«Wahrheit» (4)

Die Küche blieb eine gute Weile leer. An diesem Nachmittag hatte die Sciora im Städtchen unten etwas zu besorgen. Als sie die Treppe zur Garage hinunterstieg, sah sie mit Verwunderung, dass ein Wagen so vor die Eingangstüre hingestellt war, dass sie mit dem ihren niemals daneben herausfahren konnte.

Sie hielt auf dem kleinen Absatz in der Mitte der Treppe an und überlegte, was das zu bedeuten habe, als sie auch schon das Gefährt des Arztes erkannte. Das ist wegen Lazzaro. Nach dem, was heute Morgen geschehen ist, wird es wohl Zeit, ihn zu holen. Damit Lazzaro nicht argwöhnisch wird, lässt der Arzt den Wagen hier stehen, so wird es sein, stellte die Sciora die Umstände zusammen. Sie musste nun wohl den Arzt suchen gehen, denn es gelang ihr nicht, den Wagen wegzufahren, er war abgeschlossen. 

Unschlüssig sah sie die Strasse hinauf gegen den Dorfplatz zu. Auf dieser Strasse kam ein Mann langsam gegangen, er spielte mit Kastanien, die er von einer Hand in die andere warf. Unter dem Arm eingeklemmt trug er ein Scheit Holz. Es war Lazzaro. 

Niemand war sonst zu sehen. Der Sciora wurde ein wenig bange. Sollte sie in ihr Haus zurückkehren? Sie konnte sich nicht entscheiden. Wie sie wartend auf der Treppe stand, fiel ihr ein: Sie hatte einst Radfahren gelernt, und so leer und so breit die Strasse gewesen war, tauchte jemand in der Ferne auf, lief das Rad auf diese Person zu, wie verhext. Und schon hörte sie sich fragen: «Wo ist denn eigentlich unser Herr Doktor?»

Ausgerechnet das!, schalt sie sich und sah erschrocken zu Lazzaro hinunter. Dieser lachte ein wenig auf und sagte spöttisch: «Klatschen Sie in die Hände, oder besser, pfeifen Sie, ja pfeifen Sie nur, augenblicklich ist er da», und zog mit grosser Armbewegung den Hut. Ihre ungewollte Frage, diese seltsame Antwort und sein Gebaren verwirrten die Sciora. 

Sie stieg verlegen die Treppe vollends hinunter und ging grüssend an ihm vorbei bis auf den Dorfplatz, der leer in der Sonne lag. Er kam ihr ganz sonderbar vor. So leer war er sonst nur nachts … wenn sie spät noch Briefe in den Kasten brachte. Dann war der Platz … nur Platz. Aber jetzt war heller Tag und doch schien der Platz leerer Platz und sonst nichts, als wäre er endlich zu sich gekommen und vermöchte sein Geheimnis zu verraten, das ebendieses war: ein Platz zu sein, auch am Tag, nicht bloss nachts, wenn die Sterne scheinen. 

Es war beängstigend, wie die Nähe einer wichtigen Wahrheit. Jetzt bin auch ich närrisch geworden, überlegte die Sciora, und hörte sich gleichzeitig ein Gedicht hersagen, das sie als Kind in der Schule gelernt hatte und das so begann: «Der Löw ist los, der Löw ist frei.» Was für ein Unsinn, klagte sie, doch sie plapperte weiter: «Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken, verderblich … jedoch … schrecklichste der Schrecken … Mensch in seinem Wahn.»

Die Weigerung des Sindaco

Jetzt ist’s aber genug, befahl sie sich. Sie stand mitten auf dem Platz. An allen Fenstern zeigten sich ängstliche Gesichter. Leute machten ihr Zeichen, sie möge in ein Haus flüchten, es sei verwegen, so allein auf dem Platz stehenzubleiben, sie solle doch bedenken: Lazzaro! Einige griffen sich an die Stirn, um so an seine Verrücktheit zu erinnern. Als sie sich nicht bewegte, gingen die Fenster auf. 

Man rief ihr zu, man suche den Verrückten zu fangen, aber er sei durchgebrannt. Nun müsse man warten, bis er wiederkomme. Der Doktor sei im Postbureau versteckt, um ihn zu fassen. Sie solle schnell in irgendein Haus gehen, bevor es zu spät sei, er könne in jedem Augenblick auftauchen, und dann wehe dem, den er treffe, wehe! Die lächerliche Anordnung – stand sie nicht wie ein Clown im Zirkus? – brachte die Sciora aus dem verworrenen Zustand, in welchen sie geraten war, wieder zu sich selbst. 

Sie rief zu den Fenstern hinauf, das Theater sei überflüssig, sie habe den Mann eben getroffen, er wisse, dass der Arzt hier sei, er rede ganz vernünftig. Daraufhin öffneten sich auch die tiefer gelegenen Fenster der Läden und der Post, und die Sciora sah in der Dunkelheit des Postbureaus das blasse Gesicht des Arztes, der sich dort verborgen hatte. 

Der Sindaco stand auf seinem Balkon und rief der Sciora zu, sie habe ganz recht, Lazzaro sei nicht verrückt, die Leute seien es mehr als er, der Doktor mit. Er weigere sich, dass man seinen Verwandten mit Gewalt fortschleppe, er verbiete es. Der Arzt, der auf den Platz herausgekommen war, um die Sciora zu begrüssen und seine Lage zu erklären, antwortete ihm: «Es könnte Sie reuen, Sindaco, aber wie Sie wollen. Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren. Jetzt fahre ich nach Hause. Ihr könnt mich rufen, wenn ihr mich braucht.»

So schritt er neben der Sciora zur Garage hinunter und erzählte ihr, dass nach der Szene, die der Kranke dem Pfarrer heute früh gemacht habe, er weggebracht werden müsse. Doch der Sindaco sträube sich dagegen, vor allem wegen der Ehre: Einen Verwandten im Irrenhaus zu haben, gilt als Schande. Und dann wegen der Kosten. Wer müsste für Lazzaro bezahlen? Er, der Sindaco. So wolle er durchaus nicht, dass der Mann versorgt werde, und wenn es auch ein Unglück geben sollte.

Damit waren sie bei dem Wagen angekommen. Nicht weit davon stand Lazzaro auf einem Grashügelchen und spielte mit seinen Kastanien. Er grüsste artig und wünschte gute Fahrt. Die Sciora hatte durch die verspätete Abfahrt Zeit verloren und kam erst beim Einnachten wieder nach Hause. Sie fuhr den Wagen in die Garage und trat vor das Häuschen hinaus, froh, wieder in ihrem stillen Dorf angekommen zu sein. Da hörte sie von ferne Lärm. Er kam vom Dorfplatz. Jemand schrie. Frauen kreischten. 

Sie ging den Stimmen nach. Vor der Post erkannte sie in der Dunkelheit wieder den Wagen des Arztes. Volk stand herum. Die 194 Fenster waren erleuchtet. Über die Balkone herunter beugten sich Leute, der Blumenstöcke nicht achtend, die dort blühten. Hoch oben auf seinem Balkon stand der Sindaco und gab mit hoher Stimme Anordnungen. Niemand hörte ihm zu. Aus einer Haustüre, gleich neben der Post, drang grosses Geschrei. Mehrere dunkle Gestalten drückten sich durch den Flur und zerrten mit aller Kraft an einem ungefügen Ballen, der viel zu dick schien, um durch den schmalen Gang befördert zu werden. 

Die Sciora sah, als sie näher kam, dass der Ballen Lazzaro war, den sie mit Stricken umwickelt hatten. Er schrie zum Bersten. Drei Burschen, Herr Martino voran, zogen an ihm, hinten schoben andere nach, darunter mit teilnehmend kummervollem Gesicht Palmiro. Endlich quoll der Ballen zur Türe heraus, wurde von den Burschen aufgehoben und zum Wagen des Doktors getragen, der den Mann wegführen wollte. Es war schwierig, den Gebundenen, der über erstaunliche Kräfte verfügte, durch die kleine, unbequeme Türe des Wagens in das Innere zu heben. 

Es ging nicht. Hatte man ihn mit dem Kopf drinnen, schlug er mit den Beinen um sich wie ein Pferd, dass niemand ihm nahe kommen wollte, um seine untere Partie hineinzustossen. Schob man die Beine voran in den Wagen, so biss er, den Kopf zuunterst, die Männer in die Waden. Palmiro jammerte laut, man verstand nicht, ob er Lazzaro beklage oder die Leute, die jetzt den Armen auf die Pflastersteine legten, um zu verschnaufen. 

Er setzte sich neben den Gefesselten auf den Boden und sprach ihm zu, es sei nicht so schlimm, wo man ihn hinbringen wolle, er, Palmiro, kenne den Ort … nicht so schlimm … und dann gehe es ja vorbei und er könne wieder nach Hause kommen. Er nahm sich das Unglück des Lazzaro sehr zu Herzen, fast als ob es sein eigenes wäre. Unterdessen war es dem Arzt gelungen, dem Liegenden eine Einspritzung zu geben. Nach einiger Zeit wurde er ruhiger, und bald konnte der grosse Mann fast schlafend in den Wagen gelegt und fortgebracht werden. 

Zurück auf dem Balkon

Gott sei Dank, rief der Sindaco den Abfahrenden nach und schlug die Hände zusammen. Dann schloss er seine Balkontüre, aber die ganze Nacht soll das Licht in seiner Wohnung gebrannt haben, denn niemand von den Seinen konnte schlafen. – Das Gefühl der Sicherheit kehrte nicht sogleich zurück. Herr Martino liess es sich nicht nehmen, die Sciora bis zu ihrem Hause zu begleiten. Er brannte darauf, ihr zu erzählen, was sich während ihrer Abwesenheit zugetragen hatte. 

Lazzaro sei gegen Abend wieder ins Dorf gekommen, schnurstracks auf das Haus seines Schwagers, des Sindaco, losgegangen und habe die Scheiben der Türe mit seinem Scheit zertrümmert. «Trotzdem die Türe offen stand», betonte Herr Martino, «der Sindaco hatte sich doch gerühmt, ihn werde Lazzaro nicht belästigen, und er spottete über die andern im Dorf, die ihre Türe verriegelt hatten, das schlechte Gewissen zwacke sie.»

Er sei die Treppe hinaufgetrampelt bis in die Wohnung. Unten, wo die Neugierigen sich verborgen hatten, habe man schreien hören, reden und fluchen, lachen vom Lazzaro und bitten vom Sindaco, bis die Frau die Treppe hinunter habe entwischen können, dem Arzt zu telefonieren, er müsse kommen, es eile. «In zehn Minuten war unser Doktor da. Jetzt aber wollte niemand ihm helfen, den Wilden zu fangen. Sie verstehen, Sciora, sie fürchteten, bei ihrem Anblick könnte sich Lazzaro gewisser Dinge erinnern … sie blieben versteckt oder liefen nach Hause. 

Nur Palmiro und ich», Herr Martino sagte es mit verschämtem Stolz, «und ein paar junge Kerle haben es gewagt, beim Sindaco einzudringen. Er hatte sich, der Hasenfuss, mit seinen Kindern in der Stube verschanzt und zeterte, man müsse den Schwager sofort ins Irrenhaus bringen. Jetzt war er also auch dafür. Vorher hatte er nichts davon hören wollen. Er hatte behauptet, es lohne sich nicht, Lazzaro tue niemandem Böses an. Was er mir, was er dem Herrn Pfarrer angetan, das zählte nicht. Aber jetzt, wo es bei ihm ans Lebendige ging», Herr Martino war voller Empörung, Spott und Hohn, «jetzt lohnte es sich.» 

Die Sciora meinte obenhin, was Lazzaro wohl gegen einen so ehrenwerten Mann wie den Sindaco habe vorbringen können, dass dieser lieber das Irrenhaus für ihn bezahlen als seine Reden weiter anhören wolle. Herr Martino verstand. Vertraulich liess er sich gehen. «Was er ihm sagte? Wir wissen es nicht genau, es spielte sich alles oben in der Küche ab, doch aus den Worten, die man hörte, ist zu vermuten, dass er ihm unter die Nase rieb …»

 Nun folgte eine lange Liste von Vorfällen, die man im Geheimen dem Sindaco übelnahm, weil er sich, nach der Meinung der Leute, weniger für das Wohl der Gemeinde als für sein eigenes eingesetzt hatte. «Das alles kann es aber nicht sein», fand Herr Martino schliesslich, «das würde nicht genügen, um ihn so in Angst zu versetzen, denn – unter uns gesagt, Sciora – über diese Dinge wissen wir alle gut Bescheid, deswegen braucht der Sindaco keinen ins Irrenhaus zu sperren, wenn er sie ausplaudert. 

Es muss etwas anderes sein, ganz Ungeheuerliches, was er ihm vorhielt, so Sündhaftes, dass es wirklich nicht auszuhalten ist, wenn einer davon spricht … Vielleicht, wenn wir noch gezaudert hätten mit der Fesselung des Lazzaro? … So brutal hätte man auch nicht vorgehen müssen und so sehr eilte es nicht … Was meinen Sie, Sciora, vielleicht würden wir es erfahren haben, was er weiss?» Er sann nach. «Ein Jahr kann es gehen, hat der Doktor gesagt, bis er heimkommt. Solange müssen wir nun eben warten und Geduld haben.» 

Und ein Jahr ist es ungefähr gegangen, bis Lazzaro wieder im Dorf erschien. Er kam mit der Post, wie damals, als er aus Amerika zurückkehrte. Wiederum stieg ein ganz veränderter Lazzaro vor den neugierig Wartenden aus. Er war mager geworden, seine Kleider, die früher die Fülle seines Körpers kaum hatten fassen können, schlotterten um ihn herum. Was hatte er ausstehen müssen, der Arme! Nachdem ihn alle begrüsst hatten, stieg er in seine Wohnung hinauf und trat auf den Balkon. Er suchte seinen Stuhl. Da stand er, und Lazzaro setzte sich hinein. Seither sitzt er auf dem Balkon, mit fast geschlossenen Augen und schweigt … und schweigt … 


«Tessiner Geschichten»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.


Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0

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