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«Sodade» von Cesária Évora Songs und ihre Geschichten

Cesária Évora war Seele, Herz und Gesicht der Kapverden. Der vergessene Archipel vor Afrikas Westküste trat durch ihre Lieder nicht nur aufs Parkett der Weltmusik, sondern auf die Landkarte der Welt überhaupt. Sie wurde zur Königin der Morna, der süss-melancholischen, bluesartigen Sehnsuchts-Musik ihrer Heimat, einer ehemaligen Kolonie Portugals.

Geboren in Mindelo, einer Kleinstadt auf der Insel São Vicente, verdient sie sich schon in jungen Jahren ihren Unterhalt als Sängerin in Kneipen und Bars. Bereits damals vereinen sich in ihrer flexiblen Stimme Unbeschwertheit und erdschweres Schmachten. Ein Timbre wie geschaffen für die kreolische Musik mit den langsamen Mornas und rhythmischen Coladeiras. Als 1975 nach der Unabhängigkeit der Kapverden von Portugal das Nachtleben auf den Inseln eingeschränkt wird, gibt sie die Musik auf, um sich und ihre Kinder mit anderen Jobs durchzubringen. 

Évoras Weg zur internationalen Grande Dame der Weltmusik ist lang, beschwerlich und von Lebenskrisen – drei gescheiterten Ehen und Alkoholproblemen – gezeichnet. Erst mit 47 unterschreibt sie ihren ersten Plattenvertrag. Der Produzent José da Silva, ihr späterer Manager, bringt sie zu Aufnahmen nach Paris. Er überredet sie auch, auf Keyboards und elektronische Effekte zu verzichten und auf eine rein akustische Instrumentierung zu vertrauen.

Die barfüssige Diva

Cesária Evora tritt stets ohne Schuhe auf, das wird ihr Markenzeichen – ein bewusster Verweis auf ihre Herkunft. Analog dazu heisst ihr erstes Album «La Diva Aux Pieds Nus», mit dem sie sich 1988 in Europa vorstellt. Als 1991 «Mar Azul» erscheint, wächst das Medieninteresse an der «barfüssigen Diva» und Radiostationen wie France Inter nehmen erstmals ihre Lieder ins Programm. Immer wieder taucht das Meer als Motiv auf. Das Meer, als Freund und Versorger, aber auch als Feind, der geliebte Menschen ins Exil führt, als Macht, die zuweilen auch den Tod bereithält. 

Besungen wird auf dem Album u.a. auch die grosse Liebe zu den kleinen Inseln. Auch wenn die Kapverden, wo fast der gesamte Regenwald abgeholzt wurde, den meisten kein Auskommen mehr bieten, möchte man die Inseln doch nie missen: «Schon dieses blaue Meer . . . », heisst es zu Beginn des Titelsongs. Ein Zwiespalt: Soll man auf den Inseln bleiben, wo noch 350 000 Menschen leben, oder ihnen für immer den Rücken kehren? Cesaria Evora aber bleibt. Autor dieses dieses Liedes ist ihr Onkel B. Leza, einer der berühmtesten kapverdischen Poeten und Songwriter.

Der endgültige Durchbruch gelingt ihr 1992 mit dem Album «Miss Perfumado». Évora wird zur Königin der Morna, in deren Melancholie sich die wechselvolle Geschichte der Inselkette spiegelt – darunter Sklavenhandel und kulturelle Vermischung, Armut und Auswanderung. Morna, der in den ehemaligen portugiesischen Kolonien entstandene Musikstil, vermengt Blues, karibische Rhythmen, argentinischer Tango und Fado. 

Zum Klang von Geigen, Akkordeons, Klarinetten und Cavaquinhos (kleine Form der Gitarre) und mit ihrer zugleich sanften und rauhen Stimme, erzählt Évora auf Kriolu (kapverdische Kreolsprache) von Lebensmut, Lebensfreude, Wehmut, Schmerz und Hoffnung. Ihre Coverversion des Songs «Sodade» wird zum Welthit. Évora holt das in den 1950er-Jahren von Armando Zeferino Soares geschriebene Lied in die ergreifende ursprüngliche Melancholie zurück, gesungen voller Emotionen, doch ohne Pathos.

Erstmals bekannt gemacht hat es 1974 der Sänger und Unabhängigkeitskämpfer Bonga, eine Nationalikone der angolanischen Popmusikgeschichte und zugleich eine Integrationsfigur der gesamten portugiesischsprachigen Musik Afrikas. Erinnert wird in «Sodade» eindringlich an die Kolonialvergangenheit Afrikas: Etwa an São Tomé Na Equador, eine Insel unter portugiesischer Herrschaft, eine Zwangsarbeiterenklave, hunderte Kilometer vor der Küste Westafrikas: 

Quem mostrava esse caminho longe?
Esse caminho pa São Tomé

Wer zeigt dir
diesen langen Weg? 

Diesen Weg
nach Sao Tomé

Neben der Verschleppung ist auch das Heimweh ein Thema: 

Sodade, sodade
Sodade dessa minha terra, São Nicolau

Sehnsucht
Sehnsucht nach meiner Insel Sao Nicolau

Und schliesslich die Sehnsucht nach Liebe und Wiedersehen

Se vou escrever muito a escrever 
Se vou esquecer muito a esquecer 
Até dia que vou voltar 

Wenn du mir schreibst
schreibe ich dir
wenn du mich vergisst
vergesse ich dich
Bis zu dem Tag
an dem du wiederkommst

Cesária Évoras späte Karriere in den 1990er Jahren fiel mit dem Siegeszug der sogenannten Weltmusik zusammen. Die Nachfrage nach vermeintlich unverfälschten Klängen aus exotischen Regionen hatte ein eigenes Genre kreiert. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler aus fernen Ländern verdankten es diesem Trend, dass sie im Rest der Welt Gehör fanden. Das Etikett «Weltmusik» diente ihnen als Türöffner.

In den letzten Jahren ist der Begriff immer wieder in die Kritik geraten. Weil er für eine veraltete Marketingstrategie steht, weil er eine koloniale Haltung verkörpert und weil sich immer weniger Musikerinnen und Musiker damit identifizieren können. Die Grammy Awards haben nun reagiert und ihre Kategorie «Best World Music Album» in «Best Global Music Album» umbenannt.

Cesaria Evoras Alben, insgesamt 24, werden 5 Millionen Mal verkauft. Der Grammy für «Voz D’Amor» im 2004 ist die Krönung. Ihre Konzerte führen sie durch die ganze Welt. 2011 stirbt die kapverdische Sängerin im Alter von 70 Jahren in ihrer Heimatstadt Mindelo.

Urs Musfeld alias Musi

 

Portrait von Urs Musfeld

© Claudia Herzog

Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.

Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/

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