«Zehn unbekümmerte Anarchistinnen» 9 Von Daniel de Roulet

Neuntes Kapitel, in dem Mathilde, die Tochter des aus unserem Dorf verjagten israelitischen Arztes, am 1. Mai 1909 in der vordersten Reihe einer Demonstration mitmarschiert und dort ihr ruhmreiches Ende findet.

Es ist fünfzehn Uhr am Samstag, den 1. Mai 1909, auf der Plaza Lorea in Buenos Aires, dem grossen Platz am Ende der Avenida de Mayo. Die Föderation der Arbeiter der Argentinischen Region fora, der mächtigste, von Anarchisten geführte Arbeiterverband, hat Zehntausende von Menschen zu einer wunderbaren Demonstration versammelt. Zu einer so grossen Menge zu stossen, unsere Freundinnen dort zu treffen, uns stark genug zu fühlen, um hier im Bankenviertel die Strassen zu belagern, ist ein körperliches Vergnügen.

Wir sind nicht gekommen, um zu demonstrieren, sondern um uns zu demonstrieren. Eine Inszenierung, mag sein, aber die Aufregung ist echt, eine Mischung aus Freude und Angst. Am Ende des riesigen Platzes erhebt sich ein Metallturm so hoch wie ein zehnstöckiges Haus, auf dem ein Wasserspeicher ruht, der das Quartier mit Wasser versorgt. Seine Blechwände spiegeln die Herbstsonne des Südens und den strahlend blauen, vom ruckartigen Flug der Schwalben durchzogenen Himmel. Rings um den Platz eine Doppelreihe Platanen, die ihre letzten Blätter verlieren, so dass von allen Seiten die beiden Statuen auf ihren Sockeln zu sehen sind. Auf die erste mit dem Namen El Perdón – Die Vergebung ist ein Junge mit einer Fahne geklettert. Die Skulptur zeigt eine nackte junge Frau, die zu Füssen eines bärtigen Mannes kniet, der ihr eine Hand auf die Stirn legt, Symbol männlicher Vergebung für eine sündige Frau.

Die andere Statue, die bald am oberen Ende der Stufen zum angrenzenden, noch nicht fertig gebauten Kongresspalast aufgestellt werden soll, zeigt Dante vor den Toren der Hölle, wie er über sein Gedicht nachsinnt. Nackt, ernst, in Gedanken versunken, einen Ellbogen auf ein Knie gestützt: Der Denker, ein Werk von Auguste Rodin, heute mit Kreideschnurrbart. Zwischen den beiden Statuen ist ein Podium aufgebaut, von dem übertrieben enthusiastische Reden zu uns herübertönen. Die Menschenmenge ist so gross, dass wir die Faust und Mütze schwenkenden Gewerkschafter kaum hören.

Unter den Platanen in der Nähe des Cafés Los Banqueros steht eine Gruppe junger Leute mit einem Spruchband: Ohne Gerechtigkeit kein Frieden. Wir erkennen Alphonsine, Anna, Albertine und Max. Papageien fliegen von Laterne zu Laterne, zwischen den Demonstranten laufen Kinder umher, Süsswarenverkäuferinnen gehen durch die Reihen. Arbeitsfreier Samstag für alle, Männer wie Frauen. Wir sind ohne Waffen gekommen, unsere Waffe ist die Zahl, schreit der Gewerkschafter. Und sollten wir kämpfen müssen, so werden wir für ein paar Stunden eine rebellische Kraft entfalten, einen Feuerstrom, der den alten Plunder einer dahinsiechenden Gesellschaft verbrennen wird. Nicht nur die Zahl ist auf unserer Seite, auch die Hoffnung. Uns gegenüber stehen nur die Handlanger der Obrigkeit, ohne Ideale, ohne Moral. Sie besitzen das Geld und die Waffen. Sollte einer von uns schwach werden, so werden hundert andere seinen Platz einnehmen. An der Richtigkeit unserer Sache wird der Staat zerschellen.

Die Reden rufen noch einmal die Geschichte der letzten Monate wach, erinnern an die von wachsender Gewalt begleiteten Ereignisse, die wir miterlebt haben. Zunächst war da der Bäckerstreik und die Sache mit den vier in der Bäckerei La Princesa erschlagenen Unbeteiligten. Die Vertreter der Bäckergewerkschaft wurden ohne Beweise verhaftet und des vierfachen Mordes beschuldigt. Mathilde Basswitz – der Redner lobt ihren Mut – wurde nachts auf dem Rückweg nach San Telmo festgenommen. Ein falscher Schnurrbart, der am Tatort gefunden worden sei, beweise, dass sich unter den Mördern eine Frau befunden habe, behauptete Falcón, und zwar unsere Genossin Mathilde. Wir Anarchisten drohten mit einem Generalstreik, falls die Beschuldigten nicht freigelassen würden. Am Tag vor unserem Ultimatum wurden alle auf freien Fuss gesetzt, die Justiz hatte sie für nicht schuldig befunden. (Applaus, gereckte Fäuste, Mathilde strahlt.)

Und dann, sagt der Redner, hat Falcón, der sich gern der grosse Friedensstifter nennen lässt, dem Parlament ein Gesetz vorgeschlagen, das alle Argentinier dazu verpflichtet, ihre Fingerabdrücke bei der Polizei abzugeben. Die Abgeordneten finden diese Massnahme übertrieben, und die besseren Herrschaften sträuben sich dagegen, identifiziert zu werden. Und wir? (Lachen, Applaus.) Vorerst müssten sich wohl nur die Fahrer öffentlicher Verkehrsmittel dieser Massnahme unterziehen, da angeblich die meisten von ihnen gefährliche Anarchisten sind. Glück gehabt, oder? (Applaus.) Die Fahrer sind jetzt in den Streik getreten. So sieht die Sache aus. Heute sind wir alle hier auf diesem Platz versammelt, um gegen derartige Massnahmen zu protestieren. (Lang anhaltender Applaus.)

Als die Reden zu Ende sind, bildet sich ein langer Zug, der sich aufmacht durch die Avenida, entlang der Akazien, deren kahle Zweige in der Brise zittern. In der Nähe des Wasserturms hat Oberst Falcón zum Krieg gerüstet: Krankenwagen, Feuerwehrleute und zweitausendfünfhundert Polizisten. Sein Plan: ohne Vorwarnung losschlagen. Seinen Truppen hat er befohlen, ein für alle Mal mit diesen Anarchisten Schluss zu machen. Wir aber wollen ihm mit unserer Zahl die Stirn bieten. Falcón wird es nicht wagen.

Wir befinden uns mit Mathilde in der ersten Reihe der riesigen Menge, die sich nun in Bewegung setzt. Zehntausende, die Kraft der arbeitenden Stadt. Wir tragen beide ein schwarzes Halstuch, Kennzeichen unserer politischen Zugehörigkeit. Wir wollten unbedingt an der Spitze des Zuges laufen, haben es auf der Titelseite unserer Zeitung angekündigt: «Wir sind diejenigen, die gemeinsam mit euch, den Anarchisten, vorneweg marschieren müssen, mit ungeschützter Brust, der Gefahr trotzend, ohne Furcht davor, für unser schönes Ideal zu sterben. Wir werden ein Zeichen setzen und fordern daher das Recht, mit unseren Genossinnen an der Spitze zu gehen.»

Wir beobachten die Polizisten, die ihre Gewehre auf uns richten, es ist nicht gerade beruhigend. Erst recht nicht beruhigend ist Falcóns Adjutant, Mathilde zeigt auf ihn, dort oben auf dem zur Avenida gehenden Balkon der Luxuskonditorei. Wir erkennen ihn wieder, und auch er hat uns entdeckt, denn jetzt legt er, auf die Balustrade gestützt, auf uns an. Reglos wie ein Scharfschütze folgt er unserem Marsch mit seinem Gewehrlauf. Kein Zweifel, er will seinen Prachtschuss. Sollte Falcón den Schiessbefehl erteilen, wird er ihn zu einem gezielten Mord nutzen.

Wir haben Rot getragen, dann Rot und Schwarz, aber erst hier, im schwarzen Block, sind wir, was wir sind. Manchmal nennen wir uns auf Spanisch trebol negro – schwarzes Kleeblatt, weil es uns Glück bringt, oder wie unsere Genossinnen in New York: the anarchist black block. Mathilde hält den Schaft der schwarzen Fahne senkrecht und sagt leise und beinahe stolz: Er zielt auf die Spitze des schwarzen Blocks. Es sind die letzten Worte von Mathilde Basswitz, dreiundfünfzig Jahre. Als Falcón seinen Säbel in die Höhe reisst und damit den Befehl für eine Artilleriesalve erteilt, schiessen die Polizisten blindlings drauflos, und der Adjutant nutzt die Gelegenheit, um sich Mathildes Kopf herauszupicken.

Deshalb bekommt sie nicht nur eine Ladung mitten in die Brust, sondern wird auch seitlich, an der Schläfe, getroffen. Valentine steht unverletzt neben ihr, stützt sie. Da die Schiesserei weitergeht, muss sie sie aufs Pflaster legen. Überall quillt Blut hervor, Mathilde liegt mit offenen Augen da und sagt kein Wort. Nach ihrem Puls tasten, während die Schüsse krachen. Ihr Herz hat aufgehört zu schlagen. Sie muss sie an den Füssen neben andere leblose Körper ziehen.

Die Polizisten nähern sich in einer einzigen, fest zusammengeschweissten Linie. Valentine lässt Mathildes Leiche liegen und rennt in eine Seitenstrasse. Ein wohlwollender Hausangestellter öffnet ihr die Tür zu einer gutbürgerlichen Wohnung. Valentine und mehrere andere Frauen des schwarzen Blocks flüchten hinein und verfolgen das Geschehen durch das Küchenfenster. Die Rettungshelfer sortieren die am Boden Liegenden, bringen sie je nach ihrem Zustand ins Leichenschauhaus oder ins Krankenhaus. Mathildes Leiche wird mit anderen auf eine Karre geladen. Sofort spritzen die Feuerwehrleute das Blut vom Strassenpflaster, damit die Presse behaupten kann, es sei nichts passiert.

Wir treten hinaus auf die ausgestorbenen Strassen, gehen, ohne zu wissen, wie uns geschieht, geradewegs zum Fluss, während uns die Tränen über die Wangen laufen, uns den Blick und die Gedanken vernebeln. Wir
sind wahnsinnig vor Schmerz und auch vor Zorn, sind wütend auf das schöne Wetter, auf den Fluss, haben immer wieder die Bilder vor uns: der Typ an der Balustrade des Konditoreibalkons, die Salve und zwischen den krachenden Schüssen die Kugel, die Mathildes Schläfe trifft. Wir glauben, sie zu hören. Wir laufen durch die Hafengassen, jemand spricht uns an, wir reagieren nicht. Wir sind benommen, sitzen auf einer Bank, denken an sie.Hat Mathilde gehadert, als sie begriff, dass er auf sie anlegte? Hat sie gezögert? Aufgegeben? Nein, ein vorbildlicher Tod. Nicht an der Sache verzweifeln. Man braucht keinen Erfolg, um die Hoffnung zu wahren. Mathilde hätte es schrecklich gefunden zu sterben, ohne zu einem besseren Leben beigetragen zu haben.

Am Montag steht Valentine, die letzte der zehn Frauen, aber nicht mehr wirklich eine unbekümmerte, in der Schlange vor dem Leichenschauhaus. Zwei Tage später findet die Beerdigung statt, mit Tausenden gereckter Fäuste und Tränen der Wut. Sechzigtausend Menschen zwängen sich in die Alleen des grossen Friedhofs. Wieder erteilt Falcón den Befehl, in die Menge zu schiessen, die Polizei ergreift die Särge, bringt sie zurück ins Leichenschauhaus, es kommen weitere hinzu. Falcóns Schergen verwüsten die Räumlichkeiten der Arbeiterföderation. Eine ganze Woche lang verfolgen sie, sperren ein, metzeln nieder, was die argentinische Region an Anarchisten zählt. Dank Alice und ihrem Tessiner Mann kann sich Valentine mit andern unbekümmerten Frauen im Stadtteil Palermo verstecken.

Und was machen wir jetzt? Stürmen wie die Kasernen? Fordern wir das Wahlrecht? Wandern wir noch einmal aus? Wir ziehen Bilanz: Wir haben uns Momente der Freiheit erobert, für die sich das Ganze gelohnt hat. Was zählt, ist nicht, die anarchistische Utopie zu verwirklichen, sondern Anarchistin zu sein. Das ist unsere Weisheit. Die Welt der kommenden Jahrhunderte stellen wir uns nicht frei von jeglicher Macht vor oder endlich erleuchtet von universeller Anarchie. Eher als eine von Anarchistinnen und Anarchisten bevölkerte Welt. Die Revolte wird ihrem Leben einen Sinn geben, so wie sie unserem einen Sinn gegeben hat. Später einmal gingen wir nachts mit Max in Mathildes Zimmer.

Nachdem wir alles durchsucht hatten, fanden wir, verschnürt mit einem blauen Band, ein Päckchen, auf dem Benjamin stand. Wir wussten, dass die Briefe, die Mathilde uns immer vorgelesen oder herumgereicht hatte, alle einen intimen Anhang hatten, den sie vor uns verbarg. Darin war auch die Rede von der inzwischen zwanzigjährigen Louise, von der Benjamin als unsere Tochter sprach. Wir schickten alles nach London. Es ging nur ihn und Louise etwas an. Valentines Aufgabe ist es nicht, herumzuschnüffeln und Ihnen von Mathildes und Benjamins Liebesgeschichte zu berichten.

Im Schwarzen Schaf mussten wir noch den Tresor leeren, bevor wir den Laden Neuankömmlingen aus dem Jura übergaben. Dort erwartete uns eine Überraschung, die Mathilde uns hinterlassen hatte. Neben den fünf
Bänden Jean-Jacques Rousseaus lagen im Tresor zehn in Zeitungspapier gewickelte Stangen Dynamit, die ihren typischen Geruch verströmten. Ein weiteres Paket enthielt drei Zündkapseln. Ausserdem lagen dort, in Seidenpapier verpackt, die zehn Zwiebeln mitsamt einem Umschlag, der an die letzte der zehn kleinen Anarchistinnen adressiert war:

«Mein Liebes,

wie Du siehst, sind unsere zehn Uhren wieder vereint. Zu dreien von ihnen schulde ich Dir einige posthume Erklärungen. Sie sind von Colette, Juliette und Lison. Die Herren der sogenannten öffentlichen Gewalt haben die traurige Angewohnheit, Leichen zu plündern, Henker Falcón bildet da keine Ausnahme. Dank – wenn ich so sagen darf – meines Aufenthalts in seinen Kerkern habe ich entdeckt, dass der Kerl kein anderer ist als der Kapitän, mit dem wir es in Talcahuano zu tun hatten, als unsere liebe Lison ermordet wurde. Ich hatte ihn sofort im Verdacht, ein Aufkäufer zu sein, wenn nicht sogar mehr als das.

Weiterer Beweis: Es stellte sich heraus, dass der Kunde des Schwarzen Schafs, der uns eine 20A-Zwiebel zur Reparatur gebracht hatte, Falcóns Adjutant war. Ich bin ihm im Hof seiner widerlichen Kaserne über den Weg gelaufen. Darauf beschloss ich, unseren Besitz wieder an mich zu nehmen. Legale Mittel taugten dazu aber noch weniger als sonst. Ich wusste, dass weder Du noch Germaine einer gewaltsamen Aktion zustimmen würdet, also habe ich mich entschieden, allein zu handeln.

Um die Wärter auf Falcóns Grundstück abzulenken, liess ich in der Nähe der Garage einige Dynamitstangen hochgehen. In der allgemeinen Panik suchte und fand ich die Sammlung seltener Uhren dieses Halunken. Neben den drei aus unserem Tal stammenden Zwiebeln umfasste sie noch etliche weitere wertvolle Stücke, vermutlich alle auf unredliche Weise erworben. Den Gewinn aus ihrem Verkauf habe ich in die Streikkasse eingezahlt. Von unserer Kriegskasse, den Uhren oder den Dynamitstangen, wirst Du den rechten Gebrauch zu machen wissen. Zum Wohle der Anarchisten. Eine liebevolle Umarmung von Deiner Mathilde.»
PS: Jean-Jacques Rousseaus Werke soll meine Tochter bekommen, und die Zwiebeln, warum sie nicht Max anvertrauen?

Wir machten es genauso, wie Mathilde es vorgeschlagen hatte: Rousseau für Louise, die Zwiebeln für Max, der sie der Föderation schenkte, damit sie die zerstörte Rotationspresse ersetzen konnte. Aber was sollten wir mit dem Dynamit machen? Wir zögerten, Falcón damit in die Luft zu jagen. In schlaflosen Nächten packte uns eine blinde, zerstörerische Wut, wie man sie wohl auf einen Tyrannen verspürt, den zu ermorden man das Recht zu haben glaubt. Und doch sagten wir uns: Falcón zu töten, hiesse nicht, ein Unrecht wieder gutzumachen, sondern einen Mann zu töten. Also wurden wir wieder zur braven Pazifistin, stellten uns eine Zukunft vor, in der die Polizei entwaffnet und ein von uns verwarnter Falcón nur noch ein Bourgeois im Ruhestand wäre.

Unsere Stimmung schwankte zwischen Wut und Ohnmacht. Wollten wir unsere Toten rächen, vor allem Mathilde, so stand für Valentine fest, dass wir keine anderen Frauen um Rat fragen würden. Jetzt mussten wir den Mut zum Alleingang haben, den auch Mathilde gehabt hätte. Wir nahmen die drei Zündkapseln und die zehn Stäbe, verstauten sie sorgfältig in einem Koffer, damit sie nicht explodierten, und stellten diesen eines Nachts vor Falcóns streng bewachtes Portal. Eine komplizierte Aktion! Im Koffer noch diese paar Worte: Sehr geehrter Herr Polizeichef von Buenos Aires, hier die Strafe, die Sie für Ihre Verbrechen verdient hätten. Anarchisten sind keine Kriminellen, sondern Pazifisten, letzte Verwarnung.

Am Ende des Tages ging Valentine oft zu Max ins Lokal der anarchistischen Gewerkschaft. Dort wurde intensiv und leidenschaftlich diskutiert, über die Abschaffung der Grenzen, über Sinn und Zweck eines Generalstreiks, über eine passende Antwort auf die Unterdrückung der Bewegung. Eines Abends, als die Wellen höher schlugen als sonst, entdeckte Valentine in der Nähe der Tür einen jungen Mann mit Mütze und einem Koffer in der Hand. Den Jungen kannte sie nicht, den Koffer aber sehr wohl.

Er stellte ihn unter einen Stuhl und verliess, von allen unbeachtet, den Raum. Als er nach einer Viertelstunde noch nicht zurück war und da Valentine in der Zwischenzeit begriffen hatte, verliess sie ihrerseits das Lokal und nahm das verdächtige Gepäckstück mit, ohne jemandem Bescheid zu sagen. Zu Hause öffnete sie den Koffer mit grösster Vorsicht. Es war tatsächlich der für Falcón bestimmte mit dem Dynamit, aber ohne den Brief.

Derselbe Falcón führte am nächsten Tag in Begleitung einiger Journalisten eine Hausdurchsuchung im Gewerkschaftslokal durch. Max erzählte später, alle seien stinkwütend wieder abgezogen, nachdem sie erneut die Farbwalzen der Rotationspresse zerstört hätten. Wie beim letzten Mal, als sie Max mitgenommen hatten, hatten sie auch diesmal nach etwas Bestimmtem gesucht, es aber nicht gefunden. Etwas, was die Anarchisten einmal mehr kompromittiert und Max ins Gefängnis gebracht hätte. Falcón hatte also unsere letzte Verwarnung ignoriert. Pech für ihn.

Im Frühling desselben Jahres spaziert Oberst Lorenzo Falcón, vierundfünfzig Jahre, stolz erhobenen Hauptes in Begleitung seines Adjutanten durch die großen Avenidas von Buenos Aires. Er hat so seine Angewohnheiten, läuft jedes Mal die Avenida Presidente Quintana entlang. Die bürgerlichen Herrschaften grüssen ihn, danken ihm, die grossen Tiere der Handelsbörse haben ihn zum Helden erkoren. Falcón wähnt sich bei der Parade, erreicht stets zur gleichen Zeit, zufrieden mit sich selbst, die Ecke Avenida Callao und Avenida Quintana, bis zu jenem Sonntag, den 14. November 1909.

An diesem Tag tritt eine schwarz gekleidete Gestalt aus dem Schatten und schleudert zehn Dynamitstangen auf ihn und seinen Adjutanten. Politisches Zeichen oder Liebesgeste? Das Bürgertum errichtete den beiden ein hübsches Grab mit Marmor, Engelchen und Gedichten. Valentine braucht Ihnen nicht zu erzählen, wer die verdiente Rache organisiert hatte. Da die Geschichte der zehn kleinen Anarchistinnen mit einem glücklichen Ereignis enden muss (eine Hochzeit! Wie schrecklich, eine Hochzeit!), ist geplant, dass Arsène zu ihr ins Exil stösst. Denn da der Mord an Falcón in der gesamten argentinischen Region eine erneute Jagd auf die Anarchisten ausgelöst hat, hat sich Valentine zu einer Luftveränderung entschlossen.

And then
There were
None

Ausnahmsweise konnte unsere Berichterstatterin, deren Dienst hiermit endet, die Landesgrenzen ausnahmsweise sinnvoll nutzen, was sie sich nicht hat nehmen lassen. Dank eines Fischers, der auch Benjamin schon geholfen hatte, überquerte sie in einer mondlosen Nacht, Zöllnern und Schmugglern ausweichend, den Rio de la Plata und ging frühmorgens am anderen Ufer an Land. In Montevideo war gerade Fischauktion.

Einige Erklärungen, damit die Leserinnen und Leser verstehen, wer diese Zeilen geschrieben hat und warum.

© Yvonne Böhler

Daniel de Roulet

Geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Für sein Lebenswerk erhielt er 2019 den Grand Prix de Littérature der Kantone Bern und Jura (CiLi). Daniel de Roulet lebt in Genf.


Buch: «Zehn unbekümmerte Anarchistinnen», Daniel de Roulet. Aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Dartevelle, Limmat Verlag, Zürich

Alle deutschen Rechte vorbehalten © 2017 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-839-1
(Arbeits-)Titel des französischen Originals: Quelques femmes insouciantes. Dix petites anarchistes. Libella 2018. © Daniel de Roulet

Was bisher geschah:
Kapitel 1Kapitel 2Kapitel 3, Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7, Kapitel 8

Einen weiteren spannenden Fortsetzungsroman – mit royalen Geschichten aus der Schweiz – finden Sie hier.

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