«Zehn unbekümmerte Anarchistinnen» 4 Roman von Daniel de Roulet

Viertes Kapitel in dem Jeanne und die Emigrantinnen in Patagonien trotz der heftigen Winde des äussersten Südens Bretterhäuser bauen und eine Bäckerei sowie ein Uhrengeschäft eröffnen.

Wir wurden vom Gouverneur von Punta Arenas empfangen, einem kleinen, dicken Mann mit kurzen Beinen und drei Medaillen auf der Brust. Er verstand nicht ganz, dass wir nicht hergekommen waren, um einen Ehemann zu finden noch um Soldatenmädchen zu spielen oder als Dienstmägde zu arbeiten. Die Lage sondierend, schlug er zunächst vor, uns bei den Salesianern unterzubringen, dann in der Kaserne, schliesslich, uns auf die ledigen Männer zu verteilen. Da wir alles ablehnten, versuchte er es nicht weiter, sondern hielt eine kleine Rede, die klang, als wäre sie etwas Besonderes, die er aber jedes Mal wiederholte, wenn neue Siedler eintrafen.

Die Magellanstrasse, sagte er, gehöre weder den Spaniern noch den Engländern noch den Argentiniern, sondern dem chilenischen Volk, das sich dort im Jahr 1843 dank eines zwar englischen, aber von der chilenischen Regierung bezahlten Kapitäns militärisch niedergelassen habe. Als Erstes habe dieser mit seinen Truppen ein Fort errichtet, um sich vor den Eingeborenen zu schützen. Aber der Ort sei gefährlich gewesen, also habe er sich hier niedergelassen. Unsere Stadt zählt, wohlbemerkt, fast fünfhundert Einwohner, fuhr er fort, die Garnison und die Strafgefangenen, die uns die Regierung aus Santiago schickt, mit eingerechnet.

Mit übertrieben theatralischer Miene erklärte der Gouverneur, alle seine Vorgänger seien ermordet worden, er aber habe nicht vor, ihr Schicksal zu teilen. Deshalb hätte er keine Hemmungen, die Leute nach ihrem Aussehen zu beurteilen und sie beim kleinsten Verdacht einzusperren. Zum Schluss fragte er uns nach unseren Vornamen und übersetzte sie: Matilda für Mathilde, Blandina für Blandine, Lisa für Lison, Tina für Valentine. Letztere, die Berichterstatterin, fand das blöd und sagte es ihm.

Bei einem Umtrunk durften wir auf die Freundschaft zwischen dem chilenischen und dem schweizerischen Volk anstossen, bevor es zu den ernsteren Dingen ging: zur Zuteilung der Grundstücke. Im Vertrag stand, jede Familie bekäme dreissig Hektar. Der Gouverneur behauptete, wir hätten keinen Anspruch darauf, berief sich dabei auf das fehlende Familienoberhaupt, weil wir ja nur Frauen seien. Da wurden wir richtig wütend. Die Virginie lag noch vor Anker, um Süsswasser und Kohle zu laden, also überlegten wir, ob wir nicht lieber wieder abreisen sollten, statt bei Betrügern Wurzeln zu schlagen.

Daraufhin bot uns der Gouverneur von seiner überlegenen Warte aus einen Kompromiss an: zehn Hektar für jede von uns, den Rest später. Fünfzehn, sagten wir, nicht weniger. Er willigte ein und machte die Papiere fertig, während wir unsere Gläser austranken und köstliches gesalzenes Fleisch dazu assen. Nach dieser Zeremonie warteten wir darauf, einquartiert zu werden. Die anwesenden Männer sahen einander vielsagend an und uns auch. Platz zum Schlafen, sagten sie, gäbe es nur in ihren Betten. Zweien von uns boten sie sogar an, sie auf der Stelle zu heiraten. Falls wir nicht darauf eingingen, würden wir die Nacht draussen verbringen.

Der Gouverneur war verschwunden, unsere schweren Überseekoffer standen auf dem Landesteg, die Virginie hatte soeben abgelegt. Blandine, die Valentine immer mehr auf die Nerven ging, schlug vor, am Strand zu schlafen, aber unser Feuer wäre bei dem nicht einen Moment nachlassenden patagonischen Wind dauernd ausgegangen. Adèle schlug vor, an allen Türen zu klopfen und um Hilfe zu bitten. Schliesslich beschlossen wir, den Saal, in dem uns der Gouverneur empfangen hatte, in Beschlag zu nehmen.

Aber gegen Mitternacht setzten uns die Männer der Garnison, um die zwanzig Muskelprotze, vor die Tür. Ein wahrhaft netter Empfang! Wir liessen uns, nur dürftig vor dem Wind geschützt, auf dem Holzsteg an der Hauptstrasse nieder. Als Adèle und ihre Töchter zu weinen begannen und sich gar nicht trösten liessen, kamen uns allen die Tränen, besonders Germaine, bei der das ohnehin leicht passierte. Vielleicht wegen des starken Windes. Spät in der Nacht tauchten die Männer auf, von denen wir geglaubt hatten, sie seien nach Hause gegangen, und schlichen um uns herum. Vier von ihnen wollten die Sache wieder in Ordnung bringen.

Ein Deutscher, der seit 1848 im Exil lebte, ein Schweizer aus Luzern, dessen Frau auf der Reise gestorben war, ein Freiburger, der eine Katholikin suchte, und ein verbannter Kommunarde aus Paris. Alle sagten, der Gouverneur habe ihnen heiratswillige junge Mädchen versprochen. Sie hätten sich gefreut, hätten ihnen einen Platz in ihrem Bett bereitet. Sie würden schon so lange warten … Wir haben sie davongejagt. Nur Jeanne, deren Mann damals beim Eisenbahnunfall verunglückt war, hat mit dem Kommunarden gesprochen und ist mit ihm verschwunden.

Als ein neuer, ungemütlicher Tag mit nicht nachlassendem Wind anbrach, tauchte sie wieder auf und sagte, sie habe alles geregelt. Der Kommunarde namens Baier werde uns eine Scheune voller Heu zur Verfügung stellen, in der wir mitsamt unserem Gepäck unterkommen könnten. Und worin bestand die Gegenleistung? Sie würde sich schon um ihn kümmern, sagte sie, er sei kein schlechter Mensch. Wir machten uns daran, bis zum Winter, der im April anbrechen würde, ein Dach über dem Kopf zu haben, vier Monate blieben uns noch. Als Erstes würden wir Baiers Scheune mieten und in einen Schlafsaal umwandeln. Bis zum Kälteeinbruch würden wir uns vier Häuser mit je vier Zimmern bauen.

In der ganzen Aufregung um uns frisch eingetroffene Frauen war etwas durcheinandergeraten, und wir hatten es unterschrieben. Die uns vom Gouverneur zugeteilten Grundstücke lagen nicht in Punta Arenas, sondern weit von der Anlegestelle entfernt, zwei Stunden zu Fuss und ohne Pferd. Wir wussten nicht so recht, wie wir dort draussen Häuser bauen sollten. Zum Glück bot uns der Kommunarde, der von Beruf Schreiner war, seine Hilfe an. Wir beschlossen, dass Jeanne, Lison und Adèle auf die Kinder aufpassen und sich um den Bau kümmern sollten. Baier liess Balken und Bretter liefern und markierte sie, damit die Frauen sie zurechtsägten. Er selbst machte sich nicht so gern die Hände schmutzig.

Sie lernten, mit schweren Hämmern, Meisseln, Hobeln umzugehen, genau das Gegenteil dessen, was ihre Uhrmacherinnenhände beherrschten. Auch legten sie so viele Gemüsegärten wie möglich an, um anzupflanzen, was in der Gegend wuchs, das heisst, nicht viel außer Kohl, Kartoffeln und Roggen. Alles musste eingezäunt werden, zum Schutz vor wilden Tieren und Eingeborenen, die laut dem Gouverneur keinen Privatbesitz kannten
und die Gewohnheit hatten, ihn sich nachts anzueignen. Die anderen vier, die Schwestern Grimm, Mathilde und Germaine, suchten entlang der Hauptstrasse nach Arbeit, sprachen Leute an, erklärten ihnen die Lage.

Wir konnten weder Englisch noch Spanisch, machten uns mit Händen und Füßen verständlich, rechneten den Lohn mit den Fingern vor. Da wir nicht ans andere Ende der Welt gekommen waren, um Gemüse zu putzen oder Dienstmädchen zu spielen und nur die Hälfte zu verdienen, waren wir bereit, wie Männer zu arbeiten, vorausgesetzt, es brachte uns genauso viel ein. In diesem Punkt waren wir uns alle einig.

Mathilde fand Arbeit bei einem Spitzbuben, der auf die Bergung von Wracks spezialisiert war. In der fünfhundert Kilometer langen Magellanstrasse sind stürmische Winde ebenso wenig vorhersehbar wie die Gezeitenströme von Pazifik und Atlantik, die dort ineinander fliessen. Jeden Monat geriet mindestens ein Schiff auf der Fahrt vom einen in den anderen Ozean in Seenot, strandete auf einer Untiefe oder sank. Manchmal konnte es wieder flottgemacht werden. Aber oft war nur noch die Ladung zu retten, wenn überhaupt. Man musste mehrmals mit dem Boot hinausfahren, um das, was sich bergen liess, zum Hafen zu schaffen. Mit dem Kapitän des Wracks einigte man sich meist auf halbe-halbe. Unter Umständen ein gutes Geschäft, wenn auch nicht für Mathilde, die bei dem Gauner nur angestellt war.

Die Schwestern Grimm, die merkten, dass die Fähigkeiten der Zimmerleute, Böttcher und Säger vor Ort genauso rudimentär waren wie ihre eigenen, hatten begonnen, Bretter zu sägen und Fässer zu binden. Der Bedarf an Rädern für Wagen und Fuhrwerke war so gross, dass man sie aus Holz zuschneiden musste, so als wären Nabe und Speichen noch gar nicht erfunden worden. Die Räder nutzten sich schnell ab, bekamen Risse.

Germaine, Regleuse von Beruf, fand Arbeit in der Uhrmacherei, ein Geschenk des Himmels. Sie kannte sämtliche Bestandteile der Uhr, wusste, in welcher Reihenfolge sie zu montieren sind. Regleuse, das war der
qualifizierteste Beruf, der in den Fabriken des Tals einer Frau zugestanden wurde. Ein viel besserer als der der Verstifterin-Zentriererin, der im Grunde nur einen Teil des Uhrmacherinnenhandwerks abdeckt.

Die Regleuse dagegen muss die Spiralfeder auf die Spiralrolle verstiften, dann das Pendel ins Gleichgewicht bringen, den Regulierungspunkt bestimmen und schliesslich die Spiralfeder am Spiralklötzchen befestigen. Germaines neuer Chef, ein Marineoffizier, konstruierte an der Hafeneinfahrt eine Uhr mit vier Zifferblättern, damit allen, die an Land kamen, die genaue Uhrzeit von Punta Arenas angezeigt wurde. An einer Seite der verglasten Säule sollte die hochwertige Qualität der Mechanik zu sehen sein, an den drei anderen die Uhr, ein Thermometer, ein Luftfeuchtigkeitsmesser, ein Barometer, ein Mondkalender zur Berechnung der Gezeiten. Das bedeutete Arbeit für viele Monate. Germaine ging also daran, am Ende der Welt das gleiche Präzisionsinstrument anzufertigen wie das am Marktplatz von Saint-Imier. Bei der Einweihung des Monuments zwei Jahre später würde der medaillenbehängte Gouverneur es unterlassen, der wackeren Uhrmacherin zu gratulieren.

Wir arbeiteten sieben Tage die Woche und wurden tageweise bezahlt. Der Priester des Ortes, ein schmuddeliger Salesianer, der sein letztes Bad in Marseille genommen hatte, drohte uns mit der Hölle, falls wir ihm nicht halfen, seine Kapelle am Exerzierplatz zu bauen. Wir jagten ihm Angst ein, indem wir sagten, wir seien Protestantinnen, Anarchistinnen und Hexen. Als die kürzeren Tage des südlichen Winters kamen, hatten Lison, Adèle, Jeanne und Baier die vier Häuser mit je vier Zimmern wie geplant fertig gebaut. Wir pflanzten einen kleinen Tannenbaum obendrauf, wie man es bei uns im Tal macht, natürlich versehen mit einem roten Band.

Vier schöne Bauten aus Holzbrettern, nicht aus Rundhölzern nach Walliser Art. Die Fassade mit ihren zwei Fenstern ging nach Norden, zur Sonnenseite. Von der Haustür führte ein Flur, an dem die vier Zimmer lagen, bis zu einer Hintertür. Eines der Zimmer wurde von einem Ofen beheizt und diente als Küche, die anderen waren mit Strohmatratzen ausgestattet, noch nicht mit Betten, und erinnerten an die Virginie. Unsere Eisenbahnwitwen zogen mit ihren Kindern in die beiden Häuser mit Blick aufs Meer. In dem einen hinteren Haus liessen sich drei von uns nieder, in dem anderen zwei Erwachsene und zwei Kinder, Clémence und der kleine Max, der immer noch jeden Abend der 20A-Zwiebel seiner Mutter von seinem Tag erzählte. Auch hatten wir einen Schuppen gebaut, um dort jeden zweiten Abend zusammen zu essen, wobei wir uns mit Küchendienst abwechselten. Die Kinder sprachen bald besser Spanisch als wir. Es kamen auch Besucher: Baier zu Jeanne, die Spielkameraden der Kinder, Neugierige, Nachbarn, Landsleute.

Wir schrieben an unsere Freundinnen, die wohl dachten, wir hätten uns dem Goldrausch angeschlossen. Wir konnten ihnen nicht von all den Widrigkeiten erzählen, dem Geld, das wir uns hatten aus der Tasche ziehen lassen, dem Sodbrennen, dem Ring, den wir hatten verpfänden müssen. So hielten wir uns an die Schönheiten der Natur, die seltenen Baumarten und schneebedeckten Vulkane, die Pläne für einen Eisenbahnbau. Allerdings
hatten wir auch Skrupel, wir wollten ja nicht noch Leute anlocken, die dann all die Schwierigkeiten bekämen, die wir vor ihnen verbargen.

Zu Beginn des Winters kam eine Gruppe von Freiburgern voller Illusionen, Leute mit Namen aus der Heimat: Davet, Fonjallaz, Maréchaux. Jemand hatte ihnen gesagt, an der Magellanstrasse könnten sie die Kühe das ganze Jahr draussen lassen, das Klima sei hier sanfter als am Fuss des Moléson, und der Gruyère verkaufe sich zu irrsinnigen Preisen. Sie hatten teure Kupferkessel mitgebracht. Kühe hatten sie noch keine, waren es auch nicht gewohnt, dass es schon um drei Uhr nachmittags dunkel wird. Sie mussten ihre Kessel verkaufen. Den letzten Nachrichten zufolge sind sie nicht reich geworden.

Unser erster patagonischer Winter war eine Enttäuschung. Wir liebten den Juraschnee, der alles rund und weich macht wie eine leichte Daunendecke auf einem Grossmutterbett. Hier mussten wir uns mit schmutzigem,
tristem Schnee begnügen. Seeluft eignet sich nicht, um die Flocken sachte tanzen zu lassen. Wenn bei uns im Tal der erste Schnee fiel, freute sich jeder auf herrliche Vergnügungen. Vom einen zum anderen Ende unserer Dörfer erklang schon am frühen Morgen das fröhliche Schaben der Schneeschaufeln, die uns den Weg durch den weissen Teppich bahnten.

Allein beim Gedanken daran glaubten wir, das helle Klingeln der Schippen
zu hören. In Punta Arenas fällt gleich nach dem Schnee wieder Regen, dann kommen Eis und Wind. Nie jenes vom Azurblau des Himmels abstechende Juraweiss, keine ausgelassenen Schneeballschlachten. Unsere Kinder waren, kaum dass sie nach draussen liefen, völlig durchnässt, ihre Lederschuhe mit Wasser vollgesogen. Der patagonische Winter ist nur Dunkelheit, Wind und Pfützen überall. Die Schneeflocken verlieren ihr Weiss, kaum dass sie den Boden berühren.

In Punta Arenas hatten wir in beschränkter Form wiedergefunden, was es schon im Tal gab. Jeder kannte jeden, die gegenseitige Unterstützung war auf einfachste Formen reduziert. Dafür waren wir aber nicht ausgewandert, nur um uns irgendwo niederzulassen, uns durchzuschlagen, zu überleben. Unser Traum von einem anderen Leben rückte in die Ferne. Nach zwei Jahren prüfte der Gouverneur, ob wir die Ländereien, die man uns zugewiesen hatte, auch ordentlich bewirtschafteten, ob wir richtige Häuser hatten und es keine Streitereien mit den Bewohnern von Punta Arenas gab. Daraufhin erhielten wir offizielle Besitzurkunden, ein Pferd und das Versprechen, in acht Jahren die chilenische Staatsbürgerschaft zu bekommen.

Während der Mahlzeiten mit unseren neun heranwachsenden Kindern kreisten unsere Gespräche um alle möglichen Pläne und um unseren mangelnden Mumm. Wir wälzten Fragen über Fragen zum Wesen des Menschen, zur Bosheit einiger, zum armseligen Austausch. Wann bloss kam der Tag, an dem die Welt umstürzte und ihre andere, ihre wahre Seite offenbarte? Das waren Mathildes Worte, und Blandine schwang noch grössere Reden. Valentine fand es lächerlich, mit welcher Inbrunst einige von grossen Umwälzungen träumten, bei denen es kaum Opfer gäbe, und wenn, dann nur unter den Dreckskerlen und höchstens ein paar Missgeschicke, die man aber angesichts des nahen Ziels rasch verzeihen würde. Schluss mit den kleinen Feigheiten. Auf in eine wirklich neue Neue Welt. Uns gehört das libertäre Amerika! Von wegen!

Im Schwung solcher Begeisterung begannen wir eines Tages, Pläne für ein neues Unternehmen zu schmieden. Immer, wenn Schiffe an der Küste vor Anker gingen, um ihre Nahrungs-, Kohle- und Süsswasserreserven aufzufüllen, verkauften die Ona-Indianer ihnen getrocknetes Vikunjafleisch. Aber die Matrosen brauchten auch Brot, eines, das sich lange hielt und nicht so schnell hart wurde wie das Pariser Brot. Mathilde, die Bäckerin, schlug vor, eine sowohl mobile wie fest installierte Bäckerei zu eröffnen.

Uns schwebte eine Kooperative nach Art der Bäckereigesellschaft von Saint-Imier vor. Also suchten wir die Familien der Umgebung auf und fragten sie, ob sie bereit wären, etwas zu investieren, um täglich frisches Brot zu bekommen und nicht mehr den eigenen Ofen anzünden zu müssen. Ein Drittel der Befragten war mit einem Versuch einverstanden, zirka vierzig Familien, das genügte für den Anfang. Wir bauten uns einen Ofen nach allen Regeln der Kunst und einen wasserdichten Karren mit eingefügten Regalbrettern, strichen ihn blau an und schrieben Panaderia universal – Bäckerei zur Welt darauf.

Täglich vor dem Morgengrauen wurde der Teig in den Zweikammerofen geschoben, dann wurde das Pferd vor den Karren gespannt, und es ging zu den Genossenschaftsmitgliedern. Nach der Tour, gegen acht, setzten wir uns an eine Ecke des Exerzierplatzes. Bis zum Mittag diente der Karren als Laden. Die Panaderia universal buk so leckere Brote, Zöpfe und Hörnchen, dass nach und nach alle Familien von Punta Arenas aufhörten, ihre eigenen Öfen anzumachen. Wenn durchfahrende Schiffe ihre Vorräte auffüllen mussten, buken wir ein nur für sie bestimmtes Roggenbrot, das sich Monate hielt.

Das Geschäft florierte, vier von uns konnten ihre anderen Stellen aufgeben. Das Backen brachte uns Mathilde bei. Wir mussten uns an das Rezept halten, das sie uns gab. Einmal sorgte Valentine, weil sie gern mal etwas Neues ausprobieren wollte, für den Verlust einer ganzen Ofenladung Brot, das steinhart geworden war. Ein andermal war es Blandine, weil sie die falsche Hefe verwendet hatte.

Unsere Kunden waren wütend, wenn auch nicht so sehr wie an dem Tag, als der kleine Max Gips unters Mehl mischte. Um die Kinder kümmerten wir uns reihum, sogar Valentine, die sich geschworen hatte, nie welche zu bekommen. Sie wuchsen heran, liebten ihre Spiele, strotzten vor Lebensfreude. Gemeinsam mit ihnen machten wir eine Übung, die darin bestand, sich ein Essen aus dem Jura möglichst in allen Einzelheiten vorzustellen. Eine sagte: Cervelat. Nur ein Wort, dann machte eine andere weiter: Man sucht sich einen nicht zu biegsamen und nicht zu steifen Haselnusszweig und schnitzt ihn schön spitz zurecht. Dann bohrt man das Stöckchen der Länge nach durch die Wurst, ohne sie zu schälen, ritzt sie an beiden Enden kreuzförmig ein, hält die so präparierte Wurst über das offene Feuer, erst die eine, dann die andere Seite. Dabei dreht man das Stöckchen über den Flammen hin und her, bis sich an beiden Seiten die Schlitze öffnen und sich an jedem Wurstende eine vierblättrige Blüte bildet, die in der Hitze aufgegangen ist.

Immer weiterdrehen, bis der Saft ins Feuer tropft und die Doppelblume zu welken beginnt. Mit einem zweiten Stöckchen oder einer Gabel die gegrillte Wurst vom Spiess lösen und auf eine Scheibe Schwarzbrot legen. An dieser Stelle fügte eine andere, der schon das Wasser im Mund zusammenlief, hinzu: Und das Beste nicht vergessen, den Senf. Darauf wieder eine andere: Bäh, Senf verdirbt alles, spiel nicht die Deutschschweizerin, die den Cervelat kalt im Salat und mit Senf isst. Und während wir alle im Geist unseren Cervelat kauten, schlug eine vor, zum Schluss noch einen Riegel Haselnussschokolade zu essen.

Mathilde, die inzwischen einundzwanzig war, unterhielt seit fünf Jahren eine Korrespondenz mit Benjamin. Aus einem Brief, der aus Locarno in der Schweiz kam, las sie uns einen Auszug vor. Benjamin war zu Bakunin gefahren, der gesundheitliche Probleme hatte, und erzählte Verschiedenes aus seinem ereignisreichen Leben. Auf dem Weg nach Bologna, wo gerade ein Aufstand vorbereitet wurde, war er verhaftet worden und hatte sechsundfünfzig Tage im Gefängnis gesessen, bevor er ohne Gerichtsverfahren entlassen wurde. Als er anschliessend nach Spanien ging, um auch dort einen Aufstand anzuzetteln, landete er erneut im Gefängnis, blieb dort zwischen Juni 1874 und Januar 1875. In Trani sass er gemeinsam mit einigen Kameraden ein drittes Mal in Haft und nutzte die Zeit bis zum Prozess, der viel Publikum anlockte, um mehrere Pamphlete zu verfassen.

In seinem Brief, den wir ins grüne Heft übertragen haben, zitiert er Auszüge aus der Rede des Staatsanwalts an die Geschworenen, lauter reiche Grundbesitzer: «Wenn Sie die Angeklagten nicht für schuldig befinden, werden diese bald Ihre Frauen entführen, Ihre Töchter vergewaltigen, Ihren Besitz stehlen, die Früchte all Ihrer Mühen zerstören und Sie ruiniert, verarmt und entehrt zurücklassen.» Die Angeklagten wurden allesamt
freigesprochen, was Benjamin mit den Worten kommentierte: «Würde die Regierung doch nur mehr derartige Gerichtsverhandlungen abhalten. Das würde einige von uns zwar ein paar Jahre Gefängnis kosten, aber es
käme wahrhaftig unserer Sache zugute.» Auch am Ende der Welt, fügte er hinzu, auch im stürmischen Patagonien sollten wir nicht die Hoffnung auf eine soziale Revolution aufgeben.

Ermutigt vom Erfolg der Panaderia universal, fassten wir zwei Jahre später ein neues Projekt ins Auge. Was wir wirklich beherrschten, war ja die Uhrmacherei. Die Seeleute, die durch die Magellanstrasse kamen, waren grosse Freunde von Präzisionsuhren, die sie zum Navigieren brauchten. Wir tauschten unsere vier abseits gelegenen Häuser mitsamt Schuppen gegen ein Grundstück am Exerzierplatz, gegenüber vom Gouverneurssitz.
Dort errichteten wir, diesmal mithilfe von Zimmerleuten und einem Maurer, ein grosses, zweistöckiges Wohnhaus. Im oberen Stockwerk lagen fünfzehn Räume, einer für jede von uns, die übrigen für die Kinder, die inzwischen in die von abtrünnigen Salesianern geführte Schule gingen.

Das Erdgeschoss, bestehend aus Küche, Bäckerei und Uhrmacherladen, nutzten wir gemeinsam. Wir versetzten unsere 20A-Zwiebeln, auch die der armen Émilie, kauften mit dem Geld bei einem Uhrenvertreter aus Buenos Aires ein paar Modelle erschwinglicher Schweizer Uhren. Über die Eingangstür hängten wir ein riesiges Schild mit der Aufschrift Uhrengeschäft zum Schwarzen Schaf, Verkauf und gründliche Reparaturen. Am ersten Mai, also mitten im chilenischen Herbst, weihten wir unseren Laden mit einem grossen Tanzfest ein. Der Gouverneur, der sich unter den Gästen befand, bekam diesmal kein Rederecht.

Er fummelte an seinen Medaillen herum und hörte Blandine zu, unserer Ältesten, die das verkündete, was uns allen auf dem Herzen lag: Das Schwarze Schaf werde zugleich Werkstatt, Uhrengeschäft, Bäckerei und Anlaufstelle sein. Den Gästen stehe ein Vierbettzimmer zur Verfügung, wer aus Europa hier ankomme, könne bei uns übernachten, damit er auf keinen Fall draussen schlafen müsse wie wir Frauen aus dem Jura damals bei unserer Ankunft. Der Gouverneur tat, als klatsche er Beifall, blieb aber nicht zum Tanz. Vom nächsten Tag an brachten die Bewohner von Punta Arenas ihre Uhren zur Reparatur vorbei.

Über einen gut informierten Genossen von Baier erfuhren wir, was sich in der Strafanstalt abspielte. Die Gefangenen kamen aus Santiago, hatten zweitausend Kilometer auf einem Gefängnisschiff zurückgelegt. Die,
die überlebt hatten, wurden in ungeheizten und von Ungeziefer verseuchten Zellen zusammengepfercht. Die Nahrung war so dürftig, dass die meisten von ihnen nach zwei im Gefängnis verbrachten Wintern starben. Ihre Leichen liess man drei Tage in der Zelle liegen, um die anderen Häftlinge dazu zu verleiten, sie zu essen. Die Wärter waren Soldaten, die man wegen schlechter Führung strafversetzt hatte. Einmal im Jahr tauchte der mit seinen patriotischen Ehrenzeichen dekorierte Gouverneur auf, liess sich durch das Frauengefängnis führen und begnadigte in eigennütziger Absicht die eine oder andere Gefangene.

Als wir erfuhren, dass in der Strafanstalt eine Revolte ausgebrochen war, wunderte uns das nicht besonders. Prinzipiell waren wir eher auf Seiten der Aufständischen, aber da wir in diesem Fall nicht wussten, wer da gegen wen kämpfte, blieben wir zu Hause. Zumal wir auf Waffenbesitz verzichtet hatten. Innerhalb weniger Stunden wendete sich das Blatt. Maskierte Reiter galoppierten über den Exerzierplatz, schossen in alle Richtungen auf andere Reiter, die genauso aussahen wie sie. Die Meuterer hatten die Gefangenen befreit und griffen nun auch die Häuser der von ihnen verhassten Kolonisten an. Wir hatten uns im Schwarzen Schaf verschanzt, wo sie uns nicht behelligten. Wir verstanden nicht, worum es eigentlich ging.

Vier Monate später wurden zwei Schweizer, die man beschuldigte, den Meuterern geholfen zu haben, zum Tode verurteilt. Diesen Landsleuten hatten ihre Schweizer Gemeinden, um sie loszuwerden, die Überseereise bezahlt, ihnen aber zugleich das Rückkehrrecht in die Heimat entzogen. Die Hinrichtung sollte, so der Beschluss des mittlerweile mit zwei weiteren Medaillen behängten Gouverneurs, auf dem Exerzierplatz stattfinden. Vor dem Schwarzen Schaf liess er einen doppelten Galgen errichten und durch einen Unteroffizier eine Proklamation verlesen: «Im Namen der Nation! Wer die Stimme erhebt, um Gnade für die Angeklagten zu erflehen, wird standrechtlich erschossen.»

Hinter unseren geschlossenen Fenstern schafften wir es nicht, die Kinder fernzuhalten, die die Vorbereitungen verfolgt hatten. Völlig verängstigt von dem barbarischen Akt, konnten sie dennoch die Blicke nicht davon lösen. Die Gehängten gestikulierten noch einmal sonderbar, schienen uns in einer Art Zuckung zu Hilfe zu rufen. Die Soldaten legten die Leichen in Särge, aus denen die Füsse herausschauten, bis der Kerkermeister kam und die Eisen durchtrennte. Noch Tage später liessen die Bilder unsere Kinder und
Valentine erschauern.

Briefe aus dem Tal brachten Neuigkeiten. In der schweizerischen Hauptstadt hatte die Polizei am Sonntag, den 18. März 1877, erstmals eine Anarchistendemonstration angegriffen, mit gezückten Säbeln. Die Demonstranten hatten sich mit Gehstöcken gewehrt. In der libertären Presse, der legalen wie der aus dem Untergrund, wurden sie als Helden gefeiert. Dieser Strassenkampf, dem man keine grosse Bedeutung hätte beimessen sollen, wurde als erste Umsetzung der Propaganda durch die Tat gewertet. Diese Linie empfahl die anarchistische Juraföderation ihren Anhängern. In unserem friedlichen Saint-Imier war nun also der verrückte Gewaltgedanke aufgetaucht, der sich rasch in der ganzen Welt verbreitete. Innerhalb von nicht einmal einem Jahr sahen sich alle gekrönten Häupter Europas bedroht.

Aber wir am anderen Ende der Welt, die wir damit beschäftigt waren, unsere genossenschaftlichen Unternehmen auf die Beine zu stellen, wie dachten wir über die Propaganda durch die Tat? Mathilde sagte, alles hänge von den Umständen ab. Valentine gingen die leidenschaftlichen Deklamationen ihrer grossen Schwester auf die Nerven. Schliesslich waren wir nicht im Gottesdienst.

Durch Benjamin erfuhren wir, dass die Antiautoritäre Internationale Beschlüsse über ein Bündnis aller Revolutionäre, nicht nur der Arbeiter, sondern auch der Bauern, gefasst hatte. Er selbst war fest entschlossen, seine Ideen umzusetzen, hatte in Süditalien eine Verschwörung organisiert, die zur Bildung einer Kommune führen sollte. Er erzählte, einer der eigenen Leute habe ihn verraten, er sei verhaftet und mit der Militärjustiz bedroht worden, was die Todesstrafe bedeute, und warte jetzt auf einen Zivilprozess. Aus seiner Gefängniszelle berichtete er vom Tod Bakunins, schilderte seine erste Begegnung mit diesem in Zürich, als Achtzehnjähriger: «Nachdem er mich empfangen hatte, machte Bakunin mir ein Bett, lud mich ein, mich hineinzulegen, deckte mich mit sämtlichen Decken zu, die er finden konnte, all dies mit einer Aufmerksamkeit, einer mütterlichen Zärtlichkeit, die mich tief berührte.»

Er erkundigte sich auch, was es Neues gebe in Patagonien. Seid ihr Goldsuchern begegnet? Seid ihr jetzt reich? Habt ihr gefunden, was ihr sucht? «Ich würde Amerika gern kennenlernen, würde gern Menschen in aller Welt besuchen, in die ich grenzenloses Vertrauen habe. Könnte man nur dieses System abschaffen, in dem die Menschen einander ausbeuten, statt zusammenzuhalten. Sollen sich doch die Wölfe gegenseitig auffressen, aber nicht die Menschen, die gut daran täten, und sei es nur aus Egoismus, ihre Kräfte zu vereinen.» Der Rest des Briefs richtete sich nicht an seine «schönen Unbekümmerten», wie er uns nannte, sondern war nur für Mathilde bestimmt, die sich hütete, ihn uns vorzulesen.

Die Kinder wuchsen heran, ohne uns ernsthafte Sorgen zu bereiten. Sie litten weniger unter dem Klima als wir, die von einem richtigen Winter und einem Sommer ohne Windböen träumten. Sie erfanden Spiele, bei denen sie sich den Wind zunutze machten. Ihre bunten Drachen, die hoch über den Häusern durch die Luft flogen, zeigten uns, an welchem Strand sie gerade entlangliefen. Wir sprachen Französisch mit ihnen, sie antworteten uns auf Spanisch. Stolz darauf, keine Religion zu haben, sagten sie zu dem Priester aus Marseille, der sie zu indoktrinieren versuchte: Im Jura gibt es weder Gott noch Herr.

Was unsere Liebesgeschichten betraf, so lebte jede ihre eigenen, öffentlich oder in ihrem Zimmer, frei, sich dort einen Mann oder eine Frau einzuladen, vorübergehend oder mit längerfristigen Absichten. Die einen erzählten nach Art Lisons von ihren Abenteuern, noch ehe sie sie in Angriff genommen hatten, andere taten alles, um ihre Neigungen zu verbergen und wollten keine anderen Vertrauten als ihr Tagebuch. Nicht wahr, Germaine Baier, den wir am Tag unserer Ankunft kennengelernt hatten, gehörte mittlerweile zu unserer kleinen Sippe, kümmerte sich um Jeannes drei Söhne, brachte ihnen die Lieder bei, die er auf den Barrikaden gesungen hatte.

Wenn Adèle, der roten Rolli, ein Mann gefiel, sah man es ihr sofort an. Sie kniff die Augen zusammen, auf eine ganz bestimmte Art, die noch nicht ihr Gefühl verriet, nur, dass sie frei war für ein Abenteuer. Eines jener Abenteuer, von denen sie vorgab, sich nicht zu erholen, das sie aber, wie wir aus Erfahrung wussten, rasch vergessen würde. Ihre Tochter Clémence bekam einen Halbbruder, was uns alle freute. Seit Émilie auf der Virginie im Kindbett gestorben war, hatten wir darauf gewartet, dass das Leben ihren Tod wiedergutmachte. Als dann Paul zur Welt kam, endlich ein weiterer Junge inmitten all der Frauen, feierten wir seine Geburt gemeinsam mit dem Vater, einem jungen Chilenen, der neusten Eroberung der Mutter. Wir umarmten einander, tranken Wein, sangen jurassische Wiegenlieder und Trinklieder bunt gemischt. Wir begrüssten dieses chilenische Kind wie den ersten Erfolg unserer Auswanderung.

Die Liebesgeschichten von Valentine, die das Verfassen dieses Berichts übernommen hat, können hier nicht im Einzelnen beschrieben werden. Entweder, weil Valentine sich noch immer nach ihrem bretonischen Matrosen sehnte oder weil sie die Sache an sich zu unwichtig findet, um sie in diesen Bericht aufzunehmen, der vor allem von einem gemeinschaftlichen Experiment erzählt, vom Fortschreiten eines schönen Gedankens und den Schwierigkeiten seiner Umsetzung, damit er keine Utopie bleibe. Aber urteilen Sie selbst, Sie, die Sie gewiss die Schmerzen wahrer Leidenschaft erfahren haben, neben denen Valentines Nöte keine Erwähnung verdienen. Ihre Einsamkeit, denn darum geht es schliesslich, bedrückte sie nur an Vollmondabenden, wenn sie das helle Lachen von Adèle hörte, die am Arm ihres neusten Liebhabers spazieren ging.

Das grosse Gebäude, das neben dem Schwarzen Schaf stand, erinnerte an einen Kupferstich aus früheren Zeiten: Säulen, drei Balkone, ein Ochsenauge über dem Eingang, die Imitation eines florentinischen Palastes. Claire Zaccaria, die das Haus für teures Geld hatte bauen lassen, war Valentines Freundin geworden. Die etwas zu stark geschminkte Frau hatte ihr erzählt, dass sie in einem Armenviertel von Florenz geboren sei. Früh verwaist, habe sie als Wäscherin bei einem Grafen gearbeitet, der ihr das Schicksal einer Prostituierten vorausgesagt habe. Bei der erstbesten Gelegenheit habe sie sich einer Gruppe italienischer Auswanderer angeschlossen.

Vor zehn Jahren sei sie in Punta Arenas angekommen, entschlossen, das zu werden, was man von ihr erwartete: eine Prostituierte. Da sie sich immer teuer verkauft habe, sei ihr Geschäft so gut gelaufen, dass sie schliesslich diesen florentinischen Palast ganz für sich allein habe errichten lassen können. Eines Tages, sagte Claire, werde sie triumphierend nach Florenz zurückkehren und den Graf mitsamt seinem Ruf ruinieren. Claire hatte Valentine angeboten, sie in ihr Metier einzuführen und zur Geschäftspartnerin zu machen. Doch wie Sie wissen, wartete Valentine auf ihren Märchenprinzen. Claire wandte ein, das verstehe sie ja, aber in der Zwischenzeit … Sie waren Freundinnen, schütteten einander ihr Herz aus. Valentine wusste über Claires Kundschaft und die traurigen Seiten der Liebe Bescheid.

Wenn es eines Tages so weit wäre und wir Punta Arenas verliessen, würden wir Claire das Schwarze Schaf verkaufen. Zuweilen fragten wir uns, ob wir uns in Saint-Imier mit einer Situation, wie wir sie hier ertrugen, abgefunden hätten. Kein Wasser in der Nähe des Hauses, überall Müll, die klapprigen Bürgersteige, die verrottete Landungsbrücke. Sollten eines Tages noch andere Frauen aus Saint-Imier hierherkommen, müssten sie sich erst einmal an das beschwerliche Leben und den patagonischen Wind gewöhnen. Der Exerzierplatz von Punta Arenas würde nie so schön aussehen wie der Marktplatz von Saint-Imier. Germaine, die Regleuse, die den Sohn des Milchhändlers nicht hatte heiraten können, sagte, wenn sie im Tal geblieben wäre, hätte sie ihn wenigstens jeden Morgen beim Umfüllen der Milchkannen gesehen.

Unsere Eisenbahnwitwen machten sich Sorgen, wer sich um den Blumenschmuck auf den Gräbern ihrer Ehemänner am Hang des Schattenbergs kümmerte. Unsere Mädchen vermissten ihre Grosseltern, an die sie sich vage erinnerten, unsere Knaben interessierten sich für die Seefahrt und träumten davon, wieder an Bord der Virginie zu gehen.

Über die Ona-Indianer, die Ureinwohner der Gegend, erzählten die Leute aus Punta Arenas haarsträubende Geschichten. Sie seien so grausam, dass sie ihre Feinde verspeisten, so faul, dass sie sich nichts anzögen, so diebisch, dass sie die Kinder der Weissen mit in den Wald nähmen, so dreckig, dass sie mit Krusten überzogen seien. Im Grunde sahen wir diese Ureinwohner nur selten. Von den Ufern der Meerenge hatte man sie verjagt. Ging an der Küste ein Schiff vor Anker, ruderten sie mit ihren Einbäumen hinaus und boten den Matrosen Felle und gepökeltes Fleisch an. Im Gegenzug bekamen sie Patronen für ihre Gewehre, Alkohol und billigen Klimbim, dann verschwanden sie wieder in den Wäldern der benachbarten Inseln. Wir wussten, dass sie eine staatenlose Gemeinschaft waren, das machte sie uns sympathisch.

An einem Dezemberabend nach elf, noch vor Sonnenuntergang, als wir gerade unsere Mahlzeit beenden, nähern sich drei junge Onamädchen schweigend unserer im Schutz des Vordachs stehenden langen Tafel. Mit freundlichen Gesten laden wir sie ein, sich zu uns zu setzen. Sie tragen nur einen Lendenschurz aus grober Wolle, sind zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig Jahre alt, haben schöne, trotz der Kälte nackte Brüste, Schlitzaugen über hohen Wangenknochen, glatte Haut, schwarzes, schulterlanges Haar. Alle drei sind gross, dunkelhäutig, ihre Muskeln gut gepolstert. Am meisten beeindruckt uns ihre Hautbemalung, lauter weisse Punkte, auf Schulterhöhe in waagerechten, auf den Armen und dem gesamten Oberkörper, auch den nackten Brüsten, in senkrechten Linien.

Mit dünnem, eingefrorenem Lächeln, die Hände verschränkt, als würden sie sie nie gebrauchen, schauen sie uns an. Eine Zeit lang stehen sie so da, Schulter an Schulter, wie in die Betrachtung einer malerischen Szene versunken, einen Stall, ein Zoogehege. Still warten wir ab, ob sie irgendeinen Laut von sich geben. Unsere Kinder haben sich unter dem Tisch versteckt. Eine Weile mustern sie uns noch schweigend, dann verschwinden sie wieder, wie sie gekommen sind, in Richtung Wald, dicht nebeneinander, die verschränkten Hände vor sich haltend.

Es dauerte einen Moment, bis wir wieder etwas sagten. Wir fanden sie geheimnisvoll, ergreifend. Vielleicht warteten sie darauf, dass wir ihnen folgten, waren gekommen, um uns einzuladen. Einem Gerücht zufolge ziehen sich die Onafrauen zum Fasten in den Wald zurück und begehen seltsame Zeremonien. Damit schienen auch die hübschen weissen Zeichnungen auf ihren der patagonischen Kälte ausgesetzten Körpern zusammenzuhängen. Jemand hatte uns erzählt, die Ona sagten, man solle aus seinem ganzen Körper ein Gesicht machen. Da ein nacktes Gesicht die Kälte ertrage, müsse man auch den Körper an die eisige Luft gewöhnen.

Am nächsten Tag beschlossen unsere Kinder, nackt zu leben. Wir liessen sie gewähren, lange dauerte es nicht. Wildes Leben ist eine schwierige Kunst, vermutlich könnten wir viel von den Ona lernen. Sie ernähren sich von Guanacos, die sie mit kleinen Bögen und mit Steinspitzen versehenen Pfeilen jagen, essen viele Pilze, Pinguine und Wale, Weichtiere und Kormorane. Da man ihnen vorwirft, sie würden privates Eigentum nicht achten, werden sie oft getötet und sind vom Aussterben bedroht.

Trotz gelegentlicher Anwandlungen von Melancholie florierte unser Schwarzes Schaf. Wenn ein Schiff vor Anker ging, um seine Brotvorräte aufzufüllen, gab es in der Panaderia universal für Mathilde und uns alle viel zu tun. Unsere Schulden waren inzwischen beglichen, unsere 20A-Zwiebeln ausgelöst. Von Zeit zu Zeit leistete sich ein Kapitän eine hübsche Uhr, was wir dann abends mit ein oder zwei Runden chilenischen Weins bei Claire Zaccaria feierten, die aus gegebenem Anlass ihr Etablissement schloss. Statt der rosa Fahne, die normalerweise über dem Hauptbalkon ihres florentinischen Palastes flatterte, hisste sie eine schwarze, damit keiner ihrer Kunden uns störte. Sie liebte die Kinder, liess vom Zürcher Konditor in Punta Arenas die besten Kuchen für sie kommen. Sie hatte uns angeboten, all unsere Zwiebeln auf einmal zu kaufen, was zeigte, wie reich sie war und dass sie sich bald an ihrem florentinischen Grafen würde rächen können. Aber unsere Kriegskasse rückten wir nicht heraus.

Eines Tages erschien im Schwarzen Schaf ein Kunde, der eine 20A warten lassen wollte. Es war ein sonderbares Gefühl, dieses Modell in den Händen zu halten. Noch sonderbarer war es, im Gehäuse das Zeichen zu entdecken, das wir so gut kannten, weil wir es selbst eingraviert hatten. Diese Uhr hatte Colette oder Juliette gehört. Als ihr Besitzer wiederkam, um sie abzuholen, horchte Germaine, die gerade den Laden hütete, ihn aus. Er sagte, er sei erster Offizier eines Handelsschiffes, das seinen Aufenthalt in Punta Arenas verlängere, bevor es nach Argentinien weiterfahre. Aus Neugier habe er beim Pfandleiher von Talcahuano an einer Versteigerung teilgenommen. Die versteigerten Objekte hätten hübsche Summen erbracht, aber als die Uhr an der Reihe gewesen sei, habe niemand bieten wollen. Der Auktionator habe versucht, sie den Leuten schmackhaft zu machen und sogar den Ausgangspreis gesenkt. Für einen Spottpreis habe er die Uhr bekommen, sagte der Kunde, als läge ein Fluch auf ihr.

Diese Versteigerung liess uns keine Ruhe. In Talcahuano waren Colette und Juliette zu Tode gekommen. Durch Strangulation, hatte es im Brief des Konsuls geheißen. Den Besitz eines Erhängten aber rührt niemand
an, deshalb hatte er die Uhr wohl so billig kaufen können. Diese Erklärung schien uns plausibel. Wir waren entschlossen, dem Seemann die Uhr abzukaufen, suchten ihn überall, auch bei Claire, wo die Seeleute sich normalerweise herumtrieben. Aber er war schon wieder an Bord gegangen und sein Schiff ausgelaufen, nicht nach Buenos Aires, wie er gesagt hatte, sondern nach Talcahuano, also in die entgegengesetzte Richtung. Später sollten wir erfahren, dass es in Talcahuano niemals eine Versteigerung gegeben hatte. Ein Grund mehr, unsere beiden Zeigermacherinnen zu rächen. Wir sprachen jetzt oft darüber, ob wir nicht nach Talcahuano fahren sollten, um herauszubekommen, was wirklich geschehen war.

Mathilde, die die Kühnheit der ersten Emigrantinnen bewunderte, sagte, sie wolle die Wahrheit herausfinden, sie würde es tun. Gemeinsam wogen wir den Vorteil des Bescheidwissens gegen den Nachteil ab, dass man Tote nicht zurückholen kann. Sie gab auf. Mit grosser Verzögerung erreichte uns ein Brief von Benjamin aus einem ägyptischen Gefängnis. Nachdem er aus Lugano im Süden der Schweiz ausgewiesen worden war, hatte er versucht, am Nilufer eine anarchistische Föderation zu gründen.

Er erzählte uns von Garibaldis Tod: «Früher war ich überzeugt, dass der Sozialismus in Italien nur leeres Gerede bleibt, solange Garibaldi nicht beseitigt ist. Ich habe ihn in dem Bewusstsein bekämpft, eine Pflicht zu erfüllen, vielleicht sogar mit dem Übereifer des Neubekehrten, gar der Unnachgiebigkeit des Südländers. Er war kühn im Krieg, aber zaghaft in der Politik. Von seinem Tod zu erfahren, macht mich traurig. Ich verspüre den gleichen Schmerz, der mich überwältigte, als ich noch Student in Neapel war und vom Tode Giuseppe Mazzinis, jenes anderen grossen Italieners, erfuhr. Dabei war ich mit seinem Programm nicht einverstanden.»

Benjamin beklagte sich nicht, er bezahlte seinen persönlichen Preis und betrachtete das Gefängnis als Zwischenhalt, um sich über die eigenen Ideen klarer zu werden. Über diese Ideen diskutierten wir, versuchten einzuschätzen, wie viel Mut man bräuchte, um sie zu teilen. Was die Abschaffung jeglicher Autorität betraf und dass man sich nicht länger ungerechte Gesetze aufzwingen lassen dürfe, waren wir der gleichen Meinung wie Benjamin. Valentine aber hatte nach wie vor ihre Zweifel an diesen Überzeugungen. Eines Morgens, spottete sie, stehe ich auf, und es gibt keine Regierung mehr, mache ich dann trotzdem Frühstück? In unserer Antwort auf Benjamins letzten Brief gestanden wir ihm, dass unsere schönen Pläne, von hier aus eine andere Welt aufzubauen, nach und nach in die Ferne rückten. Mit der Panaderia universal und unserer Uhrmacherwerkstatt kamen wir gerade so über die Runden.

Jede von uns hatte ein wenig Wärme für ihr Bett gefunden, die einen, wie Jeanne, eine ernsthafte Geschichte, die anderen etwas Vorübergehendes in Erwartung der endgültigen Liebe. Valentine gab die Schuld an ihren Enttäuschungen dem patagonischen Wind. Oh, dieser patagonische Wind! Kaum stand das Fenster offen, fegte er durchs Zimmer. Wenn man das Haus verliess, musste man sich sofort vornüber krümmen. Auf dem Exerzierplatz schob er einen rückwärts. Er fuhr unter den Türritzen hindurch, glitt an den Wänden entlang, pfiff durch die Spalten der Bretterwände. Statt mittags nachzulassen, wurde er bis zum Abend immer kräftiger und blies dann die ganze Nacht. Er würde uns noch wahnsinnig machen, wenn wir nicht irgendwann diese feindselige Gegend verliessen.

Soll Auswanderung gelingen, muss die Natur ihren Teil dazu beitragen: ein bisschen Wärme für die Pflanzen, Sonne für die Tiere, blauen Himmel für die Menschen. Nicht nur immer wieder Regen und dazwischen dieser Himmel mit seinen aufgescheuchten, sich hin und her schubsenden Wolken. An einem stürmischen Tag veranstalten wir aus Anlass von Max’ zehntem Geburtstag vor dem Schwarzen Schaf ein Picknick auf dem Exerzierplatz. Wir breiten eine Decke auf der Erde aus, beschweren sie mit Steinen, damit sie nicht davonfliegt. Die Nachbarskinder sind zu Marmeladenbrot und Sirup eingeladen. Wir machen Spiele mit ihnen, aber die Böen sind so stark, dass sie die Eiben auf dem Friedhof aus dem Gleichgewicht bringen.

Uns vergeht die Lust. Da schlägt Mathilde vor, dass wir uns alle auf den Rücken legen und am Himmel zwei dicke, vom stürmischen Wind gejagte Haufenwolken beobachten. Ein Kind fragt, wer denn über die Form der Wolken bestimme. Ob das Gott sei. Mathilde zitiert Benjamins letzten Brief, der von Religion handelt: «Jegliche Macht, selbst die göttliche, ist die Negation von Freiheit.» Max stellt fest, es sei zu leicht gesagt, dass Gott nur existiert, um Autorität zu sein. Und er fragt, wohin denn seine Mutter nach ihrem Tod gegangen sei. Und wo er selbst gewesen sei, bevor er geboren wurde. Max fängt an, echte Fragen zu stellen. Wir tun uns schwer mit den Antworten. Jemand meint: Da gibt es kein Geheimnis, Wolken sind eben auf einmal da. Aber wer versetzt sie in Bewegung?, erwidert Max. Ihr sagt, der Wind, aber wer bewegt den Wind?

Wir sagen zu Max, das werde er später verstehen, die Wissenschaft werde es erklären wie die Sirupwolke im Wasserglas. Max lässt nicht locker, mit zehn Jahren hat er das Recht, Bescheid zu wissen, sonst, sagt er, habe eben Gott recht. Nein Max, du bist auf dem Holzweg, Religion erklärt gar nichts. Jedenfalls nicht die Wolken, nicht einmal die Geburt eines Kindes. Wir können ihn nicht richtig überzeugen. Liegen alle auf dem Rücken und betrachten die Himmelspopulationen. Wolkenmassen finden zueinander, hängen sich immer wieder anders aneinander. Die Sonne spiegelt sich darin, lässt sie bläulich schimmern. Sie erinnern an Meerestiere, Gespenster in weiten Hemden, zerrissene Vorhänge, Seifenblasen. Und der Schnee, der sich in den Wolken versteckt, fragt Max, ist der kein Beweis für die Existenz Gottes? Eine strahlend weisse, aufgedunsene Haufenwolke verschlingt eine zerzauste, die aussieht, als sei sie auf der Flucht. Viel weiter weg, ausser Reichweite, eine kleine reglose Federwolke. Siehst du, Max, sagt Mathilde, Schönheit bleibt unerreichbar, genau wie der liebe Gott.

An unseren ersten grauen Strähnen sahen wir, wie die Jahre vergingen. Routine machte sich breit mit ihren Höhen und Tiefen. Valentine hatte noch immer nicht den Mann ihres Lebens gefunden. Eines Tages schickte ihr eine Freundin aus Saint-Imier einen Zeitungsartikel aus dem Jura bernois, in dem es um einen Schweizer ging, der weit draussen vor der chilenischen Küste auf einer Insel lebte, auf der einst Robinson Crusoe gestrandet war: «Mittlerweile scheint er der Besitzer der Insel zu sein und hat dort sämtliche gesetzgeberischen, richterlichen und administrativen Funktionen inne. Ein glücklicher Monarch, der in Frieden über seine Untertanen herrschen kann, ohne Verfassung noch Parlament, gefeit gegen das Elend von Referenden und Interpellationen.» Weiter schrieb die Zeitung, man habe eine Zeit lang gedacht, die Insel sei infolge eines Erdbebens überflutet worden und versunken. Ein Kapitän, der Waren zu der Insel bringen sollte, hatte einen falschen Kurs eingeschlagen und verkündet, sie sei verschwunden, weil er sie nicht mehr gefunden hatte.

Als wir erfuhren, dass es die Insel von Robinson Crusoe tatsächlich gab, dass ein Schweizer dort als König oder zumindest als Unterpräfekt herrschte und Landsleute, vor allem Frauen, suchte, um die Insel aufzuwerten, setzten wir uns in der Scheune zusammen. Nicht alle von uns hatten Robinson Crusoe gelesen. Valentine liebte die Geschichte von dem jungen Mann aus gutem Hause, dem der Vater ein ehrenhaftes, massvolles Leben in Aussicht stellt. Der junge Mann aber ist lieber ungehorsam, fährt über ferne Ozeane, wo das Meer grausam ist. In einem Sturm geht Robinsons Schiff unter, der unwürdige Sohn findet sich allein auf einer Insel wieder.

Einsam wie auf der Alp, aber ohne Kühe, nicht einmal mit einem Suze als Aperitif, von aller Welt verlassen. Nach zwanzig Jahren gesellt sich ein schwarzer Kannibale zu ihm, er nennt ihn Freitag wie den Tag ohne Fleisch. Der Wilde wird Robinsons Sklave, arbeitet für ihn, lässt sich zum Christentum bekehren. Als echter Kolonist gibt Robinson nicht auf. Mit fast nichts und diesem Sklaven erfindet er die Zivilisation neu, akkumuliert. Schliesslich gabelt ein Schiff ihn auf, er wird zum Helden.

Wir wussten, dass es zwischen Roman und Wahrheit Platz gibt für viele Lügen. Wir vergewisserten uns, dass das Klima auf der Insel sich nicht nur für die Landwirtschaft eignete, sondern auch für das Leben von Frauen aus dem Jura, die gern an der frischen Luft sind. Der Verkauf der Panaderia universal und der Uhrenwerkstatt würde uns genug Geld einbringen, um ein zweites Mal auszuwandern. Und wir hatten nicht vergessen, dass Colette und Juliette in Talcahuano gestorben waren. Auf dem Weg zur Insel würden wir dort Halt machen, um an Ort und Stelle Erklärungen zu verlangen.

Es dauerte mehrere Monate, bis der Brief des Schweizers Alfredo de Rodt, der über die Insel herrschte, bei uns ankam. Er schien seriös, ermunterte uns, auf seine Insel zu kommen, schrieb, dass alle zwei, drei Monate ein Schiff zwischen Talcahuano und der Insel hin- und herfahre. Auch Benjamin hatten wir von unserem Vorhaben erzählt, worauf er uns einen langen, in einem italienischen Anarchistenblatt veröffentlichten Artikel über diese Insel schickte, die richtig Juan Fernandez hieß: «Wir haben beschlossen, auf dieser Insel ein Experiment zu wagen und den freien Anarchismus zu leben. Trotz der Macht der Kapitalisten, trotz der Unterdrückung durch die Regierung wollen wir neben der bürgerlichen Gesellschaft, die auf der uneingeschränkten Macht des Geldes basiert, eine freie Umgebung schaffen, in der die Genossen, die sich uns anschliessen wollen, so leben werden, wie sie gerne leben möchten. Mit einem Wort, wir wollen eine libertäre Kolonie gründen, wollen durch die Umsetzung unserer Ideen, soweit sie sich in einer autoritären Gesellschaft verwirklichen lassen, durch unser Beispiel beweisen, dass man das Glück des Einzelnen im freien Anarchismus suchen muss. Wir appellieren an alle Denker, uns zu helfen, dieses Experiment des Anarchismus und der Harmonie zu einem guten Ende zu bringen.»

So ein unglaublicher Zufall! Benjamin selbst äusserte sich nicht dazu. Wir schrieben an die Unterzeichner des Manifests, erklärten ihnen, wer wir waren, und berichteten von unseren unerfüllten Wünschen. Ihre Antwort kam drei Monate später und quoll über vor enthusiastischen Beteuerungen. Anfang Januar des darauffolgenden Jahres wollten sie sich auf der Insel niederlassen und schlugen uns vor, im September zu ihnen zu stossen. Ihr Brief endete mit einer Liste von zwanzig Personen, die die erste Gruppe bilden sollten: ein Voltigierer aus Mailand, ein Zimmermann aus Florenz, eine Grundschullehrerin aus Rouen, fünf Genossen aus La Chapelle Gauguain (ein Feldarbeiter, ein Steinmetz, ein Böttcher und seine zwei Schwestern, beide Wäscherinnen), ein Buchhalter aus Carrara, ein Notargehilfe, drei Personen aus den Ardennen, Leser von Lo Sperimentale, zwei ehemalige Matrosen, beide Spanier, ein Tischler und Drechsler aus Cinque Terre mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Töchtern, ein Werkmeister aus Turin.

Wir verbrachten mehr Zeit denn je mit unseren Diskussionen. Ausnahmsweise waren die Schwestern Grimm begeistert. Beide wollten Punta Arenas verlassen und auf die berühmte Insel gehen. Schliesslich die Entscheidung: Wir würden das Experiment der libertären Kolonie wagen. Nur eine von uns beschloss, in Punta Arenas zu bleiben: Jeanne, deren Mann von den Eisenbahnschienen zerquetscht worden war, hatte ihre drei Söhne gemeinsam mit dem Kommunarden großgezogen. Sie verspürte keinen Drang, erneut aufzubrechen. Wir beschlossen, unser grosses Haus am Exerzierplatz an Claire zu verkaufen, damit sie ihr Bordell vergrössern konnte. Nicht weit von dort fand sich eine Unterkunft für Jeanne mit ihren Kindern und Baier.

Ein letztes Mal setzten wir uns alle sieben ohne die Kinder zusammen, um nicht im Streit auseinanderzugehen. Jeanne warf uns vor, bei jeder Gelegenheit von der Kommune anzufangen, als sei sie ein grosses Fest gewesen, dabei habe sie im Gemetzel geendet, mit Todesurteilen, Inhaftierungen und Verbannungen. Ihr Freund, der Kommunarde, hatte sie gegen unsere Ideen aufgebracht. Er sehnte sich zurück nach Paris mit seinen Tanzlokalen. Baier verstand nicht, warum er in die Verbannung geschickt worden war, wo er doch sein Vaterland gegen den Eindringling verteidigt hatte. Der Ärmste glaubte an einen parlamentarischen Weg zum Sozialismus. Jeanne wünschte uns viel Glück, schenkte uns im Gedenken an unsere Freundschaft ihre Zwiebel, sagte, sie habe noch nie einen Mann getroffen, in dessen Armen sie so viel empfinde. Sie blieb also an Ort und Stelle.

Mathilde warf das Wort Sauerkraut in die Runde, um uns zu einer letzten Übung in kulinarischer Nostalgie zu animieren, wie man es zubereitet, mit Wacholderbeeren, Speck und Würsten. Aber es ging nicht, keine hatte Lust. Fröhlich sein ist schwer, wenn man sich trennen muss. Jede von uns packte ihren Überseekoffer, denselben, den sie schon vor zehn Jahren gefüllt hatte. Für die Kinder kauften wir bei einem Landsmann mit Kuhfell bezogene Tornister. Im letzten Moment geriet Valentine, die Berichterstatterin, ins Wanken. Claire Zaccaria hatte ihr vorgeschlagen zu bleiben und später mit ihr nach Florenz zu gehen. Eine Nacht lang wägten sie Vor- und Nachteile ab. Valentine missfiel die Vorstellung, sich mit Unbekannten zu etwas zu verpflichten, selbst auf einer romantischen Insel. Ausserdem misstraute sie der Utopie und den damit einhergehenden Theorien. Im Morgengrauen holte Mathilde sie ab und überzeugte sie: Wenn es dir auf der Insel nicht gefällt, kannst du immer noch zurück zu Claire.

Da wir Jeanne furchtbar gern hatten, flossen Tränen, als das Boot vom Landesteg ablegte. Adieu, du wunderbare Jeanne Jeanrenaud aus Québec! Jetzt waren wir nur noch sechs … Sechs Frauen, acht Zwiebeln, zwei Knaben und fünf Mädchen. Unsere Älteste, Albertine, war mittlerweile sechzehn und hatte schon einen hübschen Busen.

Einige Erklärungen, damit die Leserinnen und Leser verstehen, wer diese Zeilen geschrieben hat und warum.

© Yvonne Böhler

Daniel de Roulet

Geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Für sein Lebenswerk erhielt er 2019 den Grand Prix de Littérature der Kantone Bern und Jura (CiLi). Daniel de Roulet lebt in Genf.


Buch: «Zehn unbekümmerte Anarchistinnen», Daniel de Roulet. Aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Dartevelle, Limmat Verlag, Zürich

Alle deutschen Rechte vorbehalten © 2017 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-839-1
(Arbeits-)Titel des französischen Originals: Quelques femmes insouciantes. Dix petites anarchistes. Libella 2018. © Daniel de Roulet

Was bisher geschah:

Einen weiteren spannenden Fortsetzungsroman – mit royalen Geschichten aus der Schweiz– finden Sie hier.

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