«Wahlen»

Als der arme Sindaco gestorben, aber noch nicht begraben war, fragte sich jeder im Dorf, wer nun an seiner Stelle Leiter der Dorfangelegenheiten werden solle. Es war eine grosse Frage. Kein anderer war da, der so, wie der Verstorbene, von allen gleich geschätzt und geachtet gewesen wäre, ja, von dem auch seine politischen Gegner nichts Böses zu sagen wussten. 

Alle waren geehrt gewesen, einen Mann, der die Welt gesehen, der sich ein Vermögen  erworben hatte und der doch so einfach und gerecht geblieben war, an ihrer Spitze zu wissen. Wer sollte, wer konnte ihm nachfolgen? Man beschloss, die Frage noch nicht zu stellen. Zuerst musste er würdig begraben werden, dann hatte eine Zeit der Trauer zu verstreichen, bis dahin war man mitten im Emden, bald kam schon die Kartoffelernte. Zudem waren in diesem Sommer besonders viele Männer als Arbeiter in die grosse Stadt gezogen. Sie würden erst um Weihnachten, wie üblich, ins Tal zurückkehren. 

Vor Weihnachten war also nicht daran zu denken, einen neuen 118  Sindaco zu wählen. Unterdessen blieb man ja auch nicht müssig.  Die Männer in der Stadt, denen der Tod des Sindaco gemeldet worden war, begannen sogleich, wie zur Probe, diesen oder jenen  vorzuschlagen. Es war aber jedem klar: Einfach würde die Wahl nicht werden. Im Dorf gibt es drei Parteien, eine rechts, eine links und eine in der Mitte, wie es sich gehört. Doch gehen die meisten Männer nicht einig mit ihrer Partei. Das Leben wäre zu einfach. Es hat anregend und interessant zu sein. Und wo bliebe da der Wert der einzelnen Persönlichkeit, wenn es möglich wäre, dass zehn Leute dasselbe denken und wollen? 

So sind die drei Parteien in viele kleine Gruppen zerspalten, die sich untereinander bekriegen  oder auch beistehen. Ein loses Maul hat einmal gesagt, im Dorf sei jeder Mann seine eigene Partei. So schlimm ist es nicht, aber es war vorauszusehen, dass die Wahl eines neuen Sindaco Schwierigkeiten ohne Ende bereiten werde. Und so kam es auch. 

In dieser Winterzeit waren alle Männer nach Hause gekommen. Es waren schöne Burschen darunter, in der Stadt eben erst Männer geworden. Sie trugen eine wilde Haartolle auf der Stirn, unter der schief aufgesetzten Mütze hervor. Sie steckten die Hände tief in die Taschen. Einige trugen Lackschuhe und glänzend bunte Krawatten. Den jungen Mädchen gefielen sie sehr und sogar die alte Teresa ging einmal mehr durchs Dorf. Sie schimpfte zwar nachher: Haben Sie gesehen, Sciora, wie sie aussehen? Wie die Maskeraten … Es ist nichts mehr mit  der Jugend, nur herumlungern können sie …   

Wirklich standen die Männer und die Burschen vom Morgen an, den ganzen Tag, solange die Sonne schien, auf der Strasse im Schnee und redeten. Sie taten nichts mehr als reden, alte und junge, sie redeten weiter in der Wirtschaft, in welche sie sich mit Sonnenuntergang verzogen, denn sie besprachen die Wahl des 119 Sindaco. Die Sciora hörte die Männer bis spät in der Wirtschaft der Agnese lärmen, als ob sie das verbotene Morraspiel spielen  würden. Gegen zehn Uhr wurde es den Jüngeren zu viel, sie verliessen das Lokal und zogen singend und grölend durchs Dorf, um die Häuser herum, in welchen junge Mädchen wohnten. 

In ihren Liedern geschahen die furchtbarsten Dinge, Verführungen, Gewalttaten, Betrug, Tod aus verschmähter Liebe, kurz alles, wovon die Jungen träumen, weil sie nie darüber zu reden wagen. Denn es ist nicht ungefährlich, mit den jungen Mädchen zu scherzen. Leicht konnte es da heissen, jetzt müsse geheiratet werden, und davor hatten die Jungen Angst. Die älteren Männer aber sassen noch eine Stunde oder zwei in der Wirtschaft. Man hörte sie laut auf der Strasse weiterreden, wenn sie endlich nach Hause gingen. Es hallte in der kalten Nacht. 

So wurde, nach diesem Hin-und-Her-Besprechen, nach gegenseitigen Beschimpfungen, nach geheimen Abmachungen und öffentlichen Versprechen, von den verschiedenen Gruppen eine stattliche Liste von Kandidaten aufgestellt. Niemand konnte voraussehen, wer daraus als Sieger hervorgehen würde. Es wurde aber bestimmt, dass vor den Wahlen, da es schon im letzten Winter abgemacht worden war, ein Schützenfest abgehalten würde. Es sollte ein Wettschiessen werden zwischen den Männern des Dorfes und denjenigen des Nachbardorfes.

Das letzte Mal hatte dieses Wettschiessen im andern Dorf stattgefunden und die Männer des andern Dorfes hatten die ersten Preise gewonnen.  Die Niederlage liess den Hiesigen keine Ruhe. Die schönsten Preise, die goldenen Lorbeerkränze und die Ehrenreden waren an ihnen vorbeigegangen. Nun wollten sie das Glück in einem eigenen Schützenfest versuchen. Sie luden die Männer des Nachbardorfes ein, sie luden auch den Scior ein, mitzuschiessen.

Die Vorbereitungen zum Fest liessen die Wahlen fast vergessen. Auf einer kleinen Weide oberhalb des Dorfes wurden die Scheiben und die Stände und Buden aufgebaut. Die Preise waren im Schulhaus in einem Schulzimmer ausgestellt. Jedermann konnte sie dort bewundern. Sie waren kostbar und schön. Die Sonne schien warm, als die Männer vom Nachbardorf am vorgeschriebenen Tag ankamen. Sie musterten die Hiesigen mit ihren hellen Augen und mancher Witz flog und stach. 

Die Besseren aus dem Nachbarsdorf

Drei Tage lang wurde geschossen. Der Scior war auch dabei. Den ganzen Tag stand er droben mit den Männern, und auch er fand, dass es auf der Welt nichts so Wichtiges gebe wie dieses Schiessen. Es wurde gut geschossen. Die meisten Männer waren leidenschaftliche Gämsjäger, und dass ein solcher ein scharfes Auge und kühles Blut haben muss, weiss jeder. So wurde geschossen, gut geschossen. Die Sciora hörte die Schüsse knallen und in den Bergen widerhallen. Sie fand, es könnte bald genug sein.

Am zweiten Abend machten die Männer des Dorfes lange Gesichter. Da hatte dieser Amadeo aus dem Nachbardorf wieder so gut geschossen, dass es ihm wohl keiner nachmachen würde. Und auch der andere, der Wilderer Antonio. Dazu waren sie grossartig geworden, die vom Nachbardorf, und sassen nun zusammen bei teurerem Wein in der Wirtschaft der Agnese und füllten die ganze Stube aus. Es blieb den Männern vom Dorf nichts übrig, als an diesem Abend, um sich nicht hänseln zu lassen, in die andere, kleinere Wirtschaft zu gehen, von der man aber kaum sprechen konnte. Sie war von einer alten bösen Hexe geführt und es gereichte niemandem zur Ehre, dort zu verkehren. Auch war der Wein dort sauer.  

Nun brach der dritte Tag an, strahlender als die früheren. Am Morgen früh schon nahm der Scior sein Gewehr und stieg auf die Weide, auf welcher der Schnee ganz zertreten war von den vielen Schuhen. Das Schiessen ging los, heftig und verbissen. Aber je mehr die Männer vom Dorf sich anfeuerten und anstrengten, desto sicherer schossen die anderen. Es fiel ihnen aus dem Handgelenk. So kam es, dass am Abend, als die Punkte zusammengezählt waren, herauskam: Wiederum hatten jene Gämsjäger mit den hellen Augen gewonnen. Nun hiess es aber, sich nichts merken lassen, wie sehr es verdross, dass auch heute wieder die schönsten Preise nebst der Ehre dem Amadeo und dem Antonio zufallen sollten. 

Die Preisverteilung müsse also mit allem Pomp vor sich gehen. Man versicherte sich des Lehrers, der die Punkte und Namen verlesen sollte, während der Küster Maurilio die Preise zu überbringen hätte. Es war Nacht auf dem Dorfplatz. Die Dorflaterne leuchtete. Ein Tisch war mitten auf dem Platz vor dem Municipio aufgestellt worden, und darauf stand der Lehrer, ein langes Blatt Papier in der Hand, darauf geschrieben Namen und Punkte der Schützen. 

Rings um ihn in einem weiten Kranz standen lose die Männer aus diesem und jenem Dorf, ohne Mäntel in der scharfen Kälte, die Hände in die Hosen vergraben und eine Brissago im Mund. Oben war das Schulzimmer, in welchem die Preise zur Besichtigung ausgestellt waren, hell erleuchtet. An das offene Fenster lehnte eine lange Leiter, die Feuerwehrleiter. Auf dieser stand auf halber Höhe Maurilio und wartete. Stille. 

Nun begann der Lehrer. Er ging über die fatale Sache, dass die anderen Sieger geblieben waren, leicht hinweg und betonte dafür die Tüchtigkeit all der braven Schützen, die grosse Freundschaft, die die beiden Dörfer verbinde, und schloss mit einem Hoch auf die Dörfer, das Tal und das gemeinsame Vaterland. Es wurde Bravo gerufen, dann gab es ein Gemurmel, und der Lehrer hob das lange Papier in die Höhe, damit das Licht der Laterne darauf falle, und sagte den ersten Namen: Amadeo, und die Punkte. Grosses Bravorufen setzte ein, umso grösser, als man geärgert war. Erst nach und nach verstummte der Lärm. 

Amadeo schmunzelte und schaute erwartungsvoll auf den Lehrer. Dieser fuhr weiter. Er zählte auf, was der Mann sich erschossen habe:  einen Lorbeerkranz, einen silbernen Ehrenbecher. Nochmals brauste der Beifall über den Dorfplatz. Nun kam der grosse Moment. Amadeo ging an den Tisch, auf dem der Lehrer stand, und dieser legte ihm einen goldenen Lorbeerkranz um den Filzhut. 

Unterdessen war Maurilio auf der Leiter emporgeklommen und durch das helle Fenster im Schulzimmer verschwunden. Aller Augen waren dorthin gerichtet. Jetzt erschien Maurilio wieder, stieg umständlich aus dem Fenster auf die oberste Sprosse der Leiter, kehrte sich um und das ganze Volk sah: Er trug den Ehrenbecher aus Silber. Feierlich stieg er, rücklings gegen die Leiter gelehnt, herunter, den Becher wie den Abendmahlskelch vor sich, und überreichte ihn drunten angekommen dem Lehrer. 

Mit  einer grossen Armbewegung gab ihn dieser an Amadeo weiter, der ihn mit lautem Dank in Empfang nahm und zurücktrat. Mitten im Applaus nannte der Lehrer den zweiten Schützen: Es war Antonio, der Wilderer. Die Sciora erinnerte sich an den Mann, als sie ihn jetzt vortreten sah. Sie war einst an einem ländlichen Festessen neben den Jäger zu sitzen gekommen. Er hatte ihr von seinen Gämsjagden erzählt, wie sie früher ganz anders gewesen seien als heute. Da habe man eine Gams nicht laufen lassen und wenn man fünf Tage hinter ihr herklettern musste, über Stock und Stein und bis weit ins Italienische hinein. Auch wenn das Essen ausgegangen sei, keiner wäre zurückgekehrt ohne das Tier. Und was das noch für Gämsen gewesen seien! Jetzt sei alles ausgeraubt. Dabei blinzelte er mit dem einen Auge: Am Ausrauben war er selbst wohl am meisten beteiligt. 

Die Sciora hatte ihm dann erzählt, dass sie oft, wenn sie nachts mit ihrem Wagen nach Hause fahre, Füchse auf dem Weg antreffe. Die Tiere seien so geblendet von den Scheinwerfern des Wagens, dass sie bockstill auf der Strasse stehen bleiben, oder, wie gehetzt, im Lichtkegel vor dem Wagen herjagen, ohne den Sprung in die Dunkelheit zu wagen, bis endlich eine Wegbiegung ihnen zu Hilfe käme. 

Antonio hatte glänzende Augen bekommen. Er neigte sich zu der Sciora und sagte ihr leise: Könnten wir nicht einmal in einer Nacht zusammen durchs Tal auf und ab fahren, ich würde dann das Gewehr mitnehmen. Dass er auf die verstoberten Füchse schiessen wollte, wunderte die Sciora nicht, doch schien ihr damals, Antonio habe es vielleicht noch auf etwas anderes abgesehen gehabt. Darüber musste sie jetzt in sich hineinlachen, wie sie ihn sah, den Hut ganz schief auf dem Kopf, den Schnurrbart nadelscharf ausgezogen, verwegen um sich schauend; sie dachte, es wäre vielleicht nicht ganz ungefährlich, mit Antonio nach Füchsen in der Nacht herumzufahren. 

Auch er bekam einen Kranz, einen silbernen Eichenkranz und eine reich verzierte versilberte Obstplatte, die wiederum von Maurilio ernst und feierlich über die Leiter heruntergetragen  wurde. Nun nannte der Lehrer einen vom Dorf. Es war der beste Schütze, und er war am gekränktesten, dass nicht er Sieger geworden war. Aus Takt, und um ihn zu schonen, war das Bravorufen nicht grösser, als es für Amadeo gewesen war. Man weiss, was sich schickt. Und Pietro wusste es zu schätzen. Er ging rasch auf den Lehrer zu, der ihm zuerst die Hand gab, dann den Kranz, einen  grünen Eichenkranz aus lackiertem Baumwollstoff, um den Hut legte und den von oben herabgeschwebten Preis, einen grossen kupfernen Wasserkessel, überreichte. Maurilio wäre damit fast von der Leiter gestürzt. 

Ein Fest mit Folgen

Jetzt ging es schnell vorwärts. Einer der Nächsten war der Scior. Er stand neben der tiefvermummten Sciora im Schnee und tanzte von einem Fuss auf den andern. Auf dem Kopf trug er eine russische Pelzmütze, bis tief über die Ohren gezogen. Nun kam er an die Reihe. Sein Name wurde genannt. Es trat eine Stille ein. Jedermann spürte, es geschähe etwas Ausserordentliches. Noch nie war ein Fremder wie ein Eigener behandelt worden. Doch der  Scior hatte so gut geschossen, er hatte so sehr geholfen, das Resultat  des Dorfes zu verbessern, jetzt konnte er unmöglich anders behandelt werden als die andern. 

Er bekam einen Kranz, auch einen jener grünen Eichenkränze aus Stoff und Draht. Der Lehrer legte ihn dem Scior über die Pelzmütze, was befremdlich aussah, und die Sciora lächelte, obschon sie ein wenig gerührt war. Dann brachte Maurilio den Preis. Es zeigte sich, dass es mehrere kleine Geschenke waren. Zuerst eine kupferne Pfanne, um Polenta zu kochen. Amadeo neben der Sciora seufzte, wenn doch nur er die Pfanne gewonnen hätte statt des Bechers. Aber die Ehre, sagte leise die Sciora. Ja, meinte ebenso leise der Mann, aber mit der Ehre kann meine Frau nicht Polenta kochen, und sie wünschte sich so sehr eine Pfanne. Was soll sie mit der Ehre? Er hob den Becher und schüttelte den Kopf. Das zweite Geschenk war eine Suppenkelle aus Aluminium und das dritte ein emaillierter Nachttopf. 

Darüber setzte trotz des verhaltenen Ärgers über die Niederlage Feststimmung ein. Eine lange Reihe von Namen wurde noch heruntergelesen, Maurilio stieg hinauf und hinunter, bis der letzte Preis verteilt war. Dann fanden sich alle Männer im Wirtshaus der Agnese ein, um sich zu wärmen. Die kleine Kammer neben der Wirtsstube war aufgemacht worden. Beide Stuben waren voll. Es muss dort hoch hergegangen sein. Die Sciori erfuhren nur, dass der niedergedrückte Zorn sich dann doch Luft gemacht habe. 

Die Männer des Nachbardorfes hätten zu prahlen begonnen, nicht nur damit, dass sie bessere Schützen seien, aber sie rühmten sich ihrer geordneten Gemeindezustände, ihres Sindacos. Während in den Köpfen der Hiesigen die doppelte Wut aufstieg, um das verlorene Schützenfest und um den ungewählten Sindaco, war schon eine Balgerei im Gange. Es wurde geschrien und gebrüllt, dann dreingeschlagen. 

Die Männer aus dem Nachbardorf verliessen mit ihren Preisen das Lokal. Doch den Männern vom Dorf war es nicht genug. Nun waren sie im Zug. Jetzt war der Moment, um die Sache um den Sindaco auszufechten. Bevor jemand mahnen konnte, war Krieg ausgebrochen. Es muss vieles in Brüche gegangen sein, denn der Streit dauerte heftig bis gegen Morgen. Genaues darüber war aber am Tag darauf nicht zu erfahren. Über das Vorgefallene wurde geschwiegen. Jedoch beschlossen die Männer, lieber noch ein Jahr ohne Sindaco zu bleiben, da eine Einigung nicht vorauszusehen war. So blieb das Dorf noch ohne Haupt. 

Eine Wahl mit Hindernissen

Der Segretario besorgte die paar notwendigen Geschäfte und im Übrigen ging das Leben  weiter. Erst im folgenden Winter kam eine Wahl zustande. Es war wieder Weihnachten und die Männer alle im Tal. Sie waren ernst, von Schützenfesten sprach niemand. Auch das Wetter war feucht und trüb. Die Sciori waren deshalb in der Stadt geblieben. Sie erfuhren erst später, dass ein Sindaco gewählt worden war. Wie das geschehen war, darüber berichtete Herr Martino im folgenden Sommer. 

Die Abgeordneten der Parteien seien im Gemeindehaus zusammengekommen, um eine neue Kandidatenliste aufzustellen. Es habe sofort ein gewaltiges Geschrei gegeben, sie hätten sich gegenseitig beleidigt und einander alle grösseren und kleineren  Verfehlungen, auch die für geheim angenommenen und sogar  wirklich geheimen, unter die Nase gehalten. Ein Skandal ohnegleichen habe sich über das Dorf verbreitet. Dinge, die vor fünfzig  Jahren geschehen seien in der Familie eines Kandidaten, seien wieder aufgetischt worden, verschönert und verziert. 

So habe der alte Plinio von der hinteren Weide seinem Nachbarn vorgeworfen, seine Frau habe als Mädchen eine Fehlgeburt gehabt, jedermann wisse das, es sei im Heustock gewesen. Worauf der Nachbar zurückschrie, er solle doch einmal seine Kinder genau  ansehen, wem sie ähnlich sehen, ihm selbst oder dem Oscar. Solche Reden seien geführt worden. Herr Martino war davon noch ergriffen und wischte sich den Schweiss von der Stirn. 

Die Vertreter jener Partei,  die den alten Plinio zum Sindaco haben wollten, seien nach  dieser Beleidigung aufgestanden, wie ein Mann, und hinausgegangen. Nie mehr würden sie das Gemeindehaus betreten. Darauf hätten die Vertreter einer anderen Gruppe den Rückzug angetreten. Der Lärm unter den Zurückgebliebenen sei immer ärger geworden, die Frauen hätten erschrocken auf dem Platz gestanden und welchen seien aus Angst die Tränen gekommen. Sciora, es war sehr schlimm, meinte ernst Herr Martino. Und so sind zum Schluss diejenigen Sieger geblieben, die am längsten schreien konnten und die gröbsten Beleidigungen wussten … 

Und jetzt müssen wir die Suppe ausessen. Warum? Seid ihr denn nicht zufrieden mit dem neuen Führer?, fragte die Sciora. Herr Martino machte eine verächtliche  Bewegung mit dem Kinn. Die Sciora hatte schon gehört, dass Enttäuschung herrsche über den neuen Sindaco, nicht nur bei seinen Gegnern, sondern auch bei seinen Anhängern. Kaum war er am Ruder gewesen, hatte er eine Reihe von Arbeiten zum Wohle der Gemeinde vorgeschlagen und gewusst, den Vorschlag durchzusetzen. So sollte eine Kanalisation gebaut werden. 

Verstehen Sie, Sciora, eine Kanalisation, um die Abwasser aus dem Dorf hinauszuschaffen. Aber haben wir das bis jetzt nötig gehabt?, ereiferte sich Herr Martino, genügen unsere Gruben nicht mehr?  Und warum will der Sindaco plötzlich eine Kanalisation im Dorfe  haben? Doch nur, weil sein Sohn Unternehmer ist und die Arbeit übernimmt. Ich habe den Kostenvoranschlag gesehen, der der Regierung eingeschickt wurde, damit sie helfe. Darüber will ich lieber schweigen! 

Wirklich wurde einen Sommer lang viel gegraben in der Dorfstrasse. Steine wurden gehauen und ein schönes kleines Flussbett gebaut mit Zement und Sand. Dann wurde alles wieder zugedeckt. Wasser, welcher Art sie auch seien, sind nie da durchgelaufen und werden es wohl nie tun. Später sollte das Trinkwasser in alle Häuser geleitet werden. Eine schöne Sache, das Wasser im Hause zu haben. Bis jetzt hatten nur die Sciori Wasser im Hause. Es wurden Unterschriften gesammelt, es wurde ein Kostenvoranschlag gemacht, die Kantonsregierung wurde um Unterstützung angegangen und dann wurde es nach und nach wahr: Man würde hoch in den Bergen eine Wasserstube bauen, um das Quellwasser zu sammeln. Durch Röhren würde dieses dann ins Dorf und in die Häuser geleitet. Eine schöne Sache.

Zwei Sommer lang wurde gebaut. Ein Verwandter des Sindaco hatte den Bau übernommen, Arbeiter wurden eingestellt. Die Männer im Dorf, die keine Arbeit in der Stadt gefunden hatten  – die Zeiten wurden schwer –, waren froh über die Beschäftigung und den Verdienst. Die meisten darunter gehörten zu der Familie des Sindaco, jedenfalls zu seinen Anhängern. Andere wurden nicht eingestellt. Im Dorf ärgerte man sich darüber, doch tröstete man sich damit, Wasser in die Häuser zu bekommen. Im zweiten Herbst war die Leitung fertig. 

Ein schöner Brunnen oben im Dorf und ein schöner Brunnen unten im Dorf sollten für die Allgemeinheit  und für das Vieh Wasser in Menge spenden. Wo aber blieben die Wasserleitungen in die Häuser? Der Sindaco erklärte, diese Arbeiten seien im Kostenvoranschlag nicht inbegriffen gewesen. Wer Wasser in seinem Hause haben wolle, müsse für das Legen der Leitungen extra bezahlen. Da niemand zahlen konnte oder wollte, blieben die Häuser ohne Wasser und wie vorher stehen  die Frauen am Brunnen mit ihren Kesseln und waschen im Bach. Es wurden noch manche Neuerungen vom Sindaco eingeführt. Jetzt ist er auf Reisen gegangen, man weiss nicht recht, wohin. Das Dorf ist wieder ohne Sindaco, und das Leben geht weiter.


«Tessiner Geschichten»

Portrait der Schriftstellerin Aline Valangin

© Limmat Verlag

Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.

Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.


Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
ISBN 978-3-85791-849-0

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