«Zehn unbekümmerte Anarchistinnen» 3 Roman von Daniel de Roulet

Drittes Kapitel, in dem Emilie gemeinsam mit jurassischen Emigrantinnen den Ozean überquert und auf einem Schiff niederkommt, auf dem in einem Käfig zusammengepferchte Mitglieder der Pariser Kommune deportiert werden.

Valentine war nicht immer mit den anderen einverstanden. Doch ihr, der Übriggebliebenen, kommt das traurige Privileg zu, Ihnen von den Ereignissen zu berichten. Und es ist Ihr gutes Recht, ihren Ansichten und der Art, wie sie sich im Verlauf unserer Abenteuer wandeln werden, nicht immer zuzustimmen. Möge die, die nie ihre Meinung geändert hat, ihr ein neues Tintenfass schenken. Einstweilen sind wir bei der Abreise. Wir hatten uns ausgerechnet, dass wir die Meerenge im äussersten Süden Amerikas im patagonischen Sommer erreichen würden.

Acht Emigrantinnen, fest entschlossen, aber auch traurig, alles hinter sich zu lassen. Um nicht in Tränen auszubrechen, mussten wir uns einen Trost einfallen lassen. Jede von uns verabschiedete sich von der Einkerbung am Horizont, dort, wo die Schlucht der Combe Grède liegt, von der Suze und dem Laub der Weidenbäume, an dem man ihren eigenwilligen Lauf erkennt. Würden wir dieses Tal jemals wiedersehen? Nicht, dass wir so sehr an unseren Wurzeln hingen, wir wollten nur nicht eines Tages als Weltbürgerinnen unsere im Schnee verbrachte Kindheit verleugnen. Später würden wir uns beim Aperitif, der den Namen unseres Flusses trägt, gern an die Geschichte seines Erfinders erinnern, den wir schon kannten, bevor ihm die Franzosen sein Rezept klauten.

Wir kamen durch Belfort und Troyes. In Paris besichtigtenwir das, was von der Vendômesäule übrig geblieben war, die die Kommunarden abgerissen hatten. Bis Le Havre hatten wir es mit Gaunern zu tun, die unseren kleinen Trupp aus Frauen und Kindern im Visier hatten, leichte Beute für Betrüger. Bevor wir Postkutschen bestiegen oder uns in einer Herberge Zimmer nahmen, mussten wir immer dreimal nach dem Preis fragen. Da wir nicht jede Kleinigkeit aushandelten, knöpfte man uns einmal sechs Batzen für ein Glas Zuckerwasser ab.

Für jede Decke und das kleinste Kopfkissen verlangten die Herbergsleute einen Zuschlag. Am Hafen angekommen, standen wir bang vor dem unbekannten Meer. Keine von uns konnte schwimmen. Jeanne, die sich nicht mehr an ihre Überfahrt von Québec nach Europa erinnerte, machte sich die gröSSten Sorgen. Valentine hatte Bauchschmerzen, sagte den anderen, sie habe ihre Tage. Angebliche Kommissionäre wollten uns an die Geldbörse und an die Wäsche. Absichtenreiche Schiffsoffiziere versprachen uns Dinge, auf die man sich ohne reifliche Prüfung lieber nicht einlieSS. Alles war teuer, nirgends fanden wir Bohnen oder Trockenfrüchte.

Wir wollten uns gerade auf einem Dampfer der Südamerikalinie einschiffen, da erfuhren wir, dass in einem anderen Hafen ein Schiff nach Punta Arenas an der Magellanstrasse auslaufen würde. Genau dort wollten wir hin. Ohne Aufschub begaben wir uns nach Brest. Dort lernte Valentine auf einer Bank im Hafen jenen Matrosen mit den blauen Augen kennen, der ihr das Herz zerriss.A ber sie will hier nicht ihr eigenes Leben erzählen, auch wenn sie diesen Augenblick so bald nicht vergessen sollte.

Im Hafen lag La Virginie vor Anker. Kapitän Launay willigte ein, uns an Bord dieses Schiffes der französischen Kriegsmarine zu nehmen. Er deportierte verurteilte Kommunarden in die Strafkolonie nach Neukaledonien. Die vierundfünfzig Kanonen der Fregatte waren ausgeladen und das Zwischendeck zweigeteilt worden. Auf beiden Seiten Tiere als Essensvorräte für unterwegs sowie je ein vierundzwanzig Meter langer und drei Meter breiter Eisenkäfig. Zweimal vierundneunzig Verurteilte waren darin zusammengepfercht, eine geladene Kanone war auf sie gerichtet. An die beiden grossen Käfige schloss sich ein kleinerer, zehn Meter langer für die deportierten Frauen an.Die Besatzung, bestehend aus Offizieren, Matrosen und Wärtern, zählte zweihundertfünfzehn Mann. Dazu achtundfünfzig Passagiere und zweihundertachtundachtzig Gefangene, auch mutterlose Kinder die ihre Väter ins Straflager begleiteten.

Von bequemen Schlafstätten keine Spur. Wir mussten uns Strohmatratzen, Decken, Nägel kaufen, Schnüre zum Festbinden unserer Habseligkeiten, eine Axt für das Holz. Vor der Abreise kontrollierten die an Bord kommenden Zollschiffskapitäne, ob sich niemand zwischen den Passagieren versteckt hatte und ob es für die Seekranken Schüsseln gab, in die sie sich erbrechen konnten.

Es war der 5. August 1873, als wir bei strahlend blauem Himmel und ruhiger See Brest verliessen, an Bord das erste aus dem Fort von Quiberon stammende Kontingent Deportierter, alle in grauen Leinenhemden und Wollhosen, auf dem Kopf lange, braune Mützen, deren Zipfel ihnen bis zur Mitte des Rückens fielen. Zwei Schwestern des Sankt-Josephs-Ordens bewachten vierzig Frauen aus dem Gefängnis von Auberive. Kahl geschorene Köpfe, weisse Mützen, graue Wollkleider. Kaum ausgelaufen, ging die Virginie bei einer Insel vor Anker, um weitere Deportierte an Bord zu nehmen.

Erst dann ging die Reise richtig los. Da wir zu Hause kein Meer hatten, machte uns der Anblick des Wassers nicht wehmütig, sondern seekrank, oh ja, und wie! Zwar lag der Horizont endlich in weiter Ferne, aber reglos wäre er uns lieber gewesen. Unfähig zu essen, hielten wir uns die ersten Tage so lange wie möglich auf der Brücke auf und starrten auf jene Linie, an der Himmel und Wasser ihre Farben austauschen. Das dunkle Blau, Grün und Grau des Ozeans gegen die helleren Blautöne und das wechselhafte Grau der Wolken. Wir glaubten, darin Elefanten, Haarmähnen, Berge, geliebte Gesichter zu sehen.

Wenn abends der Mond aufging, warf er Ungeheuer mit geblähten Wangen aufs Wasser, die unseren Kindern Angst machten und ein bisschen auch uns. Die anderen Passagiere kamen alle aus einem Dörfchen im französischen Département Haute-Saône. Wegen eines Parasiten brachten ihre Reben keinen Ertrag mehr. Sie waren Katholiken und hatten einen Priester dabei, der sie jeden Abend niederknien hiess, um die Seekrankheit zu vertreiben. Alle unter fünfunddreissig, sympathisch, aber arglos, rechneten sie damit, in Neukaledonien gut bezahlte Stellen als Aufseher, Beamte, weisse Vorarbeiter zu finden. Ihre vielen Säuglinge tranken anfangs die Milch der Kuh vom Zwischendeck. Aber die brach sich bei einem Sturm im Golf von Biskaya die Beine, und der Maat liess sie schlachten. Keine Milch mehr.

Unsere Kinder kamen schon ohne aus, aber die Babys aus der Franche-Comté siechten dahin. Noch bevor wir afrikanisches Festland erreichten, wo Ziegen die Kuh ersetzen sollten, waren drei von ihnen tot. Der Arzt führte Buch. Unter den Deportierten, meinte er, würde einer von hundert Nouméa nicht lebend erreichen. Was die Passagiere betraf, rechnete er mit einer wesentlich unerfreulicheren Zahl.

Wir schliefen in Etagenbetten, die in zwei Reihen nah beieinander standen. Valentine träumte jede Nacht von den blauen Augen des Bretonen, wachte auf und fragte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, bei ihm zu bleiben. Unten gab es je vier Liegeplätze, oben drei. Der Kapitän gewährte nur eine Tagesration Brennholz und Wasser. Zusätzlich nutzten wir Regenwasser. Routine machte sich breit, die Angst verflog. Unsere Kinder hatten ihre Spiele, die Seeleute brachten ihnen die Namen der Vögel bei, die über uns hinwegflogen, Kormorane oder Fregattvögel. Nachts blieben wir wachsam, nicht wegen der Deportierten, die einundzwanzig Stunden am Tag in ihren Käfigen hockten, sondern weil manche Seeleute die Schlafenden oder Kranken ausplünderten.Da sie ihre Verstecke hatten, verschwand das Diebesgut auf Nimmerwiedersehen. Unsere 20A-Zwiebeln trugen wir sicherheitshalber an einer Kette um den Hals.

Alkohol war verboten. Nach den Kanarischen Inseln sahen wir, wie ein Matrose, der sich nicht daran gehalten hatte, vom einen Ende des Schiffs bis zum anderen über die Planken geschleift wurde. Er bekam zwölf Leinenhiebe, die er laut zählen musste, bevor er an den Armen an die Spitze des Grossmastes gehängt wurde. Mehrere von uns, die sich mittlerweile besser fühlten, fingen wieder an, sich zu übergeben.

Als einer der Passagiere aus der Haute-Saône sich eines Tages weigerte, die Latrinen zu leeren, die ein anderer mit seinen Exkrementen gefüllt hatte, warnte ihn ein Seemann, er werde ihm die Visage damit einreiben, falls er seiner Pflicht nicht nachkäme. Da der Mann hart blieb, schmierte der Offizier ihm eine ordentliche Ladung von dem Zeug ins Gesicht.

Als unser Schiff den Wendekreis des Krebses überquerte, beschlossen wir, lieber an den Bordfeierlichkeiten teilzunehmen, da es Widerspenstigen übel erging. Einer der Matrosen trat als Meeresgott Neptun auf, mit langem Bart und blutrot bemaltem Körper, in der Hand einen Dreizack mit einem aufgespiessten faulen Fisch. Ein anderer begleitete ihn mit einem Eimer Fett und einem grossen Pinsel, um all jene einzuschmieren, die ihre Abgaben nicht zahlten.

Wenn eine von uns wie Émilie, die bald niederkommennsollte, von Zweifeln oder, schlimmer noch, einem Anfall von Pessimismus gepackt wurde, begannen wir zu mehreren, das Leben wieder in bunten Farben zu malen, frohe Gedanken und aufmunternde, beschwingte Zukunftsträume wachzurufen. Nur Mut, sagten wir, bald hätten wir die andere Seite erreicht. Unsere Reise gleiche doch einem Sonntagsausflug auf einen Juragipfel. Ein neues Land erwarte uns. Unser Aufstieg würde belohnt werden mit einem herrlichen Panorama, dem freien Blick von den Glarner Alpen bis zum Mont-Blanc, vorbei am schwarzen Dreieck des Eiger, dem Mönchskäppchen und dem kompakten Weiss der Jungfrau. Wer aufgebe oder unterwegs trödele, habe keinen Anspruch auf dieses Schauspiel, müsse wieder runter und sich zwischen den dunklen Wänden des Tals verkriechen. Los, Mädchen, das schaffen wir schon.

Die Virginie fuhr mal unter Segeln, mal mit Dampf, nur ab und an von Tummlern begleitet. Einmal auch von einem Waljungen und seiner Mutter. Haie tauchten nur auf, wenn etwas über Bord geworfen wurde. Der erste Erwachsene, der starb, war ein fünfundzwanzigjähriger Mann, der gleich nach seiner Ankunft an Bord auf die Krankenstation gebracht worden war. Dabei hatte die medizinische Kommission ihn als tauglich eingestuft. Auf ihn folgten weitere, deren Lebensläufe der Kapitän verkündete. Launay hatte strahlend blondes Haar, rote Wangen und ein hitziges Temperament. In amtlichem Ton gab er bekannt: «Julien Artaud, geboren am 27. November 1847 in Paris, seinem Wohnsitz, ehemaliger Unteroffizier, Witwer, Vater eines hier anwesenden Kindes, arbeitete als kaufmännischer Angestellter, meldete sich 1870 freiwillig zum Kriegsdienst, wurde als Aufständischer zur Deportation verurteilt, Gott hab’ ihn selig.»

Während unseres Zwischenhalts in Gorée versorgten wir uns mit Obst und Gemüse. Wegen des vielen Ungeziefers war es schwer, die Wäsche sauber zu halten. Manche Passagiere spülten ihr Geschirr nur mehr oder weniger gründlich. Dann kam die harte Erfahrung der Äquatorhitze, über fünfunddreissig Grad. Um nicht zu ersticken, zogen wir uns sämtliche Kleider übereinander an, da es hiess, gegen Hitze müsse man sich genauso schützen wie gegen Kälte. Aber es nützte nichts. Also zogen wir alles wieder aus, tranken unsere Wasservorräte leer, krochen an Deck umher wie klebrige Nacktschnecken, beneideten die fliegenden Fische, die rings um das Schiff wieder und wieder ins Meer tauchten.

Um Meutereien in den Käfigen vorzubeugen, wurden die Deportierten in Zwanzigergruppen und unter der Aufsicht von sieben Beamten und zwei Wärtern zum Spaziergehen auf die Brücke gelassen. Abends durften sie im Batteriedeck singen. Ergriffen lauschten wir den anarchistischen Liedern, die schon am Kongress der Internationale im Tal erklungen waren.

Wir hatten nur wenig Kontakt zu diesen Unglückseligen. Während der drei Stunden, in denen sie ihre Eisenkäfige verlassen durften, machten wir ihnen verschwörerische Zeichen. Zweimal die Woche bekamen sie frisches Fleisch, mittags einen Viertelliter Wein, abends Bohnenbrühe.Wer sich über das Essen beschwerte, wurde in Eisen gelegt. In den Käfigen standen grosse Bottiche, in die die Seekranken ihre Mägen entleeren konnten. Der Unterschied zwischen der Luft, die sie oben auf der Brücke atmeten, und der im Batteriedeck war so gross, dass ihnen schon beim Gedanken daran, nach dem Spaziergang wieder in ihren Käfig zurückzumüssen, schlecht wurde. Das erfuhren wir erst später, als wir Gelegenheit bekamen, uns mit einigen von ihnen anzufreunden.

Aus den Käfigen drangen laute politische Diskussionen zu uns herüber, Auseinandersetzungen zwischen Sozialisten und Anarchisten. Abends liessen die Matrosen mit Hammerschlägen jede einzelne Eisenstange erklingen, um Fluchtversuchen vorzubeugen. Ein Häftling hatte sich auf dem Abort erhängt, dem einzigen Ort, an dem man allein sein konnte. Im Frauenkäfig zeigte uns einer der Wärter Louise Michel, die sich an der Pariser Kommune beteiligt hatte. Im Hunger leidenden Paris hatte sie eine Volksküche organisiert. Als Mitglied des Comité de vigilance vom Montmartre hatte sie mit der Waffe in der Hand auf den Barrikaden gekämpft und sich gefangen nehmen lassen, damit an ihrer Stelle ihre
Mutter freigelassen wurde. Von den Richtern hatte sie die Todesstrafe gefordert, weil sie das Schicksal ihrer Mitstreiter teilen wollte, die vor ihren Augen hingerichtet worden waren. Victor Hugo bewunderte sie, hatte ihr ein Gedicht gewidmet. Kurzum, allen gefiel sie, nur nicht Valentine, Ihrer Berichterstatterin, die sie hässlich fand, es den anderen aber nicht zu sagen wagte.

Nach einem Monat ging die Virginie bei Santa Catarina vor Anker. Der Kapitän sammelte die versiegelten Briefe der Passagiere und einiger bevorzugt behandelter Deportierter ein und übergab sie einer nach London auslaufenden englischen Fregatte. So konnten wir unseren Familien im Tal Nachrichten zukommen lassen. Trübes Wetter behinderte die Sicht auf die brasilianische Küste. Während der Verladearbeiten nutzten drei Gefangene eine kurze Unachtsamkeit der Wärter, um ins Meer zu springen. Zwei wurden von der brasilianischen Marine gefasst und dem Schiffskommandanten übergeben. Dem dritten hätten wir gewünscht, dass er es schafft, aber er ist ertrunken.

Nun kommt der Augenblick, in dem wir uns, wie im Lied, von einem der zehn kleinen Negerlein trennen müssen. Wir nannten Émilie Ketterer die modeste modiste, die bescheidene Modistin, manchmal sogar Momo. Sie war vierundzwanzig Jahre alt, hatte sich nie mit einer von uns gestritten, besass eine sanfte, aber nicht schüchterne Stimme. Wir fragten uns, warum ihr Liebhaber, Max’ Vater, der oft betrunken war, sie zu schlagen begonnen hatte. Aber die Männer brauchen nicht immer Gründe für ihre Gewalttätigkeit. Als ihre Schwangerschaft sich dem Ende näherte, bereitete sich Émilie auf eine möglichst reibungslose Geburt vor. Zwei von uns, Lison und Jeanne, die schon Kinder zur Welt gebracht hatten, sollten ihr helfen. Den Arzt mit dem Verbrechergesicht würden wir nur bei Komplikationen zu Hilfe holen. Da es für Émilie das zweite Mal war, sah sie ihrer baldigen Niederkunft vertrauensvoll entgegen. Sie hatte sich einen männlichen und einen weiblichen Vornamen überlegt, machte Atemübungen, lauerte auf die Wehen. Wir hatten mit dem ersten Offizier verhandelt, um einen Platz auf der Krankenstation und genügend heisses Wasser für sie zu bekommen.

Aber jede Geburt ist anders. An jenem Morgen hüllt dichter Nebel das Schiff bis hinauf zur Brücke ein. Wir überqueren gerade die Breitengrade des tiefen Südens, die Brüllenden Vierziger. Unser Schiff muss die Geschwindigkeit drosseln, das Nebelhorn ertönt, sein finsterer Ruf steigert die Beklemmung an Bord unseres Dampfers, das zum Geisterschiff geworden ist. Gegen Mittag reisst der Nebel auf, durchbohrt von einer vergnügten Sonne. Immer mehr spiegelt sich das leuchtende Blau des Himmels auf den besänftigten Fluten. In glückseliger Einsamkeit segeln wir dahin. Émilie liegt auf der Krankenstation, Lison und Jeanne sind bei ihr und überwachen die Wehen. Als die Abstände sich verkürzen, verzieht sie nur leicht das Gesicht. Auf dem Ofen steht warmes Wasser bereit, die Windeln sind ausgekocht.

Auf der Brücke, vor der Tür der Krankenstation, spielen die Kinder Himmel und Hölle, wir sind alle bei ihnen und warten, nur wenig angespannt, schon darauf eingestellt, unseren letzten süssen Wein zu entkorken. Durch ein kleines Fenster können wir, ohne zu stören, verfolgen, was sich drinnen abspielt. Drei Möwen umkreisen den Grossmast, als wollten sie bereits das frohe Ereignis feiern. Wir haben Wetten abgeschlossen. Die unter uns, die auf ein Mädchen tippen, sind in der Überzahl. Den Namen aber wollte Émilie noch nicht verraten.

Drei Stunden nach Mittag fangen wir an, ungeduldig zu werden. Leichte Brise, wolkenloser Himmel. Wir wundern uns, dass es so lange dauert, gestikulieren hinter der Scheibe. Émilies Gesicht ist angeschwollen, sie leidet. Lison hält ihre Hand, Jeanne beugt sich zwischen die Beine der Gebärenden. Wir öffnen die Tür einen Spalt, sie bitten uns, den Arzt zu holen. Ist es eine Steisslage? Wie verläuft die Nabelschnur? Wird das Kind sich selbst erdrosseln? Der Arzt wäscht sich erst einmal gründlich die Hände, scheint sich nicht wohl in seiner Haut zu fühlen, öffnet seinen Koffer mit den Skalpellen. Durch die Fensterscheibe verfolgen wir das Geschehen, irgendetwas scheint schiefzulaufen. Lison kommt zu uns und sagt, man müsse in erster Linie an das Überleben der Mutter denken. Wir haben verstanden und versuchen, den Kindern, die nun nicht mehr spielen, zu erklären, dass der kleine Junge, der ganz blau ist, niemals atmen wird.

Die Luft kühlt sich ab, am Horizont färbt die Sonne sich rot. Zartes Lila kommt hinzu, dunkles Gelb, immer mehr tiefes Blau und die ersten Sterne. Nacheinander gehen wir in die Krankenstation und nehmen Émilie in die Arme, die es mit der Angst zu tun bekommt. Ihr Gesicht ist plötzlich hager, ihre Blässe erschreckt uns. Sie redet wirr, die Nacht zieht sich in die Länge, erneut kommt dichter Nebel auf, noch einmal müssen wir das Geheul des Nebelhorns ertragen. Am frühen Morgen verlässt uns Émilie …

Es war nicht das erste Mal, dass sich unser Schiff einer Leiche entledigte. Drei Gefangene und sieben Passagiere waren schon auf den Meeresgrund geschickt worden. Wir kannten die Prozedur, den in ein Laken gewickelten, auf einem Brett liegenden, mit einer Bleistange beschwerten Leichnam. Der Kapitän liest den Lebenslauf des Verstorbenen vor, ein Geistlicher ruft den Himmel an, dann kippt das Brett. Da Émilie Freidenkerin war, wollten wir nicht, dass der Pfarrer aus der Haute-Saône sich einmischt. Zu mehreren verfassten wir einige Zeilen, die Mathilde vor den versammelten Passagieren verlas. Nicht etwa: Liebe Émilie, im Paradies sehen wir uns wieder, sondern nur: Du hättest es verdient, Patagonien zu sehen, in Gedanken nehmen wir dich mit.

Der Priester, den das alles nichts anging, schlug im letzten Moment noch vor, das Vaterunser zu beten, wir haben ihn angeschnauzt. Launay, der Kommandant, las Émilies Lebenslauf vor, dann gab er das Zeichen. Unter dem weissen Laken ruhten Émilie und ihr kleiner Sohn, mit einem rosenbestickten Halstuch aneinander gebunden. Das Tuch war der Ersatz für die Blumen, die wir nicht hatten. Als der Matrose das Brett über Bord kippte, hörten wir nicht gleich das Platschen. Endlose Sekunden schien es zu dauern. Wir hatten lange die Tränen zurückgehalten, nun hielten wir den Atem an. Tiefe Stille, stahlblauer Himmel, das Gefühl, verlassen zu sein, und endlich: platsch.

Émilie, ihr verschmitztes Lächeln, wenn sie sich, egal für was, entschuldigte, ihr Geschick, trotz des Zustandes unserer Vorräte knusprige Kartoffeln zu braten. Und noch etwas würde uns fehlen: ihre runden, roten Wangen wie die einer an der frischen Luft lebenden Bäuerin in der Deutschschweiz. Aber damit wollte sie nicht in Verbindung gebracht werden. Ich bin aus dem Jura, sagte sie, bescheidene Modistin von Beruf.

Sie hinterliess uns den kleinen Max und eine 20A-Zwiebel. Der kleine Kerl passte so gut auf die Uhr auf, dass wir sie ihm schliesslich schenkten. Jeden Abend vor dem Einschlafen erzählte er der Zwiebel, was er am Tag erlebt hatte, als würde sie der Mutter nachts vom Kummer des Sohnes berichten. Manchmal, wenn er sich beim Spielen über etwas aufregte, zog er die Zwiebel hervor und erklärte ihr, warum er sich ärgerte. Hatte Émilie ihm beigebracht, sich so von seiner Wut abzulenken?

Nach diesem Trauerfall, von dem wir uns nur mühsam erholten, liess Louise Michel uns ein Briefchen zukommen. Tröstende Worte, in denen nicht von Himmel oder Hölle die Rede war, sondern vom Mut, den wir fassen sollten, um nicht von unseren Plänen abzulassen. Ihr Schlusssatz lautete: Man braucht keinen Erfolg, um die Hoffnung zu wahren. Da sie zur Strafkolonie unterwegs war, sagte sie das bestimmt auch immer sich selbst. Durch einen der Wärter, dessen Vater ein Schweizer Soldat war, der für den französischen König gekämpft und eine Bretonin geheiratet hatte, liessen wir ihr eine Antwort zukommen. Wir seien aus Saint-Imier. Das interessierte sie, wie wir später erfuhren, denn sie kannte Bakunin, Élisée Reclus und Benjamin.

Als man ihr eines Tages erlaubte, einen Spaziergang an Deck zu machen, hörten wir auch endlich ihre Stimme. Sie war dreiundvierzig, hatte halblanges, zurückgekämmtes Haar über einer hohen Stirn. Sie erteilte uns keine Ratschläge, rühmte sich nicht ihrer Heldentaten während der Pariser Kommune. Ihre hellen Augen, ihr Lächeln, ihr ganzes Wesen strahlten Entschlossenheit und Güte aus. Sie erläuterte uns ihren Antimilitarismus. Was Regierungen betraf oder die Hierarchie auf der Virginie, so sagte sie: Macht verdummt die Menschen. Sie erzählte uns von zwei anderen Deportierten an Bord, Nathalie, einer mutigen Aufrührerin, und Henri Rochefort, Journalist beim Figaro, dem es später gelingen sollte, aus dem Straflager von Nouméa zu fliehen.

Louise, der Mathilde ihr Exemplar von Rousseaus Émile geliehen hatte, war der Meinung, dass sich das Schicksal der Menschen durch Erziehung verbessern liesse. Ihre Worte erinnerten an jene, die wir auf dem Kongress der Internationale gehört hatten. Unsere Kinder würden ein schöneres Leben haben als wir, sagte sie. Valentine fand, dass sie wie der Pfarrer von Saint-Imier sprach, die anderen bewunderten ihr so natürliches, so unerschütterliches Wohlwollen und diskutierten über ihre Ideen: kein Avantgardismus, Abschaffung jeglicher Macht, Demokratie sei nicht Stimmabgabe, sondern die Suche nach Konsens. Blandine schlug sogar vor, mit Louise bis nach Nouméa weiterzureisen, statt in der Magellanstrasse an Land zu gehen. Valentine verstand die Begeisterung ihrer Schwester nicht, deshalb war sie der hässlichen Frau immerhin für eines dankbar: für das Lied von den zehn kleinen Negerlein, das ein aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrter Kommunarde ihr beigebracht hatte.

Nach dem Wendekreis des Steinbocks schlugen die Wellen so hoch, dass wir einen Schiffbruch befürchteten. Die eine oder andere von uns hatte den Avancen eines Matrosen nachgegeben, um die Seekrankheit zu vergessen. Eines Morgens entdeckten wir, dass Wanten und Tauwerk von Eis überzogen waren. Kommandant Launay, der Louise Michel barfuss laufen sah, liess ihr ein Paar Schuhe zukommen. Am nächsten Tag lief sie noch immer barfuss, hatte die Schuhe einer Mitgefangenen geschenkt, die noch mehr litt als sie. Blandine konnte es sich nicht verkneifen, sie als heilige Anarchistin zu bezeichnen.Valentine fand nach wie vor, dass diese Louise nur eine gewöhnliche Sterbliche war.

Vor der Küste der Malwinen blieben die Geschützpforten geschlossen, im Batteriedeck, bei den Gefangenen, herrschten höchstens vier Grad. Wir dagegen hatten einen Ofen, um zu kochen und uns aufzuwärmen. Der Arzt meldete, dass vierundfünfzig Deportierte Symptome von Skorbut aufwiesen. Er riss ihnen die Zähne aus. Nach vier Monaten auf See näherten sich unsere sieben Emigrantinnen und deren Kinder der Meerenge. Dreieinhalb Jahrhunderte zuvor hatte Magellan dort Eingeborene mit rot bemalten Gesichtern, schwarz umrandeten Augen und einem auf jede Wange gezeichneten Herzen angetroffen. Lange nach ihm, aber ein halbes Jahrhundert vor uns, hatte Darwin, der ebenfalls dort war, seine Meinung über die Gegend in einem Buch veröffentlicht, das eine der Passagierinnen bei sich hatte. Nicht unbedingt eine beruhigende Lektüre. Einen Satz haben wir im grünen Heft festgehalten: «Hier, in dieser
tristen Einsamkeit, scheint nicht das Leben, sondern der Tod zu regieren.»

Man hatte uns davor gewarnt, was uns in Punta Arenas erwarten würde, jedoch zu spät, da wir schon an Bord waren: ein Straflager und eine Garnison der chilenischen Armee. Der Oberbootsmann vom Zwischendeck hatte uns erzählt, nach Punta Arenas würden Frauen von schlechtem Lebenswandel geschickt und dort mit den Soldaten der Garnison verheiratet. Es sei ein ärmlicher, verdreckter Ort, dessen Gouverneure häufig ermordet würden. Der vorletzte habe sich nicht gegen seinen meuternden Leutnant durchsetzen können, der Soldaten und Strafgefangene um sich geschart hatte. Fünf Wochen lang sei Punta Arenas von Bränden und Plünderungen heimgesucht worden, bevor die Meuterer zwei Schiffe gekapert hätten und abgezogen seien.

Später hätten sie sich zerstritten und ihre Vorgesetzten sowie den Leutnant einem britischen Kriegsschiff übergeben, das diese nach Chile brachte. Der Leutnant sei auf der Stelle hingerichtet worden. Der nächste Gouverneur, ein Deutscher, der mit achtzig Soldaten eingetroffen sei, habe die Garnison neu aufgebaut. Zwei Monate später, so der Oberbootsmann, sei er ermordet worden. Schöne Aussichten. Aber wir würden unsere Pläne nicht ändern. In Sandy Beach, das die Chilenen Punta Arenas nennen, verabschiedeten wir uns von den nach Nouméa weiterreisenden Passagieren. Den Deportierten, auch Louise Michel, winkten wir zu und machten ihnen Zeichen.

Dann die Formalitäten, die Salutationen des Kommandanten. Schliesslich brachte uns ein Beiboot zu einem verwitterten Kai, an dem unsere Kinder wegen der vielen Löcher und gebrochenen Planken um ein Haar ertrunken wären. Den Anfang des Dorfes bildete eine Reihe ärmlicher Holzhütten. Trotz des wolkenlosen Himmels gingen kräftige Böen. Niemand empfing uns, kein Lebewesen weit und breit außer ein paar langbeinigen, straussenähnlichen Enten. An beiden Seiten der einzigen Dorfstraße lief ein hölzerner, auf Pfählen errichteter Gehweg entlang, was auf tiefen Schlamm in der Regenzeit schliessen liess. An jedem Haus lag ein schmaler Garten, von Bretterzäunen umgeben, die ein paar Kohl- und Salatköpfe und Kartoffeln schützten. Vor wilden Tieren? Mathilde sagte, wir seien in ein Loch gefallen. Valentine fühlte sich verloren, am Ende der Welt.

Einige Erklärungen, damit die Leserinnen und Leser verstehen, wer diese Zeilen geschrieben hat und warum.

© Yvonne Böhler

Daniel de Roulet

Geboren 1944, war Architekt und arbeitete als Informatiker in Genf. Seit 1997 Schriftsteller. Autor zahlreicher Romane, für die er in Frankreich mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet wurde. Für sein Lebenswerk erhielt er 2019 den Grand Prix de Littérature der Kantone Bern und Jura (CiLi). Daniel de Roulet lebt in Genf.


Buch: «Zehn unbekümmerte Anarchistinnen», Daniel de Roulet. Aus dem Französischen von Maria Hoffmann-Dartevelle. Limmat Verlag, Zürich

Alle deutschen Rechte vorbehalten © 2017 by Limmat Verlag, ZürichISBN 978-3-85791-839-1
(Arbeits-)Titel des französischen Originals: Quelques femmes insouciantes. Dix petites anarchistes. Libella 2018. © Daniel de Roulet

Was bisher geschah:

Einen spannenden historischen Fortsetzungsroman über Blaublüter in der Schweiz finden Sie hier.

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