«Wahrheit» (3)

Man musste lange warten. Endlich schlich die kleine Frau verstört hinter dem Haus hervor. Sie sah entstellt aus vom Weinen, und bei jedem Geräusch fuhr sie zusammen.

Der Doktor fragte sie, ob sie in der letzten Zeit etwas an ihrem Manne bemerkt hätte, was anders gewesen sei als sonst. Sie sah ihn hilflos an und verneinte. «Ein wenig anders», ermunterte der Arzt, «vielleicht lauter, oder …?» Sie neigte ihren Kopf und berichtete stockend, er habe vielleicht, ja vielleicht, etwas mehr getrunken – der Herr Doktor wisse ja – und dann habe er allerdings begonnen, über die Leute im Dorf schlimme Dinge zu reden … doch sie habe nicht hingehört, um nicht dem Bösen zu verfallen … 

«Aber vielleicht dürfen wir doch wissen?», sondierte der Arzt weiter. «Er hat es gegen den Palmiro wegen dem Trinken … und gegen Martino wegen dem Geld … und gegen die Marta wegen … und dann gegen den Herrn Pfarrer …» Aber was er gegen den Herrn Pfarrer habe, ging unter in einem lauten Weinen, in das die Arme nun ausbrach und das sie hin und her schüttelte. Ihre Nase floss und ihr kleines Mäusegesicht war eine einzige Grimasse. 

Der Arzt versuchte sie zu beruhigen, man werde den Mann wohl eine Zeitlang versorgen müssen, dann könne sie sich wieder erholen. Das Weinen ging aber hier in schreiendes Gejammer über: «Nein, nein, nur das nicht, nicht versorgen, mein Bruder, der Sindaco, wills nicht, er will nichts davon hören. Wir haben oft darüber beraten, er tut es nicht, er wird böse auf mich, lieber will ich weiter aushalten und mich schlagen lassen …»

«Schlägt denn der Mann?», fiel der Arzt ein. Es war zu spät zum Leugnen, und nun fand die gute Lucinda endlich den Mut zu berichten, was der Mensch ihr alles angetan hatte, nicht erst seit gestern, nein, schon seit Jahren … Der Arzt überlegte. Ohne die Einwilligung des Sindaco konnte man nichts unternehmen, das war ihm klar. Zuerst hatte er sich also mit ihm zu verständigen. 

Wo er sei? Zu Berg gegangen, wusste die kleine Frau. Da war für heute nichts zu wollen. Vor allem müsse verhütet werden, dass Lazzaro merke, was man mit ihm im Sinne habe, und darum wäre es unklug, sich ihm heute schon zu zeigen. Er werde morgen wiederkommen, als ob er einen Krankenbesuch zu machen hätte, mit dem Sindaco sprechen, und wenn er diesen umgestimmt habe, sich durch List ins Haus des Lazzaro einschleichen …

Nicht nur Lazzaro ist närrisch

«Herr Martino, der während dieses Gespräches Mühe gehabt hatte, seine Erregung zu meistern, brach hier los: «Noch eine Nacht sollen wir warten und zusehen, ob er uns nicht umbringt? Das ist unmöglich, Doktor, das kann man von uns nicht verlangen. Er gehört nicht mehr unter Christenmenschen, Sie müssen ihn gleich mitnehmen.» 

Der Arzt wehrte ab, so gefährlich sei es nicht, man solle eben zu Hause bleiben bis morgen, vielleicht beruhige sich der Mann wieder, man könne nicht wissen. Kurzum, es müsse bis morgen zugewartet werden. Herr Martino knallte vor Ärger mit seiner Hand durch die Luft, als ob sie eine Peitsche wäre, doch der Arzt erhob sich und nahm Abschied. Lucinda weinte noch in ihre Schürze hinein und Herr Martino wetterte eine Zeitlang, das Menschenleben sei scheint’s nichts mehr wert, und so alt müsse man also werden, um solches zu erleben. Dann verzogen sie sich zusammen auf den Geissenweg. 

Die Sciora sah ihnen kopfschüttelnd nach und dachte, sie seien alle etwas närrisch, nicht nur Lazzaro. Müde von der Geschichte, begoss sie ihren Garten und vergass über dem friedlichen Geschäft die Aufregung um den aufgestandenen Lazzaro. 

Am späten Abend hörte sie laut reden und lachen. Es klang von der Strasse herauf. Zwei Männer sprachen zusammen. Sie neigte sich über die hohe Mauer, um zu sehen, wer den Mut habe, spazieren zu gehen. Es war der Sindaco mit seinem Freund. Sie rief hinunter, ob der Verrückte wieder gesund geworden sei. Der Sindaco blieb breitbeinig stehen und lüftete den Hut. «Natürlich», sagte er laut, dass man es bis auf den Dorfplatz hören musste, «er war nur ein wenig angeheitert. Wir wissen ja alle, dass er gerne ein Glas zu viel nimmt, meine gute Schwester will es nicht wahrhaben, aber unter Männern darf man es sagen, er war angeheitert und wusste nicht mehr recht, was er tat. Das kann vorkommen. Jetzt schläft er sich aus und morgen ist alles gut …» 

Die Sciora wollte sich zurückziehen, doch der Sindaco fuhr lauter fort: «Diese Angsthasen, haben Sie gesehen? Keiner hat sich über den Dorfplatz getraut. Ich war den ganzen Tag auf der Alp, aber meine Frau hat es mir erzählt. Und wissen Sie, Sciora, warum?», er lachte aus vollem Halse, dass es hallte, «sie fürchteten nicht so sehr, er könnte ihnen etwas antun, sie fürchteten, eine Wahrheit über sich zu hören.» 

Er dämpfte seine Stimme, hielt aber seine Hand wie einen Trichter vor den Mund, damit die Sciora ihn verstehe. «Denn, unter uns gesagt, was er Martino vorwarf, ist nicht so unwahr. Hat er nicht sein ganzes, mühsam verdientes Geld – wie sollen wir sagen, wie soll man das nennen? – in seinem Geschäft verlocht? Hat Lazzaro etwas davon gesehen? Oder meine Schwester? Die paar Franken, die ankamen, das ist doch zum Lachen. Um es deutlich zu sagen: Begaunert hat er ihn, und es ist kein Wunder, dass mein Schwager sich darüber erbost. Lange genug hat er Geduld gehabt, deswegen braucht einer noch nicht verrückt zu sein, oder?»

Er wieherte auf. Er freute sich sehr, dass Dinge, über die er sich schon oft aufgehalten hatte, über welche aber nicht zu sprechen war, nun vor aller Augen offen dalagen und in aller Mund herumgingen. Es war ihm eine Erleichterung. Einer hatte für ihn das gesagt und getan, was er immer schon hatte sagen und tun wollen. «Lazzaro ist ein braver Mensch», fügte er anerkennend bei, «er ist wohl etwas weit gegangen, aber eigentlich hat er nur das getan, was er schon längst hätte tun sollen. Jeder rechte Mann steht auf seiner Seite.» Er grüsste hinauf und führte seinen Spaziergang in der Dunkelheit fort. Umso besser, dachte die Sciora. 

Am nächsten Morgen erschien die Marta wieder zu spät und so durcheinander, dass die Sciora ohne weiteres annahm, mit Lazzaro sei es nicht besser geworden. Was war geschehen? «Das kann man nicht sagen», stammelte die Marta, «nein, das ist zu viel. Der Himmel wird uns strafen, dass solches bei uns geschieht.  «Sie eilte sogleich in die Küche. 

Die Sciora folgte ihr neugierig: «Ist der Posthaltermann wieder vom Balkon gestiegen?»« Wenn es nur das wäre, grosser Gott», jammerte die Marta, «nicht wahr, gegen Herrn Martino rasen, gegen Palmiro oder gegen mich, arme Frau, das kann man noch begreifen … aber nun! Sciora, es wird ein Unglück geben … denn das geht nicht mehr an.»

Vorwürfe gegen den Pfarrer

Sie wisperte: «Er hat es gegen unsern Herrn Pfarrer. Heute Morgen ist er mit seinem Scheit Holz vor das Pfarrhaus gezogen. Er schlug gewaltig gegen die Pfarrhaustüre und schrie … denken Sie, er duzt den Herrn Pfarrer, er gibt ihm seinen Geschlechtsnamen …» Nun kicherte Marta in ihre Schürze hinein, die sie sich aus Scham vor das Gesicht gezogen hatte, «Mondori, ruft er ihn an, stellen Sie sich vor, er sagt ihm Mondori, du … sogar du altes … sagt er ihm.»

Marta war rot geworden und versteckte ihr ganzes Gesicht in der Schürze, aber die Sciora hatte den Eindruck, es sei, um das ungebührliche Lachen zu verheimlichen, das sie befallen hatte. «Was wirft er denn dem Herrn Pfarrer vor?», fragte die Sciora dazwischen, um der Marta Zeit zu geben, sich zu fassen. «Er ruft immerzu …» Maria kam nicht recht weiter, sie kämpfte gegen ihr Lachen, das sie gleichzeitig so beschämte, dass Tränen in ihren Augen standen. «Mondori, hat er gebrüllt, du verstehst es mit den Frauen … hast nicht genug, musst noch meine Frau … Jetzt überlegen Sie sich einmal, Sciora, geht das an? … Das geht nicht 190 an.»

«Was hat der Herr Pfarrer getan», fragte die Sciora, über das Gesagte hinweggehend. Marta berichtete gerne weiter: «Zuerst verhielt er sich ruhig. Dann ist er auf den Platz herausgekommen. Oh, er ist mutig, nicht wie Herr Martino. Er hat Lazzaro im Namen Gottes gebeten, von seinen wüsten Reden zu lassen. Aber Lazzaro spottete frech weiter. Ich habe nicht alles hören können, er war nahe an den Herrn Pfarrer herangegangen und flüsterte auf ihn ein, doch muss es abscheulich gewesen sein, was er ihm sagte, der Herr Pfarrer schlug einmal über das andere das Kreuz und wandte sich dann gegen seine Türe. 

Lazzaro schrie ihm noch zu, bevor die Türe sich schloss, er werde ihn das nächste Mal, wenn er ihn bei seiner Frau treffe … Hier schlug Martas Rede in ein klares Weinen um. Sie hielt sich mit der Hand am Küchentisch fest, wankte hin und her und schnäuzte sich ausgiebig in die Schürze. «Warum weinst du denn?», wollte die Sciora sie trösten, «was geht dich das alles an?» Aber Marta blieb dabei, es sei schlimm, für alle schlimm, denn der Herrgott sei im Herrn Pfarrer beleidigt worden und das könne nicht gut ausgehen. Die Sciora stellte fest, es könne höchstens für den armen Mann nicht gut ausgehen, denn nun glaube sie auch, er sei verrückt geworden, der Lazzaro. Doch Marta warf mit flinker Zunge ein: «Das ist es ja, Sciora … wissen Sie … aber nein, Sie wissen eben das alles nicht so gut wie wir … aber die Frau vom Lazzaro ist wirklich mehr drunten in der Kirche, als nötig ist … ich möchte mich nicht versündigen, wir wissen aber alle …»

Ohne ein weiteres Wort abzuschneiden, rannte Marta mit einem Korb, den sie im Vorbeigehen erwischt hatte, in den Kellerhals hinunter und murmelte etwas von Zwiebeln holen. Die Sciora fand auch, es sei genug, sie wollte nichts mehr hören und ging rasch davon. 


«Tessiner Geschichten»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.


Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0

Beitrag vom 19.09.2021

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