch heute noch ein Geheimnis, das Spezialisten weiterhin beschäftigt und es sogar zum Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit macht. Ein Ausdruck dieser Langlebigkeit ist eine detaillierte musikalische Analyse des amerikanischen YouTubers und Bassisten Adam Neely im 2020 mit über 3,6 Millionen Klicks. In einem ambitionierten, musikwissenschaftlichen Exkurs verwendet er 33 Minuten, um Rhythmus, Melodie und Harmonien zu zerlegen und zu beweisen, dass der Song «viel eigenartiger ist, als man denkt».


Urs Musfeld alias Musi

Portrait von Urs Musfeld

© Claudia Herzog

Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.

Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/

Beitrag vom 24.09.2022

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