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«Do it again» von Steely Dan Songs und ihre Geschichten

Sie waren in der Popgeschichte vielleicht das Duo mit der elegantesten Musik und in den 1970ern eines der erfolgreichsten: Donald Fagen und Walter Becker. Sie nannten sich Steely Dan und standen für einen unverkennbaren Stilmix. 

Text: Urs Musfeld

Steely Dan pendelten visrtuos zwischen Rock, Pop, Jazz und Funk. Ihre Songs sind vielschichtig komponiert, ungewöhnlich arrangiert und oft bizarr getextet. Zu ihren grössten Hits gehörten «Do it again» und «Rikki don’t lose that number».

Fagen und Becker lernen sich 1967 auf dem Bard College im Bundesstaat New York kennen. Nachdem sie zusammen in verschiedenen Bands gespielt haben, gründen sie 1971 ihre eigene Formation Steely Dan. Sie starten ihre Karriere nicht nur mit einer grossen Übereinstimmung in der Musik, sondern auch in ihrem skurrilen Sinn für Witz und Humor.

Den Namen Steely Dan entleihen sie sich bei William S. Burroughs‘ Roman «Naked Lunch». Dort ist von einem dampfbetriebenen Umschnalldildo namens «Steely Dan III from Yokohama» die Rede.

Becker und Fagen machen in ihren schrägen, neurotisch-ironischen Texten Schluss mit Hippie-Seligkeit und Ich-Bekenntnissen. Obwohl viele in der ersten Person geschrieben, geht es nie um die beiden. Der sonst so vertraute Mechanismus der Identifikation mit dem Sänger und seiner Gefühlswelt wird komplett ausser Kraft gesetzt. Stattdessen treten unterschiedliche Charaktere auf, junge, alte, gut gelaunte, mordlustige, hoffnungslose, und nie ist es angenehm, was sie zu erzählen haben.

In ihren Liedern erschaffen die beiden Musiker ganze Welten, bzw. Filmszenen und erzählen Geschichten, in die man quasi eintauchen kann. Schmutzige, kleine Geschichten über Drogendealer und Betrüger, Desperados aus dem Wilden Westen wechseln mit Versagern aus L.A., desillusionierten Vorstädtern oder einem Nachbarn, der die Kids zu seinen 8mm Pornofilmen einlädt. 

Ihre Platten sind Lehrstücke in Musikalität, Virtuosität, Arrangements und Klangdesign – mit einem unüberhörbaren Hang zur Perfektion. Eingängig wie Easy Listening entfaltet die Musik einen süchtig machenden Sog. 

Becker und Fagen versuchen eine Popvision zu entwickeln, die keine Klischees bedient, aber mit ihnen arbeitet. Mainstream, aber doch anders.

Sie kreieren mit Jazzharmonien und der Soundästhetik von Soft Rock und Funk einen neuen Stil, der auf jedem Steely Dan-Album an der Oberfläche anders klingt und dennoch unverkennbar die gleiche DNA hat.

1972 debutieren Walter Becker und Donald Fagen mit «Can’t Buy A Thrill», aufgenommen in L.A.  Der Titel bezieht sich auf die Eröffnungszeilen des Bob Dylan-Songs «It takes a lot to laugh, it takes a train to cry» vom Album «Highway 61 Revisited» (1965): «Well, I ride on a mailtrain, baby/ Can’t buy a thrill».

Becker (Gitarre, Bass) und Fagen (Gesang, Keyboard) beweisen ihr grosses Talent als Songwriter und Komponisten. Noch nimmt der Jazz wenig Spielraum ein im Vergleich zu den späteren Platten. Schon mit der ersten Single-Auskopplung «Do it again» gelingt ihnen einer ihrer grössten Hits, eine Fusion aus Rock und Mambo-Rhythmen. Der Song verbindet auf brillante Weise eine elektrische Sitar mit einer Orgel zu einer eklektischen, aber dennoch handfesten Rock’n’Roll-Nummer. 

In «Do it again» geht es um eine Kombination aus Sucht, zweiten Chancen und die Unvermeidlichkeit des Schicksals. Der Song beschreibt die Probleme eines Mannes, genannt Jack, der immer wieder in die gleichen Schwierigkeiten zu geraten scheint. Egal wie oft er seine Lektion gelernt hat, verfällt er weiterhin der Verlockung seiner drei Lastern: Gewalt, Frauen und Geld.

In the mornin› you go gunnin› for the man who stole your water
And you fire ‹til he is done in but they catch you at the border
And the mourners are all singin› as they drag you by your feet
But the hangman isn’t hangin› and they put you on the street

Am Morgen machst du dich auf, um den Mann zu erschiessen,
der dein Wasser gestohlen hat und du schiesst, bis er erledigt ist,

aber sie schnappen dich an der Grenze
Und alle Trauernden singen, als sie dich an den Füssen zum Galgen ziehen
Aber sie hängen dich nicht, sondern werfen dich auf die Strasse

Jack lernt nichts daraus:

You go back, Jack, do it again, wheel turnin› ‹round and ‹round
You go back, Jack, do it again

Du kehrst zurück, Jack, du tust es wieder, das Rad dreht und dreht sich
Du kehrst zurück, Jack, du tust es wieder

Und auch bei den Frauen klappt es nicht richtig:

When you know she’s no high climber then you find your only friend
In a room with your two-timer, and you’re sure you’re near the end
Then you love a little wild one and she brings you only sorrow
All the time you know she’s smilin› you’ll be on your knees tomorrow, yeah

Wenn du merkst, dass sie es nicht weit bringt findest du deinen einzigen Freund
In einem Zimmer mit deiner Untreuen und du bist sicher, dem Ende nah zu sein
Dann liebst du eine kleine Wilde und sie macht dir nur Kummer
Du weisst immer, dass sie nur über dich lacht, und du liegst morgen auf den Knien

Der Refrain erinnert wieder daran, dass Jack nochmals den gleichen Fehler macht.

Die dritte Strophe schliesslich offenbart Jacks Spielsucht:

Now you swear and kick and beg us that you’re not a gamblin› man
Then you find you’re back in Vegas with a handle in your hand
Your black cards can make you money so you hide them when you’re able
In the land of milk and honey, you must put them on the table

Jetzt schwörst du und bearbeitest uns und flehst uns an, dir zu glauben,
dass du kein Spieler bist
Dann findest du dich in Las Vegas wieder

mit etwas Bestimmtem in der Hand.
Deine schwarzen Karten können dich reich machen,

also verbirgst du sie, wenn du kannst
Aber im Land, wo Milch und Honig fliessen,

musst du sie auf den Tisch legen

Steely Dan legen zwischen 1972 und ihrer Auflösung 1981 sieben Alben vor. Nach «Pretzel Logic (1974) mit dem Erfolgssong «Rikki don’t lose that number» beschliessen Fagen und Becker, keine Liveauftritte mehr zu absolvieren. Bis zu ihrer Wiedervereinigung im 1993 bleiben sie eine reine Studioband mit wechselnder Besetzung. 2000 erscheint ihr Comeback-Album «Two Against Nature», für das sie vier Grammys einheimsen. Ihr letztes Werk «Everything Must Go» datiert aus dem Jahr 2003.

2017 stirbt Walter Becker. Donald Fagen, der am 10. Januar seinen 75. Geburtstag gefeiert hat, gibt weiterhin unter dem Namen Steely Dan Konzerte mit einer Liveband.


Urs Musfeld alias Musi

Portrait von Urs Musfeld

© Claudia Herzog

Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung.

Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/

Beitrag vom 28.01.2023

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