«Zehn unbekümmerte Anarchistinnen» 6 Von Daniel de Roulet

Sechstes Kapitel, in dem Adèle und die anderen Emigrantinnen endlich eine anarchistische Gemeinschaft und einen Ort finden, an dem das Paradies zum Greifen nah wäre, würde ihnen nicht ein trauriger Landsmann den Weg dorthin versperren.

Anfangs hatte Valentine überlegt, diesen Bericht Zehn kleine Zwiebelchen zu nennen, aber das hätten nur Uhrmacher verstanden und nicht, wie es unsere Absicht ist, die ganze Welt. Im vorliegenden Kapitel spielt weniger die Zwiebel eine Rolle als diejenige, die sie trug, Adèle, die uns nach Lison verlassen wird und von der wir hier erzählen müssen.

Sie war Wicklerin bei Édouard Heuer gewesen, beherrschte die Kunst, sowohl einen Zapfen mit Lauffläche als auch einen konischen Zapfen zu polieren. Jede von uns hatte eine Anekdote über sie auf Lager, aber auch alle diese zusammen würden kein Porträt von ihr ergeben. Eine Art Schatten lag über der Art und Weise, wie Adèle sich Kinder machen liess, um einen Mann an sich zu binden, bis sie ihn wieder fallen liess. Sie hatte das Tal gemeinsam mit ihrer Tochter Clémence verlassen, die jetzt gross, hübsch und blond war wie ihre Mutter. Der Vater hatte auf der Place Neuve gestanden und geweint: Adèle, verlass mich nicht.

In Punta Arenas hatte sie ihr zweites Kind bekommen, Paul, mit einem jungen Chilenen, der so verrückt nach ihr war, dass wir fürchteten, er werde sich das Leben nehmen, als sie ihm verbot, ihr nach Talcahuano zu folgen. Dort wiederum war sie innerhalb kürzester Zeit mit Julia, ihrem dritten Kind, schwanger gewesen. Neue Ausgangslage. Diesmal hatte der Mann, der zwanzig Jahre älter war als sie, seine Familie verlassen und sich in der Nähe unserer Scheune niedergelassen. Er überhäufte sie mit Geschenken, schrieb ihr Briefe, die er in Fliedersträussen versteckte. Als das Schiff Talcahuano verliess, sagte sie vor uns allen zu ihm: Es gibt Dinge, die wirst du erst später verstehen. Was wohl, fragten wir uns.

Auch gegen ihre Entscheidung später auf der Insel würden wir nicht wagen, etwas einzuwenden. In dem Vater ihres vierten Kindes, dem jungen Matrosen und Langustenfischer Romeo, schien sie eine dauerhaftere Liebe gefunden zu haben. Er ist der Mann meines Lebens, sagte sie zu uns, das werdet ihr später verstehen. Zugegeben, sie war von einer wilden Schönheit, die noch einem Walfisch den Atem raubte. Ein sanftes Profil, die Mundwinkel stets in Bewegung, wie bei den Südländerinnen. Aber ihre Stirn und die blonden Haarsträhnen machten sie zu einer Norddeutschen. Bald schon sollten wir uns nach ihren Stimmungsschwankungen sehnen, aber noch war sie bei uns.

Ende November 1883 nahm das Schiff, das sich auf den Weg zur Insel Juan Fernandez machen würde, die fünf kleinen Negerlein, sprich: vier Uhrmacherinnen und eine Bäckerin, an Bord, ausserdem Freitag, den Mapuche, und sieben Kinder. Dreizehn Personen mit sieben Zwiebeln im Gepäck. Wir hatten Glück: Während der Woche unserer Überfahrt zur Insel, die dreihundertfünfzig Meilen von der Küste entfernt auf der Höhe von Santiago de Chile liegt, zeigte der Pazifik nur spärlichen weissen Schaum, und die Winde bliesen fast in die richtige Richtung.

Vor einer Insel lud das Schiff Tropenholz, Langusten, Robbenfett und eine Menge weiterer Waren: «Zwanzig Fass Kekse, zehn halbe Fass Bier, Kerzen, Kaffee, Kakao, Käse, Bohnen, Linsen, getrocknete Äpfel, Reis, Sardinen, Schweineschmalz, Wurst, zwei Fässer Wein und für dreihundert Pfund Whisky, genug für mehrere Monate. Ausserdem eine kleine Mühle,
landwirtschaftliche Geräte, Schreibutensilien.» Und andere Dinge, von denen es im grünen Heft keine Liste gibt.

Unser Kapitän, ein Engländer und Geschichtsliebhaber, der sich zudem für Uhrmacherei interessierte, kannte alle Marken, auch die aus Saint-Imier: Blancpain, Heuer, Longines und Breitling. Wir zeigten ihm unsere Zwiebeln, davon verstand er etwas, nannte die Rohwerke beim Namen, verriet uns sein Projekt: eine Uhr ohne Aufziehvorrichtung. Der Mechanismus würde seine Energie allein mittels der Körperbewegungen seines Trägers aufladen. Er erzählte uns auch die Geschichte des Archipels Juan Fernandez.

Juan Fernandez, ein junger spanischer Kapitän aus dem sechzehnten Jahrhundert, hatte die unbekannte Insel entdeckt und ihr seinen Namen gegeben. Er fuhr mit Fischern erneut hin und jagte Robben, die es dort zu Millionen gab, ja, zu Millionen. Aber ein Sturm zerstörte seine Flotte, ruiniert kehrte er zum Kontinent zurück und starb mit achtzig Jahren in seinem Bett. Auf der Insel hatte er vier aus Europa mitgebrachte Ziegen zurückgelassen, die sich tausendfach vermehrten.

Im Februar 1704 bat Alexander Selkirk, siebenundzwanzig, Steuermann eines englischen Freibeuterschiffs, der sich mit seinem Kapitän zerstritten hatte, mit einer Flinte, einer Bibel und Munition auf der Insel gelassen zu werden, um dort in engster Verbindung mit der Natur zu leben. In den ersten achtzehn Monaten war er deprimiert, dann fand er Gefallen an der Einsamkeit.

Vier Jahre später wunderten sich Freibeuter, die zufällig auf der Insel gelandet waren, dort einen Landsmann vorzufinden. Selkirk war in Tierfelle gekleidet, hatte das Sprechen verlernt und machte sich mit Knurren verständlich. Der Kapitän brachte den Mann, der fünfhundert Ziegen getötet hatte, um auf der einsamen Insel zu überleben, zurück nach London. Dort trifft ihn der Schriftsteller Daniel Defoe, verlegt sein Abenteuer in die Antillen, erfindet einen schiffbrüchigen Schwarzen hinzu, verlängert das Inselleben um zwanzig Jahre und gibt seinem Helden einen Vornamen, der ihn zum Sohn von Robin Hood macht. Der Erfolg stellt sich prompt ein, und bald gibt es sechsundfünfzig verschiedene Fassungen von Robinson Crusoe.

Später haben die Spanier auf der Hauptinsel ein Gefangenenlager für die politischen Häftlinge ganz Südamerikas gebaut. Sieben abscheuliche Grotten, in denen man unmöglich aufrecht stehen konnte, wurden in den Felsen geschlagen. Revolten und Meutereien lösten einander ab, bis eine peruanische Flotte die Gefangenen 1837 befreite. Fortan lebten nur noch 37 Menschen auf der Insel, zu denen 1877 Baron de Rodt stiess, ein mit dem Titel des Unterpräfekten geschmückter Schweizer.

Wir bedauerten, dass die Geschichte von Robinson so stark von der Realität abwich. Ein Beweis mehr, dass Schriftsteller gern Dinge erfinden, nur um ihren Lesern zu gefallen. Den Juan-Fernandez-Archipel aber gibt es tatsächlich – mit drei Inseln. Von der Schiffsbrücke aus glaubten wir mehrmals, am Horizont einen Berg zu erkennen. Blandine, immer misstrauisch, fragte laut, ob man diesem Lügner von Kapitän vertrauen könne. Vielleicht sei der ganze Archipel nur die Erfindung eines Romanschriftstellers und der Kapitän bringe uns zu Kannibalen oder wolle uns als Sklavinnen auf tropischen Märkten verkaufen. Wir antworteten ihr, falls sie uns damit Angst machen wolle, solle sie uns bloss nicht länger auf die Nerven gehen, sondern lieber ins Tal zurückkehren. Blandine erwiderte, ihre Schwester solle ihr mal lieber endlich die Frage beantworten, was aus dem Weiss werde, wenn der Schnee schmelze. Zwischen den Schwestern Grimm wuchs die Spannung.

Nach einer Woche erkannten wir in der Ferne eine steil aufragende Silhouette mit hohen, spitzen Gipfeln, an denen riesige Haufenwolken hingen. Das Schiff näherte sich einer von strohgedeckten Hütten gesäumten Bucht, der Engelsbucht. Links eine rätselhafte Konstruktion militärischen Typs. Ein Beiboot kam, brachte uns an Land, das Meer war spiegelglatt. Vergass man die Festung und die Grotten, lag die Insel vor uns wie ein Paradies. Über den Bootsrand gebeugt, bewunderten wir die bläulich schillernden, transparenten Meerestiefen. Jenseits des weissen Sandes bildeten Palmen, Farne und üppiges Gewächs die Strandkulisse. Don Alfredo de Rodt hatte uns drei in Lumpen gekleidete Träger geschickt, die uns zur Festung bringen sollten.

Dort erwartete er uns in einem Waffensaal mit Spinnweben statt Fensterscheiben, in dem nur ein grosser Garnisonstisch und Bankreihen an den Wänden standen. Mit einer Geste bat er uns, Platz zu nehmen, räusperte sich und wandte sich auf Französisch mit leichtem deutschem Akzent an uns. Wir fanden ihn wirr, theatralisch in seinen Kleidern aus vergangenen Zeiten. Er sprach von der Insel wie von seinem kleinen Reich, von den Fischern wie von seinen Leuten, nannte sie sogar: meine Untertanen. Kurzbeinig, bucklig, mit ausgemergeltem Gesicht, schlecht rasiert und schmuddelig, humpelte er auf und ab und gab sich souverän. Das Ergebnis dieser Empfangszeremonie war, dass wir uns niederlassen konnten, wo wir wollten, nur nicht am Bootssteg, den die Fischer benutzten.

Wir durften uns Hütten oder Paläste bauen, Gemüse oder Blumen anpflanzen, Tiere oder Kinder aufziehen, das alles war ihm ziemlich egal. Unsere einzige Pflicht: ihm genug Holz zu liefern, damit er in den wenigen Wintermonaten heizen konnte. Im Übrigen würde er, falls wir ihm Kühe abkaufen oder uns an der Ziegen- oder Robbenjagd beteiligen wollten, alles mit uns regeln. Schliesslich holte er ein grosses Buch hervor, in das er unsere Namen und unser Geburtsdatum eintrug.

Freitag fragte er nicht nach seinem Namen, der gehörte in seinen Augen zum Gepäck. Missmutig teilte er uns mit, er sei gerade damit beschäftigt, für alle drei Inseln Vorschriften und Gesetze zu verfassen, zunächst müsse er aber seine Memoiren schreiben. Sein Leben sei nämlich sehr bedeutungsvoll gewesen. Als wir uns nach der Kolonie Das Experiment erkundigten, änderte sich sein Ton, er gab uns für den nächsten Tag einen Termin zu einer weiteren Audienz, um, wie er sagte, einige in seine Zuständigkeit fallende Einzelheiten zu regeln. Fürs Erste könnten wir in einer Grotte unterkommen. Den da, sagte er grinsend und schaute Freitag an, könnt ihr in meinen Ställen unterbringen. Wir haben nichts gesagt, Freitag nur zum Zeichen unseres Vertrauens zugelächelt.

Beim Erkunden der Gegend trafen wir am Strand auf einige barfüssige Fischerkinder, die uns erklärten, Das Experiment läge nicht weit entfernt in einer anderen kleinen Bucht namens Puerto Francés, die nur übers Meer zu erreichen sei. Mit einem einfachen Boot käme man hin. Wir beschlossen, nicht bis zum nächsten Tag zu warten, und ein Fischer war bereit, uns gegen ein Kilo Reis hinzubringen. Wir vertrauten ihm, liessen unsere wertvolle Fracht im Schutz einer Grotte zurück. Bei Sonnenuntergang landeten wir an einem Strand, an dem sich die anarchistischen Siedler versammelt hatten, um uns willkommen zu heissen. Sie sangen eine Hymne, die wir bald auswendig kennen sollten:

«Ich verlass dich, Europa, Räuberland
Mit den Genossen geh ich ins Exil
Und alle gemeinsam errichten wir
Die soziale Kolonie
Braver Bürger, du wirst schon sehen
Alles fällt, König, Papst und Gott
Und siegen wird die Anarchie
Die starke, ruhmreiche Anarchie»

Herzliche, noch etwas zurückhaltende Begrüssung. Auf der einen Seite mehrere Jugendliche, fünf Frauen und Freitag. Auf der anderen eine kleine Gruppe von vierzehn Bärtigen, vier jüngeren Frauen und zwei kleinen Mädchen, alle in Ziegenfelle und Lumpen gehüllt. Auf Spanisch stellen wir einander vor, mit Handschlag und hier und da einer gereckten Faust. Neun Italiener, zwei Spanier, neun Franzosen, aber alle international. Wir trinken auf unsere Begegnung. Danach findet eine demokratische Versammlung statt, und in der tropischen Nacht werden im Konsensverfahren Entscheidungen getroffen.

Dann die ersten Annäherungen, Gemeinsamkeiten, Vertrautheiten. Alles am weissen Strand, im Schein eines langsam verglimmenden Feuers aus Palmblättern. Ein Krug Rum wandert von Mund zu Mund, dann legen wir uns unterm Sternenhimmel schlafen. Wie immer sucht Germaine sich den schönsten Mann aus und vernascht ihn. Im Morgengrauen, als alle schlafen, nähern sich drei weisse Ziegen und schlecken einen erkalteten Kochtopf aus.

Wir fuhren noch einmal zurück, um bei den Fischern, die wir die Robinsonier nannten, unsere Fracht abzuholen. Da wir Vorräte für zwei Monate hatten, konnten wir uns mit allem Zeit lassen. Es war Frühling, die Siedler vom Experiment, die seit sechs Monaten hier lebten, hatten eine grosse Strohhütte gebaut, die als Küche und Gemeinschaftsraum diente. Ringsum hatte jeder nach seinem Geschmack und mit der Hilfe der anderen eine Hütte, einen Schuppen oder ein Holzhaus errichtet. Keiner der Bauten war fertiggestellt, es sah unordentlich, sympathisch, vielversprechend aus. Das Leben wurde einvernehmlich organisiert.

Nach einer Woche besuchten Mathilde und Valentine reihum alle auf der Insel lebenden Familien, um sich vorzustellen und zu versuchen, sie für unser noch vages Unterfangen zu interessieren: nämlich aus dem «Experiment» ein soziales zu Projekt zumachen mit der Hilfe all derer, die bereit wären, sich uns anzuschliessen. Die Robinsonier – Langustenfischer, Robbenfänger oder Nachkommen von Gefangenen oder Gefängniswärtern – kamen mit dem Nötigsten aus, halfen sich gegenseitig und empfingen uns mit wenig mehr als blosser Neugier.

Eine ihrer Frauen zeigte uns das Hinterland, die Vulkanhügel, kleine Buchten, Flüsse und Hänge, an denen sich die Wildziegen versteckten. Die Audienz beim Unterpräfekten, über den alle mit ironischem Lächeln sprachen, das die Furcht vor autoritärer Willkür durchschimmern liess, hatten wir verstreichen lassen. Nicht zu einem von ihm festgelegten Termin zu erscheinen, konnte endlose Schwierigkeiten nach sich ziehen.

Nach unserem tragischen Erlebnis in Talcahuano spürten wir, dass wir hier wieder auflebten. Freitag führte uns in die Geheimnisse der Natur ein, als sei er selbst einmal ein Inselbewohner gewesen. Durch die Kinder der Siedler entdeckten wir eine Zauberwelt, die Erwachsenen erzählten uns aus ihrem Leben. Nach und nach wuchs die kleine Gemeinschaft enger zusammen, nahmen wir die Mahlzeiten immer öfter gemeinsam ein. Wir bauten uns zwei geräumige Strohhütten im, sagen wir, jurassischen Stil: mit Satteldach und einer Böschung hinter der Hütte, ähnlich einer Tennbrücke.

Die eine nannten wir Sonnenberg, die andere Schattenberg. Wir waren voller Elan wie noch nie seit unserer Abreise aus dem Tal, fühlten uns wie in einer aus der Ferne arrangierten, aber gelungenen Ehe. Wir gewannen Zutrauen zueinander, jeder erzählte aus seinem Leben, in grosser Runde oder nur unter vier Augen.

Im grünen Heft befindet sich die Abschrift unseres ersten Briefs nach Saint-Imier: «Stellt euch ein kleines Dorf mit primitiven Hütten statt Wohnhäusern vor, alle locker verteilt, ohne dass Strassen entstanden sind. Die Hütten strohgedeckt, die Böden aus gestampfter Erde, Fensterläden statt Glasfenster, keine besonderen Möbel oder modernen Haushaltsgeräte. Stellt euch ausserdem ein langes Gebäude vor, das aussieht wie die Ställe auf unseren Höfen, mit Bretterwänden und -böden: Das ist unser Esszimmer und der Ort, an dem wir unsere Versammlungen abhalten und abends zusammensitzen. Dort gibt es weder Tische noch Stühle, nur grobe Bänke und auf Böcken liegende Bretter. Alles noch provisorisch, wird aber bald verbessert.»

Regen fiel nur selten über unserer Kolonie, dafür schüttete es auf der Rückseite der Gebirgskette mit den spitzen Gipfeln jeden Tag. Als Privileg der Insel erfrischte eine stete kühle Brise die Luft. Wir hatten eine zufriedenstellende Lebensform gefunden oder fast. Denn man weiss ja, dass ein befreiter Raum nur etwas Vorübergehendes sein kann. Solange Anarchie nur in einer kleinen Gemeinschaft gelebt wird, bleibt die Welt ringsum bedrohlich. Aber da die Macht weit weg war, taten wir, als hätten wir sie vergessen.

In der Engelsbucht lebten die Robinsonier unter sich, blieben auf Distanz, aber wohlwollend. Sie jagten Robben, um Don Alfredo de Rodt im Tausch gegen Waren vom Festland das Fett und die Felle der Tiere zu liefern. Sie sparten, um eines Tages die Insel verlassen zu können, die sie als Gefängnis empfanden. Nur reichte das Ersparte nie für die Flucht. Ewig unzufrieden, empfanden sie unsere Lebensweise als Provokation, da wir nicht versuchten, Geld zu horten, um wieder fortzugehen.

Nach und nach kam uns mehr über diesen de Rodt zu Ohren. Sohn einer reichen Familie aus der Schweizer Hauptstadt, Vater Pfarrer, Studium der Agrarwissenschaften, dann Militärdienst in der österreichischen Armee. Im Kampf gegen die Preussen war er auf dem Schlachtfeld verwundet worden, daher sein humpelnder Gang. Er begann zu reisen und erhielt von der chilenischen Regierung für eintausendfünfhundert Dollar im Jahr das Recht, den Juan-Fernandez-Archipel zu bewirtschaften. Er hatte vor, ein Geschäft aufzuziehen, das das Fällen seltener Hölzer mit Langustenfischerei, Rinder- und Pferdezucht sowie dem Handel mit Robben- und Ziegenfellen verbinden würde.

Auf der Hauptinsel lebten inzwischen siebentausend Ziegen. Mit den zwanzigtausend Dollar, die er jährlich einzunehmen gedachte, erstand er auf Kredit mehrere Schiffe, um seine Waren bis nach Peru und Bolivien zu verkaufen. Dann aber trieb ihn der Pazifische Krieg zwischen Chile und Peru in den Ruin. Statt sich seinen Geschäften zu widmen, sass er nun grübelnd in seiner Bibliothek zwischen Shakespeare, Dickens, Goethe und einem Klavier. Aus Bern schickten ihm Verwandte, die von Graffenrieds, das nötige Geld, damit er wenigstens zurückzahlen konnte, was er der chilenischen Regierung schuldete. Mit einer Frau von der Insel, die sich eher schlecht als recht um den Haushalt kümmerte, hatte er drei Kinder in die Welt gesetzt. Er war deprimiert. Seine Untertanen respektierten ihn gerade genug, um ihm ihre Waren zu verkaufen, wobei sie aber immer weniger dafür erhielten.

Einige Monate nach unserer Ankunft schrieben wir den Frauen aus der Heimat, die fragten, ob sie sich uns anschliessen könnten, einen ersten Brief: «Hier herrscht ein überaus angenehmes Klima, weder tropische Hitze noch sibirische Kälte. Im Sommer zeigt das Thermometer mittags dreissig Grad in der Sonne an, aber in der Nacht sinkt die Temperatur auf zehn Grad, was ausreichend Abkühlung bringt. Ansteckende Krankheiten können sich hier nicht einnisten, so erfreuen sich in der Tat alle guter Gesundheit und haben ordentlich Appetit, weshalb uns auch die einfachen Gerichte schmecken, mit denen wir uns noch begnügen müssen, solange wir nicht mehr Ressourcen haben …

Alle Leute arbeiten ihren Kräften gemäss, allein vom Wunsch getrieben, ihre Sache gut zu machen, und diese Tatsache widerlegt, wir ihr seht, die Ansicht unserer Gegner, in einer anarchistischen Gesellschaft würde niemand mehr arbeiten … Zurzeit könnten wir keine neuen Genossen aufnehmen ausser einem Schmied mit oder ohne Familie. Zu jeder Jahreszeit lässt sich Verschiedenes ernten. Die wichtigsten Anbauprodukte sind Zuckerrohr, Baumwolle, Mais, Kaffee, Maniok, Wein, Tabak, Pfirsiche, Orangen, Zitronen und viele verschiedene Gemüsesorten. Nicht zu vergessen die Kartoffeln zur Herstellung unserer Rösti.»

Was die freie Entfaltung unserer Kinder betraf, denn Erziehung nannten wir es nicht, vertrat die eine oder andere bisweilen einen autoritären Standpunkt und wurde von den übrigen zurechtgewiesen. Mädchen und Jungen wurden gleich behandelt: dieselben Spiele, dieselben Rechte, dieselben Pflichten. Jeden Morgen unterrichtete sie die Lehrerin aus Rouen, ohne Zwang und Stundenplan. Auch die grossen Knaben bereiteten wie wir alle und im Wechsel mit uns das Abendessen zu. Wir hatten uns auch für die Antitheologie entschieden: kein Religionsunterricht, keine Angst vor der Hölle, kein Warten auf das Paradies, kein Jesuskind, das irgendwann unsere Seelen rettet.

Unsere Versammlungen fanden meistens nach einem guten Essen statt. Wir sprachen über Saaten, Brachland, Ernten, aber auch über die Bewässerung der Gemüsegärten, die Ausbesserung eines Dachs, die Säuberung des Strandes. Nach einer bei den Quäkern abgeschauten Methode losten wir zunächst einen Versammlungsleiter aus. Eine oder einer von uns schlug einen Aktionsplan vor, dann fragte der Leiter, ob es irgendwelche Klarstellungen oder Anmerkungen gebe. Anschliessend folgten konstruktive Änderungen. Wir schätzten die Meinungslage ein, vermieden um jeden Preis Abstimmungen, diskutierten, fragten, ob jemand ein Veto einlegen, eine Entscheidung blockieren wolle, dann diskutierten wir weiter. Unsere Versammlungstechnik verbesserte sich von Mal zu Mal.

Es ist gar nicht so einfach, von unserem Leben auf der Insel zu berichten: Glück kommt ohne Erzählung aus, die Anekdoten, die es hervorbringt, verblassen mit der Zeit oder werden lächerlich. Schade, dass Mathildes Tagebuch zurückblieb, als wir die Insel plötzlich verlassen mussten. Man hätte mehr als ein grünes Heft füllen müssen, um in allen Einzelheiten darüber zu berichten, wie unsere Tage verliefen. Blandine, schwärmerisch wie immer, notierte dort Dinge wie diese: «Gemeinsam haben wir es abgelehnt, auch nur ansatzweise eine ökonomische Organisation zu etablieren, weder Hierarchie noch Leitung noch Arbeitsteilung. Wir leben ohne jedes Abkommen, ohne Arbeitsnorm, ohne Moralkodex. Der oder die Erste, die morgens wach wird, rüttelt die anderen wach, allein der Appetit treibt in den Speiseraum, die Leidenschaft an die Arbeit, die Müdigkeit
zur Ruhe. Wir leben Anarchie im Reinzustand. Aus Solidarität versucht jeder, sich so stark zu bescheiden wie möglich, und meidet allen unnötigen Verbrauch. Manchmal besprechen wir zwanglos die für den kommenden Tag geplanten Arbeiten und verteilen die Aufgaben gemäss den Kräften oder Fähigkeiten der Einzelnen. Einer von uns, ein Italiener aus Carrara, ist ein richtiger Faulpelz. Wir schimpfen ein bisschen mit diesemglücklichen Parasiten, aber ohne ihn je zu etwas zu zwingen. Wenn wir oben an einer Palme die schwarze Fahne im Wind flattern sehen, sagen wir uns, dass
man zum Leben nur etwas Polenta und etwas Ideal braucht.»

Möglicherweise werfen Sie Valentine vor, dass sie nicht mehr Gefühl in ihren Bericht legt, wie man es erwarten würde, wenn jemand aus seinem Leben erzählt. Aber sie hat sich nun mal die Rolle der Berichterstatterin nicht ausgesucht, und ein allzu persönlicher Standpunkt würde der Sache schaden, die sie ja trotz allem vertritt. Wie schon angedeutet, protestierte sie jedes Mal, wenn ein Mann ihr ein Kompliment machte, statt es einfach anzunehmen, sagte irgendetwas Banales, reagierte unfreundlich, um dem Betreffenden klarzumachen, dass sie sich nicht täuschen liess. Danach war es dann zu spät und die Chance des Kennenlernens vertan, und wenn sie abends vor ihrem kleinen Spiegel ihre langen blonden Zöpfe löste, streckte sie sich selbst die Zunge heraus. Das war ihre Art, sich vorzunehmen, beim nächsten Mal weniger Theater zu machen.

Mit dem Zimmermann aus Florenz zum Beispiel, einem hilfsbereiten, heiteren Genossen, war es so gelaufen: Er hatte ihr von seinem Leben als Verbannter erzählt, wie begeistert er in den Jahren der Gefangenschaft Benjamins Reden gelauscht habe. Als Valentine eines Abends allein am Strand sass und vor sich hin träumte, kam er hinzu, setzte sich neben sie, ohne ein Wort zu sagen, und ergriff ihre Hand. Sie zog sie zurück. Statt es
dabei zu belassen, glaubte sie, noch wirre Erklärungen abgeben zu müssen, sagte ihm, dass sie sich im Moment auf nichts einlassen könne, später vielleicht … Als müsse der arme Florentiner irgendeine unausgesprochene Frist beachten, deren Dauer sie aber nicht angab.

An einem anderen Abend war Freitag zu ihr an den Ort gekommen, wo sie sich angewöhnt hatte zuzuschauen, wie die rötliche Färbung der letzten Wolken verblasste, und hatte sie gebeten, ihr eine Frage stellen zu dürfen. Willst du über Liebe sprechen?, erwiderte Valentine misstrauisch. Freitags Lachen klang beinahe spöttisch. Nein, über Politik, antwortete er, ich wüsste gern, was dir an der Anarchie nicht gefällt. Sie erschrak, errötete, stammelte: Ich mag einfach Wörter nicht, die auf -ismus enden. Ich habe nicht Anarchismus gesagt, antwortete Freitag, sondern Anarchie. Sie wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Und da wir schon bei ihr sind, kann sie Ihnen auch gleich sagen, dass sie an jenem Abend, während das Rosa am Himmel zu zartem Lila und Grau wurde und die letzten Wolken sich verflüchtigten, um den Sternen Platz zu machen, ein nicht zu unterdrückendes Zittern im Bauch zu spüren meinte.

Sie sagte nichts, sie hätte gern Freitags Hand ergriffen, stellte sich vor, wie sie beide in ihren Kleidern ins Wasser gingen. Wie sie dort reglos stehen blieben, aneinandergeschmiegt und ohne einander Fragen zu stellen. Aber nichts geschah, bis Freitag schliesslich sagte: Ich weiss auch nicht, ob ich für die Anarchie sterben würde. Wir Mapuche haben nie einen Staat gebraucht, die Republik ist eine von den Kolonisten importierte Idee. Sie sagte nichts mehr, wartete nur darauf, dass er ihr vorschlug, angezogen ins Wasser zu gehen, ein Traum.

Valentine nahm es sich selbst übel, dass sie von der Kindheit ins Alter überwechselte, ohne je erwachsen geworden zu sein. An jenem Abend dachte sie zum ersten Mal, dass eine Frau, die kinderlos vierzig wird, womöglich schlagartig alt wird. Ein seltsames Gefühl, und ausgerechnet Freitag hatte dieses Gefühl bei ihr ausgelöst. Hätten sie gemeinsam nachts im Meer gebadet, hätte sie den Mut gehabt, ihm persönlichere Fragen zu stellen wie: Findest du mich altmodisch oder schön, intellektuell oder hübsch? Und er hätte sie mit Küssen bedeckt.

Der Alltag, das Gärtnern, Holzfällen, Rousseau-Lesen beschäftigte uns so sehr, dass die Diskussionen über unsere Prinzipien bisweilen zu kurz kamen. Die Briefe, die alle zwei Monate mit dem Schiff eintrafen, brachten uns Neuigkeiten aus einer nicht ganz so fröhlichen Welt. Benjamin klang inzwischen bissig, wenn er uns seine lieben Unbekümmerten nannte, die mit allem wieder bei null anfangen wollten wie in einer Abtei Thelema: Das
sei keine Anarchie. Auch unser sonderbares Verhältnis zu dem exzentrischen Unterpräfekten fand er problematisch. «Weil wir das Wohl der Menschheit anstreben», schrieb er, «wissen wir Anarchisten, dass man alle möglichen gesellschaftlichen Organisationen wird erfinden müssen, um herauszubekommen, welche davon sich für ein würdiges, glückliches Leben aller Menschen eignen.»

Benjamin, der uns um unser ländliches Glück beneidete, hielt sich mit Goldsuchern in Feuerland auf, wollte dort Geld scheffeln, um die Kassen der Weltrevolution zu füllen. Er hatte Pech gehabt, war an unehrliche Leute geraten. Mehr sagte er nicht dazu, aber wir spürten seine Enttäuschung. Er begann wieder von Rousseau, jenem Genfer, dessen Eltern genau wie wir in der Uhrmacherei gearbeitet hatten. Er empfahl uns, noch einmal den Gesellschaftsvertrag zu lesen, der deutlich beweise, dass Jean-Jacques den Staat nur als notwendiges Übel akzeptiert hatte. Man müsse jetzt einen Schritt weitergehen und eine staatenlose Welt erfinden. Und er erinnerte uns noch daran, dass in der Neuen Héloïse Saint-Preux bis zum Juan-Fernandez-Archipel reist, um Julie zu vergessen, bevor er schliesslich in die Schweiz zurückkehrt.

Die Niedergeschlagenheit über unsere gescheiterte Auswanderung nach Patagonien verschwand, da hier alles gelang. Wir hatten eine temporäre autonome Zone geschaffen, ähnlich einer Piratengesellschaft. Wir verloren uns in der Betrachtung eines schönen Baumes, eines rosafarbenen Sonnenuntergangs, einer glückseligen Träumerei. Nur der Gegenwart und ihren Annehmlichkeiten hingegeben, genossen wir in dieser behaglichen Natur die Süsse des Glücks. Wäre Jean-Jacques hier gewesen, hätte er uns auf einen Spaziergang begleitet. Würden wir uns nicht irgendwann langweilen? Aber selbst im Paradies sind Dinge instand zu halten: Wir würden eine Tür ölen, ein Möbelstück streichen, Kartoffeln umpflanzen müssen. Reihum würden wir es in Angriff nehmen, jeder nach seinen Fähigkeiten.

Eines Morgens, als niemand damit gerechnet hatte, entdeckten wir, dass der Gipfel des höchsten Inselberges sich über Nacht mit Schnee überzogen hatte. Da dieses Ereignis eine Premiere war, bekamen mehrere von uns Lust, den Berg zu besteigen, um das kurzlebige Weiss mit den Fingern zu berühren. Beim Anbruch eines herrlichen Vormittags macht sich also ein kleiner, schlecht ausgerüsteter, aber fröhlicher, bunt zusammengewürfelter Trupp auf zur Gipfelerstürmung. Freitag geht voran, als würde er den Weg kennen. Einige von uns laufen barfuss, die übrigen tragen selbst fabriziertes Schuhwerk. Tausendsechshundert Meter müssen erklommen werden, die Höhe unseres Chasseral bei Saint-Imier. Nur dass wir hier von der Meereshöhe aus starten. Stundenlang werden wir Geröllfelder, Felsschluchten, Wälder, Gestrüpp durchqueren müssen, durch die kein Weg führt ausser Ziegenpfade, die im Nichts enden.

Auf der bewohnten Inselseite, der mit dem weniger steilen Hang, ist kein Dunst und keine einzige Wolke in Sicht, es herrscht milde Luft à la Jean-Jacques Rousseau. Einige von uns Jurasserinnen sind mit von der Partie, wir singen anarchistische Lieder, testen das Echo, bleiben an Quellen stehen. Mehrmals machen wir an einem Abgrund kehrt, tasten uns einen Grat entlang, steigen wieder in eine Schlucht hinab. Gegen Mittag sind wir erst auf halber Höhe angelangt. Wir setzen uns hin und holen unseren Proviant hervor, Bananen und geräuchertes Ziegenfleisch. Wir tauschen Schnee- und Kindheitsgeschichten aus, als riefe die Höhe verschüttete Erinnerungen an den Winter wach. Der eine spricht vom Apennin, wo sein Grossvater einen Bauernhof hatte, die andere vom Puyde-Dôme, auch ein Berg in Form eines Zuckerhuts.

Eine Jurasserin erzählt von ihren Sonntagen, an denen sie wie andere Kinder auch passiven Widerstand gegen den Familienspaziergang leistete. Freitag gibt die Legende vom einfältigen Lama zum Besten, das sich in den Anden verläuft und auf die Rückkehr des Schnees wartet, weil es glaubt, es werde darin seine Spuren wiederfinden. Es ist keine Nostalgie, nur die tiefe Verbindung zumLandschaften, die wir nie mehr wiedergesehen haben. Bevor es weitergeht, überlegen wir, wie wir laufen sollen, um von der üppiger bewachsenen Zone auf die Höhenwiesen zu gelangen. Drei Stunden später haben wir endlich den Schnee erreicht, der höchstens zehn Zentimeter hoch liegt und bereits schmilzt. Wir lecken daran, wälzen uns darin, lösen kleine Lawinen aus. Kindliche Freude treibt uns bis auf den Gipfel, wo der Schnee schon fortgeweht ist.

Zu unseren Füssen drei bewohnte Buchten: die grösste, die des Unterpräfekten, die schmalste, die der Langustenfischer, und die verstreuten Hütten unserer Kolonie. Alles andere verliert sich in der Vielfalt der Grüntöne. Tropische Vegetation, unten dunkles Grün, nach oben hin helleres, die Farbnuancen von Dickicht und Wiesen. Auf der unbewohnten Seite entdecken wir eine andere Welt in verschiedenen vulkanischen Brauntönen. Dort bleiben täglich die Wolken hängen, wäscht der Regen die bis ins Meer abfallenden Steilhänge. Nichts gedeiht hier wirklich, nur ein paar Grasbüschel an flacheren Stellen, der Rest sind gräuliches Dornengestrüpp, Staub, Steinchen, Schlammbäche.

Zu Dutzenden klettern hier die Ziegen umher, wir sehen sie dorthin springen, wo niemand sie stören wird. Weiter unten in den Felsspalten ganze Vogelschwärme. Auf hellen Steinblöcken erkennen wir schwarze Punkte: Die Robben faulenzen. Eine Nebelbank schwebt auf halber Höhe, die Möwen fliegen hinein wie in Watte. Erhabenheit der Segler.
Rings um die Insel die Endlosigkeit des Ozeans, dunkler als das zarte Himmelsblau.

Aus der Höhe betrachtet, sind die Wellen nur noch ein schillerndes Gewebe, leicht grünlich, wo das Wasser ruhiger ist, silbergrau glänzend, wo sich die Sonne im Meer spiegelt. Im Westen, weit entfernt, eine Prozession kleiner bauschiger Schäfchenwolken in grosser Höhe, reglos, ohne den Wunsch, das Gleichgewicht der Teile zu stören. Jemand weist darauf hin, dass diese Himmelsbesiedlungen hier nur durch die Verdunstung des Meeres entstehen können. Valentine nutzt die Gelegenheit, um schüchtern zu fragen, ob sich das Weiss des Schnees vielleicht in den Wolken verbirgt. Niemand traut sich zu antworten.

In der Gipfelbrise wandert eine Flasche Pfirsichschnaps von Mund zu Mund. Keine Lust auf Gefühlsüberschwang, nur dazu, uns von der Schönheit der Welt berühren zu lassen. Wir blieben gern, um den Lauf der Sonne bis zu ihrem Untergang zu verfolgen. Wir vergässen uns gern, Träumerinnen und Träumer, als bliebe auf der Insel die Zeit stehen und auch die Weltgeschichte … Gehen wir?, fragt jemand. Wir beginnen mit dem Abstieg. Bei Dunkelheit erreichen wir das «Experiment». Nicht einfach, den anderen zu erzählen, dass wir ans Paradies gerührt haben. Am nächsten Morgen ist das weisse Käppchen geschmolzen. Genau wie das Lama werden wir die Rückkehr des Schnees abwarten müssen, um darin unsere Spuren wiederzufinden.

Bisweilen waren wir bei bestimmten Aspekten der künftigen Gesellschaft unterschiedlicher Meinung. Unsere Lehrerin nahm sich vor, keine Kaninchen mehr zu essen, damit auch sie in den Genuss des Neuen kämen. Der Buchhalter aus Carrara hätte den Hühnern gern ihre Eier gelassen. In Sachen Kindererziehung hatten wir ausser dem Prinzip der Gewissens- und Bewegungsfreiheit nichts Genaueres festgelegt. Wenn unsere jungen Genossen unerträglich wurden, sprachen wir mit ihnen, als lebten sie zu Zeiten der Pariser Kommune: Wenn du nicht lieb zu deiner Schwester bist, hole ich die Herren aus Versailles, die hängen dich an den Füssen auf. Wenn du deine Suppe nicht aufisst, Pech für dich, dann hast du eben» nicht genug Kraft, um auf die Barrikaden zu steigen, wenn der Staat zerschlagen werden muss.

Wenn Valentine die anderen sagen hörte, dass man bei der Rückkehr aufs Festland die Gefängnisse öffnen werde, hatte sie unbändige Lust, auf Abstand zu gehen. Sollte man nicht lieber die Tyrannen eine Zeit lang in ihren Palästen einsperren und die Bankiers in ihren Tresoren, damit sie nicht noch mehr Schaden anrichteten? Ein spanischer Genosse schlug vor, die Kirchen zu Veranstaltungsorten für das Volk umzufunktionieren. Den Heiligenstatuen könnte man bunte Kleider anziehen, die Kerzen einschmelzen und für die Strassenbeleuchtung verwenden. Und die Orgeln? Nur den Urein wohnern käme das Privileg zu, darauf zu spielen, damit man nie wieder die pathetischen Unterwerfungsappelle dieses Instruments hören müsse.

«Solidarität bleibt reine Theorie, solange der Mann seine Frau und seine Kinder auf der einen Seite sieht und die Menschheit auf der anderen», hatte Benjamin uns geschrieben. Die kleinbürgerliche Familie war keine Lösung, Ehe durfte nicht der einzig mögliche Weg für Liebesbeziehungen sein. Auch über dieses Thema wurde im grossen Gemeinschaftsraum des «Experiments» mehrmals lebhaft diskutiert. Die ganz Eisernen, besonders die französische Lehrerin, zitierten Pamphlete von Louise Michel: «Gegen die Scharlatane der Moral, die Betrüger der Religion, die Lügner der Kunst, die Idioten der Schule strebe ich die Zerstörung der Familie an. Dürfte ich wählen, welche der grössten Geisseln der Menschheit ich zerstören will, Religion oder Heuschrecken, Privateigentum oder Cholera, Krieg oder Mücken, Regierung oder Hagel, Vaterland oder Malaria, ich würde ohne zu zögern die Familie wählen.»

Die Meinungen prallten aufeinander. Auf keinen Fall sollte eine Doktrin durch eine andere ersetzt werden. Es kam zu Enttäuschungen, hitzigem Hin und Her, Vorwürfen. Das Prinzip, das schließlich die grösste Zustimmung fand, haben wir im grünen Heft festgehalten: «Auf dem Gebiet von Sexualität und Liebe wird absolute Freiheit herrschen, und Paare, die schon vor ihrem Aufenthalt auf dem Territorium des Experiments bestanden, dürfen ihr Leben weiterführen wie bisher. Mit einem Wort, jede Frau kann frei über sich selbst bestimmen, niemand darf jemals ihre Freiheit beschränken. Kinder werden gemeinsam und auf Kosten der Gemeinschaft erzogen und arbeiten nicht. Paare zerschlagen wir nicht, fordern weder Polygamie noch Homosexualität, sind aber auch nicht dagegen.»

Die vorbeikommenden Schiffe versorgten uns mit Nachrichten aus aller Welt. In Deutschland war Kaiser Wilhelm bei zwei gescheiterten Attentaten beinahe ums Leben gekommen. In Spanien hatte ein Arbeiter versucht, den König zu töten, in Italien der Koch Passamante den Souverän erdolcht. Kein einziges Mal verurteilte die libertäre Presse diese Morde, die uns unnötig erschienen. Wir hatten keine Lust, blinder Gewalt zu folgen. Auch Benjamin zögerte: «Wir wissen, dass das Wesentliche, das wahrhaft und unbestreitbar Nützliche nicht darin besteht, die Person eines Königs zu töten, sondern alle Könige, die der Königshöfe, der Parlamente, der Fabriken, sie im Herzen und Verstand der Menschen zu töten, den Glauben an das von einem grossen Teil der Bevölkerung abgöttisch verehrte Herrschaftsprinzip auszumerzen.»

Wir schlugen vor, alle Bewohner des «Experiments» zusammenzutrommeln, um darüber zu diskutieren. Unsere Idee war, uns schrittweise zu einigen und dabei nach dem Wörterbuchprinzip vorzugehen. Wir begannen mit dem Wort Autorität, Mathilde sollte das Thema vorstellen. Aber gleich zu Beginn, als sie die Devise «Kein Gott, kein Herr» erläutern wollte, bezeichnete der Buchhalter aus Carrara sie als Sozialistin, in seinen Augen das schlimmste Schimpfwort. Einer der spanischen Matrosen ging noch weiter, nannte sie Handlangerin Proudhons, Marxistin, Rechtshegelianerin. Schliesslich unterbrach Freitag die Diskussion, die ein böses Ende zu nehmen drohte, und schlug vor, zu Tisch zu gehen. Er hatte leckere Pilze unter den Salat gemischt und vergessen, uns zu sagen, dass sie halluzinogen waren. Plötzlich entspannte sich die Atmosphäre. Überall sahen wir Rosa, zwischen den Tellern schillerten Regenbögen. Wir hörten auf mit der theoretischen Diskussion, in der Praxis vertrugen wir uns ja, das musste genügen. Wir waren alle munter und ausgelassen.

Wer weiss, wie es mit unserem genossenschaftlichen Experiment weitergegangen wäre, wenn nicht Don Alfredo de Rodt, unser geisterhafter Unterpräfekt, begonnen hätte, uns das Leben schwer zu machen. Es ging los mit kleinen Beleidigungen. Er behauptete zum Beispiel, die Kolonie habe sich an der Instandsetzung des Landungsstegs zu beteiligen, da sie von der Ankunft gewisser Waren profitiere. Zwei Monate lang hat das «Experiment» daran mitgearbeitet. Dann verlangte er, wir sollten eine Schweizer Fahne hissen statt unseres stolzen Schwarzen Schafs. Mathilde weigerte sich. Das Brennholz, das er von uns bekam, sollten wir vor der Lieferung in drei Teile zersägen. Die Kolonie gab ihm zu verstehen, dass sie damit nicht einverstanden war. Wir lieferten die Holzscheite weiter unzerteilt.

Als er eines Tages verkündete, er werde künftig auf jeden Inselbewohner, auch auf die Kinder, eine jährliche Abgabe von zweihundert Dollar erheben, beschlossen wir, nicht darauf zu reagieren. Da ärgerte sich der Feudalherr und liess uns ein offizielles Schreiben mit allen möglichen Stempeln zukommen, die uns hätten beeindrucken sollen, uns aber nur zum Lachen brachten. Germaine stimmte ein altes, gegen die Berner gerichtetes Lied an. Es stammte aus der Zeit, als unsere Eltern den Statthalter Lombach bekämpft hatten:

«Was kümmern uns, de Rodt, deine Fesseln
Deine Kerker und deines Henkers Schwert
Das Tal ist ein Hort der Mutigen
Lasst das Schwert in der Scheide ruhen
Täterä Ramtatatam
Hoch die Roten, nieder mit den Weissen»

Das erinnerte uns wieder daran, wie wir als kleine Mädchen bei unseren Vätern auf den Schultern sassen, während sie den guten Doktor Basswitz verteidigten. Seltsame Erinnerungen. Hatte dieser Schattenkönig, der gerade seine Memoiren schrieb, womöglich etwas mit den Berner Besatzungstruppen zu tun?

Daraufhin erzählte Augustine, eines der grösseren Mädchen, sie sei ihm in der Nähe seines ‹Palastes› begegnet. Mürrisch wie immer, habe er sie gefragt, von wo in der Schweiz wir eigentlich aufgebrochen seien. Als sie vom Tal erzählte, habe der Schattenkönig auf Deutsch geflucht, seinen Stock auf den Boden gestossen und sie angegrinst: Saint-Imier, kenne ich.

Hatte er etwa zu den Besatzungstruppen gehört? Das würde sein Verhalten erklären. Um Gewissheit zu bekommen, brauchten wir ihn bloss zu fragen. Ganz einfach, wenn auch keine gute Idee. Mathilde kümmerte sich darum. Als sie eine Woche später Audienz bei de Rodt bekam, begrüsste sie ihn mit einer tiefen Verbeugung und klärte ihn darüber auf, dass sie die vaterlose Tochter des guten Doktor Basswitz sei, jenes nach Saint-Imier geflüchteten Israeliten. Die Provokation tat ihre Wirkung: De Rodt fluchte auf Deutsch, fuchtelte mit seinem Gehstock in der Luft herum und zog sich in seine verfallene Festung zurück.

Von diesem Tag an kommunizierte er nicht mehr mit seinen Untertanen. Mathilde erzählte Benjamin von der Sache, und der antwortete aus Buenos Aires, wo er gerade eine Bäckergewerkschaft gegründet hatte. Er drängte uns, zu ihm zu stossen, gestand seinen lieben Unbekümmerten, dass ihn das, was wir da erlebten, kaum wundere. Nach allem, was wir ihm erzählt hätten, bliebe uns nur noch, die Koffer zu packen und zurück aufs Festland zu kommen, zu vernünftigen Leuten.

Auch er habe die Willkür der Machtmenschen zu spüren bekommen, schrieb er: «Wir waren erst vor Kurzem in Feuerland angekommen, um dort Gold zu suchen, als ein Herr auftauchte und behauptete, er sei der Vertreter einer Gesellschaft, der das goldhaltige Land gehöre. Die argentinische Regierung hatte das Schürfmonopol an Kapitalisten verkauft, die ihre eigenen Regeln durchsetzen wollten. Uns blieb also nichts anderes übrig, als diesen trostlosen, eisigen Landstrich zu verlassen. Aber dazu mussten wir auf das Schiff der Regierung warten, das einzige, das am Kap der Jungfrauen anlegte, nur alle paar Monate.

Der Landweg, der uns von besiedelten Regionen trennte, war eine riesige Wüste, die man ohne Pferd und ohne Vorräte unmöglich durchqueren konnte.» Benjamin betonte die Ähnlichkeit zwischen unserer und seiner Situation: «Das Leben darf nicht im Abseits stattfinden, es muss ein Kampf gegen den gegenwärtigen Zustand der Welt sein. Diesen Zustand findet man, in Europa ebenso wie in Amerika, in seiner krassesten Form in den grossen Städten vor.»

Monatelang hörten wir nichts mehr von unserem Schattenkönig Alfredo. Da er sich nach wie vor auf die Unterstützung aus Santiago verlassen konnte, tat er, was Militärs zu tun pflegen, wenn sie spüren, dass ihre Autorität in Frage gestellt wird: Er meldete, dass auf der Insel ein Umsturz drohe. Eine Gruppe von Terroristen sei ins Land eingedrungen, und er, der loyale Unterpräfekt, habe, da das Vaterland gefährdet sei, den Ausnahmezustand ausgerufen.

Durch eine Familie von Langustenfischern, mit der das «Experiment» in gutem Kontakt stand, erfuhren wir, was unser feudaler Landsmann in Valparaiso erzählt hatte und dass eine militärische Expedition in Vorbereitung sei, um die Mitglieder unserer Kolonie zu vertreiben, zu inhaftieren, niederzumetzeln. Das erschien uns ungeheuerlich. Hatte denn de Rodt so grosse Macht? Zu spät für uns, um aufs Festland zu fahren und die Tatsachen richtigzustellen. Der Unterpräfekt verliess seine Festung nicht mehr, wir mussten fliehen oder uns wehren.

Diejenigen, die als Erste auf die Insel gekommen waren, besonders die Italiener, waren für militärischen Widerstand: seine Majestät entführen, den Belagerungszustand ausrufen. Aber um was zu verteidigen? Unsere Getreideernte, unseren Gemüsegarten? Einen Inseltraum? Das Gemeinschaftseigentum? In manchen Situationen bricht die Eiche, während das Schilfrohr sich biegt. Andere Mitglieder der Kolonie nahmen an, es liesse sich alles einvernehmlich klären. Wir würden die weisse Fahne hissen und die Absetzung des Unterpräfekten fordern.

Eine Abstimmung lehnten wir ab, es musste ein Konsens gefunden werden. Am Ende verkündeten wir, unser Experiment habe nur im Rahmen einer weltweit unterstützten Bewegung eine Chance, wir würden jetzt einen Schritt zurückgehen, um leichter zwei Schritte nach vorne tun zu können. Auf, lasst uns mit dem nächsten Schiff von der Insel verschwinden! Nur Adèle, ihr Liebhaber und ihre vier Kinder beschlossen zu bleiben, im Schutz der robinsonschen Fischer.

Mittels einer von allen unterzeichneten Urkunde wurde ihnen die Genossenschaft «Experiment» überschrieben für den Fall, dass der Schattenkönig eines Tages vor Gericht gebracht würde. Adèle überliess uns ihre Zwiebel. Durch einen Glücksfall, der eines Robinson Crusoe würdig gewesen wäre, hatte in der Engelsbucht gerade ein Frachtschiff angelegt, um eine Schiffsschraube reparieren zu lassen. Es würde schon bald zu einer einmonatigen Fahrt nach Tahiti auslaufen. Mathilde, von uns allen die Gewiefteste, wurde beauftragt, mit dem Kapitän zu verhandeln. Er verlangte einen vernünftigen Preis. Also gingen wir noch in derselben Nacht mit allem, was wir auf eine solche Reise mitnehmen konnten, an Bord.

Da der Schattenkönig sich in seiner heruntergekommenen Festung verkrochen hatte, begriff er vermutlich erst am nächsten Morgen, als er sein Fernglas hervorholte und das Schiff vorbeifahren sah, dass man ihn hintergangen hatte. Vom Achterdeck aus winkten wir mit unserer schönen Fahne mit dem Schwarzen Schaf zu ihm hinüber. Wir stellten uns vor, wie die Militärs anrücken und ihn um Erklärungen zur angeblichen Gefährdung des Vaterlandes bitten würden.

Nachdem wir Adèle Bourquin so überstürzt verlassen hatten, riefen wir uns all das in Erinnerung, was uns an ihr am meisten bedeutet hatte, ihre wilde Schönheit, ihre Schwäche für Männer, ihre zwei Geburten auf der Insel, bei denen sie keine Geburtshelferinnen ausser der Frau eines Fischers dabeihaben wollte. Und später würden wir uns noch fragen: Hat Adèle auf Robinsons Insel noch einmal den Mann gewechselt?

Auf dem Schiff waren wir zum Glück den irischen Seeleuten zahlenmässig überlegen. Die hatten sich gleich darauf gefreut, dass ihnen einige weibliche Wesen zur Verfügung standen. Lisons vier Töchter, hübsche Geschöpfe zwischen achtzehn und einundzwanzig Jahren, waren in ihren Augen leichte Beute, doch wir vertrieben ihnen die Lust auf die Mädchen. Einige Nächte später suchten sich diejenigen, denen der Sinn danach stand, dann freiwillig einen der Männer aus.

Wieder fanden wir uns täglich auf der Brücke zu endlosen Diskussionen zusammen. Eine Utopie zu haben, ist ja schön und gut, sagte Mathilde, aber es muss auch irgendwie vorangehen. Aus uns Bäuerinnen machen, das geht nicht. Wir haben doch Berufe, haben jahrelang präzise Handgriffe gelernt, Wissen erworben. Aber allein wäre keine von uns in der Lage, eine Uhr herzustellen, was beweist, dass man in einer Gesellschaft der Zukunft die Arbeit aufteilen, dass man Technik und wissenschaftliche Entdeckungen nutzen muss.

Zum hundertsten Mal ging es hin und her zwischen denen, die sagten, in der Anarchie brauche man sich nur um elementarste Bedürfnisse wie Essen und Kleidung zu kümmern, und denen, die wie auch Valentine nicht auf Bequemlichkeiten verzichten wollten, die fanden, man dürfe ruhig hübsches Geschirr, Dampfmaschinen, Spitzenunterröcke, Industrieöfen, raffiniertes Essen haben. Wir führten doch unseren Kampf nicht, um wieder lumpentragende Bäuerinnen zu werden, wir wollten alles, sofort.

Worauf die agrarischen Utopistinnen meinten, dass wir vieles davon gar nicht mehr bräuchten, dass wir uns mit Kräutern heilen und barfuss tanzen könnten. Wie entsetzlich, erwiderte Valentine, dann könnten wir keine Uhr mehr bauen und müssten zur Sanduhr zurückkehren. Na und?, entgegneten die anderen, dann leben wir eben ohne Uhr, und der ganze Tag gehört uns.

Einmal mehr musste jede von uns ihr Leben neu durchdenken. Da der nächste Halt nahte, Papeete, die Hauptstadt von Tahiti, mussten wir uns entscheiden: Weiterreise bis nach Australien, Rückkehr nach Südamerika, Heimkehr nach Europa? Oder sollten wir uns vom Zufall treiben lassen, dreimal um den Globus reisen, um irgendwann die Panaderia universal zu finden, die Paradiesbrot auf Erden backt? Keine von uns hatte ihre Ideale aufgegeben, aber jeder lag als eine Art bange Erregung die Frage auf dem Magen, ob wir noch zu Lebzeiten die grosse weltweite Umwälzung erleben würden. Ein bisschen wie Mütter, die gern Grossmütter würden, aber sich nicht trauen, die Tochter oder den Sohn zu fragen: Na, wann ist es denn so weit? Nur Valentine behielt ruhig Blut, ihre Begeisterung hielt sich in Grenzen.

Unsere Freunde aus der Kolonie entschieden sich für Australien, ausser dem Buchhalter aus Carrara, der Germaine folgen wollte, und dem Zimmermann aus Florenz, der, nachdem er Valentine und später Blandine den Hof gemacht hatte, sich erneut um Erstere bemühte, ohne jegliche Chance auf Erfolg. Freitag dagegen beschloss, sich auf Tahiti niederzulassen. Er fehlte uns sehr, besonders den vier Töchtern von Lison. So blieben also drei Uhrmacherinnen, eine Bäckerin, zwei italienische Verehrer, vier junge Mädchen und Émilies Sohn übrig. Dieses kleine Grüppchen beschloss, auf die Überfahrt in die argentinische Region zu warten, die für zwei Wochen später angekündigt war. Zugegeben, es war Mathilde, die uns mit überschwänglichen Beschreibungen Buenos Aires schmackhaft machte, da sie von einem Wiedersehen mit ihrem Benjamin träumte.

Einige Erklärungen, damit die Leserinnen und Leser verstehen, wer diese Zeilen geschrieben hat und warum.

© Yvonne Böhler

Daniel de Roulet

Geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Für sein Lebenswerk erhielt er 2019 den Grand Prix de Littérature der Kantone Bern und Jura (CiLi). Daniel de Roulet lebt in Genf.


Buch: «Zehn unbekümmerte Anarchistinnen», Daniel de Roulet. Aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Dartevelle, Limmat Verlag, Zürich

Alle deutschen Rechte vorbehalten © 2017 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-839-1
(Arbeits-)Titel des französischen Originals: Quelques femmes insouciantes. Dix petites anarchistes. Libella 2018. © Daniel de Roulet

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